Der transsilvanische Wolf schlich sich bis zur Metelkova (2013)

0 7

Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Ljubljana / Gala hala / Slowenien
Konzertdatum: 16.11.2013
Besucherzahl: 300

Obwohl der weltweite Metal im Jahr 2013 in seinem grundlegenden instinktiven Treiben, das ihm über die Jahrzehnte seines Bestehens das langfristige Überleben gesichert hat und weiterhin sichert, stets nach verschiedenen kompositorischen und studiotechnischen Hebeln zur Erreichung des Extrems der Brutalität gesucht hat – was den Anstoß zur Entwicklung einer Flut von Subgenres dieser uns lieben Musikgattung gab –, ist es einigen Bands in letzter Zeit gelungen, den Fokus der Massen erneut auf die Ausdruckskraft der Rhetorik von Bombast und Melodie zu lenken. Und zwar auf den Punkt, an dem sich die arrangementalen Fakten um die zentrale Figur drehen, die der reine Gesang des Vokalperformances verkörpert – ganz ohne jegliches »Growling«. Interessant, wie sich die Dinge in Zyklen drehen. Haben HammerFall, Rhapsody, Stratovarius und so weiter in der zweiten Hälfte der Neunziger viel zur Repopularisierung des europäischen Power Metal beigetragen, tauchen in den letzten Jahren einige Bands auf, die all diesen Pomp melodischer Ansteckungskraft erneut »umverpackt« haben. Man kann sagen, sie bilden die dritte Generationswelle. Der einzige echte Unterschied ist, dass sich die neue Welle dieser Bands immer mehr auf die Zurschaustellung von Bühnenkitsch und Glitter stützt, denn in musikalischer Hinsicht ist klar, dass nichts Neues mehr erfunden werden kann. Während Sabaton dabei auf die Kriegsthematik setzen, setzt Powerwolf auf transsilvanische Märchen und Geschichten über Werwölfe und Vampire. Und das Publikum ist zufrieden. Die Frage ist, ob Power Metal jemals wieder eine so große Popularität erreichen wird wie zur Jahrtausendwende, da die Messlatte des klanglichen Extrems an Brutalität im Metal schon längst deutlich höher liegt – so sehr, dass viele Liebhaber der Hartklang-Ästhetik heute über neuere Power-Metal-Bands spotten und sie als Pop abtun. Aber trotzdem. Diese neueren Power-Metal-Bands sind enorm beliebt, vor allem bei all jenen, die die Härte erst beim Erforschen des eigenen Musikgeschmacks für sich zu entdecken begonnen haben. Das sind größtenteils also die jüngsten Metal-Fans, die bald auch Bands wie In Flames (post „Clayman“ era), Ensiferum, Children Of Bodom, Amon Amarth, Wintersun hören werden – falls sie es nicht schon tun –, das ist nun mal die nächste Stufe, wenn sie Metal weiter erforschen. Natürlich sind sie auch schon mehr als ausreichend mit der zeitgenössischen Invasivität des Folk Metal vertraut, wo es so viel Kitsch gibt, dass das Ganze die Grenze des guten Geschmacks bereits überschreitet. Die Entdeckung von Powerwolf für eine neue Generation im Jahr 2013 ähnelt sehr der Entdeckung des Albums »Number Of The Beast« im Jahr 1982 für einen Jugendlichen, der damals zarte 12 Jahre zählte. Der Unterschied war, dass man 1982 kaum mehr als Iron Maiden erkunden konnte, da Metal gerade erst seinen Aufschwung begann.

Die Gala hala erlebte in diesem Sinne Mitte November dieses Jahres den ordentlichen Besuch der jüngsten Liebhaber metallischer Klänge kraftvoller melodischer Entfaltung. Die glühenden Powerwolf-Fans hatten womöglich das Glück, das Konzert der Band inmitten der diesjährigen Ausgabe des Metaldays-Festivals in Tolmin zu erleben – RockLine-Reportage HIER –, diesmal aber kamen sie, um ihre tiefen Gefühle, die sie für die Band hegen, beim Clubgig zu stillen. Das ist also eine völlig andere Atmosphäre! Ein anderes konzertantes Faktum.

