Nula Kelvina und Smaal Tokk bei der Eröffnung der 8. Ausgabe des Godibodi Festivals (2015)

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Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Ljubljana / Hostel Celica / Slowenien
Konzertdatum: 02.06.2015
Besucherzahl: 100
Kartenpreis: 10,00€

Das diesjährige und insgesamt bereits achte aufeinanderfolgende Festival der slowenischen Autorenmusik Godibodi hat sich den Hostel Celica in Ljubljana als zentralen Austragungsort seines Programms ausgesucht. Das ist jener etwas ordentlichere Teil von Metelkova. Das Festivalprogramm begann bereits mittags, uns interessierte aber vor allem die Musik zweier burlesker Bands, die eigentlich das zentrale und womöglich sogar wichtigste Festival eröffneten, das die Farben der slowenischen Autorenmusik vertritt und verteidigt. Nach der angenehmen Begrüßungsrede des Festivalleiters Janez Dovč (nebenbei: Janez hat gerade ein ausgezeichnetes Solo-Studioalbum »AkordeOn« veröffentlicht, ein geistreicher, rein instrumentaler Ausdruck (RockLine-Rezension HIER), betraten die Jungs aus Vrhnika, Nula Kelvina, die Bühne. Die haben gerade ihre neue, wie immer äußerst kluge und unterhaltsam zugespitzte dritte Studioplatte mit dem Titel »Levak na luni« in der Tasche (und nicht »na nuli« – damit das keiner verwechselt) – RockLine-Rezension HIER.

In der Besetzung Marko Boh (Gesang, Keyboards, Akustikgitarre), Klemen Kotar (Bassgitarre, Saxofon, Hintergrundgesang), Gašper Kržmanc (Gitarre, Hintergrundgesang) und Miha Kržmanc (Schlagzeug, Perkussion) eroberten die Jungs die Bühne in ihrem typischen Stil. Als Erster stürmte Marko Boh ausgelassen auf die Bühne — mit einem blauen Wecker, den er auf dem Vorderteil seiner Clavia Nord-Keyboards platziert hatte, und er sorgte vor allem mit einem Megafon für Aufmerksamkeit, mit dem er den Eröffnungsteil des neuen Albums herausbrüllte. Der Anfangsteil des Konzerts gehörte ganz dem Quartett, besonders Marko Boh drehte dabei richtig auf. Bei Maškerada rastete er aus und inszenierte beinahe einige Tanzsilhouetten im Stil von Saturday Night Fever, in dem John Travolta glänzte. Boh ist ein Bühnenakteur, dem man kaum einen Vergleich finden kann. Ein geborener Schauspieler und Entertainer. Nula Kelvina sind vier charismatische Typen, die kontrastreicher nicht sein könnten — erst recht, wenn man neben den »wortgewaltigen Doktor« Boh den Kotar mit seiner »Erfinderfrisur« stellt, dazu den scheinbar stets ruhig-bedächtigen Gitarrenmeister Gašper Kržmanc und den hingabevollen Schlagzeuger Miha Kržmanc.

Danach betrat auch die Sängerin der Band Pliš die Bühne, die bezaubernde und hübsche Aleksandra Ilijevski. Das Album »Levak na luni« lässt sich in der Live-Aufführung nämlich als gemeinsame Zusammenarbeit von Nula Kelvina und Aleksandra Ilijevski verstehen. Mit Marko bestätigte sie eine ausgezeichnete vokale Harmonie — ein kühner, markanter Kontrast, also zwei Stimmen, die füreinander gemacht sind. Die Jungs hatten das Repertoire etwas angepasst. Die Stücke mit Aleksandra spielten sie am Stück, doch verabschiedete sie sich nach zwei Dritteln des Auftritts vom Publikum mit der Begründung, sie habe dringende Verpflichtungen. Besonders amüsant war der gespielte Sketch über das Frieren zweier äußerst ungeschickter Verliebter (Tinkara und Rožle) an einer Bushaltestelle, bei dem beide Sänger erneut ihre schauspielerischen Talente glänzend einsetzten.

