Metaldays 2017 (erster Tag) – Die Enttäuschung des größten Festivalsterns

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Autor: Rok Klemše, Aleš Podbrežnik
Fotos: Nina Grad

Ort: Tolmin, Slowenien
Konzertdatum: 24.07.2017
Besucherzahl: 11.000
Kartenpreis: 160,00€ (Wochenticket) / 140,00€ (3-Tages-Ticket) / 60,00€ (Tagesticket)

Den ersten offiziellen Tag der Metaldays 2017 begrüßten wir mit den heimischen Hellcrawler, die auf der neu benannten Boško Bursać-Bühne (zu Ehren des im vergangenen Jahr verstorbenen legendären Toningenieurs) mit ihren auf 11 aufgedrehten, schwedisch klingenden HM-2-Gitarren losgegrölt haben. Die Jungs aus Gorica präsentierten beide Studioalben in bestem Licht und warfen das Publikum in eine postapokalyptische Welt, in der hungrige Untote nach Menschenfleisch lechzen und aus Jukeboxes exzellenter Black/Crust/Death’n’Roll dröhnt.

Kurz darauf verschonte Tolmin auch das zweite schlimmere Unwetter des Tages nicht, das von der Lemmy-Bühne die irischen Folk-Metaller Na Cruithne weggespült hat – der Atmosphäre ohnehin weit angemessener waren die britischen The Crawling auf der zweiten Bühne, die die bereits bedrückende Stimmung mit einem ordentlichen Schuss Death/Doom Metal noch weiter verdüsterten. Dieser näherte The Crawling, vor allem in den langsameren Teilen und wegen des Gesangs, der an Aaron Stainthorpe erinnerte, ihren Landsleuten My Dying Bride ziemlich stark an. Was natürlich nichts Schlechtes sein kann. The Crawling präsentierten so ihr in diesem Jahr erschienenes Debütalbum Anatomy of Loss in gutem Licht und machten genug auf sich aufmerksam, dass es sich lohnt, sie im Auge zu behalten.

Wie bereits erwähnt, hätte das Geschehen auf der Hauptbühne gerade erst richtig Fahrt aufnehmen sollen, als die irischen Folk-Metaller Na Cruithne aus Galway die Bühne betraten. Das gemischte, also gemischtgeschlechtliche Sextett, ausgestattet mit Bouzouki und Flöte, hatte gerade begonnen, die Essenz seiner musikalischen Vision und Kreativität zu enthüllen – eine Mischung aus extremen Musikgenres (Black Metal), in die Elemente traditioneller schottischer, irischer und auch bretonischer Musik eingewoben werden –, als eine Wolke aufbrach und gnadenlos über das Festivalgelände prasselte. Die Menschen liefen in Massen davon und verteilten sich in alle Richtungen, und die Band verließ die Bühne ebenso schnell und heiter. Die Hauptbühne erwachte erst wieder um neun Uhr abends, als Iced Earth sie betraten.  Wer die pelzbegeisterten Iren diesmal ernst nahm und sich ihren vollwertigen Auftritt wünschte, dem das Wetter aber einen Strich durch die Rechnung machte, wird eine andere Gelegenheit finden müssen – wer die Band dagegen möglicherweise in Gesellschaft der interessanten Mongolen Nine Treasures und der slowenischen Nachwuchshoffnungen Halcyon Era irgendwann Mitte Juni dieses Jahres im Orto Bar erwischt hat, findet darin vielleicht zumindest einen Hauch von Trost. 

Das schlimme Unwetter verschonte leider auch die anderen Auftritte auf der großen Bühne nicht – nach den bereits zuvor ausgefallenen Xandrii waren auch die finnischen Thrasher Lost Society die großen Pechvögel, deren Auftritt abgesagt wurde, während die japanischen Heavy-Metal-Veteranen Loudness von der großen auf die zweite Bühne verlegt wurden.

