Metaldays 2014 (Erster Tag) – Rein in den Teufelsgarten!

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Autor: Rok Klemše, Aleš Podbrežnik
Fotos: Nina Grad, Sebastijan Videc
Video: Sebastijan Videc

Ort: Tolmin / Sotočje / Slowenien
Konzertdatum: 21.07.2014
Besucherzahl: 12.000

Zelt. Check. Frische Unterwäsche. Check. Volle Kühltasche. Check. Ziel: Tolmin, Metaldays 2014! Im letzten Jahr präsentierte sich das Festival, das im allgemeinen Sprachgebrauch immer noch liebevoll Metalkemp genannt wird (obwohl sich auch der neue Name langsam eingebürgert hat), erstmals in neuem Licht – nicht nur mit neuem Namen. Dieses Jahr setzte sich die Geschichte fort: fünf Tage Metal-Urlaub, zwei Bühnen, über siebzig Bands, eine Menge Neuigkeiten (auf die wir in fünf Berichten noch eingehen werden), vieeeeel guten Metal und jede Menge Bier.

Die Ehre, das Eis des diesjährigen Festivals zu brechen, gebührte den mexikanischen Nuclear Chaos – die jedoch keine nukleare Explosion boten, sondern allenfalls einen mickerigen Knaller. Ihr melodisch gefärbter Death Metal bot nichts weiter als einen Haufen generischer Riffs und eintönigen Gesang, und die Langeweile wurde durch häufige stimmungstötende Breakdowns noch verstärkt. Zum Glück ändern sich die Zeiten, und während auf der kleinen Bühne vor einigen Jahren solche Bands noch wimmelten, sind sie in den letzten zwei Jahren eher die Ausnahme als die Regel.

Die Hauptbühne eröffneten in diesem Jahr Rest in Fear. Die melodischen Death-Metaller kommen aus dem österreichischen Graz. Das Sextett trat bereits im vergangenen Jahr beim Metaldays-Festival auf, und zwar am dritten Tag – dem einzigen Tag, an dem das Festival vom Regen begleitet wurde. Und auch in diesem Jahr hatte die Band in dieser Hinsicht kein Glück. Die Gruppe, die sich durch eine stattliche Quote verkaufter Festivaltickets ihren Auftritt bei der diesjährigen Ausgabe des Festivals verdient hatte, betrat die Bühne genau in dem Moment, als über Tolmin eine Wolke aufplatzte. Das dezimierte Publikum vor dem Bühnenportal feuerte die »vom Wetter verfluchte Band« dennoch an. Die Handvoll Ausharrenden war wohl größtenteils enger Freundes- und Bekanntenkreis der Band. Nur wenige Tage nach diesem Festivalauftritt veröffentlichen Rest in Fear ihr neues Studiowerk »Shallows Deep«, das bei diesem Auftritt bereits vorgestellt wurde. Aber wie gesagt. Unter »unwürdigen« Bedingungen. Ein Haufen generischer Stilmuster wurde auch durch zwei verschiedene extreme Vokalansätze nicht »verdeckt«, und die Band vermochte sich nicht von Unbehagen und Verkrampfung zu befreien, wenn sie vom Bühnenrand auf den prasselnden Regenvorhang blickte.

Der erste Verteidiger der slowenischen Fahne beim diesjährigen Metaldays war das Death-Metal-Ungetüm aus Dolenjska und Bela krajina, Mephistophelian, das in den frühen Nachmittagsstunden die zweite Bühne und alle, die darunter standen, dem Erdboden gleichmachte. Den Jungs merkt man die Konzertkilometer an, die sie fleißig sammeln – Ohren und Nacken aber danken es mit brutalem, technisch ausgefeiltem Death Metal, der Einflüsse wie Suffocation, Aborted, Cannibal Corpse und Ähnliche nicht versteckt, gleichzeitig aber einen frischen und interessanten Zugang zu diesem Genre bietet. Der ausgezeichnete Sound kam der Band zugute, die so ohne größere Probleme ein fantastisches Konzert absolvierte, vollgepackt mit zerstörerischem Drumming, rohen Riffs, fettem Bass und Denijs abwechslungsreichem, vielgestaltigem Gegrowle, das vom tiefen Grunzen bis zu Grindcore-Pig-Squeals reicht. Wir warten auf die blutige Geburt des Debüts!

