Der legendäre kanadische Amboss hat wieder gescheppert (2016)

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Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: San Dona Di Piave / Revolver klub / Italien
Konzertdatum: 19.11.2016
Besucherzahl: 250
Eintrittspreis: 15,00€

Es lohnt sich immer, der legendären kanadischen Band Anvil Aufmerksamkeit zu schenken – erst recht, wenn sie auf ihren Konzert-Epen zur richtigen Zeit am richtigen Ort haltmacht, natürlich nah genug an Slowenien. Die ewigen Grobiane im durchdringend scheppernden Format huronischen Speed Metals und Rock’n’Roll-Dreckigkeit haben nach der Veröffentlichung ihres insgesamt sechzehnten Albums »Anvil is Anvil« wieder konzertmäßig Europa in Beschlag genommen. In der ersten Jahreshälfte eröffneten sie die Konzerte für die berüchtigten Dirkschneider, und durch den November dieses Jahres machten sie sich auf den zweiten Teil der Europatournee, auf der sie als Headliner auftreten. Als Special Guests wurden Rezet auf die Tour eingeladen – Thrash-Metal-Revivalisten aus dem deutschen Schleswig (also aus dem Bundesland Schleswig-Holstein, das ganz im Norden liegt, fast schon bei Dänemark) –, die diese Gelegenheit nutzen, um ihr drittes Longplay-Werk »Reality Is A Lie« zu promoten.

Da der New Age klub im Ort Roncade bei Treviso schon seit einer Weile keine solchen Konzerte mehr anbietet wie früher, ist sein passendes Pendant das Programm des Revolver klubs, der nicht weit entfernt liegt – nämlich in San Dona Di Piave, beziehungsweise in dessen Industriegebiet. Das ist zum Beispiel von Ljubljana aus problemlos erreichbar, denn die Spielstätte ist gerade mal 190 km von der slowenischen Hauptstadt entfernt. Der Revolver klub ist ein äußerst sympathischer Veranstaltungsort – davon haben wir uns bereits am 24.10.2016 überzeugt, als hier Stu Hamm Band aufgetreten ist. Er bietet hervorragende Akustik, hervorragende logistische Ausstattung, hervorragende und abwechslungsreiche Bühnenbeleuchtung, die die Konzertauftritte der Bands begleitet. Das Bier bleibt aber teuer – wie überall in Norditalien. Wenn du ein großes bestellst, bekommst du für stolze 4,00€ in einem Plastikbecher lächerliche 4 dl Hopfengebräu, und die Kellnerin wird dich dabei obligatorisch fragen, ob du »birra rossa« oder »birra bionda« möchtest.

Beim italienischen Teil dieser Tournee traten auch  die italienischen Symphonic-Power-Metaller aus dem venezianischen Ort Cazzago di Pianiga namens Teodasia bei fünf Konzerten auf. Die Band veröffentlichte im Oktober dieses Jahres ihr drittes Studioalbum »Metamorphosis«. Der Titel kommt wie gerufen, denn die Band hat kürzlich eine Besetzungsveränderung durchgemacht und agiert seit 2015 mit männlichem Gesang, den Giacomo Voli übernommen hat. Den Kern der Besatzung bilden außerdem Gitarrist Alberto Melinato, Bassist Nicola Falsone und Gründungsmitglied sowie Keyboarder Francesco Gozzo. Für die Konzerte gesellten sich zum Quartett auf der Bühne Schlagzeuger Jacopo Tini sowie Backing-Vokalistin Chiara Tricarico von Temperance. Die Band passt zwar nicht in den genrekompatiblen Rahmen für Konzertabende mit Anvil und Rezet, präsentierte sich aber auf der Bühne als äußerst engagierte und geschliffene Festung eines ausgefeilten Auftritts, der nach Perfektionismus strebt. Klang hervorragend – mit Ausnahme der etwas zu leisen Gitarre (genauer gesagt der Gitarren-Soli), denen die Keyboards den Raum wegnahmen. Giacomo Voli präsentierte sich als äußerst charismatische Figur mit einem explosiv-operettenhaften Gesang – kein Wunder also, dass Rhapsody of Fire ihn unlängst in ihre Reihen aufgenommen haben, wo er den renommierten Fabio Lione ersetzte. Ausgefeiltes, aktives und dynamisches Spiel. Den Jungs und dem Mädel kann man wirklich nichts vorwerfen. Professionell und souverän. Auch auf der kommunikativen Ebene schaffte es Giacomo, dass ein Häuflein Zuschauer während des Auftritts der Band ganz bis zur Bühne vorgerückt ist und fröhlich die Mähnen geschwungen hat. Zwar ein generischer und vorhersehbarer Ansatz beim Songwriting, aber in der Ausführung herzlich und fokussiert. Mit dem obligatorischen Kitsch-Theater. Eine Band, die sich echte Liebhaber des Symphonic Power Metal natürlich ansehen müssen.

