Power-Metal-Fest mitten in der slowakischen Hauptstadt (2014)
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
Ort: Bratislava / Majestic Music Club / Slowakei
Konzertdatum: 22.03.2014
Besucherzahl: 550
Kartenpreis: 27,00€
Wer diese Art von Metal hört, in der ein sauberer, melodisch ausgearbeiteter Gesang dominiert und in der sich über die Wucht der Riffs ein melodischer Pomp spannt, der weiß genau, dass der alte europäische Kontinent – allen voran Deutschland – die Wiege der edelsten Power-Metal-Bands ist. Eine davon sind zweifellos Gamma Ray! Die Band, die der Gitarrist und Sänger Kai Hansen nach seinem Abgang aus Helloween noch vor Ende der Achtziger gegründet hat.
Gamma Ray brachen zu einer Tour auf zu einem Zeitpunkt, als ihr neues Studioalbum bereits zur Veröffentlichung bereitstand. Es sollte mitten auf der Tour erscheinen, die natürlich genauso heißt wie das Album! »Empire of the Undead«! Gamma Ray hatten im vergangenen Jahr auch Ljubljana besucht. Zum ersten Mal in ihrer Karriere. Zusammen mit Helloween, und zwar am 18.03.2013, als sie im Ljubljaner CUK Kino Šiška aufgetreten waren. Damals hatten sie die großartige EP »Master Of Confusion« veröffentlicht und als Vorband von Helloween gespielt. Viele hatten das Gefühl, dass Gamma Ray länger spielen sollten. Schon gar nicht angesichts des seit Jahren kläglich ausgefallenen Bühnenauftritts von Helloween, die zwar die Headliner-Rolle übernehmen, aber längst nicht das liefern, wofür du die Euros hinblätterst, um ihr Konzert zu sehen. Da klar ist, dass Gamma Ray als Headliner niemand nach Slowenien einladen wird, bleibt in so einem Fall nur eine Möglichkeit, die Band auf der Bühne zu erwischen: Du fährst zum nächsten Konzert einer solchen Tour, das Slowenien am nächsten liegt. Du bekommst wenigstens anderthalb Stunden lupenreinen Auftritt der Band, die du schätzt! Diesmal in der slowakischen Bratislava!
Als Vorband haben Gamma Ray für diese Tour die nicht minder erfahrenen Veteranen des italienischen symphonischen Metals eingeladen, den sie selbst gerne als »Hollywood«-Metal oder schlicht »Filmmusik«-Metal bezeichnen! Das sind die berühmten Triestiner Rhapsody Of Fire, die im vergangenen November ebenfalls ein neues Studioalbum mit dem Titel »Dark Wings Of Steel« veröffentlicht haben. Es versprach also ein echtes Power-Metal-Fest zu werden. Der für den 22.03.2014 in Bratislava angekündigte Auftritt war erst der dritte im Programm der umfangreichen Europa-Tour durch März und April dieses Jahres. Gamma Ray erreichten die slowakische Hauptstadt aus der Tschechischen Republik, wo sie Konzerte in Prag und Zlín gespielt hatten.
Der Majestic Music Club ist ein wunderschöner Veranstaltungsort für solche Konzerte. Es handelt sich um ein älteres Gebäude, das am Rand des Stadtzentrums liegt. Im Erdgeschoss befinden sich gleich beim Eingang zwei Kneipen, von denen sich eine in den Keller erstreckt, wo es auch einen Durchgang zu einem kleineren Kellerraum gibt, der ca. 150 Köpfe fasst und für kleinere Clubkonzerte gedacht ist. Wenn du dich aber vom Erdgeschoss ins erste Obergeschoss begibst, wartet dort der Eingang zu einem handfesteren Konzertsaal im selben Gebäude, der auf den ersten Blick rund 600–700 Leute fasst. Der ist aufgeteilt in Tribüne, Parkett und eine richtig geräumige Bühne, die sowohl in Länge als auch Tiefe überzeugt! Nach ein paar stärkenden Runden ausgezeichnetem slowakischem Bier, das nebenbei bemerkt halb und mehr als halb günstiger ist als Union und Laško in einem durchschnittlichen Gasthaus in Ljubljana – im Vergleich zur slowakischen Qualität absolut toxische Biersorten.
