Der achtköpfige Progrock-Angriff von King Crimson in Wien (2018)
Autor: Peter Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
Ort: Wien / Wiener Stadthalle, Halle F / Österreich
Konzertdatum: 23.06.2018
Besucherzahl: 2.000
Kartenpreis: 95,00€ vordere Reihen)
Die wichtigste Band in der Geschichte des Progressive Rock, King Crimson, die in diesem Jahr am 30. November ihr fünfzigjähriges Bestehen feiert, besuchte in ihrer achtköpfigen Besetzung mitten auf der ‚Uncertain Times‘-Tour die Wiener Stadthalle. Die kürzlich wiederauferstandenen englischen Progrock-Pioniere unter der ewigen Führung des exzentrischen Gitarren-Genies Robert Fripp erleben eine neue Blütezeit: Nach der Rückkehr von Schlagzeuger Bill Rieflin agieren sie als Oktett – Rieflins Ersatz Jeremy Stacey verblieb als dritter Drummer neben Pat Mastelotto und Gavin Harrison in der Band – und meldeten sich in Wien gleich für zwei aufeinanderfolgende Konzerttermine. Rieflin, der eigentlich Multiinstrumentalist ist, hat zur allgemeinen Überraschung inzwischen auf die Keyboards ‚umgesattelt‘, wo ihm gelegentlich auch Stacey am Zusatz-Synthesizer sowie Fripp am Mellotron Gesellschaft leisten.
Bei der Ankunft in der Halle bot sich uns beim Blick auf die Bühne wieder das bereits vertraute Bild von früheren King Crimson-Konzerten: In der linken und rechten Ecke der Konzertbühne standen Warnschilder mit dem Hinweis, was während des Konzerts verboten ist. Darauf folgte Fripps Bitte in seinem typischen Oxford-Englisch, dass jegliches Fotografieren und Filmen des Konzerts auf das Strengste verboten sei – und zwar bis zum Ende des Auftritts seiner Band, wenn Bass-Maestro Tony Levin eine Kamera zückt und beginnt, das Publikum zu fotografieren. Solche exzentrischen Gesten sind wir vom ewigen King Crimson-Oberhaupt längst gewohnt, doch stellte sich im Laufe des Abends heraus, dass seine jahrelange sarkastische Haltung gegenüber dem Publikum, das in stattlicher Zahl erschienen war – wenngleich das Konzert im Gegensatz zu etwa italienischen Konzertstätten nicht vollständig ausverkauft war –, noch ein paar neue Dimensionen gewonnen hatte.
‚Die Scharlachroten Könige‘ eröffneten das Konzert mit dem dreifachen Schlagzeug-Angriff des Traumtrios Mastelotto/Harrison/Stacey, der kürzlich von »The Hell Hounds of Krim« in »Drumsons of Wonder« umbenannt worden war. Fans aller drei Schlagzeug-Größen hatten wieder einiges zu bestaunen, und ihre Kunststücke beflügelten noch lange nach dem Konzertende die Fantasie der meisten Besucher. Nach dem Ende der dreifachen Schlagzeug-Kanonade folgte der Übergang in den »In the Wake of Poseidon« (1970)-Jazzrock-Brecher »Pictures of a City«, in dem besonders der Saxofon-Zauberer Mel Collins brillierte – neben Fripp der einzige Vertreter der ‚alten Garde‘, die Anfang der Siebziger Progrock-Geschichte schrieb –, sowie der herausragende Sänger und Gitarrist Jakko Jakszyk, der für die aktuelle Version von King Crimson geradezu der ideale Sänger ist, da er von der Klangfarbe seiner Stimme an beide verstorbenen Sänger-Legenden erinnert, nämlich Greg Lake und John Wetton.
Das stark rearrangierte, chaotische Gebräu »Neurotica«, dem Gesangsstil von Jakszyk angepasst, vom Album »Beat« (1982), war die erste Überraschung des Abends. Für die Darbietung ihrer Achtziger-Werke setzte Fripps Crew auf einige Rearrangement-Kniffe und Improvisationstricks, da Jakkos Gesang sich erheblich von seinem Vorgänger Adrian Belew unterscheidet. Die nächste Überraschung war die Darbietung des Balladenklassikers »Moonchild« vom legendären Debütalbum »In the Court of the Crimson King« (1969). Erwartungsgemäß spielten sie nur den schönen, balladesken Teil mit dem Titel »The Dream«, während sie die lange Improvisationssektion durch eine kürzere rhythmische Improvisation zwischen Levin und Stacey ersetzten. Levin wechselte zwischen den einzelnen Darbietungen meisterhaft zwischen Bassgitarre, Chapman Stick und elektrischem Kontrabass, während das dreiköpfige Schlagzeug-Koloss mehrfach mitreißende Solo-Momente hatte, wie etwa beide Teile von »Radical Action«.