Es muss wohl kaum eigens betont werden, dass Nula Kelvina ausgezeichnete Musiker sind, die ihre bekannt einzigartige musikalische Handschrift — aufgebaut auf der hohen musikalischen Dichte einer Mischung aus Blues, Jazz, Kabarettchanson und Reggae — wieder in Topform darboten und das Publikum damit in ihren Bann zogen. Die Jungs präsentierten also das gesamte Album »Levak na luni« und spielten als obligate Zugabe noch den Song Med s trebuha, der vom Vorgängeralbum »Drenov grič« (2013) stammt – RockLine-Rezension HIER. Ein neuer Auftritt voller exzentrischer Einfälle von Marko Boh und seiner »Crew«, bei dem es an Albernheiten und echter Bühnenslapstick wahrlich nicht mangelt. Nula Kelvina wirken im frischen Gewand noch reifer und in ihrer Vision noch überzeugender. Allerdings wird es in Zukunft wohl schwer sein, die Band gemeinsam mit Aleksandra auf der Bühne zu erleben, da sich ihre Terminkalender nicht decken. Das wäre wirklich schade, denn Aleksandra ist ein zentraler Bestandteil des neuen Albums der Band — es wäre daher sehr wünschenswert, alle Möglichkeiten einer künftigen Zusammenarbeit zu prüfen. Damit würde man die Authentizität der Bühnenumsetzung dessen sicherstellen, was wir auf dem Studiooriginal hören können. Ich glaube aber, dass Nula Kelvina im Notfall auch einen Ersatz für Aleksandra finden könnten. Die Band bestätigt derweil bereits neue Auftritte.

Als Zweiter betrat der Gangsta-Rapper aus dem Küstenland, Smaal Tokk, die Bühne. Ein Görzer, umgeben von drei Vierteln der Besetzung von Nula Kelvina (Klemen Kotar, Marko Boh, Gašper Kržmanc), während Enos Kugler das Konzert am Schlagzeug bestritt. Smaal Tokk brachte außerdem zwei Musikerinnen und Sängerinnen mit auf die Bühne: Ana Šimenc und Blažka Oberstar, die neben dem Hintergrundgesang auch für Querflöte beziehungsweise Saxofon zuständig waren. Nula Kelvina spielten eine wichtige, wenn nicht gar entscheidende Rolle beim Komponieren und Produzieren der Musik für das Debütalbum von Smaal Tokk mit dem Titel »Unotisto« »(2015). So stand Smaal Tokk zum allerersten Mal in seiner Karriere auf einer Bühne und gab sein erstes offizielles Konzert.

Eine neue Stunde großen Showtheaters, in der Smaal Tokk das Vergnügungsgelände seiner Poesie in Kombination mit Körpersprache-Figuren effektiv ausschöpfte. In seinen Texten verwendet er den echten Görzer Dialekt, der während des Konzerts mehrmals bewusst Bohs Dolenjska-Dialekt herausforderte. An Dynamit fehlt es Smaal Tokk auf der Bühne nicht. Die Geistreichheit der Texte und der Überfluss an Sarkasmus sind Faktoren, die im Handumdrehen die Sympathie des Publikums gewinnen. Die ausgezeichnete Hintergrundkulisse wirkt, als hätten Nula Kelvina ihr musikalisches Dossier nur ein kleines bisschen an einen Vokalrezital angepasst, während die genremäßige Musikmischung dennoch unverkennbar ihre bleibt.   

Eine Lehrstunde also für Smaal Tokk. Der Typ hat seine Talente und sein Spiel natürlich souverän präsentiert und die Anwesenden damit auf ganzer Linie überzeugt — mehrmals brachte er sie mit seiner poetischen Schärfe bis zu Tränen zum Lachen. Diese ist eine beißende, geistreich platzierte Ohrfeige für die beängstigende Ordnung, in die wir geraten sind und in der wir versinken, versinken in einen bodenlosen Abgrund. Das alles ist natürlich in eine burlesk-humorvolle Metapher verpackt. Smaal Tokk sprühen die Wörter giftig-geschmiert von der Zunge. Angesichts der Tatsache, dass dies der erste Auftritt vor Publikum war, ist zu erwarten, dass der Typ sein Theater-Show-Exzess von Konzert zu Konzert weiter ausbauen wird.

Besonders erwähnenswert ist, dass während des Konzerts auch zwei Gemälde entstanden. Während des Auftritts von Nula Kelvina und Aleksandra Ilijevski malte Breda Šturm das erste Bild, während des Auftritts von  Smaal Tokk malte Drago Leskovar das zweite.

Der wunderschöne erste Tag des Godibodi Festivals wartete auch mit ausgezeichnetem Besuch auf. Die Tische im Parkett waren vollständig besetzt, und das Publikum füllte dankbar auch den freien Bereich des Parketts hinter den Sitzreihen, sodass die Bewegung darin während der Konzertauftritte sogar erschwert war. Ausgezeichnete Energie in der Gesamtbilanz also!  

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