Rock of Ages 2017 Festival – dritter Tag

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Ort: Seebronn (Rottenburg a.d. Neckar) / Festivalgelände / Deutschland
Datum: 30.07.2017


So. Der letzte Tag der diesjährigen Ausgabe des Rock of Ages Festivals ist angebrochen, angesiedelt beim deutschen Dörfchen Seebronn, inmitten der urwüchsigen ländlichen Landschaft des deutschen Bundeslandes Baden-Württemberg. Das Wetter hat gehalten. Eigentlich hatten wir auch dieses Jahr unglaubliches Glück. Mit unserer Ankunft verschob sich die Front Richtung Alpen, also in den deutschen Süden und Südosten, und so verbrachten wir alle drei Festivaltage bei trockenem Wetter – wenngleich uns ausgerechnet am dritten Tag gelegentlich (aber harmlos) ein leichtes »Genässel« von oben drohte.

Am dritten Tag begann das Programm um 15.45 Uhr. Da es Sonntag war, hatte das Programm einen »familientauglichen« Charakter. Sprich: Mittags trifft man sich bei Mutti, betet ein, zwei Vaterunser, löffelt die Suppe aus und fährt statt zu Severino eben zum Rock Of Ages Festival, wo man unter anderem Gotthard und Thunder bestaunen kann. Die Deutschen sind halt eine Rocker-Nation.  Der Veranstalter hatte für die Eröffnung des dritten Festivaltages die ganze Zeit eine Überraschung vorbereitet. Eigentlich war es gar keine Überraschung – als ich beim Abholen meines Festivalbändchens eine Autogrammkarte in die Hand gedrückt bekam und draufschaute, wen ich da erblickte? Schon wieder Killcode. Horst, war das noch nicht genug? Letztes Jahr beim Bang your Head, dieses Jahr ebenfalls – und obendrein hier, beim Rock of Ages Festival? Okay, okay. Ich weiß nicht, aber die Agentur Coallier Entertainment ist über die Jahre sowohl beim Rock Of Ages Festival als auch beim Bang your Head zum Stammgast geworden, und das alles ist natürlich auch mit dem Namen Twisted Sister verbunden. Trotz meiner konzertbedingten Verwöhntheit haben Killcode mit ihrem neuerlichen Auftritt bewiesen, was für eine herausragende Truppe sie sind. Sie pflegen eine ganz eigene stilistische Form des Hard Rock, die etwas südliches und wüstenhaftes Melos mit einem Hauch Punk-Trotzkopfigkeit verbindet, dazu eine Menge Melodiösität – vor allem in den Refrainmelodien, die oft von ungemein verführerischen und ansteckenden Rhythmen getragen werden. Es war das dritte Treffen mit der Band in zwei Jahren, und wieder musste man zugeben, dass es rein gar nichts an ihnen auszusetzen gibt. Ausgefeilter Auftritt, brillantes Zusammenspiel, dynamische Bühnennutzung, ständige Kommunikation mit dem Publikum und buchstäblich Schweiß und Blut auf der Bühne. Die Jungs haben sich wirklich bis an die äußersten Grenzen des Machbaren verausgabt, und souverän das Kommando über alles behielt Sänger Tom Morrisey. Die Band hat eine EP und ihr gleichnamiges Debüt-Studioalbum draußen, und das Repertoire entsprach im Wesentlichen dem beim Bang Your Head – die Setlänge war in etwa dieselbe. Die Reihe: Show Me, Shot, Hammer,  The Answer, Kickin‘ and Screamin‘, Hands Up, Opium Dogs, ein Cover von Twisted Sister You Can’t Stop Rock n‘ Roll sowie der ruhige und unglaublich eingängige Track mit einem Hauch Pop-Charisma namens The Wrong Side, den der Veranstalter beim Abschlussfeuerwerk der letztjährigen BYH- und ROA-Festivals laufen ließ.  Kurzum: Killcode sind eine Band mit ausgefeiltem Look, scharf geschnittenem Outfit und einem fokussierten, zielgenauen Auftritt. Die Gitarren funktionieren hervorragend und packen zu. Sie entwickeln einen fetten, garagigen Sound, und beide Gitarristen garnieren die Songs mit einem unglaublich fein dosierten Solospiel. Ein Volltreffer fürs frühnachmittägliche Rock’n’Roll-Mahl.

