Nick Cave and the Bad Seeds bei der schwarzen Messe in Stožice (2017)

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Autor: Aleš Podbrežnik

Ort: Ljubljana / Dvorana Stožice / Slowenien
Konzertdatum: 30.10.2017
Besucherzahl: 10.000

Nick Cave hat mit seiner Begleittruppe der »schlechten Samen« in seiner langen und fruchtbaren Karriere schon vor langer Zeit die slowenische Staatsbürgerschaft erhalten. Er gehört zu jener Handvoll ausländischer Künstler – man kann es ruhig Elite nennen –, die im slowenischen Musikpublikum hochgeschätzt und abgöttisch verehrt werden. Und das, obwohl er nicht aus dem Gebiet der ehemaligen gemeinsamen Heimat stammt, sprich nicht vom Balkan jenseits der Kulpa. Der Mann ist in Slowenien schon ein paarmal aufgetreten, doch seit seinem letzten Besuch sind ein Dutzend Jahre vergangen, und Cave wurde von vielen zu Recht sehr, sehr vermisst.

Die Karten für die große Hala Tivoli waren schnell vergriffen – das war absehbar. Angesichts der nicht abreißenden Nachfrage entschloss sich der Veranstalter, knapp tausend zusätzliche Tickets in den Verkauf zu bringen, und das Konzert wurde in ein größeres Venue verlegt, nämlich in die Dvorana Stožice. Die oberen Tribünen wurden jedoch nicht geöffnet. Als wir kurz nach acht Uhr abends im Parterre ankamen, hatte ich das Gefühl, in der Arena Zagreb gelandet zu sein. Eine riesige Schar von Besuchern war nämlich aus dem benachbarten Kroatien angereist, und die hatten größtenteils den vorderen Teil des Parterres besetzt, wo man schon, bevor Cave mit seinen Gefährten die Bühne in Beschlag nahm, einen spürbaren Adrenalinschauer der Vorkonzert-Euphorie wahrnahm.

Und tatsächlich. Die Halle tauchte ins Blau, die Bad Seeds standen bereits auf der Bühne und schufen die Kulisse – dann bestieg als letzter Nick Cave die Bühne und rannte bis an die Bühnenkante vor, wo es von den Tribünen und aus dem Parterre richtig losging. In diesem Getümmel dominierten hohe Töne, die zeitweise an Wellen der Hysterie erinnerten. Von den lautstark kreischenden Vertreterinnen des zarten Geschlechts natürlich. Nick Cave  zog in seinem typischen Stil das Publikum sofort in seinen Bann. Eine Statue grenzenloser Trauer, mit gebrochenem und zerschmettertem Herzen, das in all seinem Schmerz und seiner Sehnsucht endlos in die Tiefe sinkt.

Cave hatte vor einem Jahr das neue Studioalbum »Skeleton Tree« veröffentlicht. Der gewählte Titel überrascht nicht. Mitte 2015 nämlich verunglückte sein fünfzehnjähriger Sohn Arthur tödlich. Na und  ein Baum, der in der Symbolik gewöhnlich als Familienbaum bezeichnet wird, wurde zu Caves Sinnbild der großen Trauer. Ein starkes Dokument ist das Album »Skeleton Tree«, eines der stärksten in seiner reichen und fruchtbaren Diskographie.  So entwickelte sich auch der Konzertauftritt. Der rote Faden war das Album »Skeleton Tree«, Cave spielte davon den Großteil des Materials. Wie in der Bühnentradition dieses Künstlers bereits bekannt, schüttelte Cave die ganze Zeit Hände mit Fans in den vorderen Reihen, stieg in einem Moment sogar bis zur Tribüne hinauf, stützte sich auf die Hände der Menge, verteilte Lächeln, sprach dem Publikum aufmunternde Worte zu, das wie verzaubert die triumphalen Verse von Caves tiefer und eindringlicher Poesie mitrezitierte.