»The Court of the Crimson King«, neben »21st Century Schizoid Man« eine der beiden zentralen King Crimson-Klassiker, wurde, etwas überraschend, bereits im frühen Teil des Auftritts gespielt und enthielt zahlreiche farbenfrohe, zusätzliche Flöten-Einlagen von Collins. Nach der Rückkehr mit der Zeitmaschine in die späten Sechziger bzw. frühen Siebziger wechselte das Oktett wieder in die Gegenwart und begeisterte mit der Darbietung zweier neuer Stücke, »Suitable Grounds for the Blues« und »Meltdown«, die bislang nur in Konzertform existieren, da die Aussichten auf ein neues King Crimson-Studioalbum derzeit recht mager sind. Zum Abschluss des ersten Teils ihres Konzerts brachten die ‚Scharlachroten Könige‘ den ‚Stahl zum Glühen‘ mit mächtigen Versionen der apokalyptischen Instrumentals »Level Five«, das auf der Setliste kürzlich in »Larks‘ Tongues in Aspic – Part V« umbenannt wurde, und »Larks‘ Tongues in Aspic – Part IV«, während die schönste Überraschung die außerordentlich emotionale Darbietung des ätherischen Klassikers »Islands« vom gleichnamigen Album war. Dieses bereicherten sie durch zusätzliche Arrangements und erweiterten es, sodass sie sogar eine bessere Version als die Studioaufnahme von 1971 schufen – wobei sicherlich auch hilft, dass Jakszyk ein besserer Vokalist ist als der verstorbene Boz Burrell.
Nach donnernden Ovationen des Publikums folgte eine fünfzehnminütige Pause, geprägt vom ständigen Ticken und Schlagen eines Uhrenpendels, was mit dem wütenden, mehrfachen Klingeln eines Alarms endete, mit dem das Publikum gewarnt wurde, dass es höchste Zeit sei, die Plätze wieder einzunehmen – oder den Rest des Konzerts zu verpassen. Fripps Sarkasmus und Unberechenbarkeit kennen wirklich keine Grenzen. King Crimson eröffneten den zweiten Teil des Auftritts mit einem neuen dreifachen Schlagzeug-Angriff mit dem Titel »Devil Dogs of Tessellation Row« bzw. »Drumsons of Joy«, wie der neue Titel dieser dreifachen Schlagzeug-Apokalypse lautet, die vor allem durch die unglaubliche Eingespielheit, Koordination und Präzision aller drei Schlagzeug-Meister beeindruckte, sodass es unmöglich ist, unter ihnen einen ‚Gewinner‘ zu küren. Denn jeder der drei Schlagzeuger steuerte mit seiner spezifischen Technik seinen Teil zur triumphalen Kombination bei.
Nach den Schlagzeug-Kunststücken folgte die Rückkehr mit der Zeitmaschine zurück an den Anfang der Siebziger und eine bravouröse Darbietung der »Lizard« (1970)-Klassik »Cirkus«. Damit war die Beschwörung der besten Momente des oft übersehenen Albums »Lizard« noch nicht vorbei, das heutzutage zu den größten Meisterwerken des Progressive Rock zählt – denn King Crimson führten diesmal, im Gegensatz zur vorherigen Tour, auf der sie nur die Sektion »Dawn Song« spielten, mehr als die Hälfte der epischen Suite »Lizard« auf, die diesmal auch die Sektionen »The Peacock’s Tale« und »The Battle of Glass Tears« enthielt. Besonders viel zu tun hatte dabei Stacey an den Keyboards, auf denen er ein Orchester simulierte, während ihm vor allem mit Mellotron-Arrangements Rieflin und gelegentlich auch Fripp halfen. Mit der Eröffnungssektion »Prince Rupert Awakes« kämpfen sie verständlicherweise noch immer, da sie 1970 vom ehemaligen Yes-Sänger Jon Anderson eingesungen wurde, der eine völlig andere Stimmfarbe als Jakszyk hat. Vielleicht wird er ja in Zukunft bei einem besonderen Konzertanlass als Ehrengast auftreten können.