Als nächstes betraten echte Rock’n’Roll-Clowns die Bühne – der deutsche Komödienzirkus namens Spider Murphy Gang. Die übernahmen im Programm die Rolle, die im letzten Jahr ähnliche österreichische Spaßvögel – Erste Allgemeine Verunsicherung – eingenommen hatten. Was soll man dazu sagen? Das deutsche Publikum hielt sich den Bauch und wälzte sich auf dem Boden. Vielleicht hätte das slowenische Publikum in den Neunzigern ähnlich reagiert, wenn man ihm Agropop gespielt hätte. Ich kann das Phänomen nicht mal richtig erklären. Kurzum: Das ist eine dieser Bands, die nur Deutsche und Österreicher verstehen – vom Humor über die Aufmachung bis hin zu Stil, Performance und dem ganzen Theater. Musikalisch aber furchtbar langweilig und sofort wieder vergessen. Mit Parodie kompensieren sie eben ihre musikalische Trockenheit. Diese Band hat tatsächlich eine launige Stunde handfesten Humors »auf Deutsch« auf die Bühne gebracht, und das war das eigentliche Fundament ihres Auftritts – aber Hand aufs Herz: Als Rock’n’Roll-Enthusiast, der von einer völlig anderen geografischen Region zum ROA angereist ist, verstehe ich solche Bands nicht wirklich. Sie haben ordentlich gespielt, ohne Patzer, und ihre vorhersehbar arrangierten Liedchen selbstverständlich mit enormen Mengen Humoreinlagen übergossen – was auch die grundlegende Kompensation der Band für diese generelle »Ringelreihen-Rock’n’Roll«-Beliebigkeit und das kindlich-schlichte musikalische Ansprechen darstellt.

Mit dem Auftritt der Briten Thunder kehrten die Dinge in gesunde Rocknorm zurück. Sie haben dieses Jahr ihr ausgezeichnetes neues Studioalbum »Rip It Up« veröffentlicht, und der Festivalauftritt gehörte natürlich zur Tournee zur Albumpromotion. Thunder bleiben schlicht außergewöhnlich. Danny Bowes bewahrt all sein Charisma und ist ein ansteckender Humorist, der seinen generell schwarzen Humor ständig mit einer Prise Zynismus würzt. Britischer Humor eben. Den Großteil der Soli bestritt auf der Bühne Luke Morley, die rhythmische Kinetik und das Rückgrat hielten makellos die routinierten und ungemein erfahrenen Chris Childs und Gary »Harry« James aufrecht, der kürzlich Magnum verlassen hat. Ben Matthews muss natürlich erwähnt werden. Er hielt vorwiegend den Rhythmus mit der Gitarre. Der Mann wurde vor drei Jahren mit Krebs diagnostiziert und hat ihn auch erfolgreich besiegt. Was sich an ihm geändert hat, ist ein kürzerer Haarschnitt.  Thunder haben zwar den Großteil der Setlist neueren Songs aus den Alben »Wonder Days« und »Rip It Up« untergeordnet, haben das Publikum dabei aber auch nicht um ihre herausragendsten Karrieremomente der frühen Neunziger gebracht. So hallten vom Debüt die Titelstücke Backstreet Symphony und Higher Ground wider, auch Low Life in High Places aus dem zweiten Studioalbum »Laughing On Judgement Day«  und River Of Pain (Album »Behind Closed Doors«) waren dabei, während sie für den Abschluss das zündende I Love You More Than Rock ’n‘ Roll aus dem Album »The Magnificent Seventh!« (2005) aufgespart hatten. Thunder sind eine außergewöhnliche Bühnenfestung und nur schwer zu überbieten. Durch und durch eine britische Hard-Rock-Bastion. Ihre ausdrucksstark tiefgründige Kunst der Verbindung von Blues-Rhetorik mit musikalischer Ansteckungskraft und Melodiösität bleibt einzigartig – ebenso die Bühnenpräsentation, mit der Thunder die Besucher in ihren Bann zogen. Definitiv einer der ausdrucksstärksten und performativ kraftvollsten Auftritte des gesamten Festivalprogramms beim diesjährigen Rock Of Ages. Eines der seltenen Sommergastspiele für Thunder – und doch. Ein Konzert, das schneller vorbei war, als es begann, so feurig und mitreißend entwickelte es sich. Wirklich eine Band, die man auf einer richtigen eigenständigen Headliner-Tournee erleben muss. Hoffen wir, dass sich dafür noch irgendwann eine Gelegenheit ergibt,