Neben Cave, der natürlich ein Charisma ohne Gleichen besitzt, wäre es dennoch nicht möglich gewesen, das Konzerterlebnis mit voller Intensität zu erleben, wenn nicht das begleitende Ensemble Bad Seeds das Tüpfelchen auf dem »i« gesetzt hätte – eine seit Jahren eingespielte Truppe, in der natürlich der Name Warren Ellis heraussticht! Er überraschte erneut mit seinem leidenschaftlich durchlebten Spiel, während er eine ganze Palette von Instrumenten in Händen hielt. Er bediente die Programm-Loops, spielte Synthesizer, Vibraphon, E-Gitarre, Violine, Klavier und tobte mehrmals auf der Bühne herum, wirbelte in einen wahren Schamanentanz. Besonders wenn er Geige und Gitarre schwang. Neben Ellis bevölkerten die Bühne noch Akustikgitarrist George Vjestica, Schlagwerker und Vibraphonist Jim Sclavunos, Drummer Thomas Wydler und Bassist Martin Casey.

Cave, der mit seiner Interpretation einmal mehr bewiesen hat, dass ihm in der Aufrichtigkeit gierig dargebotener Gefühle und brodelnder Leidenschaften nur selten jemand nahekommt, ist ein Meister unglaublich intensiven und mitreißenden Spiels. Damit legte er sein Herz erneut bloß, und das gesamte emotionale Geflecht aus Schmerz und Liebe, das in dem Künstler glüht, teilte er hemmungslos mit seinem Publikum. Im mittleren Teil des Konzerts setzte er sich ans Klavier und spielte unter anderem einige allseits geliebte Höhepunkte seiner Karriere, darunter The Ship Song, danach Into My Arms sowie The Weeping Song als Zugabe.

Das Konzert wirkte wie ein Mantra. Wie eine Reinigung von Seele und Leib, eine vollständige Purifikation – so wahrhaftig goss Nick Cave mit seiner Crew seine Kunst in das Bühnentheater. Cave drang mit seinem zeitweise geradezu dämonischen Magnetismus in die tiefsten und dunkelsten Winkel unserer Seelen vor. Ein wahrer Seelenhirte.  Eigentlich kurze und prägnante Gesten voller Minimalismus, die aber im gegenseitigen Dialog in aller heiligen Schlichtheit überaus ätzend, provokativ und mitunter auch bizarr widerhallen. Sie brechen Tabus, durchbrechen Klischees und geben der Musik als Kunst eine völlig neue qualitative Komponente sowie eine künstlerische Dimension, die sich jedem Zugriff entzieht. Die Düsternis aller Düsternisse. Cave entwickelte mit seiner Crew mehrmals eine vielschichtige Klanglichkeit, die in einigen wenigen einfachen Tönen durch Repetitionen eine ungemein fesselnde atmosphärische Kulisse aufbaute, mit der das berauschte Publikum in seiner ganzen Hypnose kommunizierte. Unglaublich war der Anblick des gesamten Geschehens. Die satten zwei Stunden vergingen im Nu. Ganz einfach: Wenn jemand in dir Emotionen weckt, spielen Zeit und Raum keine Rolle mehr. Nur die Verschmelzung mit der Energie, die wir Musik nennen. Und davon brachte Nick Cave, Seelenerwecker und schwarzer Hexer, an diesem Abend nach Ljubljana jede Menge.

Das Konzertspektakel von Nick Cave in Stožice darf man also getrost zu einem der Höhepunkte des diesjährigen Konzertangebots in Slowenien zählen.

Setlist

1. Anthrocene
2. Jesus Alone
3. Magneto
4. Higgs Boson Blues
5. From Her to Eternity
6. Tupelo
7. Jubilee Street
8. The Ship Song
9. Into My Arms
10. Girl in Amber
11. I Need You
12. Red Right Hand
13, The Mercy Seat
14. Distant Sky
15. Skeleton Tree
—Zugabe—
16. The Weeping Song
17. Stagger Lee
18. Push the Sky Away

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