Pünktlich um acht Uhr abends betraten die slowenischen Space Unicorn On Fire die Bühne. Es handelt sich um eine Art Parodie mit interessanten Figuren, die dieses Quintett bilden, das in erster Linie dazu entstanden ist, sich selbst und dem Publikum ein gehöriges Maß an Unterhaltung zu liefern. In guten dreißig Minuten »Geraschel« präsentierte sich die Truppe in einem deutlich vorbildlicheren und kompakteren Licht als beim etwas löchrigen Auftritt in der Kamnik Kotlovnica Anfang Oktober, als sie den Konzertabend für Hellcats eröffneten. Das Quintett verbirgt sein Potenzial nicht und stellt eine willkommene Bereicherung der slowenischen Metal-Szene dar. Sänger Rok Tavčar »Tavta« ist ein echter Frontmann, und sein Bühnenspiel wirkt souverän und selbstbewusst. Zu seiner Linken springt ihm in den höchsten Lagen Egzi zur Seite, der bei den Einhörnern die Bassgitarre zupft, während der Hauptanteil der Melodie natürlich auf den Dialog zwischen Keyboards und Gitarre entfällt. Das Besondere an der Band ist, dass trotz des Power-Metal-Fahrwassers, in dem sich interessante Parallelen zu ähnlichen Bands aus Finnland finden lassen (von Bands à la Sonata Arctica bis Brother’s Firetribe), bis hin zu dem, was besonders auf den letzten zwei Alben die deutschen Edguy machen, keinerlei Elemente von Horror, Okkultismus, Düsternis oder Melancholie auszumachen sind, die nach Aderaufschlitzen und Ähnlichem verlangen würden. Space Unicorn On Fire sind also »Frohnaturen«. Die Truppe braucht noch mehr Auftritte, um vor allem das richtige Gefühl für die Bühnenstimmung zu entwickeln und die Kompaktheit des Dialogs zwischen Gitarrenphrasen und Keyboards wachsen zu lassen. Also damit sich die Bausteine zu einem noch ganzheitlicher definierten Bild eines einheitlichen Atmens für dieselbe Sache zusammenfügen. Was den musikalischen Maßstab auf Weltebene betrifft, sind Space Unicorn On Fire absolut nichts Besonderes, dennoch empfehle ich der Band, falls sie ernsthafter die Konzertbühnen Sloweniens bespielen möchte, auch ernsthafter in die Hände zu spucken und sich in die Arbeit zu vergraben, um eine bessere konzertante Eingespielheit und ein klareres Bild – vor allem – des Bühnensounds zu erarbeiten. Im Vergleich zur Oktober-Erfahrung in der Kamnik Kotlovnica haben Space Unicorn On Fire diesmal in der Gala hala den Eindruck merklich verbessert.  

Deutlich mehr Authentizität, insgesamt aber außergewöhnliche Bühnenkohärenz und Eingespielheit lieferten nach ihnen Divine Illusion. Auch sie spielen nicht oft auf Konzertbühnen – zuvor hatten sie am 02.11.2013 im Postojna Jazzy gespielt –, sind aber bereits seit 2006 aktiv und haben eine äußerst vielversprechende EP »Genetic« aus dem Jahr 2010 in der Tasche. Dazu entsteht auch neues Material, das die Band in der Gala hala vorstellte. Die neuen Songs Transcendence und To Live Again vertiefen die Reichweite des Progressive Metal im musikalischen Charakter der Band noch weiter, was äußerst vielversprechend wirkt. Ein Karrieremoment, der also nach einer Veröffentlichung des Debüt-Studioalbums ruft. Das Quintett in der Besetzung Simon Simčič (Gesang), Peter Smrdel (Keyboards), Borut Radivojevič (Gitarre), Martin Valič (Bassgitarre) und Dejan Šantelj (Schlagzeug) wählte für den Express-Soundcheck den kultigen Dream Theater-Klassiker Pull Me Under und verbiss sich dann in die Darbietung eines vollblütigen Konzerts mit Eigenmaterial – sprich der EP »Genetic« sowie neuem Material. Divine Illusion sind für den slowenischen Raum eine einzigartige Geschichte, da sie sich provokativ mit dem Erbe des Progressive Metal verbünden, dabei aber bestrebt sind, die Kompaktheit der Songs mithilfe klarer Refrainstrukturen sowie Strophenstrukturen zu bewahren. Die Band hat den Sound eingestellt, wie es sich gehört. Schon allein angesichts der Tatsache, dass sie als Vorband auftraten. Auf der Bühne hatte nur Simon einige Schwierigkeiten, der sich offensichtlich während des Auftritts selbst nicht gut genug hören konnte, weshalb sich in seinen Vokalperformance hin und wieder ein kleiner Patzer einschlich – das lässt sich jedoch völlig übersehen, da er den Rest der Darbietung auf hervorragendem vokalen Niveau absolvierte. Was Divine Illusion im Vergleich zum Auftritt der ersten Vorband des Abends auf einen deutlich höheren Platz der Qualitätsskala hebt, ist die bravouröse musikalische Ausgefeiltheit der einzelnen Mitglieder. Divine Illusion atmen als Einheit, wenn sie auf der Bühne stehen. Wie ein echtes Quintett. Die chemische Verbindung zwischen den Bandmitgliedern lässt sich nicht leugnen. Die spürst du, wenn du die Band auf der Bühne beobachtest. Besonders große Hoffnungen weckt der außergewöhnliche Dialog zwischen  Keyboards und Gitarre. In den anspruchsvolleren progressiv ausgearbeiteten Passagen, in den Verknüpfungen solistischer Einlagen sowie in der Kreation des massiven Klangteppichs der Begleitung. Der Einsatz von Boruts siebensaitigem »Paddel« beim Aufbau der mächtigen Riffwand überrascht keineswegs. Wirklich eine schöne Vorstellung der Band, die beim Teilen von Bühnen sehr gut mit Bands wie unter anderem Threshold, Circus Maximus, Seventh Wonder, Pagan’s Mind, Symphony X, Vindictiv harmonieren würde und die problemlos und äußerst geschmackvoll das Dream Theater-Konzert eröffnen könnte, das Anfang Februar 2014 im Herzen der slowenischen Hauptstadt angekündigt ist.