Der vierte Act – genauer gesagt: die vierte Actrice – war ebenfalls aus Großbritannien angereist. Und zwar mit ihrer Begleitband. Sie stand noch aus dem letzten Jahr in der Kreide, als genau während ihres  Fluges von London nach Stuttgart der Stuttgarter Flughafen aus Sicherheitsgründen für einige Stunden gesperrt wurde. Deswegen konnte sie nicht rechtzeitig zum Festival kommen. Nun, dieses Jahr hat es endlich geklappt. Meine Damen und Herren: Kim Wilde. Die Pop-Rock-Diva der Achtziger!  Kim Wilde hat sich in reiferen Jahren – und nachdem sie tief ins Gärtnern eingetaucht ist und dazu sogar zwei Bücher veröffentlicht hat –  in eine waschechte Rockerin verwandelt. Und so trat sie auch auf die Bühne. In schwarzem Leder!  Nach dem zweiten Song nahm sie die Sonnenbrille ab. Kim bleibt eine charismatische und ungemein mitreißende Persönlichkeit. Das gilt zumindest für ihr Lächeln, das sie mit dem Publikum teilte. Zwar hat die Sängerin im Laufe der Jahre etwas an Fülle gewonnen, behält dabei aber eine außerordentliche Bühnenkinetik und -dynamik. Die Bühne kennt sie wie ihre Westentasche. Mit ihrer sechsköpfigen Begleitband – in der seit Jahren auch ihr Bruder Ricky Wilde als Gitarrist und Background-Sänger tätig ist – hielt Kim anderthalb Stunden lang das Publikum fest im Griff, das die Revue ihrer klassischen Hits sichtlich genoss.

Die Band eröffnete ihren Auftritt mit einem Hit vom ersten Album »Kim Wilde«. Es konnte nur Water On Glass, Kids In America oder? Chequered Love natürlich sein. Es folgten noch Lights Down Low, View From a Bridge, Nenas Anyplace, Anywhere, Anytime, der bereits erwähnte zweite Hit vom Debüt »Kim Wilde« Water on Glass, außerdem Stone, The Second Time, Get Out, King of the World, die in akustischer Version dargebotene If I Can’t Have You (Duett mit Ricky auf der Akustikgitarre),  Never Trust a Stranger, der große Hit vom zweiten Album »Select« Cambodia, das Republica-Cover Ready to Go, das neuere You Came sowie das erwartete The Supremes-Cover You Keep Me Hangin‘ On, mit dem die Truppe das Konzert beendete. Kim Wilde kehrte auf die Bühne zurück und überraschte zunächst  mit der Einbeziehung von You Spin Me Round (Like a Record), das im Original von Dead Or Alive stammt, und schloss das Konzert mit dem eigentlich einzigen an diesem Abend vermissten Hit  Kids in America ab. Zwischendurch begann es zu regnen, aber die Sache beruhigte sich wieder. Das Gelände wurde leicht angefeuchtet, war aber keinesfalls ein heftiger Schauer, der jemanden vom Bühnenvorfeld vertrieben hätte. Kim hat sich mit ihrem Besuch beim Rock Of Ages Festival mehr als losgekauft.  Sie war nie bekannt als technisch besonders versierte Sängerin. Aber sie besitzt unglaubliche Anziehungskraft, Charisma, Charme und dieses unverwechselbare vokale »Flair«, mit dem ihre Evergreens an diesem Abend so zum Leben erwachten. Natürlich hatte Kim in der  Begleitband auch für eine zusätzliche Sängerin gesorgt, die den Hauptgesang von Kim Wilde hervorragend harmonisierte und klanglich kontrastierte – und ihr vor allem bei den anspruchsvolleren Vokallinien kräftig den Rücken stärkte. Sound und Performance: ausgezeichnet! Wenn es so weitergeht, hoffen wir, dass Horst nächstes Jahr Tears For Fears oder Thompson Twins aufs Festival bringt – wenn Talk Talk schon nicht mehr existieren (des Autors Feuchttráume eben).

