Drei Buchstaben reichen: AiC! (2018)

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Autor: Rok Klemše
Fotos: Nina Grad

Ort: Arena Open Air / Wien / Österreich
Konzertdatum: 30.06.2018

Jeder, der regelmäßig Konzerte besucht, hat eine Liste von Künstlern, die er einfach mal live gesehen haben muss. Für mich persönlich – und ich glaube, für viele andere auch – gehört der Seattler Gigant Alice in Chains dazu. Wir wissen es: Nach dem Tod von Sänger Layne Staley im Jahr 2002 hat sich die Band wieder aufgerappelt, trat 2006 erneut live auf und veröffentlichte drei Jahre später das hochgelobte Comeback-Album Black Gives Way to Blue. Klar, Staley ist eine Ikone, die sich einfach nicht ersetzen lässt – aber man kann an einer Hand abzählen, welche Bands nach so einem schweren Schlag so stark zurückgekommen sind wie Alice in Chains. Layne ist leider nicht mehr da, aber das sind Alice in Chains Mk. II, und die haben verdammt viel zu bieten. Vor fünf Jahren haben sie das auch mit The Devil Put Dinosaurs Here bewiesen, das sie in Europa aber kaum live gespielt haben – deshalb musste man auf ein Wiedersehen mit Alice in Chains bis dieses Jahr warten. Das Warten hat sich gelohnt, denn die Amerikaner sorgten an einem sonnigen Samstag in Wien für eines der schönsten Konzerterlebnisse überhaupt.  

Die große Ehre, das österreichische Publikum vor dem Auftritt der Seattler Giganten aufzuwärmen, fiel Mother’s Cake zu. Das Tiroler Trio ist dem slowenischen Publikum kein völlig unbekanntes Gesicht – vor zwei Jahren trat es im Mostovna als Vorband der amerikanischen Doom-Veteranen Pentagram auf. Damals haben sie unerwartet aufhorchen lassen, diesmal etwas weniger, denn man wusste bereits, was man von ihnen zu erwarten hat. Trotzdem haben die Jungs wieder bewiesen, dass sie mit ihrer kraftvollen Mischung aus Funk, Hard Rock und Progressive Rock zu den besseren Bands unserer nördlichen Nachbarn gehören. Ihr Potenzial haben sie auch auf der großen Open-Air-Bühne der Wiener Arena unter Beweis gestellt. Laut und heavy haben sie ein gut halbstündiges Set abgefeuert, in dem donnerndes Bass-Slapping, effektvolles Gitarren-Getrickse und kanonartige Drums nicht fehlten – letztere grenzten stellenweise schon fast an Blast Beats. Musikalisch klingen Mother’s Cake irgendwo am nächsten an den Red Hot Chilli Peppers, aber deutlich »heavy«er; gebremst werden sie lediglich durch den wenig überzeugenden und im Vergleich zum Instrumentalbild schwachen Gesang von Yves Krismer. Das ändert nichts daran, dass Mother’s Cake weit mehr als nur ein solides Warm-up waren – und positiv anzurechnen ist ihnen auch, dass sie sich vor dem riesigen Headliner-Namen keinen Deut einschüchtern ließen und ihren Job souverän und selbstbewusst erledigten. 

