Versilbert: Gotthard entfachen Wien zu ihrem 25-jährigen Jubiläum (2017)

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Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Wien / Gasometer / Österreich
Konzertdatum: 06.03.2017
Besucherzahl: 2500
Kartenpreis: 36,00€ (im Vorverkauf) / 39,00€ (an der Tageskasse)

Nach gut zwei Jahren sind die einen und einzigen Schweizer Hard-Rocker Gotthard wieder ins Wiener Gasometer zurückgekehrt. Der bekannteste und erfolgreichste Hard-Rock-Exportartikel aus der Schweiz hat sich auf eine neue, umfangreiche Europatournee begeben, um ihr  neues Studioalbum zu promoten, dem Gotthard den bedeutungsvollen Titel »Silver« gegeben haben. In diesem Jahr jährt sich nämlich die Gründung der Band im Schweizer Lugano zum fünfundzwanzigsten Mal. Für diese Tournee haben Gotthard außerdem dafür gesorgt, dass sich ihnen als Special Guests ein weiterer klangvoller Name der europäischen Hard-Rock-Szene anschließt. Die Dänen Pretty Maids. Auch diese haben kürzlich ein neues Studioalbum veröffentlicht. Die beiden Bands kennen sich schon seit ewigen Zeiten, wobei die zehn Jahre älteren Pretty Maids für die Mitglieder von Gotthard am Anfang natürlich Vorbilder waren. Kurzum: Für den slowenischen Fan erstklassigen Hard Rocks der klassischen Schule schien ein Besuch in Wien schlicht eine absolute Pflicht. Obwohl das Gasometer um acht Uhr abends, als Pretty Maids als Special Guests die Bühne betraten, noch keinen Massenandrang ankündigte, waren darin jede Menge Besucher aus Ungarn, Tschechien und der Slowakei zu erkennen. Ich kann auch die Anwesenheit von drei Slowenen bestätigen sowie das erneute Treffen mit unseren Kollegen aus Zagreb, die solche Konzerte quer durch Europa regelmäßig besuchen.

Pretty Maids sind, verglichen mit dem vollständigen Club-Erlebnis eine Woche zuvor in Vrba in Kärnten, als sie am 28.02.2017 im Bluesiana Rock Cafe auftraten, diesmal auf die weitläufige Bühne des Wiener Gasometer getreten, die allerdings in der Tiefe etwas schmaler war, da auf ihr bereits das Schlagzeug auf dem Podest und die Bühnenkulissen für den Auftritt von Gotthard aufgebaut waren. Wie erwartet lieferten die erfahrenen und unglaublich selbstbewussten Dänen, in deren Team die Ikonen Ronnie Atkins am Gesang und Ken Hammer an der Gitarre herausragen, eine einstündige Show, kombiniert mit Nummern aus dem aktuellen Album »Kingmaker«, und im Repertoire vergaßen sie nicht, auch einige neuere Nummern ihrer Karriere einzumischen, die beim Publikum sehr gut ankamen – ich ziele hier vor allem auf die Single Little Drops of Heaven sowie die »Pandemonium«-Nummer mit dem ungemein eingängigen Refrain I.N.V.U. ab. Den Auftritt führten sie mit einer Reihe unverzichtbarer Klassiker aus der älteren Ära ihres Schaffens zu Ende (Back To Back, Red, Hot And Heavy, Love Games, Future World). Obwohl das Publikum in der Halle noch zuzog, hatten sich die vorderen Reihen ordentlich gefüllt, und das Publikum zeigte auch, dass Pretty Maids an diesem Abend großartige Unterstützung genossen, da die Leute zumindest die Refrains der meisten Stücke mitsingen konnten. Kim Olesen, der zusätzliche Tourgitarrist und Keyboarder, wird immer stärker integriert. Sein Auftritt wirkte noch selbstbewusster und souveräner als beim Konzert in der Bluesiana, und die Band erlaubt ihm auch auf der Bühne eine gleichwertige Position, sodass der Mann während des Konzerts richtig aufdrehen konnte. Kurzum. Der charismatische Ronnie musste, wie erwartet, die Gesangslinien etwas anpassen, da er die höchsten Töne nicht mehr effektiv erreicht; Kenneth glänzte erneut mit seiner Präzision und seiner erstklassigen Gitarren-Performance. Die legendären Riffs der kultigen dänischen Rock’n’Roll-Band leuchteten so einmal mehr mit voller Intensität auf. Ein ausgezeichnetes Warm-up von großer stilistischer Kompatibilität also!

Es folgen knapp zwei Stunden mit Gotthard! Mindestens zweitausend Menschen in der Halle. Nicht so überfüllt wie vor zwei Jahren, als man im Gasometer kaum atmen konnte, aber trotzdem ein ordentlicher Empfang. Gotthard strahlten außerordentliche Heiterkeit und gute Laune aus. Alles stimmte. Von Anfang bis Ende des Konzerts. Sound ausgezeichnet, die Performance nicht weniger. Eine unglaublich eingespielte und erfahrene Crew mit enormer Kilometerzahl auf dem Buckel! So hat die Band die große Bühne der Halle souverän beherrscht. Keinen Moment ließen sie das Publikum langweilen oder in Gleichgültigkeit verfallen. In ihren Ansprachen kombinierten sie Deutsch mit Englisch, und wenn sich Leo Leoni gelegentlich zu Wort meldete, antwortete ihm das Publikum einfach auf Italienisch.