Die Berliner Rising Storm brachten eine der selteneren Metal-Bands zum Festival mit, die von Clean-Vocals angeführt wird. Grundsätzlich typische Euro-Power-Metaller der deutschen Schule, aber mit modisch »angethrashten« Gitarrenphrases und gestützt auf ausgearbeitete Leadmelodien, im Stil ihrer älteren Landsleute Brainstorm, sowie mit dem bereits erwähnten melodischen, autoritativen Clean-Vocal. Besonders schön bei der Band ist die Ausrichtung auf ausgearbeitete instrumentale »Mid-Eight«-Passagen, in denen Rising Storm ihre ungeahnten musikalischen Talente und ihr angeborenes Gespür für Musikalität unter Beweis stellen.  Das Quartett stellte seinen Studioerstling »Initium« vor und spielte neben dem Titelinstrumental auch Songs wie Iron Faith, Avenger, Trial of the Sun, Thoughts of Perception und unter anderem das ausgezeichnete neue Conquer of the Sea – was bedeutet, dass ein neues Studioalbum in den Startlöchern steht. Herzblut, Souveränität und eine vollständig ausgeschöpfte halbe Stunde Auftrittszeit.

Die deutschen Thrasher Cripper hatten mit ihrem diesmaligen Auftritt auf der großen Bühne nicht gerade viel Glück, denn genau während ihres Konzerts goss es wie aus Eimern. Aber Britta, die offensichtlich auf dem Thrash-Thron ihre Landsmännin Sabina Classen (Holy Moses) beerben wird, und ihre Jungs störte das nicht im Geringsten – eher im Gegenteil. Obwohl ihr Blick auf den Thrash keinen Schritt von den Genrestandards abweicht, kompensieren Cripper den Mangel an Originalität mit einer energischen und mitreißenden Live-Show. Trägerin davon ist vor allem die lebende Bombe Britta, die die Bühne ständig ausfüllt – und neben ihrer wilden Erscheinung erledigt die Frau auch die vokale Aufgabe gründlich. Das kommt dem nahe, was wir von Chuck Billy auf The Gathering gehört haben – Britta nähert sich mit ihrem rohen und aggressiven Vokalangriff bereits fast Death-Metal-Growls an. Cripper sorgten dafür, dass sich das Publikum, das der Regen nicht allzu sehr störte, bei Songs wie Animal of Prey und Fire Walk With Me ordentlich die Nackenmuskeln warmgespielt hat – und noch mehr Begeisterung entfachten sie mit der Nachricht, dass das Konzert für eine kommende DVD aufgezeichnet wird. Mit dem verheerenden Bloodshot skizzierte die Band erstmals die Umrisse des neuen Albums Hyena , das im November dieses Jahres erscheint. Obwohl man sie bereits von der Bühne drängte, gönnte sich Britta zum Abschluss noch einen Stage Dive und den Klassiker FUQU.

