10CC und Snakecharmer unterhielten die Gemeinde der Stahlrösser-Liebhaber am Faaker See
Ort: Faak Am See (Faaker See) / Harley Davidson Biker’s Week / Österreich
Datum: Freitag, 08.09.2012
Und schon zum fünfzehnten Mal in Folge ist er in unsere Gefilde gekommen! Die neue European Bike Week, deren Hauptsponsor die Harley Davidson-Fabrik ist. Es handelt sich um das größte Treffen dieser Art auf europäischem Boden, das Liebhaber der stählernen Rösser zusammenbringt. Wie immer hat der Veranstalter auch in diesem Jahr für ein abwechslungsreiches Konzertprogramm über die gesamte Woche gesorgt, als beim berühmten Ort im österreichischen Kärnten beim Örtchen Faak Am See, am Faaker See, nahe Villach, wieder ein echtes Biker-Dorf stand.
Wie jedes Jahr hat uns auch dieses Jahr der Höhepunkt des Konzertangebots beim Treffen an den Faaker See gezogen, angekündigt für den vorletzten Tag des Events, als man in den Zeitplan der auftretenden Bands die Band der Schwester des verstorbenen »Bonzo« – John Bonham (Led Zeppelin) – Sarah Bohnam, die legendären britischen Art-Rocker 10CC und als letzten Act die Besetzung Snakecharmer aufnahm, die aus Superstars der Rockmusikgeschichte aus allen Himmelsrichtungen zusammengetrommelt wurde, um Whitesnake-Fans eine wahre Offenbarung zu bieten – denn die beiden Leitfiguren dieser Combo, Micky Moody und Neil Murray, sind ehemalige Whitesnake-Mitglieder.
10CC:
Die erste Band, die uns mitten in diesem besonderen Event – während die Biker aus allen Teilen Europas ihre Bierfete hatten und wir Musikenthusiasten ungeduldig auf beide Hauptattraktionen des Abends warteten – mit ihrem Auftritt auf der Bühne begeisterte, waren die legendären britischen Art-Rock-Größen 10cc, für die es heutzutage eine absolute Ausnahme ist, dass es sie so weit nach Süden verschlägt, also außerhalb ihres britischen Heimatterrains. Den Klangstil der ohnehin einzigartigen 10cc lässt sich am leichtesten als außerordentlich intelligenten, melodischen, vielseitigen, gesellschaftlich scharfsinnigen und geistreichen Rock an der Grenze zwischen Art Rock und Pop Rock beschreiben, der jenen am nächsten kommt, die auf das Erbe der Beatles, McCartney’s Wings, Supertramp und Electric Light Orchestra schwören.
Von der originalen 10cc-Besetzung sind bis heute nur noch Bassist/Sänger Graham Gouldman, der nach wie vor sowohl am Bass als auch vokal exzellent ist, und Schlagzeuger Paul Burgess übrig geblieben (in seiner Karriere war er Mitglied von Bands wie Jethro Tull, Camel, Magna Carta und The Icicle Works). Gesellschaft auf der Bühne machten ihnen der langjährige Gitarrist/Sänger Rick Finn, der außerordentlich charismatische Multi-Instrumentalist und Sänger Mick Wilson, den wir zuletzt im Juli in Triest als Sänger der Band Three Friends erlebt hatten, sowie Keyboarder/Sänger Mike Stevens. Die letzten beiden sind seit 1999 Mitglieder der Band, was bedeutet, dass sie mittlerweile zu echten ‚alten Hasen‘ geworden sind.
Das Konzert eröffneten sie mit dem unvergesslichen »Sheet Music« (1974) und dem Evergreen »The Wall Street Shuffle« und rissen uns schon in den ersten Minuten mit ihrer magischen Kombination aus hypermelodischen Vokalharmonien vollständig mit – herausragend dabei im weiteren Verlauf die von Mick Wilson angeführten Falsett-Einlagen –, vielschichtigen Gitarrenpassagen sowie mächtigen sinfonischen Arrangements, mit denen der Großteil ihrer besten Werke aufwartet. Wilsons absurd hohe Falsetti stachen besonders bei der Doo-Wop-Burleske »Donna« hervor, während die exzellente Darbietung von »The Things We Do For Love« die virtuosen Fähigkeiten der einzelnen Multi-Instrumentalisten besonders herausstellte. Die wunderschöne Ballade »I’m Not in Love« hingegen beleuchtete ihre subtilere Seite.
