Jazz Cerkno festival 2019 – zweiter Tag!

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Ort: Cerkno / Stari plac / Slowenien
Datum: Freitag, 17.05.2019


Zweiter Tag des Jazz Cerkno Festivals! Als erste der drei auftretenden Bands am zweiten Festivaltag kamen Koromač. Das ist übrigens jene Pflanze, die im Geschmack (für so manchen) ein bisschen »schräg« ist – manche lieben sie heiß, andere können sich einfach nicht an ihren eigentümlichen Geschmack gewöhnen. Ähnliches lässt sich über die slowenische Band gleichen Namens aus Vrtojba sagen, die schon lange vor dem Konzert entspannt im Foyer der Bar Gabrijel herumhing. Man kann sie entweder abgöttisch lieben – oder sie packen einen einfach nicht. Koromač haben wir vor einiger Zeit, nämlich vor drei Jahren in der Ljubljaner Gala hala, im Rahmen der Indigenous Thursdays des angesehenen Clubs gesehen. Im Gepäck haben Koromač ihr Studiodebüt »Punk Enough?« (2015) – die Rockline-Rezension gibt’s HIER –, das ebenfalls schon eine Weile draußen und, offen gesagt, »veraltet« ist. Falls jemand aus der Band das hier liest, wird er sofort kapieren, warum »veraltet« in diesem Kontext ein sinnvoll eingesetztes Adjektiv ist – aber sei’s drum. Die Band beziehungsweise das riesige Kollektiv, das mit zwei Gitarristen, zwei Schlagzeugern, einem kernigen Bläserblock aus Tenor- und Altsaxofon sowie Trompete, dazu Bass und Keyboards aufwartet, ist zu einem unglaublich durchdringenden Vehikel musikalischer Aussagekraft herangewachsen. Zur Auffrischung – die aktuelle Besetzung: Matjaž Bajc (E-Bass), Urban Kušar (Schlagzeug), Žiga Ipavec (Schlagzeug), Aljaž Škrlep (E-Gitarre), Anton Lorenzutti (E-Gitarre), Jure Boršič (Altsaxofon), Boštjan Simon (Tenor- und Baritonsaxofon), Francesco Ivone (Trompete) und Giorgio Pacorig (Korg MS-20, Rhodes).

In den Jahren ihres Bestehens haben Koromač ihre Sinne geschärft, sich spieltechnisch weiterentwickelt und ihre Arrangements verfeinert beziehungsweise definiert. Mit einem Wort: Sie sind reifer geworden. Sie entwickeln Eigenständigkeit, Ungewöhnlichkeit – was kaum verwundert, schließlich entstammen die Mitglieder der Schule von Zlatko Kavčič (die Schlagzeugleggende verfolgte ihren Auftritt aus dem Publikum), sind aber in eine neue Dimension ihres musikalischen Handwerks entwischt, was sie auf der Landkarte der freigeistigen Rock-Jazz-Fusion an einen ganz besonderen Platz stellt. Der lockere »Jazzcore« ist wie der Körper einer Amöbe – dem kann man kein Gerüst aufzwingen. Die Kompositionen wirken wie ausgedehnte Jams, sind dabei aber so angelegt, dass Koromač Anfänge und Enden der Stücke komplett »offen« lässt – weshalb die Band jede Komposition bei jedem Konzert in spürbar verwandelter Manier herausschneiden kann. Die Band nutzt ihr Instrumentarium deutlich effektiver als bei unserer ersten Begegnung im Januar 2016 auf der Metelkova.

Koromač tragen jenen echten Schnitt zwischen Zugänglichkeit und Impro-Abenteuern in sich. Zwei Gitarren aus völlig unterschiedlichen Klangkulturen weiten die Klanglandschaft aus, die auf der einen Seite von den Bläsern kontrastiert und auf der anderen von den Keyboards gedehnt wird – als Gegengewicht steht natürlich gleichberechtigt die Rhythmussektion aus gleich zwei Schlagzeugern und Bass. Zwei Schlagzeuger mit unterschiedlichem Stil, was zusätzlich andeutet, dass die Band eben dem ständigen Experimentieren und Erkunden neuer Horizonte verschrieben ist. Koromač sind also gewachsen, haben auch mit frischen Eigenkompositionen aufgewartet – und es ist höchste Zeit, dass sie ein neues Album rausbringen. Die Jungs sind genau richtig »durchgeknallt«, um auf der einen Seite anspruchsvollere Hörer zu reizen, und zugleich musikalisch zugänglich, gelegentlich sogar mit klangteroristischem Riff-Donner bestückt, um auch bei jenen Aufmerksamkeit zu wecken, die auf einfachere Formen abfahren. Geiler Schuss!