Wer den Auftritt der extremen Wahnsinnigen Cripper mit der wilden Britta auf dem »Growl-Thron« vorzeitig abgekürzt hatte und sich lieber zur kleinen Bühne aufgemacht hatte, wo die Luft nach dem heftigen Regenguss noch immer feucht-schwer hing, hatte was zu genießen. Denn auf der zweiten Bühne standen zu diesem Zeitpunkt die serbischen Alogia. Das Sextett aus Smederevo gilt als Progressive-Metaller! Die erfahrene Truppe, die seit dem Jahr 2000 aktiv ist und drei ordentliche Studioalben im Gepäck hat, steckt voller vielschichtiger musikalischer Aufnahmebereitschaft. Definitiv ein Muss für Fans von Dream Theater ebenso wie von Symphony X. Eine halbe Stunde Präsentation exzellenten Eigenmaterials, das seinen eigenen Weg der Ursprünglichkeit geht. Vor allem sind die komplexen Passagen mit reichlich Arabesken und dem authentischen Charakter des Balkanmelodismus gewürzt, während die Songs von einem autoritativen, melodisch ausgefeilten Clean-Vocal angeführt werden, der mühelos die höchsten Lagen überwindet. Beim Übergang von den mittleren in die hohen und höchsten Lagen behält er all seine Ausdruckskraft, weshalb der Sänger neben dem brillanten Spiel seiner Mitstreiter und ihrer kühnen Eingespieltheit das eindeutig herausragende Element der Band ist. Vokal gesehen haben Alogia ihre Vorgänger Rising Storm weggeblasen. Elegia Balcanica ist die neue Single, die Alogia unter anderem in Tolmin aufführten – und der Song, mit dem sich die Gruppe nach dem ausgefeilteren Album »Priče o snovima« (2012) wieder ihrem progressiven Charakter zuwendet. Derzeit gilt dieser Song eigentlich als die repräsentativste Referenz dafür, was man von Alogia erwarten kann.  Von diesen Jungs werden wir in Zukunft zweifellos noch viel hören. Positives natürlich. Falls sie mal in deiner Nähe auftreten und du auf melodische Leadmelodien kombiniert mit  vielschichtiger Arrangementkomplexität sowie auf einen klaren und melodisch ausgearbeiteten Gesang setzt, dann sind Alogia die richtige Adresse für dich.

Aus den aggressiven Thrash-Gewässern entführte uns das weitere Programm auf der Hauptbühne in ganz andere Gefilde: in die ätherischen, zarten und märchenhaften Klänge der französischen Alcest. Die Obsession von Frontmann Neige mit dem Märchenland, von dem er als Kind träumte, ist geradezu ansteckend, denn die sanften, dissonanten Gitarrenklänge und die atmosphärischen Keyboards (leider immer noch nur per Playback) wiegen dich mühelos in einen kindlich-verspielten Peter-Pan-Trance. Die fragilen Vocals und die Sonne, die genau während des Auftritts von Alcest wieder hinter den Wolken hervorkam, unterstrichen das wunderschöne Erlebnis noch zusätzlich. Metal? Nicht im Geringsten – aber das französische Trio, das sich diesmal am längsten beim aktuellen Album Shelter aufhielt, war ein schöner Übergang vom späten Nachmittag in den Abend und zu brutaleren Genres, die die Trommelfelle nicht mehr mit träumerischen Wellen streichelten, sondern sich wie ein Facehugger gnadenlos in sie hineinbohrten.

Wer Angst vor einer Überdosis intravenöser Beruhigungsmittel bei den Klängen von Alcest hatte, flüchtete schnell zur zweiten Bühne, wo es eine »exotische Attraktion« zu bestaunen gab! Die Rede ist von den maltesischen Death-Metallern Beheaded, die mit ihrem bestialen Lärmsäen die kleine Bühne für die nächsten 40 Minuten gnadenlos verwüsteten. Obwohl von der Band, die seit 1991 aktiv ist, keine Originalmitglieder mehr dabei sind, bewahren Beheaded auch im reifen Alter ihren Old-School-mäßigen, urweltlich-rohen Death-Metal-Zorn – ohne jeden Zierrat.  Sie setzen allein auf die Karte des zerstörerischen Aggressionsextrems, das einem Blut aus den Ohren locken und Halswirbel brechen kann. Musikalisch erinnern sie gelegentlich an Hate Eternal, Diabolic oder spätere Kataklysm, und die üppige Würze mit Blast Beats erzeugt  eine Atmosphäre, die in Umrissen an Vaders Tricks erinnert. Gerade mit dem neuen Album »Never to Dawn« (2012) definieren Beheaded ihre musikalische Spur noch deutlicher. Das liegt an den Eigenheiten des Growlings des neuen Sängers Frank Calleja, der etwas ganz Eigenes hat. Brutal, böswillig, unheilverkündend. Der Same des Bösen keimte auf dem Festival so erstmals wirklich auf und lieferte eine echte Ouvertüre und Aufwärmung vor dem Auftritt der Schweden Grave.