Zum Glück beruhigte sich das Wetter notdürftig vor dem Auftritt der frischgebackenen niederländischen Sensation Dool, zu der unter anderem die ehemalige The Devil’s Blood-Rhythmussektion Micha Haring (Schlagzeug) und Job van de Zande (Bass) sowie Gold-Gitarrist Nick Polak gehört, angeführt von der charismatischen Sängerin und Gitarristin Ryanne von Dorst. Dool führen gewissermaßen logisch die Geschichte von The Devil’s Blood fort, die nach dem Selbstmord von Mastermind Selim Lemouchi auseinanderbrachen, vermischen in ihrer Musik aber vielleicht noch geschickter die Einflüsse von Hard Rock, Heavy Metal, Pop und Psychedelik, alles zusammen geschickt in die nihilistische Atmosphäre des Black Metal eingepackt. So eine teuflisch gute Energie wie Dool auf der Bühne ablieferten, habe ich schon lange nicht mehr gesehen, und Ryanne ist mit ihrem »au naturelle« androgynen Look (das Mädel mag eben keine Rasur – Scheiß drauf) wirklich eine hervorragende Frontfrau und Sängerin. Dool spielten den Großteil ihres Debüts Here Now, There Then, leider aber öffnete sich der Himmel genau mitten in ihrem Set, während des kathartischen Oweynagat, wieder apokalyptisch und durchnässte das Publikum vor der Bühne gründlich. Die reinigende Natur des Wassers verlieh dem Ganzen aber noch mehr Gewicht.

Die zweite Bühne eroberten anschließend die griechischen Thrash-Metal-Revivalisten Suicidal Angels aus dem nicht minder griechischen Athen. Die Band veröffentlichte im vergangenen Jahr ihr aktuelles Studioalbum »Division of Blood« und richtete dementsprechend auch das Repertoire aus, in dem der Schwerpunkt auf neuen Songs lag. Bei Suicidal Angels wird nicht um den heißen Brei herumgeredet. Du bekommst genau das, was du siehst. Und über die Jahre weichen sie kaum von ihrer eingeschlagenen musikalischen Richtung ab. In ihren Kompositionen ist der Einfluss der Thrash-Metal-Titanen Slayer deutlich zu spüren. Und die Band knallte gleich mit drei Songs vom Album »Division of Blood« raus, die sie nacheinander spielten.  Gleich zu Beginn auf ihre Art. Vernichtend und kompromisslos. »Suizidal.« Capitals Of War, Division of Blood und Image of the Serpent rollten einer nach dem anderen, während das Publikum schnell jede Menge Sympathien für die Aggressivität und das Feuerspucken fand, das von der Bühne kam, und so eine außerordentliche chemische Interaktion  mit der ohnehin schon wild entfesselten Band schuf. Das Einzige, was bei Suicidal Angels stört, ist der holprige Umgang mit der englischen Sprache und eine phasenweise chronische Dosis an Generizität, die hin und wieder aus ihren Gitarrenphrasen weht. Die Band präsentierte auf der Bühne auch ihren neuen Gitarristen Gus Drax, der im vergangenen Jahr Chris Tsitsis ersetzte. Suicidal Angels sind im Übrigen eine äußerst gut eingespielte Band. Es ist mehr als offensichtlich, dass sie regelmäßig auf Bühnen in Europa und der ganzen Welt auftreten. Wenn sie nicht in ein Tourpaket mit mehreren Bands eingebunden sind, tauchen sie regelmäßig auf europäischen Sommerfestivals auf. Ein vollgepackter Terminkalender der Schwerarbeiter des griechischen Thrash-Metal-Revivals also. Die Band schmiss in vierzig Minuten »Spaß«  noch Beggar of Scorn, Bleeding Holocaust, Reborn in Violence, Bloodbath, Mooshing Crew sowie Apokathilosis raus.

Die kultigen amerikanischen Black- bzw. wie sie sich selbst nennen »mythological occult«-Metaller Absu waren der slowenischen Szene gegenüber noch etwas schuldig geblieben. Vor gut einem halben Jahr hatten sie nämlich, nicht durch eigene Schuld, in Šiška gerade mal eine halbe Stunde ganz am Ende eines ohnehin schon langen Abends gespielt. Vermutlich auch deshalb gaben sie diesmal wirklich alles. Der legendäre Proscriptor McGovern drosch wieder an den Trommeln wie Animal aus den Muppets und dabei knurrte und schrie er wie ein toller Fuchs. Noch viel besser wird das Ganze, wenn Proscriptor das Schlagzeug dem Roadie überlässt und der Drummer sich in einen Frontmann verwandelt, gehüllt in einen roten Umhang mit Pelzkragen, und dabei – zwischen dem bereits erwähnten Knurren natürlich – die coolsten Tanzmoves, Gesten und Grimassen im Black Metal aufs Parkett legt, denen vielleicht nur noch Abbath das Wasser reichen kann. Das texanische Trio agiert auf der Bühne wie eine gut geölte Maschine, und ich hoffe, dass ihre erneute Konzertaktivierung bedeutet, dass das bereits sechs Jahre alte Album Abzu bald einen Nachfolger bekommt.