Es ist acht Uhr. Der Laden ist rappelvoll. Im wahrsten Sinne des Wortes. Auf die Bühne treten aber nicht Rhapsody Of Fire, sondern noch eine weitere Vorband. Ebenfalls italienisch. Die Folk-Metaller Elvenking, die wir einst, im Jahr 2008, beim grenznahen Festival in der Ortschaft Moraro (Morarock festival), nahe dem alten Görz, erwischt haben. Elvenking kommen aus dem Städtchen Sacile, das in Friaul-Julisch Venetien, in der Provinz Pordenone liegt. Also nicht weit von der slowenisch-italienischen Grenze. Das Sextett hat in seinem halbstündigen Auftritt das frisch erschienene Studioalbum »The Pagan Manifesto« präsentiert. Die Mischung aus der vertrauten Bombastik, mit der das italienische Verständnis von Metal stets symphonisch verziert ist, und dem tiefgreifend mit dem Theater traditioneller keltischer Folk-Elemente unterlegten Fundament, lieferte den Beweis für die enormen musikalischen Erfahrungen einer Band, die sowohl beim musikalischen Arrangement als auch in der Bühnenpräsenz versiert ist. Sieben Studioalben in der Tasche zu haben ist keine Kleinigkeit. Die Band hat sich die Rolle der ersten Vorband auf dieser Tour mehr als verdient! Ein außerordentlich souveräner Auftritt.
Rhapsody Of Fire traten um neun Uhr auf die Bühne und hoben die Stimmung in der Halle auf ein deutlich höheres Level. Auch wenn das slowakische Publikum nicht gerade überschwänglich auf die theatralische Verve des bestens gelaunten Sängers Fabio Lione reagierte, wiegte sich doch die eine oder andere erhitzte Birne in den vorderen Reihen des Parketts mit und zeigte sogar, dass sie die Texte einiger Refrains draufhatte. Rhapsody Of Fire stützten die Darbietung erwartungsgemäß auf Playbacks, die aufgenommene Keyboards, Chorharmonien und natürlich vollständige Orchestrierungen enthielten. Neben den Gründungsmitgliedern Sänger und Bandchef Fabio Lione und Keyboarder Alex Staropoli komplettieren die aktuelle Besetzung von Rhapsody Of Fire der langjährige deutsche Schlagzeuger Alex Holzwarth, Gitarrist Roby De Micheli und neuerdings auch Holzwarths Bruder Oliver. Erwähnenswert ist, dass die Brüder Holzwarth außerordentlich erfahrene Musiker sind. Musikkenner kennen vielleicht ihre Progressive-Rock-Band Sieges Even, die sie aufgrund zu geringen Interesses trotz eines sonst ausgezeichneten letzten Studioalbums auflösen mussten. Trotzdem bleiben die außerordentlichen Qualitäten dieser beiden Musiker nicht unbeachtet. Alex ist seit Jahren Schlagzeuger bei Rhapsody Of Fire, Oliver hingegen Live-Bassist der deutschen Power-Metal-Größen Blind Guardian. Nach dem erwarteten Opener Rising From Tragic Flames vom neuesten Album überraschten Rhapsody of Fire durchaus mit der Einbeziehung ihrer klassischen Hymne Land Of Immortals vom Debüt »Legendary Tales« (1997). Kurz darauf folgte eine weitere süße Überraschung aus älteren Tagen, als die Band zu einer weiteren Klassik überging, nämlich March Of Swordmaster aus dem Album »Power Of The Dragon Flame« (2002). Die Band ist wunderbar eingespielt. Die Rhythmusfraktion der Brüder Holzwarth läuft so präzise wie das bestgeschmierte Räderwerk einer Schweizer Uhr – Alexes legendäres Rollen der Doppelbassdrum-Pedale wird so langsam zum charakteristischen Markenzeichen der Band! Da ist der ausgezeichnete Gitarrist Roby De Micheli, der mit verdammt nochmal beeindruckender Geschwindigkeit und Präzision buchstäblich alle verblüffte. Auf jeden Fall übernahm der spielfreudige Fabio Lione mit seinem charakteristischen Operetten-Ansatz den Großteil der Aufmerksamkeit. Die Stimme hat ihm an diesem Abend ausgezeichnet gedient, und Rhapsody Of Fire boten insgesamt eine grandiose einstündige Reise durch ihre reiche Diskografie, die sie mit einer weiteren Klassik vom Debüt abschlossen – dem leise schon erwarteten Emerald Sword.