Eine vollständige Genre-Kehrtwende, die zugleich die Genrevielfalt des diesjährigen Festivals unterstrich, präsentierten auf der zweiten Bühne direkt nach Alcest die norwegischen Black/Viking-Metaller Helheim, die uns aus Neiges sonnigem Land direkt nach Jotunheim unter die Eisriesen beförderten. Die Norweger schöpfen tief aus der nordischen Mythologie, was sie in die Musik nicht pompös und billig einfließen lassen wie etwa Amon Amarth, sondern intimer und der nordischen Überlieferung treuer – wie zum Beispiel das frühe Enslaved. Im Schatten der Baumkronen beschwor der doppelte Vokalangriff von V’gandr und H’grimnir eine noch düsterere, trübsinnigere und kältere Atmosphäre, und der ausgezeichnete Sound setzte noch das Tüpfelchen auf das i.  

Leider überschnitt sich die höllische Welt, aus der die Norweger entstiegen waren, genau mit dem Auftritt der Veteranen des schwedischen Death Metal Grave, weshalb der Geruch verwesenden Fleisches rief, dass wir aus dem Grab auferstehen, die Erde und den Zypressenduft abschütteln und uns zur Hauptbühne aufmachen sollten. Grave sind derzeit neben Unleashed wohl die einzige noch vollblütige Old-School-Swedish-Death-Metal-Band, die spielt… nun ja, Death Metal. Dismember sind mit dem Häkelzeug viel zu früh in Rente gegangen, beide Versionen von Entombed lassen aufhorchen, aber wir wissen, dass ein neues Left Hand Path nicht zu erwarten ist. Grave aber sind jene, die seit 1986 fleißig dafür sorgen, dass sich auf den Boss-Heavy-Metal- und Distortion-Pedalen kein Staub sammelt. Und nach dem Gezeigten deutet nichts darauf hin, dass Grave bald dahin gehören würden, worauf ihr Name hindeutet. Die Kraft und Brutalität des schwedischen Death Metal weht noch immer überzeugend von ihnen aus, und mit dem aktuellen Album Endless Procession of Souls haben sie zweifellos bewiesen, dass sie das letzte Wort noch nicht gesprochen haben.  Grave begrüßten uns zum Auftakt gleich mit dem klassischen Kracher Into the Grave und führten uns dann durch mehr oder weniger alle Alben. Obwohl die einzige Konstante der Band seit fast einem Vierteljahrhundert Vokalist und Gitarrist Ola Lindgren ist, der immer noch grunzt wie auf dem Sexual Mutilation-Demo, erstrahlten dank des ausgezeichneten, lauten und explosiven Sounds auch die anderen drei relativ frischen Leichen. Der erste Death-Metal-Höhepunkt des Festivals – von denen bis zum Ende noch einige folgen sollten!