Aufgrund des durcheinander gewürfelten Programms wurden nach Absu noch Loudness eingeschoben, aber ich entschied mich, mir lieber Iced Earth in voller Länge anzuschauen, echte Veteranen des Tolminer Festivals. Die legendären Amerikaner betraten die Bühne mit akademischer Verspätung und begrüßten das Publikum mit einer Neuheit vom gerade erschienenen Studioalbum Incorruptible, der Ode an die Wikingehorden Great Heathen Army, die live besser funktionierte als auf dem Album. Leider war aber der Sound von der ersten bis zur letzten Nummer katastrophal, was wohl auf technische Probleme mit dem Equipment aufgrund der Regenmassen zurückzuführen ist. Der Sound verbesserte sich von Song zu Song zwar, war aber entschieden zu leise, und auch einzelne Instrumente waren zeitweise schlecht abgemischt. Iced Earth ließen sich davon kaum beirren und servierten mit einer außergewöhnlichen Setlist eigentlich eine der schöneren Überraschungen des Festivals. Sie schütteten nämlich einen Haufen unerwarteter Klassiker raus, angefangen mit Burning Times, fast die Hälfte des Kultalbums The Dark Saga (Dark Saga, I Died For You, Vengeance Is Mine und das abschließende Epic The Hunter) und kehrten mit dem grandiosen Pure Evil sogar noch zurück zu Night of the Stormrider. Die ganze Zeit über begeisterte, trotz des schlechten Sounds, mit hervorragender Stimmform der außergewöhnliche Stu Block, Schaffers rechte Hand war wie immer verlässlich, Jake Dreyer lieferte die Soli äußerst souverän ab (schaut euch seine Stammband Witherfall an!), und hinter den Drums war es nach längerer Zeit wieder wunderbar, Brent Smedley zu sehen. Die Knie wurden wieder schwach beim immer wundervollen Watching Over Me, und die Band verabschiedete sich mit dem unvergesslichen The Hunter. Der einzige Schwachpunkt des Iced-Earth-Auftritts neben dem schlechten Sound? Leider ein um rund fünfzehn Minuten gekürztes Set.

Die Legenden des japanischen Hard Rock Loudness hätten kurz nach fünf Uhr nachmittags auf der Hauptbühne spielen sollen. Aber aufgrund des schlimmen Unwetters wurden sie auf die zweite Bühne verlegt, und die verbleibende Zeit auf der Hauptbühne nutzten sie, um alles für den Auftritt von Iced Earth bis ins letzte Detail vorzubereiten. Der Auftritt von Loudness verschob sich so auf halb zehn abends, und der Auftritt überschnitt sich folglich mit dem Auftritt von Iced Earth. Verdammt nochmal. Diesmal musste man zwei Drittel des Auftritts der hervorragenden amerikanischen Heavy-Metaller opfern, da es fraglich ist, ob wir Loudness jemals wieder irgendwo in Europa zu sehen bekommen, geschweige denn auf slowenischen Bühnen. Also galt der Auftritt von Loudness als eine der erstklassigen Attraktionen der diesjährigen Ausgabe des Tolminer Metaldays-Festivals, also etwas, das man auf gar keinen Fall verpassen durfte. Generell nicht, wenn du auf Old-School stehst. Trotz der anfänglichen Probleme, als beim Gitarristen Akira Takasaki das Klinkenkabel an der Gitarre den Geist aufgab, fand die Band trotzdem zusammen und startete fünf Minuten später ins Konzert. In Loudness sind heute drei Originalmitglieder, die seit der Bandgründung 1981 zusammen sind. Neben dem außergewöhnlichen Gitarrenvirtuosen Akira Takasaki sind das Sänger Minoru Niihara und Bassist Masayoshi Yamashita, während das Schlagzeug Masayuki Suzuki spielt, der 2009 den in der Besetzung verstorbenen (und ursprünglichen Schlagzeuger) Munetaka Higuchi ersetzte. Von gelegentlich zu lauter Gitarre abgesehen lässt sich der Auftritt der Band mit dem Wort „hervorragend“ beschreiben. Zwar verfügt Minoru nicht mehr über die gleiche Explosivität im Gesang wie einst – trotzdem. Mit seinem spezifischen Gesangsansatz, bei dem man in Kauf nehmen muss, dass oft nicht ganz klar ist, was Minoru auf Englisch eigentlich singt (aber das ist bei allen japanischen Bands ein Problem, wenn sie sich an englische Texte wagen), hielt sich der Mann mehr als souverän durch die gesamte Setlänge. Die Band startete erwartungsgemäß mit dem Klassiker Crazy Nights vom Kultalbum »Thunder in the East« und blieb bei diesem Album noch für die nächsten zwei Songs und reihte so eingangs noch Like Hell sowie Heavy Chains an. Loudness veröffentlichten ihr letztes Studioalbum vor drei Jahren. Betitelt als »The Sun Will Rise Again«, ist es insgesamt bereits das 26. Studioalbum in ihrer langjährigen Karriere. Von diesem Album präsentierten sie in der zweiten Konzerthälfte den Titeltrack mit einem äußerst eingängigen und zündenden Refrain. Loudness strahlten während des Konzerts heitere Stimmung aus und wurden von einer ordentlichen Portion Publikumsunterstützung begleitet, dabei bedankten sie sich in ihrer ganzen (schon fast sprichwörtlichen japanischen) Bescheidenheit und Höflichkeit überschwänglich bei der Menge, die sie während des Auftritts anfeuerte. Takasaki bleibt ein Meister ohnegleichen. Ein außergewöhnlicher Virtuose. Unglaubliche Technik, ultrasonische Geschwindigkeit, ein echter kleiner japanischer Malmsteen, strotzend vor gitarristischem Neoklassizismus. Gitarrenspiel, das einem den Atem verschlägt. Und die Musik verdankt ihre Inspiration natürlich Rainbow. Die Band schloss das Konzert erwartungsgemäß mit dem »Hurricane«-Klassiker S.D.I. ab und reihte noch die Songs In the Mirror, Rock Shock sowie Crazy Doctor an. Der Auftritt war intensiv, voller Emotionen. Legenden des japanischen Hard Rock sieht man nicht jeden Tag! Bombe, Unwetter, Blitz und noch mehr! Aus dem Osten also. Hoffen wir, dass wir ihnen durch irgendein Wunder noch einmal begegnen.