Die Klassikerin von »The Original Soundtrack« (1975), »Life Is a Minestrone«, hat uns vor der Bühne die Köpfe ‚weggeblasen‘ – mit ihrem schelmischen Tempo und dem sardonischen Text, bei dem britischer Humor mit starkem Beatles-Stempel durch wunderschöne vokale Multiharmonien erneut seinen Höhepunkt erreichte. Den Konzerthöhepunkt bildete dann – wie erwartet – der Evergreen-Reggae-Hybrid »Dreadlock Holiday« mit seinem legendären, ultra-sarkastischen Text über die ‚erlittenen Ferien‘ auf Jamaika aus der Sicht des durchschnittlichen (verwöhnten) englischen Touristen. Die Stimmung war durchgehend außerordentlich intensiv und beinahe magisch. Sogar das sprichwörtlich lässige Biker-Publikum, das hauptsächlich aus Einheimischen bestand, atmete mit der Zeit im Gleichklang mit der Band. Als Zugabe spielten sie »Rubber Bullets«, das vom Debütalbum der 10cc aus dem Jahr 1973 stammt, und verabschiedeten sich unter stürmischen Ovationen, die partout nicht abreißen wollten, langsam von der Bühne, um ihren Platz Snakecharmer zu überlassen, der nächsten Konzertattraktion dieses Abends.
10cc waren dank ihres unglaublich eingespielten Auftritts, der von einem perfekten Sound unterstützt wurde, in jeder Hinsicht die Hauptstars dieses Konzertabends und bewiesen gleichzeitig, dass sie anlässlich der Feier ihres vierzigsten Jubiläums (ein spezielles Box-Set ist in Vorbereitung, das dieses runde Jubiläum auf feierliche Weise begehen soll) noch immer in ausgezeichneter Form sind und trotz der größtenteils bereits ergrauten Köpfe der einzelnen Mitglieder mit vollem Dampf in neue Herausforderungen ziehen. Wer weiß – vielleicht fällt im 21. Jahrhundert doch noch ein neues 10cc-Studioalbum, auf das wir seit 1995 warten.
SNAKECHARMER:
Nach 10CC wurde die Bühne zusätzlich für Snakecharmer freigeräumt. Das Schlagwerk von Mick Wilson (10CC) und die Drums von Paul Burgess (10CC) wurden abgebaut! Snakecharmer ist eine Band, die aus großen Meistern ihres Fachs besteht. Allerdings kamen sie nach Faak Am See in einer leicht abgewandelten Besetzung. An den Keyboards ersetzte für diesen Auftritt das ständige Snakecharmer-Mitglied Adam Wakeman – seines Zeichens Keyboarder von Ozzy Osbourne und Sohn des berühmten Yes-Urgesteins Rick Wakeman – der erfahrene Meister John Young, der unter anderem mit einer ganzen Reihe namhafter Künstler der weltweiten Rock-Landschaft zusammengearbeitet hat, darunter: Scorpions, Bonnie Tyler, Greenslade, Asia, John Wetton, Fish, The Law, Paul Rodgers, Qango, Uli Jon Roth, Roy Wood, Lucio Battisti, Jon Anderson, und seit 2002 seine eigene Gruppe The John Young Band leitet. Den zweiten Wechsel mussten Snakecharmer am Schlagzeug vornehmen, wo Jimmy Copley (The Bad Apples, ex-Manfred Mann’s Earth Band) einsprang, um das ständige Mitglied Harry James (Thunder, Magnum) zu ersetzen. Den Rest der Band bilden natürlich der außergewöhnliche Blues-Meister Micky Moody (ex-Whitesnake), Bassist Neil Murray (Colosseum II, Giglamesh, Whitesnake, Black Sabbath, Peter Green Splinter Group,….) sowie ein weiterer Gitarrist aus der klassischen Rock-Geschichte, Laurie Wisefield (Wishbone Ash, Tina Turner, Joe Cocker, Roger Chapman), und am Mikrofon gesellte sich zur Besetzung auch der renommierte Sänger der britischen AOR-Rocker Heartland, Chris Ousey! Eine Kombination also, die sich schon allein bei den Namen nicht verleugnen kann und will. Es war ein echtes Leckerbissen zu erwarten.
