Simon Phillips und Protocol II. – zweite Runde! (2013)

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Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Gleisdorf / Forum – Kloster (Stadtsaal) / Österreich
Konzertdatum: 17.11.2013
Besucherzahl: 300
Kartenpreis: 36,00€

Simon Phillips auf der Tournee mit Protocol II. haben wir am 01.11.2013 in der Cvetličarna in Ljubljana erlebt – den RockLine-Bericht dazu gibt es HIER! Aber von Simon Phillips kriegt man (zum Glück) nie genug! Also haben wir uns auch noch zu einem Konzert ins österreichische Gleisdorf bei Graz aufgemacht.

Simon Phillips gilt als einer der größten Schlagzeug-Asse unserer Zeit. Im Beherrschen der Schlagzeugkunst, in der er seine eigene Schlagzeugdoktrin bis zu unerreichbaren Höhen entwickelt hat, gibt es nicht wenige Liebhaber musikalischer Herausforderung, Experiment und Innovation, die Simon Phillips sogar über alle anderen Schlagzeuger des Planeten stellen. Simon Phillips hat im Januar 2013 endlich das neue Protocol-Album eingespielt. An seiner Seite behielt er den einzigartigen Andy Timmons (Gitarre), den einige von euch vielleicht von den ersten beiden Danger Danger-Alben kennen. Auf die Keyboarder-Position hat Simon den außergewöhnlichen Steve Weingart berufen. Ein wahrer Meister der Tasten, den wir nicht selten dabei beobachten konnten, wie er mit einem der besten Rock-Gitarristen unserer Zeit auf der Bühne brillierte. Mit Herrn Steve Lukather – Phillips‘ großem Toto-Kollegen also. Steve Weingart ist nämlich fester Bestandteil der Band, die »Lukes« Soloalben aufnimmt, und er und seine Partnerin und Bassistin Renee Jones sind gleichzeitig fester Teil von Lukes Tourband! Das einzige Fragezeichen blieb also auf der Bassisten-Position, die Meister Ernst Tibbs übernommen hat!

Simon Phillips trat mit seiner Begleitband erstmals im fernen Februar 1998 in Ljubljana auf. Und Andy Timmons war damals ebenfalls dabei. Damals stellte Phillips sein Projekt und das Album »Another Lifetime« (1997) vor. Und wie ich eingangs angedeutet habe, hat er uns mit dem neuen Auftritt in der Cvetličarna am 01.11.2013 so mitgerissen und verzaubert, dass wir »die Durchgeknalltesten« wie aus einem Mund in den Himmel gebrüllt haben: »Wo gibt es noch einen Spielort dieser Phillips-Tournee in der Nähe von Ljubljana, damit wir zu noch mindestens einem weiteren Protocol II-Konzert aufbrechen können?« Den Vorwand haben wir schnell gefunden. Datum: 17.11.2013, Spielort: das Städtchen Gleisdorf, einige Kilometer vom allseits bekannten Graz entfernt. Gleisdorf ist ein Ort, der mit echter ländlicher Idylle glänzt. Er hat kaum weniger als 6000 Einwohner, und mitten in dieser bescheidenen Einwohnerzahl thront  der wunderschöne Kulturtempel namens »Forum Kloster«. Darin befinden sich mehrere Säle, die für verschiedene künstlerische Veranstaltungen gedacht sind. Man kann sagen, es ist in gewisser Weise ein heiliger »Raum« der Kultur und Kunst. Gedacht natürlich für den vollen Genuss  der manchmal schon geradezu schockierenden Schönheit, die die musikalische Kunst in ihren unendlichen Erscheinungsformen schafft.

Wer hätte Simon nicht gern am Schlagzeug? Alle wollen ihn! Alle wollen ihn haben. Der große Meister hat gespielt, was überhaupt zu spielen war. Er hat ausprobiert, was ausprobiert werden konnte, und Geheimnisse hat er schon längst keine mehr. Er ist der große Lehrer, der große Meister. Und eine Inspiration.