Vom Grab herüber zur zweiten Bühne schwappten weitere Death-Metaller: die Hoffnungsträger des europäischen Death Metal, die Belgier Aborted, die in den letzten Jahren Stammgäste auf unseren Bühnen sind. Aber während es Bands gab, die sich früher quasi mit Gewalt die slowenische Staatsbürgerschaft erschleichen wollten (Ektomorf, Korpiklaani, Amon Amarth), können sich Aborted den slowenischen Pass ganz in Ruhe nehmen. Vielversprechend begannen Aborted schon beim Soundcheck, während dem sich Gitarrist Danny Tunker mit Riffs von Carcass und Decapitated vergnügte – worauf eine echte Wasserstoffbombe brutalen Death Metals voller Eingeweide, Blut, Auswurf und Ähnlichem folgte. Svencho ist ein verdammt guter Frontmann geworden, der auf der Bühne keine Sekunde stillhält und dabei bei all dem wilden Herumgeturne tiefe Growls, hohe Screams und Schweinsquietschen aus seinen Stimmbändern presst. Aborted mahlten das nahezu vollgepackte Gelände wie in Soylent Green oder Delicatessen (für die Jüngeren),  und es geht mir immer noch auf den Keks, dass sie wie immer auch diesmal das Album Slaughter & Apparatus komplett ignorierten – das zwar wie ein Carcass-Klon klingt, aber auch ein Carcass-Klon kann nicht schlecht klingen, hehe. Die Setlist war trotzdem lecker wie ein Soylent-Green-Burger, ordentlich durchgeschüttelt mit Songs vom aktuellen Album The Necrotic Manifesto, und auch der Klassiker The Saw and the Carnage Done fehlte nicht. Dem ausgezeichneten Auftritt der Band war das Publikum ebenfalls nicht schuldig geblieben und verwandelte sich für eine gute Stunde in einen unkenntlichen Mix aus Gliedmaßen, Haaren und Körpern.

Mitten im Auftritt der Gore/Grind-Metal-Usurpatoren Aborted von der zweiten Bühne loszureißen und sich zur Hauptbühne aufzumachen war verdammt schwer. Der Auftritt von Aborted war schlichtweg mitreißend. Aber die Uhr schlug neun Uhr abends und die Wiese vor der Hauptbühne war bereits bis in den letzten Winkel gefüllt. Trotz der Fülle an Nässe, mit der die Wiese an diesem Tag durchtränkt war, hatten sich die Massen auch auf den Hang des Flussufers links der Bühne gesetzt. Die aufgeheizte Atmosphäre war genau richtig für? Den Einmarsch der Children of Bodom. Die finnischen Metal-Raufbolde zählen heute bereits zu den Veteranen. Obwohl ihre kreativ besten Zeiten vorbei sind und sie heute mit ihren Werken irgendwie nicht mehr überraschen, bleiben sie ein Begriff für Konsistenz und Qualität. Die große Beliebtheit der Band beruht vor allem auf dem Lausbubencharme, den der düster blickende kleine Dämon in Children-of-Bodom-Gestalt ausstrahlt. Das ist die Figur des Sängers und Hauptgitarristen, des unverwüstlichen Alexi Laiho. Obwohl das im letzten Jahr erschienene Album »Halo of Blood« noch aktuell ist, spielte die Band davon nur zwei Songs (den Titeltrack und Scream for Silence), während der Rest des Repertoires einen Querschnitt durch die Diskografie der Band umfasste – einschließlich der »Perlen« der klassischen Tage mit Lake Bodom, Towards Dead End, Downfall, Bodom After Midnight und dem berühmten Single Hate Me! an der Spitze. Auch die Finnen sind natürlich bei all den gefahrenen Konzertkilometern für einen Live-Act bekannt, dem auf der Bühne kaum ein Fehler unterläuft. Brillantes Zusammenspiel, ausgezeichneter Sound, außer Rand und Band geratenes Publikum, exzellente Energie, die mal von der Bühne ins Publikum flutete, mal in die entgegengesetzte Richtung zurück auf die Bühne. Children of Bodom bleiben also jene »freundlichen« Jungs, die bellen, aber nicht beißen. Sie als Death-Metaller zu bezeichnen wäre übertrieben – eher Finnish Power Metal mit grummeligen Vocals. Die Musikalitätskomponente wirft die Waage in jedem Fall tief zu ihren Gunsten – deshalb sind Children of Bodom musikalisch so massentauglich.