Die Rolle des Headliners auf der Hauptbühne am ersten Festivaltag fiel dem Sinnbild musikalischer Exzentrizität und Schockprovokation zu. Marilyn Manson ist ein Mann, der im Laufe der Jahre eine außergewöhnliche Mischung aus unverwechselbarer und einzigartiger Artkultur entwickelt hat. Eine einzigartige Mischung aus Alternative Rock und Alternative Metal, in der zwingend Industrial-Einflüsse ihren Platz finden, mit Schminke, Theater und düsterem Gehabe, in das sich Elemente des »schwarzen«, wenn nicht gar »gotischen« Glams einfügen. Exzellent »verzerrter« Rock’n’Roll voller verdorbener künstlerischer Abweichungen, tief und fett gestimmter Gitarrenphrasen, verstärkt durch zusätzliches Sub-Rhythmus-Sampling, das eine hypnotische Benommenheit erzeugt, in der das Publikum in der Regel wie im Scherz dem charismatischen monstruösen Manson in die Hände fällt. Nun, all das, was Brian Hugh Warner mit seiner Crew beim Tolminer Metaldays-Festival hätte liefern sollen, wurde diesmal nicht so realisiert, wie man es von einer solchen musikalischen Institution erwarten (und fordern) kann. Die Band, die gerade ihr neues und insgesamt fünfzehntes Studioalbum mit dem Titel »Heaven Upside Down« veröffentlichte, präsentierte sich in Tolmin in der Form eines Sextetts. Manson wird in der Konzertbesetzung vom »ewigen« Twiggy Ramirez begleitet, der für die neue Ära der Band von der Gitarre zum Bass gewechselt ist, sowie den Neuzugängen an den Gitarren Paul Wiley und Tyler Bates, Keyboarder Daniel Fox und Schlagzeuger Gil Sharone.