Phillips ist ein Künstler, der einem beim Erleben seines Konzerts und seiner einzigartigen Schlagzeugshow vollen Schwung verleiht. Er füllt dich mit Energie, die in dir  einen unwiderstehlichen kreativen Trieb weckt. Kreativität. So war es in Ljubljana, und in Gleisdorf war es kein bisschen anders! Das diesmalige Konzert war allerdings nicht nach dem Muster eines »Workshops« gestaltet wie in Ljubljana. Das Repertoire war jedoch identisch mit dem in Ljubljana. Nach dem einleitenden »Aufwärmer« mit dem Stück Protocol (entnommen aus dem ersten »Protocol«-Album, 1988) entfalteten sich die Musiker zum ersten Mal richtig in Stern Crazy, wo jedes Mitglied sein Stückchen für die erste echte »Schock-Exposé« der Improvisationstalente bekam, die ihnen durch die Adern fließen. Wie es der Titel dieses Stücks bereits andeutet, zog Timmons mit seinen gitarristischen »Ausbrüchen« etwas mehr Aufmerksamkeit auf sich als die anderen. Interessant ist übrigens auch, dass der berühmte Jazz-Gitarrenguru Mike Stern genau an diesem Spielort in Gleisdorf nur einen Monat vor der Ankunft von Protocol II. aufgetreten ist. Nach dem dritten Stück Out of the Blue (»Out of the Blue«, 1999) und insgesamt drei Songs trat Phillips mit dem Mikrofon in der Hand vor das Publikum – genau wie in Ljubljana –, stellte zunächst alle drei Magier seiner Begleitband vor und kündigte die vollständige Darbietung des Albums »Protocol II« an.

Was dieses Quartett besonders macht, ist die außergewöhnliche Mischung aus anspruchsvollen, einstudierten Musikfiguren und ein äußerst feines Gespür dafür, die – mit dem Experiment schwerer beladenen – Teile,  durch subtil einfühlsame Passagen zu beruhigen, wo der Melodie mehr Raum gegeben wird! Jazz-Rock-Fusion »par excellence«! Mit allen möglichen Einflüssen (eigentlich geradezu elementaren musikalischen Ausgangspunkten) von Dixieland, Swing, Motown bis hin zu Funk und Progressive Rock. Dazu ist der starke Charakter der Weltmusik unerschütterlich präsent, und man kommt auch nicht an jenen Momenten vorbei, die verblüffend an einen Rhythmus oder ein Motiv erinnern, wie man sie von Toto kennt. Und wo Toto ist, sind natürlich auch Steely Dan nicht weit. Einen besonderen Moment des Abends brachte die Darbietung des Stücks Upside In Downside Up! Für einen Augenblick sah es anfangs so aus, als hätte Simon Phillips mit seiner Crew beschlossen, den berühmten Dream Theater-Song Six O’Clock in akustisch-instrumentaler Manier zu spielen. Definitiv einer der Höhepunkte des Konzerts, angesichts der kompositorischen Leistung, außergewöhnliche Strukturkomplexität mit einer eingefangenen »verschroben-herausfordernden Treffsicherheit« zu vereinen, die der eigene kreative (»progressiv« ausgerichtete) Genius in einem weckt. Genau solche Momente wirken buchstäblich sofort ansteckend. Sie reizen buchstäblich. Das Quartett wirkt wie in Trance.

Alle vier Musiker sind erstklassig. Sie sind außergewöhnlich in ihrer Vielseitigkeit, im Klang, der ihr Auftreten auf der Bühne begleitet und formt, und der jedem ihrer Instrumente in der Darbietung einen besonderen Platz im Gesamtbild zuweist. Einen Platz, der für die Existenz von Protocol II. essenziell ist. Für einen Moment wirkte es, als wären die Instrumente buchstäblich mit den Mitgliedern des Quartetts Protocol II. verwachsen. Das Schwungrad der außergewöhnlichen positiven Energie und Schwingungen auf dem Konzertgelände war die Gabe spitzbübischer Schlagfertigkeit, die alle vier musikalischen Ästheten begleitet. Während des guten zwei Stunden langen Auftritts ließ sie keinen Moment nach. Die ganze Zeit über beobachten sie sich gegenseitig. Ununterbrochen. Dabei reißen sie sich zu den verschiedensten Gesichtsgrimassen hin und necken damit absichtlich einander – und versuchen sich sogar gegenseitig aus der Konzentration zu bringen. Unglaublich, wie viel Lockerheit und Spaß diese vier Jungs bei all den fürs Ohr und Auge so anspruchsvollen Aufgaben während ihrer Show zu erzeugen in der Lage sind.