Gamma Ray begannen ihren Auftritt um halb elf Uhr abends. Als Erster betrat der neue Schlagzeuger Michael Ehre die Bühne, dem folgten noch drei Silhouetten, die sich durch das dunkle violette Licht langsam nach vorne vorarbeiteten. Bassist Dirk Schlächter – der Mann, der neben Kai Hansen von Anfang an bei Gamma Ray dabei ist –, daneben natürlich Bandchef Kai Hansen, der sich mit seiner Flyin‘ V ESP-Gitarre in die Bühnenmitte stellte, sowie ganz rechts der zweite Gitarrist Henjo Richter. Die Band widmete den Auftaktbereich ihres Auftritts der sofortigen Präsentation des Albums »Empire Of The Dead«, doch mit dem dritten Song, dem Klassiker Heaven Can Wait (»Heading For Tomorrow«, 1990), brachte sie die Halle auf die Beine und fand damit den starken Draht zur Menge. Interessant ist, dass das slowakische Publikum seine musikalischen Helden bei weitem nicht so temperamentvoll empfängt wie zum Beispiel Italiener oder Kroaten – ja, nicht einmal wie Slowenen. Man kann sagen, sie sind durchaus lebendig – längst nicht so »anämisch« wie die Österreicher –, trotzdem aber zurückhaltender als unser Publikum. Natürlich waren an diesem Abend viele Birnen schon ziemlich schwer von alkoholischen Derivaten belastet, die Beine entsprechend weich und taumelnd, was zu einer verringerten Standfestigkeit der betreffenden Personen führte.
Die Setliste reihte im weiteren Verlauf zwei außergewöhnliche Songs aneinander. Der erste war die großartige »Powerplant«-Klassik Razorblade Sigh, zweifellos einer der besten Songs des Albums, gefolgt vom Glanzmoment des schwächeren Albums der Gamma Ray-Diskografie »Insanity And Genius« (1993) namens Tribute to the Past, das an diesem Abend eigentlich die größte Überraschung der Setliste darstellte. Das neue Pale Rider deutete an, dass man von »Empire of the Undead« einige stilistische Veränderungen erwarten kann. Hoffen wir, dass es keine übertriebenen sind. Das Album ist noch nicht draußen, aber angesichts der Tatsache, dass Kai mit einer neuen Frisur und einem vollständig tätowierten rechten Arm auf die Bühne kam, ist klar, dass der Kerl gerade seine dritte Adoleszenz erlebt. Hoffen wir, dass die Grundfesten des klassischen Sounds und des Songwritings der Band nicht allzu sehr ins Wanken geraten sind. Das wird sich in den nächsten Tagen in der Rezension des Albums »Empire of the Undead« zeigen. Nach dem überlegenen Stampede mit dem »Majestic«-Song (2005) Blood Religion versank der Gedanke des vorherigen Satzes durch das neuere Master Of Confusion und Empire Of the Undead schnell in Vergessenheit – und überhaupt hatten Gamma Ray den Großteil ihres Konzerterfahrungs-Dynamits geschickt für den Abschluss des regulären Konzertteils aufgespart. Im »Land Of The Free«-Dreierpack (1995), in dem Rebbelion In A Dream Land, Land Of The Free und Man On A Mission aber nicht vollständig gespielt wurden, sondern es sich um ein vertieftes und konkret gestrecktes Medley handelte, rief Kai das Publikum mehrfach dazu auf, bei den Refrains die letzten Atome seiner Energie herauszuquetschen! Die Zugabe brachte kein besonderes Highlight. Der neuere Uptempo-Kracher To the Metal, dessen vorrangige Funktion es war, die Stimmung und das Zusammenspiel von Publikum und Band wieder auf ein höheres Level zu heben, während Kai routinemäßig seine Stimmbänder kühlte. Diese hatten vor allem im Schlussteil des »Land Of The Free«-Medleys etwas Abnutzung gezeigt, als er bewusst tiefere (angepasste) Vokallinien der Hauptmelodien sang. Die Band schloss das Konzert mit einem weiteren wunderschönen Song aus ihrem reichen Diskografie-Repertoire ab! Mit Send Me A Sign (»Powerplant«, 1999).