Während des Auftritts der finnischen Helden Children of Bodom beherbergte die zweite Bühne etwas ganz anderes, das vor allem an musikalische Gourmets gerichtet war. Tolmin besuchten erneut die norwegischen Avantgardisten Vulture Industries, mit denen wir vor gut einem Monat in der Mariborer Pekarni zusammentrafen – diesmal hatten sie jedoch die norwegische Tanz-/Theatergruppe Happy Gorilla Dance Company mitgebracht, mit der sie unter dem Namen Turning Golem auftreten (mehr dazu demnächst in einem Interview mit dem charismatischen Vokalist Bjørnar). Die Norweger halten sich weiterhin fest an das aktuelle Album The Tower, das den Großteil des gespielten Sets ausmachte – aber das ist absolut in Ordnung, denn schon der Titelsong als Opener ließ einem die Haare zu Berge stehen. Die instrumentale und vokale Darbietung war wieder einmal erstklassig – das sind wir von Vulture Industries bereits gewohnt –, und den besonderen Reiz des diesmaligen Auftritts verlieh die Mischung aus Musik und Theater, die bereits an die Bizarrerie eines Terry Gilliam grenzte. Drei Schauspieler übertrugen in fantastischen Masken und Kostümen die Texte von Vulture Industries in eine Theaterform, und auch Bjørnar blieb von der Behandlung nicht verschont. Er war diesmal nicht derjenige, der die »vierte Wand« durchbrechen würde – das taten diesmal wirklich die Schauspieler, die sich unter das Publikum mischten. Das wunderschöne Lichtspiel, die phänomenale Darbietung, der gute Sound und die Einzigartigkeit der Aufführung (die wirklich exklusiv war, da es nur eine Handvoll Turning-Golem-Auftritte gegeben hat) waren die Faktoren, die Turning Golem nicht nur zu einem der Höhepunkte des ersten Tages machten, sondern des gesamten Festivals. Besonders wegen der Tatsache, die Bjørnar abschließend betonte – für Turning Golem war dies der letzte Auftritt, den es nie mehr zu wiederholen geben wird.

Opeth. Die Band des Metal-Universums, die in den letzten Jahren eine der größten stilistischen Transitionen erlebt, wurde als Hauptträger des ersten Festivaltages ausgewählt. Man weiß kaum noch genau, welches Etikett man ihnen in diesem Moment anheften sollte. Das Adjektiv »progressiv« bleibt definitiv, aber die Metal-Komponente wird zunehmend von Elementen ersetzt, die zur Revitalisierung des Klangs des symphonischen Progressive Rock der Siebziger und sogar der Jazz-Rock-Fusion neigen. Opeth haben schon immer gerne experimentiert, stets mit ihrem freigeistigen Experiment geschockt. Der geniale Mikael Akerfeldt sorgte während des Auftritts traditionsgemäß als Meister des schwarzen Humors für gute Stimmung, die positive Schwingungen vom Publikum hervorrief, und die Band absolvierte eigentlich einen der letzten Auftritte mit der »Heritage«-Kulisse. Akerfeldt ist bekannt für seine musikalische Belesenheit, weshalb er zur Eröffnung das Auditorium mit der Wahl eines abgespielten Intros mit dem Song Through Pain to Heaven der deutschen kosmischen Elektro-Avant-Rocker Popol Vuh »schockte«! Nun, die Dinge rückte bald The Devil’s Orchard (»Heritage«, 2011) an den »richtigen Platz«. Nach Heir Apparent, offensichtlich einem von Akerfeldts beliebtesten »Watershed«-Songs, »erschütterte« die Band die Menge zum ersten Mal mit dem ersten Hochgenuss des Opeth-Auftritts namens White Cluster aus dem Kultalbum »Still Life« (1999). Die Crowdsurfer hatten diesmal eine Menge Probleme. Okay, White Cluster ging für sie noch irgendwie durch. Aber auch dieser Song zeichnet sich durch allerlei stimmungsmäßige Fluktuation aus. Deshalb war es ein paarmal wirklich komisch anzusehen, wenn ein paar Crowdsurf-Helden auf den Händen des Publikums über die fast hypnotisch lockenden ruhigen akustischen Passagen mit Akerfeldts klaren Vocals glitten. Magie und Hypnose. Ein Wort. Opeth. Eine ausgezeichnete Setlist, die das überragende Blackwater Park im großen Finale krönte. Der Auftritt von Opeth wogte auf riesigen Wellen gewaltiger Stimmungswechsel. Als Überraschung enthielt die Setlist auch Demon of the Fall – ein fast vergessener Opeth-Song von ihrem dritten Album –, während Liebhaber des »goldenen Zeitalters«, also der »progressiv-death-metal«-Ära, zweifellos am meisten Songs wie dem fantastischen Deliverance und dem einzigen »Ghost Reveries«-Track Atonement genossen,

