Wenn vollgeladene Revolver singen – L.A. Guns in der Bluesiana (2017)

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Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Vrba na Koroškem (Velden Am Wörthersee) / Bluesiana Rock Cafe / Österreich
Konzertdatum: 14.11.2017
Besucherzahl: 70
Kartenpreis: 47,00€ (Vorverkauf) / 53,00€ (Abendkasse)

Bisher hatten wir nur die Möglichkeit, die Version der L.A. Guns ohne Phil Lewis in der Besetzung auf der Bühne zu sehen. Also. Gründungsmitglied und Gitarrist Tracii Guns brachte seine Version der L.A. Guns nach Europa, darunter vor einigen Jahren sogar in den Ljubljaner Sputnik sowie ins nahe gelegene italienische Ronke (nahe dem Flughafen Triest). Die Version der L.A. Guns mit Phil Lewis hatten wir hingegen in unseren Konzertabenteuern bislang nie das Glück zu erleben.

Das muss man auch nicht mehr vermissen, denn die beiden Kerle haben nach fünfzehn Jahren wieder ihre Kräfte vereint – und L.A. Guns sind so aus zwei Band-Versionen wieder eine einzige geworden, nämlich jene, in der das Duo der beiden eben zitierten Musiker »schicksalhaft versiegelt« funktioniert, das heißt optimal, und jene Energie, Schwingung sowie kompositorische und darstellerische Kraft erzeugt, die wir lange Zeit vermisst haben. Also etwas, das Phil Lewis und Tracii Guns im Duo nur gemeinsam verwirklichen können. Außergewöhnliche Charaktere, außergewöhnliche musikalische Talente. Das bestätigt das neue Album der Band mit dem Titel »The Missing Peace«, und das bestätigte auch das Treffen mit der Band in der Bluesiana.

Aber der Reihe nach. Vor L.A. Guns heizten den rund 70 Besuchern – unter denen (angesichts des gesalzenen Kartenpreises) überraschenderweise Besucher aus dem Land an der Dreiländergrenze mit dem niedrigsten BIP den Ton angaben, ihr habt’s erraten, aus Slowenien also – die irischen Glam-Rock-Revivalisten Stone Trigger ein. Das Quartett, dem der hitzköpfige, aber aufgedonnerte Sänger Tommy Rockit das Kommando führt, heizte den Anwesenden in vierzig Minuten mehr als hervorragend ein, mit seiner beißenden »nackten und rohen« Rock’n’Roll-Energie, übergossen mit einer Dosis eingängiger Punk-Arroganz und gewürzt mit einer Prise Lausbuben-Frechheit. Die Band präsentierte das in diesem Jahr erschienene Album »G.H.O.S.T.«. Die Beschallung war für den kleinen Raum der Bluesiana gerade noch an der Grenze des Akzeptablen – Fenster und Wände zitterten ganz konkret. Einige Sound-Kapriolen während des Auftritts, ein paar kleinere Patzer – aber das ist nun mal die Konzertrealität jedes Künstlers. An Herzblut mangelte es jedenfalls nicht: Rockit erwies sich als ausgezeichneter Frontmann und solide Kommunikationsbrücke zwischen Band und Publikum. Die Gruppe würzte ihren Auftritt auch mit ihrer Version des Thin Lizzy-Klassikers Waiting For An Alibi sowie anschließend mit einer gehörig umgekrempelten Version des Songs Larger Than Life (das Original gehört den Backstreet Boys), mit der sie das Publikum schließlich doch zu kräftigerem Mitmachen bewegen konnten. Das auf einem der Marshalls ausgebreitete grüne Trikot der irischen Fußballnationalmannschaft deutete darauf hin, dass Irland genau zur Zeit des Stone Trigger-Konzerts in der Bluesiana ein wichtiges Spiel bestritt, das sie bei einem Sieg zur Weltmeisterschaft geführt hätte – doch leider schüttelten sie die Dänen mitten in Dublin ab, und zwar mit dem Endergebnis 1:5.   

L.A. Guns legten einen amüsanten Einleitungsteil hin. Tracii persönlich kam nämlich plötzlich auf die Bühne gestürmt und begann damit, den Sound und die Stimmung seiner Gitarre vorzubereiten. Als musikalischen Hintergrund wählte er Ozzys Klassiker Dairy of a Madman, die Band gesellte sich bald dazu auf die Bühne und »kalibrierte« sich durch den Eröffnungssong auf die richtige Temperatur und Stimmung. Als Letzter »brach« Sänger Phil Lewis auf die Bühne »ein«, und die Band »grollte« los in den aufgeheizten neuen Song The Devil Made Me Do It. Das Publikum drängte direkt an den Bühnenrand, und die Front wurde im Nu extrem eng. Besonders bei der Abfolge der Klassiker Electric Gypsy, Over the Edge, Bitch is Back und Sex Action. Definitiv aus dem Vollen des Kultalbums »Hollywood Vampires« und des Debüts »L.A.Guns« geschöpft! Was intensive Publikumsbeteiligung zur Folge hatte, besonders in der Mitte – dafür sorgten vor allem die Besucher aus Slowenien, die das Repertoire der Band sehr gut kannten. Davon konnte sich auch Phil persönlich überzeugen, als er dem Publikum einige Verse überließ und dabei nicht vergaß, sich herzlich für die gezeigte Unterstützung zu bedanken.  