Mögen Marilyn Manson auch als der absolute künstlerische Sonderling des Programms der diesjährigen Metaldays gegolten haben und sich stilistisch meilenweit von dem entfernen, weshalb die große Mehrheit der Besucher zu diesem Festival kommt – trotz der lauen Reaktion des ansonsten zahlreichen Publikums, das das Konzert verfolgte, hätte sich die Band nicht so sternenhaft, arrogant und überheblich verhalten müssen. Das Konzert nämlich war nach gut einer Stunde zu Ende. Manson gab sich eine Weile milde Mühe, mit seinen typischen Tricks das Publikum aufzurütteln und aufzuwecken, aber vergeblich. Die Reaktion war wirklich verhalten, obwohl das Publikum sichtlich Spaß hatte. Marilyn Manson spürten diese Lauheit schnell und begannen, sich äußerst förmlich zu verhalten. Gerade so viel, wie nötig ist, um ein weiteres Konzert und ein paar raschelnde Geldscheine »einzustreichen«. Mit den Regungen blanker professioneller Routine. Die Bühnenausstattung brachte einen riesigen Thron auf die Bühne, auf dem Manson herrschaftlich herumkletterte und sich bewegte, dazu blieb das erneute »Abrechnen« mit dem Mikrofonständer nicht aus. Der Auftritt als Ganzes war nicht das, was wir von Manson erwartet hatten. Der »Star« kürzte ihn also. Nachdem er den regulären Teil mit dem obligatorischen Eurythmics-Cover Sweet Dreams abgeschlossen hatte, kam er für eine Zugabe in einem roten Outfit zurück – und das nur für einen einzigen Song: The Beautiful People. Nach dessen Ende verließ er wortlos und in aller Eile die Bühne. Das tat er so unvermittelt, dass er sogar seine Bühnenkollegen verwirrte, die noch ein paar Augenblicke reglos auf der Bühne standen, bevor sie tatsächlich begriffen, dass ihr Anführer sich dauerhaft in die Kulissen verabschiedet hatte. Über die Korrektheit und Souveränität einer solchen Pose gegenüber den Besuchern wollen wir uns hier nicht auslassen, aber der Mann kann sich solche Dinge offenbar leisten. Ein Konzert, das schnell in Vergessenheit geraten wird, und ein Auftritt, der zu den größten Enttäuschungen des gesamten Festivals gehörte. Es ist klar, dass Marilyn Manson mehr und Besseres liefern können. Aber man wird auf den Herbstteil der Tour warten müssen, im Rahmen dessen sie auch Wien besuchen. Mehr Spaß und Glück also ein anderes Mal. Bei all dem bleibt Marilyn Manson, der nach Rehabilitation und Reinigung eine beträchtliche Menge an Übergewicht zugelegt hat, ein äußerst besonderer, markanter und charismatischer Künstler, der mit seinem Genie und seiner Visionskraft weiterhin exzellente musikalische Provokation liefert.

Für den wahrhaftigen und unbestrittenen Höhepunkt des ersten Tages sorgten die mysteriösen polnischen Black-Metaller Batushka, was die Tatsache bestätigt, dass sie vor einem voll besetzten Auditorium der zweiten Bühne auftraten. Angeblich sollen sich den polnischen Liturgikern sage und schreibe sechstausend Menschen angeschaut haben. Doch trotz der geheimnisvollen Gewänder, der Anonymität der Bandmitglieder (Gerüchten zufolge sollen in der Band Mitglieder polnischer Bands wie Hate, Mgla und Behemoth spielen) und der scheinbaren Unvereinbarkeit orthodoxer Ikonographie mit Black Metal überzeugten Batushka bereits diesen Januar in der Cvetličarna, wo sie bewiesen, dass sie mehr als nur eine »Gimmick«-Band sind. Diesmal bestätigten sie das erneut, denn die Kraft ihres Black Metal, durchwoben mit orthodoxen Gesängen, kam unter freiem Himmel noch stärker zur Geltung. Batushka zugute kam auch der hervorragende Sound – vor allem der Gitarrensound war einfach zum Ablecken. Wenn ich mich nicht irre, spielte die Band auch etwas neues Material, das auf dem kommenden Studioalbum seinen Platz finden wird, ansonsten servierten sie wieder den Großteil ihres Debüts Litourgiya, und die orthodoxen Black-Metal-Gesänge hallten noch lange in der Nacht in den Ohren des zahlreichen Publikums nach.