Der Auftritt der Band drehte sich im Handumdrehen. Ganz einfach. Die schwedischen Perfektionisten liefern das Beste ab, und die Magie, die ihre in anderthalb Stunden auf der Bühne erschaffene Welt begleitet, ist so stark, dass man sich ihr nicht widersetzen kann. Interessant ist, dass das neue Album »Pale Communion« für Ende August dieses Jahres angekündigt ist und die Band keinen einzigen neuen Song davon spielte. Was gut ist. Die Transition ist nämlich unausweichlich, und viele Opeth-Fans, die irgendwo bei »Ghost Reveries« stehen geblieben sind, fürchten diese Transition sehr.. Akerfeldt hat das nicht nur mit den letzten beiden Opeth-Werken angekündigt, sondern auch mit dem Projekt Storm Corrosion! Das Opeth-Konzert wirkt, als würde die Band eine anderthalb Stunden lange Suite aus Jazz- und Metal-Fusion spielen, gewürzt mal mit klarem Vokalgesang, mal mit Death-Metal-Growling. Die Atmosphäre der live erschaffenen musikalischen Opeth-Gestalt ist einzigartig und unwiederholbar. Tiefes Schwarz. In Trauer gehüllt. Ob akustische Klänge erklingen und Akerfeldt ein »normaler« Sänger ist, oder ob sie mehr Death-Metal-Aggression von sich geben. Echte Fans der Band kamen an diesem Abend zweifellos voll auf ihre Kosten. Obwohl die Band auf der Bühne etwas statisch ist, da Akerfeldt durchgehend mit seinem Gesang ans Mikrofon gefesselt ist und sich auch in längeren instrumentalen Passagen selten vom Mikrofon entfernt, gleicht die Band das mit der Kreation eines einzigartigen musikalischen Abenteuers aus.

