Devin Townsend Project spielten das komplette `Ocean Machine` im Amphitheater von Plovdiv (2017)

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Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
Video: Sebastijan Videc

Ort: Plovdiv / Altes römisches Amphitheater / Bulgarien
Konzertdatum: 22.09.2017
Besucherzahl: 6.000

So ist das, wenn sich Crazy Davy in ein römisches Amphitheater aufmacht. Und wir hinterher! Dieses Jahr schon zum dritten Mal. Ernsthaft. Meine Damen und Herren, wir reden von Devin Townsend, einem Musiker, der ständig auf einem schmalen imaginären Grat zwischen absolutem Genie und »minimal bescheuert« wandelt, einem Musikkünstler, der die normale Welt schon längst hinter sich gelassen und mehrere Parallelwelten erschaffen hat, in denen er jede Menge neue Heimaten und Destinationen gefunden hat. So folgen auch wir Devin. In diesem Jahr von Zagreb bis Graz, und weiter ins bulgarische Plovdiv, wo der Mann im dortigen, um 200 n. Chr. erbauten Amphitheater mit seinem Team ein besonderes Konzert angekündigt hatte.

Das Konzert war in zwei Teile aufgeteilt. Im ersten spielte Devin Townsend ein Repertoire nach den Wünschen seiner Besucher – und das in Begleitung des Orchesters der Plovdiver Staatsoper. Im zweiten Teil folgte dann die Aufführung des kompletten Albums »Ocean Machine«, das vor zwanzig Jahren erschienen war. Dieses wunderschöne Progressive-Album also! Noch mehr: Devin Townsend kündigte die Veröffentlichung einer DVD und eines Blu-rays von diesem besonderen Konzert an.

Es ist kurz nach acht. Abends natürlich. Ausverkauft. Auf den offiziellen Seiten steht, dass das Amphitheater zwischen 5.000 und 7.000 Besucher fasst. In den Innenbereich war diesmal allerdings kein Einlass, die Tribünen dafür brechend voll. Jede Menge Touristen, auch viele Kanadier und US-Amerikaner im Publikum, dazu Besucher aus Irland, Großbritannien, Frankreich und Spanien – dass zahlreiche Griechen dabei waren, war keine Überraschung. Die Welt im Kleinen also! Karten zu ziemlich gesalzenen Preisen, aber trotzdem. Ein einmaliges Erlebnis, das man nicht verpassen sollte. Es brodelte wie in einem Bienenstock.

Um halb neun ging es los. Direkt mit Truth vom dritten Soloalbum »Infinity«,. Hm,  wenn man es genau nimmt, in einer neu eingespielten Fassung und neuem Arrangement, wie sie das aktuelle Studioalbum The Devin Townsend Project mit dem Titel »Transcedence« dokumentiert. Dieses Album lieferte den Großteil des Materials im ersten Teil,  was die Behauptung, die Setlist sei im ersten Teil nach den Wünschen der Fans zusammengestellt worden, ein wenig ins Wanken bringt. Aber gut.  Wenn dort rund  6.000 Menschen waren, dann waren es 12.000 Ohren, und all diese Ohren waren »gespitzt« auf Überraschungen.  In diesen Korb voller Genüsse darf man das grandiose »Canada« (»Terria«, 2001) zählen, dazu Om aus der EP »Christeen« und Bad Devil vom Album »Infinity«, das er mit dem Kommentar begleitete, der Song eigne sich hervorragend als Untermalung für eine »Swinger-Tanzparty«. Zu den Besonderheiten zählt auch die Integration von zwei »Synchestra«-Songs (2006)  – nämlich Gaia und Simple Lullaby. Devin schloss den ersten Teil mit Deep Peace vom Album »Terria« »(2001)! Nicht zu vermeiden war auch die Begegnung mit Devins Alter Ego namens Ziltoid, als die Musiker in das aufbrausende By Your Command segelten und einmal mehr die viele tausend Köpfe starke Menge auf die Beine brachten. Es muss nicht extra betont werden, dass die Location selbst, das verrückte und mitreißende Publikum – sprich das bis auf den letzten Platz ausverkaufte Amphitheater – sowie natürlich das Orchester (mit vollem Chor) dem Spektakel eine besondere Dimension verliehen.  Der Sound haperte jedoch ein wenig. Ich  verfolgte das Konzert von der dritten Reihe ganz rechts, und Orchester und Chor waren dabei kaum zu hören. Den Großteil des ersten Konzertteils wurden sie von der gesamten verzerrten schweren Artillerie von Devin und seinen Mitstreitern übertönt.  Devin redete diesmal weniger als gewöhnlich, kündigte aber in einer der Pausen die DVD- und Blu-ray-Veröffentlichung an, mit ungefähr diesen Worten: »Diesmal werde ich nicht viel reden, damit wir später nicht zu viel Arbeit  mit den Schnitten beim Blu-ray-Editing haben!« Unerhört. Eine völlig neue Erfahrung für Devin, der das alles sehr emotional erlebte und sich ununterbrochen bedankte – mal bei dem einen, mal bei dem anderen, und natürlich beim verrückten Publikum, das ihn hoch auf Händen trug. Gleichzeitig hörte er nicht auf, sich vor dem Orchester hinter ihm und dem Dirigenten Levon Manukyan zu verbeugen. Den großen Abschluss des ersten Teils krönte ein gewaltiges Feuerwerk, und den Zaubermomenten setzte am Ende die reichhaltige Pyrotechnik mit spektakulären Feuerstrahlen, die zwischen den Mauern des Amphitheaters und den Silhouetten altrömischer Götter zischten, das i-Tüpfelchen auf. Wahnsinn. Devin kommentierte das Ganze in seinem humorvollen Stil mit den Worten,  das gesamte Budget für die Aufnahme des nächsten neuen Albums sei eben für all diese Pyrotechnik draufgegangen.