Wer von der energetischen Knauserigkeit von Mansons diesmaliger Show erschöpft war und auch der Auftritt von Batushka ihn noch nicht vollständig befriedigt hatte, musste sich unbedingt die Old-School-NWOBHM-Klangterroristen Venom Inc gönnen. Ja. Das sind Venom »mit Fehler« im Namen – und doch Venom. Denn zu diesem Zeitpunkt existieren zwei Bands namens Venom, in beiden befinden sich Gründungs- und Originalmitglieder der Band, die auch Co-Autoren der Kultstücke dieser Band sind. Während Venom von Conrad Lant alias Kronos angeführt wird, nennt sich die andere Venom-Band Venom Inc, und in deren Reihen befinden sich von den ursprünglichen Venom-Mitgliedern Gitarrist Jeff Dunn alias Mantas und Schlagzeuger Anthony Bray alias Abaddon. Der dritte »Sünder« dieser Crew ist genau derjenige, der 1989 Kronos für drei Alben der Band Venom als Bassist und Sänger ersetzte. Das ist Tony Dolan alias The Demolition Man. Und dieses Trio lieferte wirklich eine bravouröse und grandiose abschließende Konzertköstlichkeit des ersten Festivaltages. Von der ersten bis zur letzten Sekunde dreschten sie Klassiker nach Klassiker der Venom-Besetzung. Dolan bleibt ein exzellentes Kronos-Äquivalent. Was seine Bühnenbewegungen, Gesten, Gesichtsgrimassen beim Konzert betrifft – einschließlich des ständigen Zunge-rausstrecken –, bis hin zur natürlich unglaublichen stimmlichen Annäherung an Kronos, voller Kehligkeit, und nicht zuletzt der hervorragenden Bewaffnung mit echtem schwarzen Humor, wie man ihn nur auf den britischen Inseln antrifft. Das Trio war auch in Old-School-Bühnenoutfit gekleidet, und der Auftritt schoss das Gelände buchstäblich zurück in die frühen Achtzigerjahre, als Metal noch ein junges Kind des musikalischen Universums war. Echter geht’s kaum noch.

Natürlich servierten die Jungs Klassiker nach Klassiker der ersten beiden Alben Black Metal (Leave Me in Hell, Black Metal, Don’t Burn The Witch, Buried Alive, Countless Bathory) und Welcome To Hell (Sons Of Satan, Live Like an Angel (Die Like a Devil), In League With Satan, Witching Hour), dazu kamen noch einige andere Leckerbissen, darunter das eröffnende Rip Ride vom dritten Album »At War With Satan« sowie die verlorenen Klassiker aus der Schaffensperiode des besagten Albums – nämlich Warhead und Seven Gates Of Hell –, und beide Seiten der 1982 veröffentlichten Single »Bloodlust« (Bloodlust, In Nomine Satanas). Die Band, die am 11.08.2017 ihr Studioalbum mit dem Titel »Ave« veröffentlichen wird, präsentierte so auch einen brandneuen Song: Ave Satanas. Der Pakt mit dem Teufel hält also, und an diesem Bluts- und Bruderbund haftet kein Fleckchen Altersrost oder Schimmel. Das Trio entfaltet tödliche Bühnengiftigkeit. Hervorragender Old-School-Sound. Brillante Kommunikation. Enge Zusammenarbeit des Publikums mit dem Trio. Bis zur letzten Sekunde des Auftritts. Das Publikum rief die Band sage und schreibe dreimal auf die Bühne zurück, und die Nacht wirkte, als würde sie niemals enden. Einen schöneren Abschluss des ersten Tages des Metaldays-Festivals 2017 hätte man sich kaum wünschen können. Überhaupt die Hüter der traditionellen Errungenschaften des Old-School-Metal-Handwerks, das im Hinblick auf das Oeuvre der Band Venom heute schlicht Kultstatus hat. Es lebe die Hölle und Satan! 

Nina Grad (Foto): For I Am King, Evil Invaders, Sanctuary, Macabre, Katatonia, Amon Amarth, Mgla
Rok Klemše
: Hellcrawler, The Crawling, Dool, Absu, Batushka, Iced Earth
Klemen Udovč (Foto): Avven, Vasectomy
Aleš Podbrežnik: Na Cruithne, Suicidal Angels, Loudness, Marilyn Manson, Venom Inc.

Setlist

ICED EARTH:
1. Great Heathen Army
2. Burning Times
3. Pure Evil
4. Vengeance Is Mine
5. Seven Headed Whore
6. I Died For You
7. Dark Saga
8. Slave to the Dark
9. My Own Savior
10. Dystopia
11. Watching Over Me
12. The Hunter

MARILYN MANSON:
1. Revelation #12
2. This is the New Shit
3. mOBSCENE
4. The Dope Show
5. Great Big White World
6. No Reflection
7. Sweet Dreams
8. Disposable Teens
9. We Know Where You Fucking Live
10. The Beautiful People
11. Coma White

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