Das Gefühl dabei? Man spürte, dass die Tour erst am Anfang steht, dass die Band eine außergewöhnliche Routine und Professionalität an den Tag legt, dass den Mitgliedern während des Auftritts durchaus Raum für Spaß geblieben war – aber die Truppe konnte nicht verbergen, dass sie Kräfte sparte und nicht das aus sich herausholte, was in ihr steckt. Das spürte man vor allem an manchen Momenten gesanglicher Lässigkeit bei Kai Hansen, der zwar die Schlüsselstellen in den Songs noch ordentlich und souverän auf dem geforderten Niveau sang, aber auch etwas überflüssige Schlamperei schlich sich in die Soli-Darbietung beider Gitarristen ein. Auch aus dem Repertoire ist ersichtlich, dass die Band es so zurechtgeschnitten hat, dass Songs draufstehen, die nicht übermäßig komplex angelegt sind. Im Repertoire findet sich kein einziger Klassiker aus dem wohl besten Album ihrer Karriere »Somewhere Out In Space« (1998) – das ist definitiv nicht zu entschuldigen!
Wie man es auch dreht und wendet – alle Anwesenden an diesem Abend kamen voll auf ihre Kosten, einschließlich uns, die wir nach all den gesehenen Konzerten schon etwas wählerisch geworden sind. Die Band spielt fantastisch, Ehre hat sich wunderbar ins Team eingefügt, Henjo und Kai tauschten ein paar phänomenale Gitarrenduette aus, Dirk bleibt die standfeste Figur großer Verlässlichkeit – wie immer, auch was die Vokalharmonien betrifft. Gamma Ray bleiben die Hochburg des deutschen Metals mit dem hochkarätigsten Konzertauftritt – und es war genau richtig, dass wir die Band nach dem kurzen Treffen im Ljubljaner CUK Kino Šiška im vergangenen Jahr bei einem echten Langzeit-Konzert erwischt haben! Und obendrein mussten wir keinen bekannten Helloween-Song in der Ausführung von Gamma Ray hören – das allen bestens bekannte I Want Out.
Setliste
GAMMA RAY:
1. Welcome (intro)
2. Avalon
3. Hellbent
4. Heaven Can Wait
5. Razorblade Sigh
6. Tribute to the Past
7. Time For Deliverance
8. Pale Rider
9. Drum Solo
10. Blood Religion
11. Master of Confusion
12. Empire of the Undead
13. Rebellion in Dreamland
14. Land of the Free
15. Man on a Mission
— Zugabe—
16. To the Metal
17. Send Me a Sign
RHAPSODY OF FIRE:
1. Vis Divina (Intro)
2. Rising From Tragic Flames
3. Land of Immortals
4. The March of the Swordmaster
5. Unholy Warcry
6. Dark Wings of Steel
7. Lamento Eroico
8. Holy Thunderforce
9. Dawn of Victory
10. Reign of Terror
11. Emerald Sword
ELVENKING:
1. The Loser
2. Elvenlegions
3. The Divided Heart
4. Moonbeam Stone Circle
5. The Winter Wake
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