Die Feier zum 20. Jahrestag der Veröffentlichung des Albums »Ocean Machine: Biomech« fiel weniger kitschig aus. Auf der Bühne blieb nur Devins Begleitband, minus Beav, den bei dieser besonderen Gelegenheit auf der Bühne der Original-Bassist John Randahl Harder ersetzte. Der spielte für Devin Bass auf diesem berühmten und bei den Fans hoch geschätzten Album. Devin begrüßte Beav schelmisch im Publikum, da der reguläre DTP-Bassist eben zu vorübergehender Konzertpause gezwungen war. Drummer Ryan van Poederooyen wechselte für den zweiten Konzertteil mit seinem Schlagzeug auf die Mittelposition – im ersten Teil hatte er es ganz rechts (von der Bühne aus gesehen) aufgestellt. »Ocean Machine« also von Kopf bis Fuß. Von Anfang bis Ende. In einem Stück. 

Falls für den ein oder anderen der erste Teil nicht den erwarteten Höhepunkt erreicht hat – es gab ja, wie gesagt, Abstriche beim Sound (das Orchester nur teilweise ausgeschöpft) und auch beim Repertoire, wo zu viele Songs vom aktuellen Album »Transcendence« vertreten waren, das man – Hand aufs Herz – zu den weniger interessanten DTP-Alben zählen muss –, war die Fortsetzung mit Sicherheit über allen Erwartungen. Bewundernswert dabei, wie sich manche Songs dieses Albums im Laufe der Zeit »progressiv« weiterentwickelt haben und heute in der Konzertaufführung eine neue atmosphärische Erfahrung erreichen. Makellos gespielt, makellos ausgeführt. Brillante Exekution. Devin mit Akustikgitarre bei Sister. Auch der Sound war diesmal völlig in Ordnung. The Death of Music und Life wirkten in ihrer Schönheit, bei all der aufgebauten Atmosphäre und der neu erlebten Darbietung, besonders bewegend. Die obligatorischen Konzertfavoriten Night, Regulator und Seventh Wave lösten ebenso Wellen der Emotion und Leidenschaft im Publikum aus. Der absolut lawinenartige Konzertmoment bei Bastard hat »alle Fesseln« emotionaler wie auch spiritueller Barrieren gesprengt. Esoterisch, zerebral, tripoid! Kurzum: eine perfekte Konzertkanonade. Devin Townsend und Begleitung in bester Form, bester Stimmung – Devin einmal mehr überragend am Mikrofon. Die Darbietung auf absolutem atmosphärischem Groove! Eine Gier also, die nicht für einen Augenblick nachließ.

Alles ging so schnell vorbei, dass man einfach nicht aus dem Trancezustand herausfand. Ein einmaliges und unwiederholbares Erlebnis. Eine einzigartige Atmosphäre. Einzigartiges Repertoire, einzigartige Location. Wer an jenem Tag nach Plovdiv zu diesem Konzert gekommen ist, wird es bis ans Ende seiner Tage nicht vergessen. Ich bin überzeugt, dass der Sound auf DVD und Blu-ray deutlich besser sein wird als das, was die direkte Begegnung im ersten Teil dieses wirklich unvergesslichen Zusammentreffens mit dem einzigartigen Genie dieser Galaxis und seiner Crew – Devin Townsend – geboten hat! 

Setliste

Setlist nach Wünschen der Fans (gespielt mit Orchester):
1. Truth
2. Stormbending
3. Om
4. Failure
5. By Your Command
6. Gaia
7. Deadhead
8. Canada
9. Bad Devil
10. Higher
11. A Simple Lullaby
12. Deep Peace
—20 Min. Pause—
Album „Ocean Machine“:
13. Seventh Wave
14. Life
15. Night
16. Hide Nowhere
17. Sister
18. 3 a.m.
19. Voices in the Fan
20. Greetings
21. Regulator
22. Funeral
23. Bastard
24. The Death of Music
25. Things Beyond Things

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