Professor Satch hat wieder Lektionen aus seiner sechssaitigen Bibel erteilt (2014)

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Autor: Aleš Podbrežnik
Fotografien: Aleš Podbrežnik

Ort: Grado / Diga Nazaro Saurio / Italien
Konzertdatum: 04.07.2014
Besucherzahl: 1000

Der ultimative Musikzauberer und einer der bedeutendsten Musikvisionäre der Achtziger, der zur Popularisierung des Begriffs »Gitarrenrock« beigetragen und mit seiner Arbeit vielen anderen Gitarrenmeistern geholfen hat, ihre ungeahnten Talente in Form eigener Musik den Musikmassen näherzubringen, ist natürlich der einmalige Joe Satriani. Der Mann hat im vergangenen Jahr das Studioalbum »Unstoppable Momentum« veröffentlicht – RockLine-Rezension HIER, das auch im laufenden Jahr noch aktuell bleibt. Bereits im vergangenen Jahr war er von Mai bis Juni auf europäischen Konzertbühnen unterwegs, wo er es auch am 25.05.2014 präsentierte – RockLine-Reportage HIER, bei seinem bis dahin insgesamt dritten Stopp in Slowenien. Das erste Mal trat Satriani bei uns am 09.07.2004 im Rahmen der G3-Tournee auf, damals in Begleitung seines ehemaligen Schülers Steve Vai und des großartigen Robert Fripp (King Crimson), das zweite Mal im Rahmen seiner Solotournee zur Promotion des damals aktuellen Studiowerks »Black Swans And Wormhole Wizards« – RockLine-Rezension HIER. Das war am 10. November 2010 – RockLine-Reportage HIER. Joes Popularität, oder um es für heutige Verhältnisse präziser zu sagen, seine Beliebtheit unter all jenen, die auf das Großmeistertum des Gitarrenspiels setzen, lässt nicht nach und gibt nicht nach. Seine Konzerte sind nach wie vor voll mit sowohl reifen als auch jüngeren Musikbegeisterten – vor allem jenen, die Satrianis große Fertigkeit genießen, hochdefinierte Melodien miteinander zu verweben, innerhalb derer er sich stets einfallsreich reichlich Raum für die Demonstration verblüffender Gitarrentricks bahnt. Diese bleiben die Hauptattraktion und der Reiz seiner Konzertbesuche. Dabei halten seine Nummern (kompositorisch gesehen) durchgehend den roten Faden großer Kompaktheit aufrecht, denn sie lassen keine experimentellen Kapriolen zu, die zur motivischen Fragmentierung führen würden. Der Avantgarde ist also der Eintritt verwehrt. Der Mann bleibt auch 2014 auf jeder Konzertbühne willkommen. Da er sehr gefragt ist, verlängert er seine Tourneen gerne. So hat er auch die Tournee zur Promotion des Albums »Unstoppable Momentum« verlängert. Die Sommertermine brachten ihn so nur einen Katzensprung von der slowenischen Grenze entfernt, genauer gesagt in das italienische Ferienörtchen nahe Monfalcone namens Grado, wo er im Rahmen des alljährlichen Festivalzyklus »Ospiti Di Autore« auftrat.

Joe Satriani hat auch für diesen Teil der Tournee die Mitstreiter um sich behalten, die ihn bereits beim ersten Teil der Tournee begleitet haben, als er mit ihnen auch in Ljubljana auftrat. Der attraktivste unter ihnen ist der Name, der dem Multiinstrumentalisten Mike Keneally gehört, der unter anderem für seine Zusammenarbeit mit Frank Zappa bekannt ist und der einst auch schon in Ljubljana aufgetreten ist, und zwar mit Steve Vai. Das war am 13.04.2000 in der Halle Tivoli in Ljubljana. An Satrianis Seite bleibt auch weiterhin das außergewöhnliche Rhythmusgespann des deutschen Großmeisters am Schlagzeug Marc Minnemann und des brillanten amerikanischen Bassisten Bryan Beller, die zwei Drittel des verschmitzt eingespielten Kumpanen-Trios der experimentellen Fusion innerhalb von The Aristocrats bilden.