Wenn der Blick auf einem der vier Meister hängen bleibt, verführt er einen mit seiner Arbeit, nicht selten in einen Zustand, in dem man alles vergisst. Man schaltet den logischen Verstand ab. Egal ob es um Anführer Phillips geht, oder um Weingart, Tibbs und Timmons. Wenn man in die Arbeit eines Einzelnen versunken ist und mittendrin wieder zu sich kommt, landet man bei der etwas unangenehmen Erkenntnis, dass man die stürmischen Improvisationsköstlichkeiten der anderen drei Musiker verpasst und überhört hat. Das lässt sich nicht gut in einem einzigen Satz erklären. Es ist das Gefühl, dass man mit den Einzelnen einfach nicht mithalten kann. Den analytischen Ansatz beim Musikhören sollte man diesmal besser zu Hause lassen. Das Grundprinzip beim Hören solcher Konzerte ist das Abschalten der Gedanken und das vollständige Hingeben an das Dahintreiben auf den Schwingen der einzigartigen Erhabenheit musikalischer Magie. Und davon gab es in Gleisdorf diesmal im Überfluss. Eine unübertreffliche Jazz-Rock-Fusion-Séance, gewoben nach einem Prinzip nahe am stilistischen Ideal!

Keine Hindernisse für Protocol II. Keine Hindernisse für Simon Phillips. Einzigartige Kommunikation, einzigartige Chemie. Ein voller Sack saftiger Gags und ein absolutes Gefühl von Entspannung und Leichtigkeit. Hoffen wir nur, dass dieses Quartett bald noch ein weiteres Studioalbum aufnimmt und uns in Kürze mit einer weiteren Konzerttournee durch Europa beglückt. Protocol II. ist eine Geschichte, von der man so schnell nicht genug bekommt! Man würde ihnen ununterbrochen zuhören und zusehen. Und wenn die zwei vollen Stunden des Auftritts vorbei sind, ist es einem noch eine Weile lang nicht klar, und man fragt sich verwirrt: »Ist es schon vorbei? So schnell?« Ja, und das inklusive der Zugabe, in der Phillips auch seine beiden Studioalben »Symbiosis« (das Stück Indian Summer) und »Another Lifetime« (Kumi Na Moja) gestreift hat.

Und nächstes Jahr? Ein neues Toto-Album und eine neue Toto-Tournee! Simon Phillips wird also schon bald wieder in die Nähe unserer Gefilde kommen! Wie gesagt: Ein Konzert der Superlative. Das ist ein einzigartiges Konzerterlebnis, das in seiner ganzen freiheitsliebenden Schönheit des Erschaffens von Klanglandschaften ständig verblüffend überrascht, den Geist mit seiner Originalität füllt und für das einem schlicht die richtigen Worte fehlen, mit denen man seine einzigartige Schönheit würdig beschreiben und festhalten könnte. Diesmal haben wir uns mit dem musikalischen Erlebnis namens Protocol II. die Ohren wirklich gründlich geduscht und die Gehörgänge blankgeputzt.

Den RockLine-Konzertbericht vom Auftritt von Simon Phillips & Protocol II. in der Cvetličarna in Ljubljana vom 01.11.2013, verfasst von Peter Podbrežnik, könnt ihr HIER lesen.

Setliste

1. Protocol
2. Stern Crazy
3. Out Of The Blue
4. Wildfire
5. Soothsayer
6. Gemini
7. Moments Of Fortune
8. Upside In Downside Up
9. First Orbit
10. Octopia
11. Enigma
—Zugabe—
12. Kumi Na Moja
13. Midair Decision
14. Indian Summer

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