Für das große Finale betraten die grandiosen Schweizer Hardrocker Gotthard die Bühne. Eine Band, die dieses Jahr ihr sattes 25-jähriges Bestehen feiert und seit dem frühen Frühjahr ihr neues, aktuelles Studioalbum »Silver« promotet. Wie zu erwarten, spiegelte sich das auch im Auftakt des Konzertabends mit Gotthard wider, als sie das Publikum mit einem a-cappella-Intro zu Silver River aufzuwärmen begannen. Das Publikum hatte sich in etwa genauso zahlreich versammelt wie am Vortag beim Auftritt von Saga. Das Gelände verdichtete sich also noch etwas nach dem Ende von Kim Wildes Auftritt. Gotthard sind die Schweizer Geschichte vom vollständigen Triumph des Rock’n’Roll – mit ihnen ist nicht zu spaßen, sie sind ein Garant für außergewöhnliche Qualität und darin eine große Konstante.  Die Bühne unterstützten sie malerisch mit Kulissen, die an das Cover und die Essenz des neuen Albums geknüpft sind. Die Band in Standardbesetzung: neben Maeder noch Bandchef und Gitarrist Leo Leoni, Bassist Marc Lynn, Schlagzeugerin Henna Habegger, Gitarrist Freddy Scherer sowie Konzert-Keyboarder Nicolo Fragile. Eine Siegerformel. Eigentlich ein brillanter, wenn nicht gar makelloser Auftritt, hervorragender Gesang von Nico Maeder, Mountain Mama mit dem obligatorischen Talk-Box-Moment von Leo Leoni. Letzterer nutzte neben Maeder auch den Catwalk am intensivsten.

Die Band vergaß auch nicht, ein akustisches Medley einzubauen, das die »volkstümlich gewordenen« One Life, One Soul, Let It Be,  Angel in Heaven umrahmte – bei denen sich das Publikum (auch auf Maederers Ermunterung hin) aktiver mit Gesang beteiligte. Von den Neuen schlugen sie noch den erwarteten Hit Stay With Me sowie das aufgewühlte Electrified an, spannten aber insgesamt alle Ären ihres Schaffens korrekt ab. Dabei sparten sie die Hauptmunition – also die Songs des Albums »Lipservice« – für den zündenden Schluss bzw. das konzertante Crescendo auf: Erst schlossen sie die neue, überzeugende Show bzw. deren regulären Teil mit Lift U Up, dann folgte nach dem Beatles-Cover Come Together die finale Aufheizung des Geländes mit All We Are sowie dem abschließenden Anytime Anywhere. Auch während des Gotthard-Konzerts hat das Wetter ein bisschen geneckt und ein paar Tropfen fallen lassen, die Situation beruhigte sich aber, und den Abschluss erlebten wir bei trockenem Wetter. Gotthard bleiben das Schmankerl des Hard Rock, das immer das Beste liefert. Auch diesmal war es nicht anders, und in jeder Hinsicht haben sie ihrer Rolle als Hauptträger des dritten Festivaltages entsprochen. Nach der Marathontour, die seit Februar dieses Jahres andauert, spürte man eine leichte Ermüdung der Gruppe – daher etwas mehr Routine und eine gewisse Zurückhaltung. Es war einer der letzten Auftritte der langen »Silver«-Tour, und die Band konnte es kaum erwarten, zu ihren Familien zurückzukehren. Deshalb bleibt das diesjährige Märzfeiern mit der Band im Wiener Gasometer natürlich ein Erlebnis, das im Vergleich mit dem Zusammentreffen beim Rock of Ages Festival, was die Qualität betrifft, nach wie vor höher zu bewerten ist.

So schloss sich der Rock of Ages Festival 2017. Die diesjährige Ausgabe brachte wieder eine Menge ausgezeichneter Auftritte – besonders stark, aber auch stilistisch »divergent«, war der zweite Festivaltag. Beim großen Finale am Abschluss dieses dreitägigen Spektakels richtete Veranstalter Horst Franz wie gewohnt noch ein paar Worte an die Menge, begleitet wurde das Ganze erneut von einem üppigen Feuerwerk, das die Tradition der Festivals Bang Your Head und Rock Of Ages hochhält. Natürlich bei der obligatorischen mehrfachen Wiederholung von We Are Not Gonna Take It. Anders geht es nicht. Es war also wieder ein wunderschönes Rockfest, zu dem wir nächstes Jahr wieder aufbrechen.

Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik


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