Es folgte eine weitere große Überraschung in Form einer glänzenden Darbietung der unvergesslichen »In the Wake of Poseidon«-Ballade »Cadence and Cascade«, die Jakko mit außerordentlichem Feuer sang, während die sinfonischen Arrangements noch zusätzlich durch Collins‘ Künste an der Flöte bereichert wurden. Dann folgte ein Zeitsprung in die Achtziger mit der Darbietung von zwei miteinander verbundenen Stücken, »Discipline« und »Indiscipline«, vom Album »Discipline« (1981), wo uns vor allem Levin mit seinem eklektischen Einsatz des Chapman Stick begeisterte. Im abschließenden Teil des Auftritts kehrte das Oktett ins Jahr 1969 zurück und spielte das postapokalyptische Epos »Epitaph«, das auf der aktuellen Tour kein selbstverständlicher Teil des King Crimson-Repertoires mehr ist. Die Wetton-Ära kam an diesem Abend erst ganz am Ende des Auftritts zum Zug, als wir phänomenale Versionen der Klassiker »Easy Money« mit starker antikapitalistischer Botschaft und des weißglühenden Instrumentals »Larks‘ Tongues in Aspic – Part Two« zu hören bekamen.
Als Zugabe spielten die ‚Scharlachroten Könige‘ eine phänomenale »Red« (1974)-Version des Meisterwerks »Starless«, womit der erste Tag ihres Gastspiels in Wien zu Ende ging. Fripp, der uns wieder mit seinen außergewöhnlichen Gitarren-Kunststücken, seinen charakteristischen, obskuren Klängen und einer unglaublichen Kombination aus Geschwindigkeit und fast mathematischer Diszipliniertheit begeisterte, war an diesem Abend offensichtlich nicht in bester Stimmung – denn er brachte uns um die Darbietung des unverzichtbaren Klassikers »21st Century Schizoid Man«, obwohl er auf der Setliste stand, was in etwa so ist, als würden Yes »Roundabout« nicht spielen oder Jethro Tull »Locomotive Breath« auslassen. Auch »Lament«, »One More Red Nightmare« und »Fallen Angel«, die auf der ‚Uncertain Times‘-Tour gelegentlich auf der Setliste auftauchen, blieben aus – aber wir ließen uns deswegen nicht zu sehr belasten, da wir in jeder Hinsicht Zeuge einer Konzert-Fantasie waren, wie sie nur King Crimson liefern können. Das Fehlen von »21st Century Schizoid Man« war das einzige Minus in einer ansonsten rundum perfekten Konzertdarbietung, die von einer atemberaubenden Kombination aus außergewöhnlichem technischem Können, höllischer Eingespielheit, rhythmischer Disziplin, spezifischer, erstklassiger Ambient-Magie und hervorragendem Sound geprägt war.
Jedes King Crimson-Konzert ist eine Geschichte für sich – so auch beim traumhaften Wiener Auftritt des kultigen Oktetts, das einmal mehr eindrucksvoll unter Beweis stellte, warum es die wichtigste, wenn nicht gar größte Band in der Geschichte des Progressive Rock ist. Allen acht Mitgliedern gebühren besondere Glückwünsche für die außergewöhnliche Konzert-Magie und die hervorragende Darbietung einiger Schlüsselwerke aus dem King Crimson-Studioschatz, mit denen sie nahezu alle ihre Studioalben streiften. Die aktuelle Version von King Crimson ist bei Konzertauftritten so herausragend, dass sie nicht einmal durch Fripps gelegentliche exzentrische Launen getrübt wird – etwa wenn er seinem Bandkollegen beim Zupfen der Gitarrensaiten häufig auf die Finger schaut. Nach dem Auftritt fotografierte er, wie immer, das ekstatische Publikum – doch in diesem Moment durfte das Publikum auch ihn fotografieren und so wenigstens eine fotografische Erinnerung mit nach Hause nehmen.
Setlist
Erster Teil:
1. The Hell Hounds of Krim (auf der Setliste mit dem neuen Titel “Drumsons of Wonder”)
2. Pictures of a City
3. Neurotica
4. Moonchild
5. The Court of the Crimson King
6. Suitable Grounds for the Blues
7. Radical Action III
8. Meltdown
9. Radical Action II
10. Level Five (auf der Setliste mit dem neuen Titel “Larks’ Tongues in Aspic (part V.)“)
11. Islands
12. Larks‘ Tongues in Aspic (Part IV)
Zweiter Teil:
13. Devil Dogs of Tessellation Row (auf der Setliste mit dem neuen Titel “Drumsons of Joy”)
14. Cirkus
15. Lizard
(b) Bolero – The Peacock’s Tale
(c) The Battle of Glass Tears
(i) Dawn Song
(ii) Last Skirmish
16. Cadence and Cascade
17. Discipline
18. Indiscipline
19. Epitaph
20. Easy Money
21. Larks‘ Tongues in Aspic (Part II.)
—Zugabe
22. Starless
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