Aus einem ganz anderen Holz geschnitzt, hüllten die Deutschen Rezet den Veranstaltungsort im Anschluss für gut vierzig Minuten in einen erstklassigen Metal-Rausch, angetrieben von einem ungemein reizvollen Revivalismus der alten Speed- und Thrash-Metal-Schule – dem rechtgläubigen Erben der reichen teutonischen Erbschaft. Mit möglichen Parallelen zu Destruction, aber auch musikalisch versöhnlicheren Ausreißern in dieser Sphäre wie etwa Paradox oder Vendetta, wobei man in den Riffs und der Ausführung unweigerlich die Einflüsse der ersten beiden Alben der mächtigen Metallica heraushört, sind Rezet eine hervorragend geschliffene und geölte Maschine. Ein genau richtig nerviger, stechender, scharfer, eher »griesgrämiger« Gesang, brillantes Zusammenspiel beider Gitarristen mit haarspaltend präziser Ausführung der Soli, straffe und präzise ausgerichtete Kinetik der Rhythmussektion. Die Band setzte ihrer Darbietung das i-Tüpfelchen auf mit dem besonderen Highlight des Abends, das allen verstorbenen Mitgliedern von Motörhead (Lemmy, Philty Animal und Würzel) gewidmet war, als sie sich an die Ausführung von No Class machten. Unnachgiebig, gezackt, ungezähmt, mit dem unglaublichen Feuer jugendlichen Eifers. Rebellischer Zorn. Voller schmutziger Hexerei. Eine Band, die, sofern sie diese Begeisterung und Bühnenpräsenz beibehält, auf der europäischen und auch globalen Metal-Szene ganz sicher noch weit nach oben klettern wird. Ein erstklassig aufgeladener Auftakt für den Anvil-Auftritt also.

Anvil, die kultische kanadische Band, die seit 1978 den Planeten unsicher macht, braucht keine Beweise zu erbringen. Der Name spricht für sich. Die Band vollzog in diesem Jahr einen Besetzungswechsel, sodass sie wieder »rein kanadisch« wurde. Der berühmte Anführer Steve Kudlow, der allseits bekannte Speed-Metal-Hofnarr »Lips«, und Schlagzeuger Robb »Robbo« Reiner haben als ursprüngliche Anvil-Mitglieder den langjährigen Studio-Mitarbeiter und Techniker Chris Robertson als festen Bassisten in ihre Reihen integriert, und die Band veröffentlichte in dieser Besetzung das neue Studioalbum »Anvil is Anvil«. Hand aufs Herz – kein gerade glänzender Höhepunkt ihrer Karriere; Anvil hat  in der Vergangenheit schon weitaus Besseres abgeliefert –, aber zum Glück deutet das nicht darauf hin, dass die Band konzertmäßig irgendwie träger geworden wäre. Auch was die reine Ausführung betrifft!

So nahm Lips bereits beim einleitenden Instrumental-Jam March of the Crabs ordentlich Anlauf auf der Bühne, sauste plötzlich im schnellen Schritt herunter und mischte sich direkt unters Publikum, wo er in Gesellschaft von 250 Köpfen zunächst tüchtig die Finger streckte und sie auf die richtige Betriebstemperatur einspielte. Die Party hatte also begonnen, Lips kletterte wieder auf die Bühne und ans Mikrofon, und die Band blieb beim Material des kultigen »Metal On Metal« und legte weiter los mit »666«, wo Lips statt »Six, six, six!« das Publikum theatralisch mit »Sex, sex, sex!« ansprach. Damit dieses Theater schon einen ersten Höhepunkt erreichte, zog die Band noch einen interessanten Schachzug. Als dritten Song wählte sie die kultische Schlitzohr-Nummer Oooh Baby vom Studioerstling »Hard N‘ Heavy« (1981). Ein kultischer Einstieg also.