Obwohl es längst nach neun Uhr abends war, war die Spielstätte Diga Nasario Sauro relativ leer. Als Vorband betrat Raven Eye die Bühne. Die amerikanischen Retro-Sound-Rocker, die in den Archiven der simplen Riff-Rhetorik vergangener Tage wühlen, als Rock noch jung war, und die die ansonsten vorhersehbare und triviale Anlage ihrer Ausdrucksfiguren mit der ungezügelten Hochspannung einer eruptiven Adrenalinhetze aufwerten, wie sie ein Überschuss an Testosteron junger Hengste diktiert, die sich beweisen wollen! In die nackt dahinjagenden Riffs schleicht sich gerne ein doomiger Sabbath-Nachhall, und was die Garagenlebens-Inhalte angeht, sind Etikettierungen à la MC5 durchaus möglich. Natürlich. Die Sache ist wieder aktuelles Recycling. Nur abgetragene Lumberjack-Hemden fehlen noch. Jemand hat bei ihnen den Revivalismus von Wolfmother gehört, ein anderer Graveyard, und wieder ein Dritter hat schnell eine dritte sinnvolle Assoziation hingeworfen. Dieser Art Revivalismus ist im Kommen und aktuell. Garagig, roh, aufgepeitscht, ohne größere Schwierigkeitsstufen, was die Erschließung ihres musikalischen Dossiers angeht. Keine besondere Musikphilosophie, auch nichts, was man noch nicht gehört hätte. Trotzdem hat die Band die Generizität mit Herzblut und großem spielerischem Einsatz kuriert! Mit diesem ungezügelten Ansatz vorbildlicher Bühnendynamik und Materialausführung haben sich die Jungs Oli Brown, Sam Weston und Kev Hickman schnell die Gunst der Menge gesichert, die die Show der Gruppe bei ihrem Ende mit konkretem Applaus begleitete. Über die Kompatibilität von Raven Eye mit dem Hauptstar des Konzertabends lohnt es sich natürlich nicht, überflüssige Gedanken zu verschwenden.

Etwa eine Viertelstunde vor zehn Uhr abends war die Spielstätte dann aber richtig voll. Die Bühne verdunkelt sich, und zu einem aufgenommenen Intro betreten vier Meister die Bühne, angeführt von der Gitarrenexzellenz Joe Satriani. Die Band nimmt sich der allen lieben und bekannten Nummer an! Cool #9. Das Publikum gehört im Nu Satch!

Der hervorragend aufgelegte Großmeister, der in gut einer Woche „runde“ 58 Jahre alt wird, obwohl er höchstens 30 aussieht, strahlte jugendliche Lebhaftigkeit, Verschmitztheit, absolute Entspanntheit aus – und das, was seine große Tugend und sein Markenzeichen ist. Den allgemein ausgerichteten Positivismus, mit dem er sofort die Zuneigung eines jeden gewinnt. Es ist überflüssig zu sagen, dass Joe auch dieses Konzert ohne den geringsten Fehler gespielt hat. Wenn es irgendwo einen gab, hat ihn wohl nur er selbst bemerkt. Beim so hervorragend aufgelegten Bandchef haben auch seine drei Kumpane nicht mit ausgelassener Stimmung großer spielerischer Heiterkeit gegeizt. Schon die zweite Nummer des Repertoires, Devil’s Slide (Album »Engines of Creation«, erschienen 2000), trieb auch Mike Keneally an die Bühnenvorderkante, der eigentlich elementar für die Keyboards zuständig war! Keneally hat im Vergleich zu dem Keneally, der letztes Jahr in der Cvetličarna in Ljubljana aufgetreten ist, konkret einige Kilos verloren. Der Mann, der das offizielle T-Shirt von Mastodon trug, ist für Satriani seit Jahren das Schlüsselelement in des Musikers schrittweiser Transition von einer strikt »one man band« Herangehensweise an Musik hin zu einer, die Teamgeist ausstrahlt. Satrianis neueste Platten klingen nämlich deutlich teamorientierter als jene, die der Meister vor gut zehn Jahren und mehr aufgenommen hat. Keneally ist ein Meister der Jazz-Rock-Fusion; die Umsetzung seiner ausgefeiltesten Ideen, wenn nicht gar experimentell-avantgardistischen »Streiche«, die er auch aus dem Umgang mit Frank Zappa geerbt hat, ist für ihn eine Leichtigkeit. Als würde er warme Brötchen knuspern. Nichts bleibt ihm verborgen! Und Satriani setzt ihn bei jedem Ideenabenteuer gewinnbringend ein. Keneally, der voll in das Ausfüllen von Satrianis Gitarrenspäßen eingebunden ist, wo er normalerweise die Kulisse mit den Keyboards hält und auch den verfügbaren Motivraum der Stücke mit zusätzlichen Improvisationseinlagen füllt, taucht nicht selten Schulter an Schulter neben Satch auf und begleitet ihn auf der Gitarre. In diesen Positionen bekommt er sogar ein bisschen Raum, um einen Solo-Einschub abzufeuern. Die chemische Bindung zwischen Satch und Keneally leuchtete schon bald intensiver auf. Als das neue, progressiv bewegte Three Sheets to the Wind auf dem Repertoirezettel auftauchte.

