Fiebriger Biffy Clyro nimmt Kino Šiška mit einem Handstreich (2016)
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Jerneja Jerak
Ort: Ljubljana / CUK Kino Šiška / Slowenien
Konzertdatum: 08.06.2016
Besucherzahl: 700
Kartenpreis: 29 € (Vorverkauf) / 32 € (an der Abendkasse)
Das schottische Trio Biffy Clyro ist in Alternativrock-Kreisen schon längst kein Unbekannter mehr. Mit sechs Studioalben im Gepäck und einem siebten in der Mache gilt die Band derzeit als heiße Geschichte eines kommerziellen Erfolgs, dem es gelungen ist, den Funken kompositorischer Schärfe und unabhängigen musikalischen Visionärdenkens zu bewahren – ohne dem Druck der korporativen Kräfte des Monsters namens Musikindustrie nachzugeben. Anders als Zeitgenossen, die den Geschmack des Ruhms auf leichterem Weg gekostet haben, der dann aber »nur einen Tag« gedauert hat, mussten Biffy Clyro für ihre heutige Position hart ackern. In den Jahren des Trotzes und des Durchspielens der Neunziger als Screwfish hat sich das Trio gefestigt und zu einer undurchdringlichen Bühnenfestung geformt, die genau weiß, wo ihr musikalischer Fokus liegt. Biffy Clyro sind eben großartige Bühnenkünstler, die sich durch harte Arbeit und viele Kilometer auf der Straße dazu entwickelt haben.
Biffy Clyro sind eine intelligente und energiegeladene Musikgeschichte im sonst so weiten Ozean einer breiten und in ihrer Ausdruckskraft kaum überschaubaren Palette von Bands, die wir unter dem Alternativrock-Genre zusammenfassen. Mit ihrer Energie und einer intelligenten Mischung aus Melodiosität und durchdringender kompositorischer Kombinatorik – deren Ergebnis weit entfernt von bloßen und kahlen Indie-Rock-Nummern ist – erinnert diese ungezähmte Energie der drei schottischen Hengste an die goldenen Zeiten ähnlicher Bands, die eine außerordentliche Dynamik in ihren Bühnenshows schufen, angefangen bei Nirvana, über Queens of the Stone Age, und wenn ich mir erlauben darf, noch etwas provokanter zu sein, bis hin zu den frühen, heißblütigen Kanadiern Rush.
Den Konzertabend eröffneten vor Biffy Clyro die slowenischen Jardier. In der halben Stunde, die ihnen der Hauptact des Abends geschenkt hatte, machten die Indie-Rocker einmal mehr deutlich, dass ihre musikalische Vision und ihr Schreiben kurzer, aber süßer, melancholisch blickender, kompositorisch geschickt verpackter und (auch radiokompatibler) ultraansteckender Kompositionen – bewaffnet mit hervorragender Beherrschung des Englischen – klar definiert ist. Die Band hat auch ein Studio-Debüt gleichnamigen Titels im Gepäck, das sie in dem kurzen Auftritt so erfolgreich präsentierte. Indie Rock, wie ihn die Band auf dem ursprünglichen Jangle-Sound der Gitarren pflegt, bringt zwar keine tektonischen Stöße kompositorischen Revolutionsdenkens, ist aber eine geschickt neu verpackte Geschichte, die im Ausland schon gezündet hat – und von der wir hoffen, dass Jardier der internationale Durchbruch so bald wie möglich gelingt. Ein schöner und rundum souveräner Auftritt also.