Ein absolutes Unikat lieferten im Anschluss Amirtha Kidambi Elder Ones, angeführt von der amerikanischen Musikerin indischer Herkunft Amirtha Kidambi (Gesang, Harmonium, Synthesizer). Das Quartett vervollständigen noch Matt Nelson (Sopransaxofon), Nick Dunston (Kontrabass) und Max Jaffe (Schlagzeug, elektronische Sensorperkussion). Die ganze Sache dreht sich um den vokalen Ausdruck der ausdrucksstarken Amirtha. In den Kompositionen fungiert ihre Stimme mehrfach als Leitinstrument, durch das die Musikerin von freien Regungen inspirierter Improvisationen bis hin zu variablen stimmlichen Nuancen schwebt – was natürlich auch unweigerlich orientalische Melodik einbringt. Die Stimme wirkt zeitweise wie eine Art Mantra. Sie kann erschütternd sein, schrill, sie kann einen einwiegen und in stille Seelenwinkel entführen. Ihr habt also erraten, dass das Quartett auf einem starken ambienten Fundament aufbaut, bei dem die Linien des Harmoniums (ein altes Instrument, eine Art Blasbalg-Piano) und des Sopransaxofons oft betont verdoppelt werden und eine eigentümliche Klanglandschaft erschaffen. Amirtha setzt auch einen kleinen Synthesizer ein, mit dem sie den Hintergrund färbt, in den sich ihre vokale Improvisation lehnt. Die Schlagzeugstrukturen sind ständig in Bewegung und durchsieben mit ihrer Energie und gewaltigen Dynamik wirkungsvoll die gelegentlich mantrahaften hypnotischen Vorhänge. Amirtha brachte auch eine Menge psychedelischer Einschübe – nicht nur durch vokale Improvisation, sondern, wie bereits erwähnt, auch durch die Harmoniumlinien und klangliche Manipulationen am Synthesizer. Die vokale Interpretation berührt natürlich auch den Gesang im klassischen Sinne des Wortes, wobei Amirtha kritische Botschaften einflicht (nicht nur auf Englisch), während die Gruppe ihr aktuelles Album »From Untruth« vorstellt. Der Gesang kann sehr beißend sein, spricht einen regelrecht aufdringlich an. Die Bandbreite ist unglaublich. Die Bandbreite, mit der Amirtha einen anspricht. Und sie kann sich geradezu in den Schoß vollkommener, jungfräulicher Sanftheit schwingen. Die vokalen Kontraste sind außergewöhnlich. Ebenso wie die Atmosphären, die das Quartett heraufbeschwört. Mehrfach sind die Saxofonlinien und vokalen Improvisationen wechselseitig free-jazzig miteinander verflochten, was auch Empfindungen von Chaos weckt. Kontrastierende Stimmungswechsel sind allgegenwärtig. Wenn man schon fast in Hypnose eindöst, reißt einen ein plötzlicher Krach vollständig wach. Amirthas Gesang kann sehr wütend sein, vorwurfsvoll, reizbar und roh. Zum Abschluss sei mir etwas Banales und Oberflächliches erlaubt – aber falls es jemals zu einem utopischen The Cardigans Reunion käme, könnte man Amirtha locker in die neue Formation dieses Teams berufen. Sie ist eine Sängerin, die mit ihrer performativen Ausstrahlung nicht nur begeistert, sondern ständig erschüttert und überrascht.