Uns interessierte dabei vor allem, wie die Band als Einheit funktioniert. Ein fantastisches Konzert. In jeder Hinsicht. Tracii Guns bleibt der »König« seines Fachs – und gleichzeitig ist er dank der bloßen Energie, die dieser charismatische Gitarren-Zauberer auf der Bühne ausstrahlt, mit Sicherheit das zugänglichste Mitglied des Teams. Das Quintett tauschte durchgehend saftige Witze aus, wobei sich die Jungs gegenseitig auf den Arm nahmen – den Anstoß für diesen Domino-Effekt gab Tracii selbst, der im Intro von The Devil Made Me Do It Phil theatralisch in den Hintern kniff und dann mit dem Finger auf Drummer Shane Fitzgibbon zeigte, als wäre das eben Shane gewesen. Die Jungs verstehen es, mit dem Publikum umzugehen, und sind schlicht geborene Meister des Bühnen-Showtheaters. Lewis hat immer noch eine außergewöhnlich gut erhaltene Stimme, Charisma, Herzlichkeit und einen giftigen Blick, mit dem er einen verzaubert. Mit diesem Vokalcharakter, der an diesem Abend in der Bluesiana strahlte, funktionieren wirklich alle L.A. Guns-Klassiker optimal und phänomenal. Tracii Guns zeigte mit unglaublicher Intensität aus Leidenschaft und Emotionen seine Gitarren-Meisterstücke und dominierte die Bühne absolut – er nahm ein Drittel davon in Beschlag. Im Intro von Over the Edge half er sich mit einem Geigenbogen, mehrmals während des Konzerts nutzte er auch ein Theremin – eine Gepflogenheit, die er von seinem großen Vorbild Jimmy Page übernommen hat. Beim Vortrag der Prince-Hommage Purple Rain zogen sich Lewis und Guns komplett von der Bühne zurück und überließen sie dem restlichen Trio. Ans Mikrofon trat Rhythmusgitarrist Michael Grant, der 2013 zur Band gestoßen war und davor für die Band Endeverafter gespielt und gesungen hatte. Dieser nutzte den Moment natürlich nicht nur, um seine stimmlichen Qualitäten zu zeigen, sondern vor allem auch, um seine außergewöhnlichen handwerklichen Fähigkeiten auf der Gitarre zu demonstrieren – denn er baute auf seine Art ein (gelinde gesagt) monströses Solo in den Song ein. Es folgte das große Finale, als die Band einen nach dem anderen die lang vermissten Konzert-Lieblinge – sprich die Songs des Albums »Cocked And Loaded« (Malaria, Never Enough, The Ballad Of Jane und abschließend Rip and Tear) – aneinanderreihte und dabei dem mitgerissenen Publikum (absichtlich) die letzten Quanten Energie abverlangte, also das energetische Crescendo der Reaktionen als kollektive Befriedigung für alle Anwesenden.

Interessant ist, dass sich die Band entschlossen hat, gerade mal drei Songs aus dem neuen Album »The Missing Peace« zu spielen, das nebenbei bemerkt alle Erwartungen erfüllt und auf unglaublich gelungene Weise den »Anschluss« an die Essenz der klassischen L.A. Guns-Alben gefunden hat. Allerdings präsentierte die Band darunter auch eine der interessanteren und angesichts der bekannten Reputation der Gruppe ungewöhnlicheren Kompositionen, als sie sich an das hervorragende The Flood’s the Fault of the Rain wagten. Lewis leitete es mit dem Kommentar ein, dass es irgendwie im Stil des The Animals-Kulthits House of the Rising Sun gehalten sei.

Außergewöhnliche Chemie, Eingespieltheit, Charakter, Souveränität und Ausdruckskraft. Alles funktioniert phänomenal. Die Kombination von Lewis und Guns ist also essenziell – das entscheidende Element, das das authentische Bild der L.A. Guns heraufbeschwört. Das Bild, das wir all diese Jahre vermisst haben, ist zugleich auch das Bild, von dem wir hoffen, dass es zur Konstante der neuen Zeit wird, mit der L.A. Guns ihre Fans noch viele Jahre begeistern werden. In dieser Hinsicht stehen sie gewiss noch in der Schuld – nun, in der Bluesiana haben sie mit ihrer leuchtenden und hervorragenden Vorstellung einen konkreten Teil dieser Schuld beglichen. Der Besuch eines Konzerts dieser so aufgestellten Besetzung der L.A. Guns bleibt also in der heutigen Zeit Pflicht für jeden Fan von Hard Rock, Glam Metal und der verführerischen sowie nicht zuletzt bilderreichen Ära des Sunset Strips von Los Angeles. 

Setliste

STONE TRIGGER:
1. Intro
2. Children of the Night
3. Rattle Your Bones
4. Black Venom
5. I Declare War
6. Masquerade
7. Moyano Drum Groove
8. Gotta Get It
9. Show Your Hands
10. Waiting For An Alibi
11. Larger Than Life
12. Edge Of Insanity

L.A. GUNS
1. Intro (Diary of a Madman)
2. The Devil Made Me Do It
3. Electric Gypsy
4. Over the Edge
5. Bitch Is Back
6. Sex Action
7. The Flood’s the Fault of the Rain
8. Speed
9. One More Reason
10. Kiss My Love Goodbye
11. Purple Rain
12. Malaria
13. Guitar Solo
14. Never Enough
15. The Ballad of Jayne
16. Rip and Tear

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