Biffy Clyro sind eine völlig andere Geschichte – einer Vorband lässt sich da eigentlich kaum eine beistellen. Denn nur selten gibt es eine, die sie nicht in den Schatten stellt. Die Band, die am Zenit ihrer Bühnen- wie ihrer kreativen kompositorischen Kraft angekommen ist, lieferte vor einem rappelvollen Auditorium des Kino Šiška erwartungsgemäß ein außerordentliches Konzert ab – mit exzellentem Sound, meisterhaft eingesetzten Scheinwerfern und Nebelmaschinen, die das gewisse Tüpfelchen auf dem »i« zur gesamten Bühnendynamik wie auch zur einprägsamen Konzertatmosphäre und allgemeinen Stimmung setzten. In den Kompositionen spürst du nicht nur den Minimalismus, hinter dem das zündende Paradigma des Rock’n’Roll steht; ebenso wenig reißt der jungenhaft-scharfe, dabei auch voluminös-expansive Gesang – dem die Konnotation rotzigen Aufruhrs nie fehlt – dauerhaft die Aufmerksamkeit an sich, sondern der eigentliche Magnet, der bei der Band zündet, ist die außerordentliche Chemie, die zwischen Simon Neil (Gesang, Gitarre) und den Zwillingsbrüdern James (Bass, Begleitgesang) und Ben Johnston (Schlagzeug, Begleitgesang) entstanden ist. Diese Chemie ist Ausdruck eines extrem langen gemeinsamen Lebens als musikalischer Körper – daher kennen die Jungs keine Geheimnisse voreinander, nehmen sich auf der Bühne perfekt wahr und verständigen sich mühelos, und deshalb können sie das absolute Ausführungsoptimum herausholen, das sofort überzeugt und mitreißt.
Die Band, die unter anderem auch vier brandneue Songs des kommenden neuen Studioalbums »Ellipsis (2016) vorstellte – die ersten beiden Singles Animal Style sowie Friends and Enemies und dazu noch On a Bang sowie Wolves of Winter –, während der Großteil des Repertoires aus Songs der Alben »Opposites« (2013) und »Only Revolutions« (2009) bestand, beeindruckte auch mit einer immensen, massiven Klangwand, stellenweise bereits gefährlich ins Metal-Terrain abdriftend, erzeugt vor allem durch Neils Fender Stratocaster-Gitarre.
Die Band genoss den Blick auf das rappelvolle Auditorium, ebenso die Interaktion mit dem Publikum, das die Texte der Songs auswendig kannte. Im Publikum dominierten natürlich die Vertreterinnen des schönen Geschlechts, was bedeutet, dass der Band noch eine sehr, sehr lange Lebensdauer und schöne kommerzielle Aussichten für die Zukunft bevorstehen. Doch nicht alles steckt im Sexappeal. Wie bereits erwähnt: Biffy Clyro sind außerordentlich intelligente Komponisten, und wenn ich nur eine banale Beobachtung einwerfe – Simon Neil ist sogar einer der wenigen Gitarristen der Generation neuer Bands mit kommerzieller Durchschlagskraft im Alternativrock-Segment, der die mittleren instrumentalen Teile mit Gitarrensoli verziert. Die Ausführung vokaler Mehrfach-Harmonien beherrschen Biffy Clyro aus dem Effeff.
Das Konzert zündete sofort! Energisch und mitreißend. Mit so einem Einsatz und einem solchen Ansatz, wie ihn Biffy Clyro an den Tag legten, war nichts anderes zu erwarten. Das Trio, das auf der Tournee von einem zusätzlichen Live-Gitarristen und Backgroundsänger Mike Vennert unterstützt wird, zeigte sich tatsächlich im Licht außerordentlicher Bühnenkohärenz und sinnlicher Ausführungsintelligenz, die der musikalischen Vision der Band folgt.
Setlist
BIFFY CLYRO:
1. Wolves of Winter
2. Living Is a Problem Because Everything Dies
3. Biblical
4. Who’s Got a Match?
5. Animal Style
6. Born on a Horse
7. Victory Over the Sun
8. Bubbles
9. Friends and Enemies
10. Black Chandelier
11. God & Satan
12. The Captain
13. Sounds Like Balloons
14. 9/15ths
15. Spanish Radio
16. On a Bang
17. Mountains
18. Different People
—Zugabe—
19. Many of Horror
20. Stingin‘ Belle
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