Bakalina: Španabije

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Label: Macefizelj
Erscheinungsjahr: Dezember 2016
Produktion: Dejan Lapanja
Spielzeit: 46.40 min
Genre: Ethno / Folk


Steinmauern, lebendige Zeugen vergangener Tage, die im Laufe der Zeit gnadenlos von den scharfen, heulenden Winden der Bora gepeitscht und gemeißelt werden, getrocknete Halme der aufrechten Trespe, Zeugnisse extensiver, also traditioneller Bewirtschaftung von Mähwiesen und Trockenwiesen, ein mit schweren Wolken vollgepackter Himmel, Obstgärten mit knorrigen und verkrüppelten, aber unerschütterlich robusten einheimischen Sorten. Alles in einem – ein Raum, der die Menschen des nördlichen Küstenlandes über Jahrhunderte in ein äußerst hartes und undurchdringliches Format des Trotzes geformt hat, an dem sich jeder Schreibtischbürokrat aus dem Ljublaner Steueramt schnell die Zähne ausbeißt.

Unglaublich. Ausgerechnet zum Jahresende haben wir in der slowenischen Musiklandschaft eine der tiefgründigsten und schwergewichtigsten Platten bekommen, die der diesjährige Ethno/Folk-Puls bei uns hervorgebracht hat. Die Rede ist von der Band Bakalina, die das Duo Renata »Lapatarca naz Panikve« Lapanja (Akkordeon) und Jani »Križarjew s Čadrga« Kutin (Gesang) bildet.

Bakalina, wie man früher im Tolminer und Čadrgaer Raum ein größeres Tongefäß nannte, ist in Slowenien kein Unbekannter mehr. In der Vergangenheit hat das Duo  in den Jahren 2009, 2011 und 2013 drei Studioalben veröffentlicht. Auf allen hallte der echte Ethno-Melos der Volksmelodien wider, der seit Jahrhunderten über die Tolminer Gipfel und Schluchten klingt und gedeiht. Auf diese Weise hat Bakalina auf höchst authentische Weise das traditionelle Erbe der Volksmelodien unserer Vorfahren und Altvorderen zusammengefasst und es funkelnd in einen unverwechselbaren eigenen Ausdruck übersetzt, der gleichzeitig auch das gegenwärtige Spiegelbild des Lebens des »kleinen« Menschen im Tolminer Land ist.

Auch das neue Studioalbum des Duos mit dem Namen »Španabije« bewahrt in seiner Gesamtheit eine solche Vision. Aber mit einem wichtigen Unterschied. Bakalina wurden nämlich von den »kompositorischen Strahlen« vielschichtiger musikalischer Arrangements mitgerissen. In dieser Hinsicht ist der Albumtitel »Španabije« mehr als bedeutsam. Renata und Jani haben sich nämlich für das neue Album mit zahlreichen Musikern zusammengetan und sie für das neue Album zur Mitarbeit eingeladen.

Die Frucht dieser Zusammenarbeit ist eine Reihe von neun neuen Eigenwerken, die die Band länger aufgenommen hat, als man vom Duo sonst gewohnt ist. Über einen Zeitraum von drei Jahren und das an verschiedenen Orten der Primorska-Region. Auf diese Weise wollte Bakalina so authentisch wie möglich die gesamte Sinnlichkeit und Emotionalität der in der authentischen »Čadrgščina« (im Dialekt von Čadrga) geschriebenen und gesungenen Poesie mit dem Melos selbst vergrößern. Alle Stücke wurden live eingespielt und aufgenommen, im Stil eines Konzertauftritts. In einem einzigen Take. Kein Scherz. Was du hörst, das bekommst du. Die Atmosphäre selbst also, in der die auf diesen Tonträger aufgezeichnete Musik gespielt wurde, zusammen mit der Leidenschaft und Sinnlichkeit, die nicht nur Kutin mit seinem Gesang einbringt, sondern die die Summe aller Schöpfer der klanglichen Arrangements der einzelnen Nummern darstellt, liefert ein Werk, das mit mehr Ursprünglichkeit und Authentizität schlicht nicht aufwarten könnte.

Der Melos ist mehrfach von jener berühmten aufständischen Marschmelodie durchdrungen, von dieser unverwüstlich herzlichen Kampfhaltung fürs alte Recht, mit der Jani und Renata ihr Publikum schon in der Vergangenheit angesprochen haben. Aber da ist noch etwas. Jedes Stück trägt einen besonders ausgearbeiteten Charakter. Jedes von ihnen ist eine klar abgeschlossene und in sich geschlossene Geschichte. Das haben die drei vorherigen Alben so und so intensiv nicht vermittelt. Beim Hören kamen sie in erster Linie als Ganzes zum Ausdruck. Hier aber ist schon die Ausstrahlung der einzelnen neun Nummern außerordentlich stark ausdruckskräftig und berührt den Hörer durch die Entwicklung der neun abgeschlossenen Geschichten deutlich intensiver.