Ein Gotthard-Konzert ist wie ein ungeschriebenes märchenhaftes Rock’n’Roll-Abenteuer. Im klassischen, das heißt altschulischen Sinne des Wortes. Die Band sorgt für alles. Sie reißt das Publikum im Nu hoch und hält es stramm bis zum letzten abgefeuerten Ton des Konzerts! Das Publikum unglaublich mitgerissen. Man spürte den Fanatismus der Ungarn und Tschechen, die Gotthard auf dieser Tournee schon mindestens zum zweiten Mal sehen, und das großartige Mitsingen der Melodien. Nick Maeder ausgezeichnet am Gesang, in Momenten dem Vokalformat des verstorbenen und unvergesslichen Steve Lee auf eine Handbreit nahe, dem Leo Leoni die akustische Version des Songs Heaven widmete mit den Worten:  »Das ist ein Lied für jemanden, der nicht mehr unter uns ist, der sich aber wünscht, dass wir es ihm heute Abend spielen!« Maeder lieferte eine hervorragende Gesangsdarbietung, bei der er also nicht zwingend an seinen großen Vorgänger erinnert, ihn aber mit spielerischer Leichtigkeit imitiert. Und das jederzeit.    

Da Gotthard in diesem Jahr fünfundzwanzig Jahre alt werden, spielten sie nicht nur Songs aus dem »silbernen« neuen Album, sondern haben das Repertoire eigens so angepasst, dass vor allem ältere Songs darin Platz fanden. Dabei überraschten sie zum Beispiel mit der Aufnahme des Songs Standing in the Light, den sie schon lange nicht mehr live gespielt hatten. Das Konzert eröffnete erwartungsgemäß. Mit Material aus dem Album »Silver«, schnell goss die »zur Volkshymne avancierte« Hush Öl ins Feuer, kurz danach – beziehungsweise nach der Darbietung des hervorragenden neuen Stay With Me – nicht minder Mountain Mama. Hier folgte erneut das obligatorische Akustik-Set mit vier künstlerisch besonders starken Momenten der Gotthard-Karriere (One Life One Soul, Let It Be, Angel, Heaven), bei dem sichtlich vor allem die Vertreterinnen des zarten Geschlechts genossen, die auch den meisten Gegenlärm produzierten. Gotthard-Konzerte werden also zu einem großen Teil von Frauen besucht – Mädchen wie Damen gleichermaßen –, daher muss sich die Band um ihre große Beliebtheit auf den europäischen Bühnen nie sorgen.

Ganz einfach. Wenn schon nicht Whitesnake, Bon Jovi oder Scorpions – den passenden Ersatz für feuchte Träume liefern natürlich Gotthard. Immer, und auch in Wien war es wieder nicht anders. Die Band hatte für den heißen Abschluss des Konzerts drei »Lipservice«-Stampfer aufgespart, bei denen der gesamte unterirdische Teil des Gasometer ordentlich bebte und sicher auch die Decken dieses berühmten Mehrzweckzentrums ins Schwingen gerieten. Gotthard bleiben die großen Meister ihres Fachs und des Rock’n’Roll-Handwerks. Kein Scherz, kein Energiesparen. Die außergewöhnliche Form und die unglaubliche Kameradschaft der zähen, verbissenen Schweizer Hard-Rock-Gurus ist mit einem Wort nicht nur edel, sondern schlichtweg bezaubernd! 

Noch das. Auf der aktuellen Europatournee von Gotthard ersetzt den Stammspieler Heno Habegger am Schlagzeug der reguläre Helloween-Drummer Dani Löble, der ebenfalls Schweizer Staatsbürger ist. 

Setlist

GOTTHARD:
1. Silver River
2. Electrified
3. Hush (orig. Joe South)
4. Stay With Me
5. Mountain Mama
6. Remember It’s Me
7. Feel What I Feel
8. (bass intro) Sister Moon
9. What You Get
10. One Life, One Soul (acoustic)
11. Let It Be (acoustic)
12. Angel (acoustic)
13. Heaven (acoustic)
14. Miss Me
15. Firedance
16. Top Of The World
17. drum solo
18. Lift U Up
—Zugabe—
19. Standing In The Light
20. Come Together (orig. The Beatles)
21. All We Are
22. Anytime Anywhere

PRETTY MAIDS:
1. Mother of All Lies
2. Kingmaker
3. Face the World
4. Rodeo
5. I.N.V.U.
6. Bull’s Eye
7. Little Drops of Heaven
8. Back to Back
9. Red, Hot And Heavy
10. Love Games
11. Future World

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