Als letzte am zweiten Festivaltag betraten Luc Ex‘ Assemblée die Bühne. Als Highlight des zweiten Tages natürlich. Ein gerechtfertigtes Highlight! Willkommen in einer Art Synthese aus Avant-Punk-World-Music-Jazz, einer internationalen Band aus zwei Niederländern, einer Waliserin und einem Amerikaner, bei der im Vordergrund eine starke und kernige Sektion aus dem Zusammenspiel zweier Tenorsaxofone steht, dahinter aber das wild zischende Klirren einer akustischen Bassgitarre und das Genie des außergewöhnlichen Schlagzeugers Hamid Drake, der dieser Musikgeschichte durch seine Präsenz eine ganz besondere Dimension verleiht. Luc Ex, der zuvor auch in anderen Experimentalbands mitgewirkt hat – The Ex, Sol 6, Roof, 4Walls –, ist der Anführer eines Kollektivs, das in der Verschmelzung ungezügelter jazzistischer Abweichungen (auch in Free-Jazz-Formen) mühelos in greifbare melodische Formen schwingen kann, wobei neben dem Krach auch der Umgang mit Elementen der Weltmusik nicht fehlt. Die Band kann in ihrer modalen Phase plötzlich beliebig-frei »auseinanderfallen« in alle vier Winde und so echten kakophonischen Lärm entblößen, um sich dann ebenso unvermittelt wieder zusammenzufügen – was einem solchen musikalischen Konzept eine herzliche Note an Spontaneität und unvorhersehbarer Entwicklung verleiht. So wie es der Zuhörer wahrnimmt, muss die Band freilich sehr konzentriert sein. Die besondere Geschichte des Quartetts ist Hamid Drake, der auf dem Feld der zeitgenössischen Erkenntnisse in der Welt des Jazzschlagzeugs wirklich ein »großer Fisch« ist. Er brillierte schlicht und ergreifend mit einem außergewöhnlichen Gespür. Mehrfach wechselte er zu simpler Rhythmik, die sogar den punkartigen Charakter des Quartetts vertiefte, um dann in dieser Schlichtheit wunderbare Übergangs- und jazzig gewürzte Akrobatik zu erschaffen – vollblütig provokante und funkelnde Einfälle, die einem den Atem verschlagen. Luc Ex an der akustischen Bassgitarre fiel besonders dadurch auf, wie er sie »zerfetzt« und beim Spielen auf der Bühne herumwirft. Er lebt die Darbietung des Materials regelrecht theatralisch aus – mit seinen ungezügelten Bewegungen und Grimassen, im Zustand von Versunkenheit und völligem Losgelöst-Sein, erinnert er nicht selten an unseren Peter Dekleva (Srečna Mladina), den es ebenfalls gerne auf der Bühne herumwirft, wenn ihn die Energie mitreißt. Direkt! Auch sehr roh und mehrfach mit vollen Akkorden reindreschend. Darin entwickelte Luc einen extrem durchdringenden und dicken, kontrastierenden Klang, über dem die freien Formen der Saxofone schwebten. Zwar konnte die Band völlig die Kontrolle verlieren, balancierte die Darbietung aber zeitweise mit Momenten versöhnlicher Ruhe und sinnlicher Sanftheit, die ein hohes Maß an Gefühlstiefe und Feinfühligkeit verlangen – womit sie auch in kabarettistischer Manier reizte. Äußerst packend, luzide, vergnüglich, fürs Ohr ständig invasiv und clever-prickelnd. In ihrer verschmitzten Verspieltheit erinnerten sie sogar an die Sympathie des finnischen Trios Mopo, das 2016 in Cerkno auftrat. Ab Baars würzte das Konzert auch mit dem Einsatz einer japanischen Bambusflöte namens Shakuhachi; ansonsten dosierten Musson und Baars die Konzertmomente auch mit Klarinette (Baars) und Sopransaxofon (Musson). 

Die größte Attraktion in dieser Geschichte ist natürlich Hamid Drake. Der legendäre Schlagzeuger und einer der profiliertesten Musiker der Avantgarde-Perkussion unserer Zeit. In seiner Karriere hat er mit wirklich klangvollen Namen der Jazz- und Fusionwelt zusammengearbeitet, unter anderem mit Don Cherry, Herbie Hancock, Peter Brötzmann, Ken Vandermark, Fred Anderson, Pharoah Sanders und David Murray. Wirklich ein äußerst vollendeter und ausgereifter Zeithüter am Schlagzeug, dem absolut nichts entging. Er fesselte durch seine Vielseitigkeit, unglaublich geistreich-erfindungsreiche Einfälle und perfekte Kontrolle über alles, woran er sich heranmachte. Die Verschmelzung von Weltrhythmik – von afro-kubanischen bis hin zu indischen und lateinamerikanischen Rhythmen – meistert er mit federleichter Hand und überzeugend, nur mit dem Grundset eines Schlagzeugs. Einfach sein Schlagzeugspiel allein entführte den Zuhörer in eine besondere Sphäre. Der rote Faden bricht ihm nicht ab, und der Ruf, der sich ihm schon in den frühen Neunzigern anheftete – dass er einer der vollkommensten Schlagzeuger der zeitgenössischen jazzistischen Impro-Kapriolen des Planeten ist –, gebührt ihm nicht umsonst. Der Auftritt der Band wirkte deshalb mehrfach so, als entwickle er sich vollständig in Abhängigkeit vom Aufbau des rhythmischen Gerüsts von Hamid Drake – auch wenn das keineswegs stimmt. Aber die erste und gewiss größte Anziehungskraft des Auftritts dieser Band ist eben der geschätzte Schlagzeuger selbst und sein unglaubliches Können. Ein brillanter Auftritt für einen brillanten Abschluss des zweiten Tages also!

Aber das war noch nicht alles. Wer von uns nicht schlafen konnte, zog weiter in den Gabrijel, wo uns zunächst die serbischen Tapan in ihrem düsteren elektronisch-jazzigen Bläser-Galgenstrick mit orientalischer Rhythmik einwiegten. Die Nacht war also noch lang – und auch weiterhin einzigartig.

Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik


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