Wie es bereits in der Gewohnheit der Band liegt, ergänzten Anvil ihr aufgepeitschtes Speed-Metal-Repertoire – das durch eine gehörige Dosis Flirts mit der elementaren Dreckigkeit des Bastard-Rock’n’Roll gekennzeichnet ist – mit purem Bühnen-Spaß-Theater, dessen Hauptakteur natürlich Lips war. Vom Schneiden der wildesten Grimassen, die sich eine menschliche Fantasie nur ausdenken kann – wobei ihm auch Bassist Chris Robertson hervorragend Paroli bot –, bis hin zum Gitarrenspielen in den unmöglichsten Positionen und Posen. Dazu kommt noch eine gehörige Portion bissiger Ansagen ans Publikum zwischen den Songs – das Maß war randvoll. Free As a Wind widmete Lips dem verstorbenen Lemmy (Motörhead) mit folgenden Worten: »Als Lemmy 1983 einen Ersatz für Fast Eddie Clarke suchte, hat er mich angerufen, ich solle Motörhead beitreten«. Ihr wisst schon, dass ich angenommen hätte, aber dann habe ich Lemmy erklärt, dass ich meine eigene Band Anvil habe!« Ob ihr dieser saftigen »Geschichtchen« an der Grenze zur Erfindung glaubt oder nicht – aus Lips‘ Mund klang sie ungemein theatralisch und unterhaltsam!

In den Konzert-Setlists ignorieren Lips und Kompanie beharrlich weiterhin die mittlere Schaffensphase der Band, obwohl sie damals einige äußerst beeindruckende Studiowerke veröffentlicht haben. Auf jeden Fall hat die Band die zwei neuen Songs des aktuellen Albums »Anvil is Anvil« nicht vergessen; dazu gesellte sich die nicht viel ältere Badass Rock’N’roll aus dem vorigen Album »Hope In Hell«, sowie Swing Thing (mit dem zentralen Höhepunkt eines ausgedehnten Schlagzeug-Solo-Einschubs) und On Fire, beide vom Album »Juggernaut Of Justice« (2011). Als die Band die obligatorische Metal on Metal anging, war klar, dass der Auftritt seinem Ende entgegenging.

Nun, nun. Da fehlt doch noch etwas. Natürlich. Das gesamte Publikum wartete auf Mothra. Darin nämlich vollzog Lips sein berühmtes Dildo-Ritual und brachte damit die Konzertshow ihrem absoluten Höhepunkt entgegen. Lips ist unglaublich, was die Aufrechterhaltung der Konzentration während des Auftritts betrifft. Angesichts all dessen, was man beim Gitarrenspielen so treibt – was alles andere als anspruchslos ist –, ist es schlicht faszinierend, dass es ihm gelingt, die Konzentration auf das Gitarrenspiel in einem solchen Maße aufrechtzuerhalten, dass ihm kein himmelschreiender Patzer unterläuft.

Die Band enttäuschte im obligatorischen Zugaben-Teil ein wenig: Statt noch einer Klassik aus dem reichen Diskografie-Opus griff sie lieber zu einem völlig abgedroschenen Cover der Mars Bonfire-Nummer Born To Be Wild – womit das Beisammensein mit Anvil seinen Abschluss fand.

Wie auch immer. Die Mischung aus hemmungslos roher Präsenz einer primordial zugespitzten Speed-Metal-Kanonade mit Rock’n’Roll-Perversionen ließ im Saal niemanden gleichgültig, und die Leute riefen die Band zurück auf die Bühne. Ein Anvil-Konzert zu besuchen bleibt also auch 2016 erstklassige Unterhaltung. Wenn du weißt, dass die Show dich mit einer echten Energiebombe auflädt und dich gleichzeitig zu Tränen lachen lässt. Lips ist Lips, und wie das neue Album der Band bestätigt: Anvil bleiben eben Anvil.  

Setlist

ANVIL:
1. March of the Crabs
2. 666
3. Oooh Baby
4. Badass Rock ’n‘ Roll
5. Winged Assassins
6. Free as the Wind
7. On Fire
8. This Is Thirteen
9. Daggers and Rum
10. Mothra
11. Swing Thing
12. Die For a Lie
13. Metal on Metal
—Zugabe—
14. Born to Be Wild

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