Die Botschaften sind gesellschaftskritisch engagiert, was man sofort in Stücken wie Kanc sveta spürt (mit dem hervorragenden Duett von Janez Škof und Jani) und noch intensiver in Pagreb Europe (bei dieser Gelegenheit in Gesellschaft der slowenisch-italienischen Harmonikagemeinschaft Accordion Group 4-8-8-16), gespielt direkt an der Dragonja (Grenze), das (untertrieben gesagt) ein echter »aufständischer« Requiem für das Jahr 2016 ist. Hier finden sich die Bekenntnisse von Janis unversiegbarer Liebe zu seiner »Steirischen« (Pamlad, mit der Sanftheit von Dejan Lapanjas Akustikgitarre), das Album aber entspannt sich in der zweiten Hälfte, generell nach dem scharf-sachlichen Absturz der Illusionen (Pagreb Europe), wenn es die schelmisch-lebensfreudige Note der Tolminer Bauernbilder in Stücken über die Käserei namens Krawji rep hervorhebt (die Vokalfärbung von Mitja Roner ist unglaublich — im ersten Moment dachte ich, das sei die Tuba von Goran Krmac) sowie über die Fertigkeiten der Tischlerhandwerkskunst (Tišler n sitnca – mit dem absichtlich eingespielten »Systemzusammenbruch« im Ausgangsteil des Stücks). Die Spannung löst im weiteren Verlauf auch das schmachtende Jesien, dann aber wird das Album ausgerechnet zum Abschluss hin besonders wehmütig-ergreifend und emotional zusätzlich intensiviert. Es schließen es nämlich die längsten Stücke ab. Das erste ist Pisma, bei dieser Gelegenheit in der Heilig-Geist-Kirche in Javorca gespielt, das die letzte Stunde der slowenischen Jungs vor dem frühen Aufbruch in den letzten Kampf an der Isonzofront ankündigt, aus dem es keine Rückkehr gibt. Diese Ergriffenheit stärkt kontrastierend die Einbindung des Oktet Simona Gregorčiča aus Kobarid, der Zusatz des Flügelhorns aber zeichnet durch den zur Ruhe gekommenen Walzer buchstäblich »live« den Abgang in das frühe Grab der verlorenen Isonzo-Jungs. Dieses Stück ist ein Paradebeispiel der graduierten kompositorischen Entwicklung einer unglaublich sinnlichen Intensivierung, die durch die Expressivität geradezu »gruselig« real und lebendig wirkt. Je sanfter und weicher du dich der Aufführung näherst, desto intensiver klingen die Emotionen nach. Die Melancholie, die man im letzten Teil des Albums in sich aufsaugt, verstärkt genau am Ende das Stück Ka se je dielu sviet, wo Bakalina in »Španovija« mit dem Team der Tolminer Feuersalamander Salamandra salamandra eingetreten sind. Letztere verkehren nach gut vier Minuten des Stücks dessen Format in einen völlig neuen Stimmungszustand, wenn sie das Album »Španabije seinem Ende entgegentreiben, durch den sinnlichen Dialog der Instrumente, beinahe in die abenteuerliche Verspieltheit von Progressive Rock und Ethno.

Alle weiteren Worte sind überflüssig. Das Visionäre der vielschichtigen musikalischen Gestaltung dieses Werks ist außergewöhnlich und höchst besonders. Das ist ein Werk, das dich in Gefühlen und Emotionen berühren, erschüttern, gründlich aufwühlen und wecken wird. Sofern du natürlich kein steinernes Herz hast. Es ist die Frucht der Übersetzung der musikalischen Magie und Poesie von Künstlern, die auch in diesem verrückten Jahrtausend, in dem wir alle gemeinsam vom Glanz (und Elend) der schönen neuen Welt berauscht sind und irgendwo zwischen die Sterne abgedriftet sind (und den Kontakt mit dem realen Boden verloren haben), fest mit Mutter Natur und der Erde verbunden geblieben sind. Gleichzeitig ist es nicht übertrieben festzustellen, dass dieses Album eine unglaubliche Note des Erweckens des Nationalbewusstseins besitzt. Vergiss nicht, dass uns die Zeiten der Versklavung an das Kapital dieses Bewusstsein vollständig geraubt haben. Daher könnte man ihm keine größere Ursprünglichkeit und Aufrichtigkeit zusprechen. Das Album »Španabije« ist ein Werk, bei dem genau jeder Zug an den richtigen Platz gesetzt wurde. Es hätte nicht besser wirken können, als es wirkt. Es ist auch ein Moment, in dem das Duo Bakalina ambitioniert auf neue Herausforderungen des Komponierens und der Bereicherung seines eigenen künstlerischen Sprachschatzes zugeht. Auf diesem Weg der musikalischen Vision lohnt es sich, durchzuhalten und ihn auch in Zukunft zu pflegen.

Autor: Aleš Podbrežnik
Wertung: 10 / 10

Trackliste:
1. Španabije
2. Kanc sveta
3. Pamlad
4. Pagreb Europe
5. Krawji rep
6. Tišler n sitnca
7. Jesien
8. Pisma
9. Ka se je dielu sviet

Bakalina:
Jani Kutin – Gesang
Renata Lapanja – Akkordeon

Mitwirkende Musiker:
Brencl banda – Stück Nr. 1
Janez Škof – Akkordeon, Gesang auf Stück Nr. 2
Marjan Stanič – Perkussion auf Stück Nr. 2
Dejan Lapanja – Akustikgitarre auf Stück Nr. 3
Accordion Group 4-8-8-16 – Stück Nr. 4
Zlam ’n‘ Bejž (a ka Mitja Roner) – Gesang auf Stück Nr. 5
Mateja Gorjup – Gesang auf Stück Nr. 6
Zvezdana Novaković – Harfe, Gesang auf Stück Nr. 7
Oktet Simona Gregorčiča – Stück Nr. 8
Andrea Pandolfo – Flügelhorn auf Stück Nr. 8
Salamandra salamandra – Stück Nr. 9


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