Nach Opeth war aber noch nicht Schlafenszeit. Diejenigen, denen der erste Tag noch nicht genug Brutalisierung gebracht hatte – und das waren definitiv nicht wenige –, sammelten sich noch vor der zweiten Bühne, um den Live-Auftritt der letzten Festivalband des ersten Tages zu erleben. Die New Yorker Hochburg des Technical Death Metal, Immolation. Feuchtigkeitsschwaden spielten mit den Lichtstrahlen der Drehscheinwerfer, als die Bühne den Nebel verschluckte und sich dunkle Silhouetten ihren Weg bahnten, angeführt vom großen Chef Ross Dolan – der auf dem Festival sicher zu den Rekordhaltern nach Länge seines Haupthaares zählte. Immolation näherten sich dem letzten Akt des Abends (oder vielmehr der Nacht) eigentlich ohne besondere Theatralik, direkt und kompromisslos. Der Tatsache der vollständigen Vernichtung. Die Band belud die Setlist mit dem aktuellen Studiowerk »Kingdom of Conspiracy« und eröffnete die Konzertperformance mit dem Titelsong des Albums. Das vollgepackte Gelände eines mitreißenden Publikums trug zum ausgezeichneten  Wohlbefinden der Band bei, die eine erstklassige Darbietung des Repertoires demonstrierte. Technisch geschliffene Ausführungsperfektion Hand in Hand mit der Tatsache blasphemischer Aggression, die keine Lebenden hinter sich lässt! Besonders imponierte das Spiel von Drummer Steve Shalaty, der eine Performance nahe an echtem Metal-Jazz ablieferte, bei der es kaum einen Moment gibt, der nicht den funkelnden Touch der Improvisation trägt! Während des Konzerts der Band gibt es keine Zeit zum Durchatmen. Immolation lassen dich nicht atmen. Sie saugen dich schlicht in ihre Welt, die von großer Ausführungsperfektion brillanten Spielens beherrscht wird und gleichzeitig das erschafft, wofür die meisten kommen. Armageddon! Die Hölle auf Erden. Die grenzenlose Agonie des Jüngsten Gerichts einer rasenden Kataklysmik. Natürlich belud die Band ihre nach dem Grundsatz »gotteslästerliche« Setlist mit dem neuen Album »Kingdom of Conspiracy«, und Ross nahm sich ein paar Momente der Auszeit, um das Quartett vor der Darbietung des Kult-Songs What They Bring dem Publikum vorzustellen. Die Band beendete das Konzert in großem Stil, indem sie den uralten Klassiker vom Debüt »Dawn of Possession« (1991), nämlich Those Left Behind, spielte und den Auftritt so beendete, wie er begann. Mit dem Abschlusssong des aktuellen Albums »Kingdom of Conspiracy« namens All That Awaits Us. Die Old School der New Yorker Technical-Death-Metal-Perfektion, gekreuzt mit einer unbeschreiblichen  Dosis roher Brutalisierung, schickte am Ende alle, die sich bei tauben Köpfen an Death Metal sattgegessen hatten, in einen erholsamen Schlaf – und so schloss sich der erste Festivaltag.

Nina Grad (Fotos): Nuclear Chaos, Mephistophelian, Cripper, Grave, Aborted, Turning Golem
Sebastijan Videc (Fotos, alle Videos): Alogia, Alcest, Helheim, Children of Bodom, Opeth
Aleš Podbrežnik (Text): Rest In Fear, Rising Storm, Alogia, Beheaded, Children of Bodom, Opeth, Immolation
Rok Klemše (Text): Nuclear Chaos, Mephistophelian, Cripper, Alcest, Grave, Aborted, Helheim, Turning Golem

Setlist

ABORTED:
1. The Extirpation Agenda
2. Meticulous Invagination
3. Coronary Reconstruction
4. The Saw and the Carnage Done
5. Coffin Upon Coffin
6. Necrotic Manifesto
7. The Origin of Disease

CHILDREN OF BODOM:
1. Needled 24/7
2. Kissing the Shadows
3. Bodom Beach Terror
4. Halo of Blood
5. Scream For Silence
6. Hate Crew Deathroll
7. Lake Bodom
8. Angels Don’t Kill
9. Are You Dead Yet?
10. Towards Dead End
11. Hate Me!
12. Downfall
13. Bodom After Midnight
14. In Your Face

TURNING GOLEM:
1. The Tower
2. Divine Appalling
3. The Pulse of Bliss
4. Sleepwalkers
5. Blood Don’t Eliogabalus
6. The Hound
7. Turning Golem
8. Lost Amog Liars

OPETH:
taped intro: Through Pain to Heaven (orig. Popol Vuh)
1. The Devil’s Orchard
2. Heir Apparent
3. White Cluster
4. Demon of the Fall
5. Hope Leaves
6. Atonement
7. Deliverance
8. The Lines in My Hand
9. Blackwater Park

IMMOLATION:
1. Kingdom of Conspiracy
2. Majesty and Decay
3. Swarm of Terror
4. Into Everlasting Fire
5. Providence
6. Indoctrinate
7. Lost Passion
8. World Agony
9. Of Martyrs and Men
10, A Glorious Epoch
11. A Spectacle of Lies
12. What They Bring
13. God Complex
14. Those Left Behind
15. All That Awaits Us

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