Es wäre unfair, Satrianis Rhythmusgespann zu vernachlässigen, das man wie im Trance wahrnimmt. Wenn ihr die musikalische Reichweite des grenzenlosen Experimentalismus von The Aristocrats kennt und die Tatsache, dass es Minnemann um eine Haaresbreite gefehlt hat, bei Dream Theater zu landen statt des damals »ausgebrannten« und jetzt »reumütigen« Portnoy, erübrigt sich jede weitere Diskussion eigentlich. Satriani hat besonders mit den neuen Nummern, mit denen er sich stellenweise grundlegend auf das Kokettieren mit Elementen der Jazz- und Rock-Fusion einlässt, angedeutet, dass es für ihn noch immer musikalische Horizonte gibt, die er entdecken und mit ihnen künstlerisch reifen möchte. Eine dieser außergewöhnlichen Nummern, die mit bemerkenswertem Zusammenspiel bei spielerischer Anspruchsvolligkeit begeisterte, fand ihren Platz in der Ausführung des Stücks Lies and Truths. Ebenso tat das besonders sanft gespielte Three Sheets to the Wind außerordentlich wohl, das eine ausgezeichnete Mischung aus Blues, Jazz und natürlich Rock ist und bei dem Satrianis Genie perfekt durch Keneallyʼs schelmische Improvisationen ergänzt wird. Hier liegt auch die Antwort darauf, warum das Album »Unstoppable Momentum« so stark im Tournee-Repertoire vertreten ist. Ganz einfach. Das Quartett genießt den Teamgeist, bei dem die Stücke des neuen Albums besonders viel Raum für Momente des gemeinsamen Jammens lassen. Satriani hat sich in diese Richtung intensiver zu orientieren begonnen mit seinem Abenteuer bei Chickenfoot, wo die Gruppe (das Team) an erster Stelle steht und wo der Ego des Einzelnen zuerst dem Teamgeist der Gruppe gehorchen muss!

Als die Hälfte des Konzerts vorbei war, lud Satriani alle Anwesenden zu einer Fahrt im großen Cadillac ein: »Don’t worry. It’s really large Cadillac and you can all fill in!«. Natürlich vergaß er auch nicht zu erwähnen, dass genau am Konzerttag in Grado der amerikanische Unabhängigkeitstag war. Na ja… Schön ist es, Patriot zu sein (aber nicht um jeden Preis – die weiteren Betrachtungen zu diesem Thema überlassen wir lieber Slavoj Žižek). Die Band nahm sich nämlich der Ausführung des neuen Shine On American Dreamer an, das den USA gewidmet ist. Erwähnenswert ist, dass die Gruppe im Hintergrund von einem großflächigen Panel begleitet wurde, das mit Film- und Animationsabspielungen gefüllt war, die die Sinnlichkeit und Stimmungslagen der einzelnen Repertoirenummern sinnvoll ergänzten.

Satch würzte natürlich sein Repertoire mit Klassikern, für die sein Publikum in erster Linie kommt! Da ist zunächst Flying In A Blue Dream, dann Ice 9, Satch Boogie, eine Überraschung in der Setliste, nämlich die Ausführung des Stücks Time Machine, das das neuere Jumpin‘ In im Repertoire ersetzte, sowie Jumpin‘ Out, das Satch mit der blauen Ibanez-Gitarre JS24PCA spielte, die das rote Chickenfoot-Zeichen trägt. Danach griff er zur schwarzen Ibanez-Gitarre und spielte das bekannteste Stück seiner Karriere. Das einzigartige instrumentale Evergreen Always with Me, Always with You – und Öl ins Feuer goss er im grandiosen Abschluss des regulären Teils mit der Ausführung des Titelstücks seines unvergesslichen und in vielerlei Hinsicht bahnbrechenden Albums »Surfing With the Alien«. Das Konzertfinale war erwartbar. Mit den obligatorischen Zugaben Crowd Chant und Summer Song und einem kräftig ausgedehnten »Fade-out«, der drei Wiederholungen enthielt.

Eine Stunde und fünfzig Minuten außergewöhnlicher musikalisch-instrumentaler Ästhetik auf der idealen Mittellinie zwischen ultra-melodischer Ansteckungskraft und der freiheitsliebenden Verspieltheit der Improvisationen des einzigartigen Meisters der sechssaitigen Bibel haben mit spielerischer Brillanz die Anwesenden überwältigt, die nicht aufhörten, das Quartett mit stürmischen Begeisterungsreaktionen zu belohnen. Ganz einfach! Der Gitarrenzauberer hat einmal mehr das Beste geliefert, was er kann. Und darin bleibt er einzigartig und unwiederholbar. 

Setliste

1. Cool #9
2. Devil’s Slide
3. Flying in a Blue Dream
4. Unstoppable Momentum
5. The Weight of the World
6. Ice 9
7. The Crush of Love
8. I’ll Put a Stone on Your Cairn
9. A Door into Summer
10. Lies and Truths
11. Satch Boogie
12. Shine On American Dreamer
13. Three Sheets to the Wind
14. Cryin‘
15. Drum-Solo
16. Time Machine
17. Always with Me, Always with You
18. Surfing with the Alien
—Zugabe—
19. Crowd Chant
20. Summer Song

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