Nach gut einer halben Stunde war die Bühne für die großen Stars des Abends bereit, und einer nach dem anderen marschierten Jerry Cantrell, William DuVall, Mike Inez und Sean Kinney auf – ohne großes Brimborium. Beim Griff zu den Instrumenten explodierte die Menge – irgendwo zwischen drei- und viertausend Köpfen –, und die amphitheaterartige Anlage des Geländes verstärkte den Lautstärkepegel noch zusätzlich. Vom Brüllen der Menge stellten sich die Nackenhaare auf, und beim ersten Song Bleed the Freak war der ganze Körper voller Gänsehaut – das war schon für sich ein kleiner Höhepunkt. Der Geist des Aufbegehrens durchzieht dieses Cantrell-Stück, das im Sinne der Einheit auch das wogende Publikum für zwei Stunden einte – und die Menge fraß der Band von der ersten Sekunde an aus der Hand. Völlig zu Recht: Die Show auf der Bühne war erstklassig, ohne auch nur einen einzigen Fehler, und trotzdem mit Herzblut und Überzeugung gespielt, die – daran zweifle ich nicht – jeden Einzelnen unter dem Open-Air-Dach der Wiener Arena berührt hat. Als zweiten Song boten AiC einen der zwei gespielten Tracks vom »Come-Back«-Album Black Gives Way to Blue: Check My Brain, mit einem ansteckenden Refrain, den Cantrell und DuVall gemeinsam anstimmen und dabei eine einzigartige, reiche Vokalharmonie aufbauen, bei der auch dem Taubsten klar ist, dass sie nur und ausschließlich Alice in Chains gehören kann. DuVall hat seine Rolle mit Bravour ausgefüllt, natürlich mit der tatkräftigen Unterstützung des ebenfalls vokal starken Cantrell, der gleichzeitig für einige der wiedererkennbarsten und einzigartigsten Riffs in der gesamten Geschichte der Rockmusik sorgt. Das haben die Jungs mit den Klassikern Again, Them Bones und Dam That River bewiesen, aber auch mit dem nach Sludge klingenden Hollow, wo besonders der tiefe und zerstörerische Sound von Mikes dicken Basslinien zur Geltung kommt, die bei AiC trotz ihrer relativen Schlichtheit eine immens wichtige Rolle spielen. Beim unvergesslichen Anthem der verlorenen Generation, Down in a Hole, das Cantrell eigentlich für seine Freundin geschrieben hat, gingen zum ersten Mal die Feuerzeuge an, und die außergewöhnliche Performance ließ die Gänsehaut wieder hochkriechen – nach gut einem Drittel des Konzerts war die Stimme bereits völlig heiser. Genauso wie beim Klassiker No Excuses, beim schwermütigen Stone von The Devil Put Dinosaurs Here und beim großartigen We Die Young.  

Der emotional stärkste Moment des Konzerts war zweifellos die wunderschöne akustische Ballade Nutshell von der exzellenten EP Jar of Flies, die Jerry üblicherweise den verstorbenen Mitgliedern Layne Staley und Mike Starr widmet – diesmal bekam sie aber eine ganz besondere Ladung, denn er widmete sie auch dem Andenken an den kurz zuvor und viel zu früh verstorbenen Pantera-Drummer Vinnie Paul, der sein guter Freund war. Jerrys überragende Gitarrenlinien gruben sich diesmal noch tiefer ein, und die Botschaft »If I can’t be my own/I’d feel better dead« ebenfalls. Die Band war sichtlich bester Laune und zufrieden mit dem überwältigenden Echo des Publikums, das jeden Ton von der Bühne mit großen Augen und offenem Mund aufgesogen hat. In ähnlichem Geist folgte das wunderschöne, bluesige Heaven Beside You, und die Vorbereitung des Effekts an Jerrys Mikrofon konnte nur eines bedeuten – den ewigen Staley-Klassiker Man in the Box, bei dem vor allem der großartige DuVall glänzte, was gleichzeitig leider auch schon das Ende des regulären Konzertteils bedeutete. Beim unglaublich lauten Publikum, dessen Forderungen nach einer Rückkehr der Band durch einen beachtlichen Teil Wiens schallten, kehrte das Quartett rasch auf die Bühne zurück und präsentierte den einzigen Track vom kommenden Album Rainier Fog, das im August erscheint. The One You Know hat den echten Alice in Chains-Groove, mit einem schwerfälligen Hauptriff und Doppelgesang an der Front. Das Publikum explodierte beim epischen Would? und zum allerletzten beim hymnischen Rooster, das von Jerrys Vater handelt, dessen Spitzname während des Vietnamkriegs Rooster war. Das Publikum belohnte Alice in Chains für die unvergessliche Stunde und Dreiviertel, die wie im Flug vergingen, mit minutenlangem Applaus, und die Jungs bekamen aus den ersten Reihen sogar jeder seinen eigenen Blumenstrauß. Alice in Chains haben einen wunderbaren und unvergesslichen Abend hingelegt und eines der schönsten Konzerterlebnisse überhaupt geliefert, das geradezu danach rief, von Wien aus statt nach links Richtung Ljubljana nach rechts Richtung Budapest abzubiegen, wo sie einen Tag später spielten. Wenn ich schon mit Listen angefangen habe, soll ich auch mit einer aufhören: Das Alice in Chains-Konzert gehört definitiv zur absoluten Spitze der Konzerte, die ich je gesehen habe, und wird noch lange, lange in den Ohren nachhallen.

Setliste

ALICE IN CHAINS:
1. Bleed the Freak
2. Check My Brain
3. Again
4. Them Bones
5. Dam That River
6. Hollow
7. Last of My Kind
8. Down in a Hole
9. No Excuses
10. Stone
11. We Die Young
12. Nutshell
13. Man in the Box
14. Heaven Beside You
15. It Ain’t Like That
— Zugabe —
16. The One You Know
17. Got Me Wrong
18. Would?
19. Rooster

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