Snakecharmer spielten, ganz im Einklang mit dem Namen der Band, ausschließlich das Whitesnake-Repertoire! Doch die Band erwartete ein unangenehmes Erlebnis. Klar, die Biker-Truppe kommt nicht in erster Linie wegen Rock-Konzerten zu gemeinsamen Treffen, aber das, was vor der Bühne von Snakechamer wartete, erinnerte an das reinste Elend aller Leiden der Menschheit, wie wir es kennen. Die Leute kamen nur, um auf die Ergebnisse der Verlosung zu warten. Als Preise lockten drei Motorräder der Marke Harley Davidson. Als die Verlosung vorbei war, machten sie sich noch vor dem Auftritt von 10CC geordnet auf den Weg. Schon beim Auftritt von 10 CC hatte sich der Raum sichtlich gelichtet, und als Snakechamer dann die Bühne betraten, erwartete sie nur noch ein Dutzend Rock-Liebhaber – und auch von denen waren nicht wenige sichtlich betrunken und schwankend. Gut 100 Leute also. Bei einem Treffen, bei dem auch über 10.000 Besucher zusammenkommen. Zum Lachen, wirklich.
Snakecharmer eröffneten das Konzert mit Walking in the Shadow Of The Blues. Der Auftritt verlor über eine gute Stunde hinweg schrittweise an Intensität, wofür die Band allerdings nicht verantwortlich ist, sondern die Unempfänglichkeit und Apathie des Publikums. Man konnte spüren und auch sehen, besonders an der Performance von Chris Ousey, dass der Mann nicht mit voller Kraft singt. Ziemlich viele Zeilen sang er sehr schlampig, oder sang sie gar nicht, wie etwa bei Fool For Your Loving. Etwas mehr Enthusiasmus seitens des Publikums war während Here I Go Again zu spüren, das ausschließlich zu dem Zweck ins Repertoire aufgenommen worden war, um das Publikum auf die Beine zu bringen – sonst hätte Micky Moody es definitiv nicht live gespielt. Mehr als das unkontrollierte Geheule zweier sturzbetrunkener Kojoten, die sich während der Darbietung von Here I Go Again ans Geländer lehnten, war Snakechamer jedenfalls nicht vergönnt. Leider.
Wie auch immer! Die alten Hasen haben zu viel Erfahrung, um Schwäche zu zeigen. Der Hauptakteur, der an diesem Abend die bleischwere Mattheit der Emotionen, die das Spiel von Snakechamer auslöste, aus dem Grund zog, war zweifellos Micky Moody. Diese außerordentlich charismatische Bühnenpräsenz besitzt jenen weich seufzenden Blues-Touch, nach dem man mit brennender Laterne am hellichten Tag suchen kann, ohne ihn zu finden. Kontrolle, Fokus! Micky ist ein Mann der Eleganz und Weisheit, der goldene Blues-Noten zu meißeln versteht! Darauf machte vor allem das Solo aufmerksam, das sich von der eröffnenden »Rag Time«-Melodie langsam in eine wahre »Slide-Show« Eskalation der »Delta-Blues«-Rhetorik ergoss, bei der Micky daran erinnerte, dass er noch immer als einer der versiertesten »White Blueser« gilt, die je auf diesem Planeten in der Geschichte des Rock herangewachsen sind.
Neben den Whitesnake-Klassikern spielten die Jungs auch zwei Eigenkompositionen: Smoking Gun und zum Abschluss das ausgedehnte Turn Of The Screw, in das auch ein kurzes Schlagzeug-Solo eingeflochten war. Offenbar ist das Debüt-Studioalbum in Sicht. Klanglich lief die Sache gut, nur Youngs Keyboards waren zu leise eingestellt, was den Eindruck besonders in der Strophe des Ultra-Whitesnake-Hits Here I Go Again trübte. Ein souveräner und kompakter Auftritt, aber noch mit erheblich Luft nach oben.
Die Handvoll Besucher, die sich an diesem Abend ausschließlich wegen der Konzerte von 10CC und Snakecharmer vor der Bühne eingefunden hatten, brauchten keine besondere Konsultation mit dem erleuchteten Albert Einstein, um von selbst zu dem abschließenden Schluss zu kommen, dass 10CC an diesem Abend mit dem kleinen Finger der linken Hand den Konzertabend von Snakecharmer gestohlen haben!
Autor: Peter Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
Setlist Snakecharmer:
1. Walking In The Shadow Of The Blues
2. Ready an‘ Willing
3. Ain’t Gonna Cry No More
4. Smoking Gun!
5. Micky Moody guitar solo
6. Slow N‘ Easy
7. Ain’t No Love In The Heart Of The City
8. Here I Go Again
9. Fool for Your Loving
10. Turn Of The Screw






















































