Borghesia marschierte monströs in Kamnik ein (2014)
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Jernej Vene
Ort: Kamnik / Mali grad / Slowenien
Konzertdatum: 15.08.2014
Besucherzahl: 250
Eintrittspreis: 0,00€ (freier Eintritt!)
Borghesia! Die wackeren Rečaner Dario Seraval und Aldo Ivančič, die für ihre musikalische Visionsgabe in der ersten Hälfte der Achtziger eine sichere Heimat in Ljubljana fanden, schufen auf unserem Boden eine der bedeutendsten alternativen Bands und bauten eine eklektische Brücke zum deutschen Elektropunk, der in der zweiten Hälfte der Siebziger aufblühte. Borghesia waren bei ihrer Entstehung ungewöhnlich, besonders – man kann sagen: ihrer Zeit voraus. Visionär. Die Szenografie ängstigte das damalige Regime. Und es fiel. Kurz nachdem es fiel, schloss auch Borghesia ihr Kapitel.
Doch bis ins Jahr 2009. Nach der Kompilation 20th Century – Selected Works (2010) veröffentlichte die Band in diesem Jahr das neue Studioalbum »And Man Created God«. Daran wirkten zahlreiche namhafte Gäste mit, und das Album selbst stellt in stilistischer Hinsicht eine deutliche klangliche und stilistische Abkehr von der goldenen Ära der Besetzung dar. Insofern spürte auch das neue Borghesia die Notwendigkeit, für Konzerte zum Septett heranzuwachsen. Beim Kamfest betraten so die Bühne Dario in Begleitung des Schlagzeugers Jaka Berger, der beiden Gitarristen Vitja Balžalorski und Andraž Mazi, der extravaganten Vokalistin Irena Tomažin sowie der schlanken Bassistin Jelena Rusjan von der Band Trus!. Das siebte Mitglied Aldo Ivančič stand hinter dem Mischpult und sorgte für die Befruchtung der neuen Klangkultur der Band mit seinen charakteristischen Synthesizer-Kulissen, Programm-Sampling-Loops und Rhythmusmaschinenprogrammen.
Kommen wir zum Auftritt! Die Idee, dass Borghesia fortan als Rock-Formation auftreten, mit Ivančič hinter dem Mischpult, war den Fans der alten Borghesia sicherlich nicht recht – doch das Lamentieren ist überflüssig. Als Septett wirkt die Band deutlich dynamischer; es erübrigt sich hinzuzufügen, dass sie an Organik, nennen wir es ruhig »Lebendigkeit«, gewonnen hat. Dazu kommen ausgezeichnete Musiker, die Dario und Aldo unterstützen und in jedem Augenblick genau wissen, wie sie den jeweiligen Zug auf ihrem Instrument dosieren müssen, um das optimale Ergebnis zu erzielen. Da Dario Seraval und Aldo Ivančič klangliche Puristen und echte Perfektionisten sind, begleiten sie musikalische Ideen nicht mit Gleichgültigkeit, sondern feilen an ihnen. Viele Jahre sind vergangen, und auch Borghesia ist im Lauf der Zeit evolutiv in eine neue musikalische Geschichte hineingewachsen.
Für Live-Auftritte frisch aufgestellt, agierte Borghesia auf den Bühnen des Kamfest mit vollem Herzblut! Dario war sichtlich in seinem Element. Das verrieten definitiv seine gelegentlichen Lächeln, die der sonst wortkarge Frontmann während des Auftritts mit dem Publikum teilte. Trotz der Schocktherapie für all jene, die ein Konzert im Duo-Modus erwartet hatten, schuf das Septett des neuen Borghesia schnell eine ganz eigene Atmosphäre – nichts anderes als die neu definierte, eklektische und eigenständige Haltung des klassischen Borghesia mit einem evolutiven Übergang in neue Zeiten. Ungeachtet der Zutaten klassischer Elektropunk-Arrangements, die Dario und Aldo einst vor langer Zeit so wirkungsvoll von deutschen Bands (etwa D.A.F., Pankow usw.) in ein eigenständiges musikalisches Erbe überführt hatten, hat das neue Arrangement-Gewand mit zwei Gitarren, reißender Basslinie, den abgehackten Ausrufen des Theaters von Irena Tomažin und Darios »grollenden Rezitationen« den Ausgangsminimalismus in ein neues Erlebnis hypnotisch dumpfer Ausweglosigkeit und ultimativer Destruktion überführt. Borghesia bewies auf der Bühne des Mali grad in Kamnik, dass die kraftvolle Botschaft der Klassiker (gekleidet in neue Arrangements) den Test der Zeit bestanden hat – und dass eben diese Botschaft heute aktueller ist als je zuvor.
In einer Stunde und fünf Minuten präsentierte die Band so das neue Studioalbum »And Man Created God« und spielte My Life Is My Message, C’est La Guerre , Profit, Power and Lies, Kaufen macht frei und 194. Zwischen die Neuheiten mischte Borghesia ihre klassischen Songs – bereits im Eröffnungsteil des Konzerts das wohl bis heute bekannteste Werk ihres Repertoires Ni upanja, ni strahu, gefolgt von Divje horde, Pasto Nudo, Blato, Tako mladi, Young Prisoners, Goli uniformirani mrtvi, Nočna šetnja – und schloss den Auftritt mit dem Song Mali ćovek, der in der obligatorischen Zugabe gespielt wurde.
Alles passt – das neue Borghesia hat in Kamnik die Kurve gekriegt. Die Leute überließen sich der einzigartigen Atmosphäre des Schwärze-Zeichnens, deren Botschaft dieselbe bleibt! Sie ruft den kleinen Mann dazu auf, die Dinge endlich in die eigenen Hände zu nehmen und das neoliberale Monster des Kapitalismus zu zerschmettern. Sollte Borghesia in der neuen Zeit Konzerte in jener Formation fortsetzen, die sie in Kamnik präsentiert hat, empfehle ich den Konzeptmachern, für künftige Auftritte beide Gitarren kräftig zu »metallisieren«! Die Gitarren bleiben nämlich zu wenig ausgenutzt! Nicht was das Solieren angeht – das kommt natürlich nicht infrage. Sondern beim Entfesseln von Lärm! In Kombination mit den Mitteln der Industrial-Ästhetik (Rhythmusmaschine) würde eine stärkere Verzerrung der Gitarren, die eine vernichtend massive Klangwand erzeugt, deutlich »böser« wirken – und das Konzerterlebnis des neuen Borghesia käme damit z.B. der konzertanten Arroganz des Rammstein-Sounds näher.
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