Powerwolf betraten die Bühne pünktlich um zehn Uhr (abends natürlich)! Das Quintett in der Besetzung Attila Dorn (Gesang), Falk Maria Schlegel (Keyboards), die treibenden Kräfte in Form der beiden Gitarristen Matthew und Charles Greywolf sowie Schlagzeuger Roel van Helden präsentierte in erster Linie sein frisch veröffentlichtes Studioalbum – insgesamt das fünfte –, mit dem Titel »Preachers Of The Night« (2013), das nur wenige Tage vor dem Auftritt der Band beim diesjährigen Metaldays-Festival erschienen war. Powerwolf sind übrigens »alte Bekannte« von RockLine. Unser Team hat die Band auf den Bühnen des Bang Your Head!!!-Festivals im fernen Juli 2009 abgefangen – RockLine-Reportage HIER –, als Powerwolf gerade ihr drittes Studioalbum namens »Bible Of The Beast« draußen hatten!

Am professionellen Auftreten der Powerwolf-Crew gibt es keinen Moment zu zweifeln. Auf den Punkt. Ins Schwarze. Erstklassige Show-Regie!  Powerwolf haben bei diesem Feinschliff an wirklich jede Kleinigkeit gedacht. Von der Bühnenausstattung bis zur verblüffend kitschigen Statue eines Styropor-Phönix, bis hin zu jeder Einzelheit des ausgearbeiteten Bühnenauftritts. Überragend ausgearbeitet. Fast schon zu gut ausgearbeitet. Interessant, dass die Band auf der Bühne keinen zusätzlichen Bassisten braucht. Das Doppelbassdrum-Pedal ist im Bühnenboden verankert, und das reicht der Band offenbar völlig.  Und es bleibt auch mehr Platz auf der Bühne. Natürlich übernahm der charismatische Sänger Attila Dorn den Löwenanteil der Aufmerksamkeit, der gleichzeitig auch den größten Teil der Theatralik der Powerwolf-Konzertperformances ausführte. Vom anfänglichen Segnen des Publikums über das Austreiben von Vampiren mit dem Kreuz bis hin zum Trinken von Blut aus dem Kelch und so weiter. Das Quintett ist natürlich schwarz-weiß im Gesicht geschminkt, was Powerwolf von der traditionellen Verwendung der Black-Metal-»Corpse Paintings« übernommen haben. Die Hälfte des diesmaligen Publikums beim Powerwolf-Konzert bildeten leidenschaftlich kreischende Metal-Mädels, geschmückt mit tief aufgetragenem Make-up und Puder, deren Kreischen gelegentlich weniger an echtes Schreien als vielmehr an Gewimmer erinnerte. Unter den Männern überraschte es auch nicht mehr, hartgesottene Individualisten mit bemalten Gesichtern in der ersten Reihe zu sehen. Nach dem Vorbild ihrer Bühnenhelden. Kurz gesagt: eine außergewöhnliche Orgie dieses Abends. Außergewöhnliche Energie, außergewöhnliche Interaktion zwischen Publikum und Band! Überhaupt bereitete es im Herzen große Freude, das fanatische Beherrschen der Texte aus dem Powerwolf-Repertoire durch das Publikum mitzuerleben.

Soli? Auf ein Minimum schnellerer Motivdurchläufe zurückgestutzt, die im Metal der Band sonst nur als Übergangsornamente eingesetzt werden und nicht als echte Soli. Das Gitarrenwerk ist also in  allgemeiner Hinsicht auf das Äußerste vereinfacht. Mehr verlangt die Musik von Powerwolf nicht. In dieser Hinsicht ist die Souveränität trotz aller Generizität durchgehend zurückgehalten. Dieser Hinweis ist es wert, hervorgehoben zu werden, angesichts der Erkenntnis, dass Borut von Divine Illusion als bester Gitarrist aller drei Bands gilt, die die Bühne bespielt haben.

Die Pausen zwischen den Songs  nutzte Attila theatralisch dazu, den Metal-Gefühlen einzuheizen. Er hat ein gutes Mundwerk. Darum ist er auch Frontmann! Ungeachtet der kleinen Bühne der Gala hala tauschten die beiden Gitarristen während des Auftritts viele Male problemlos die linke und rechte Position! Neben Attila sorgte auch Keyboarder Falk Maria kräftig für gute Stimmung. Allerdings war das leichte Übertreiben mit dem Einsatz von Playback-Spuren nicht zu überhören. Alles für einen schönen äußeren Eindruck also. Und Powerwolf ist es damit vollkommen gelungen, den Saal zu verzaubern. Mit der Routine der umverpackten Doktrin. Also mit der Lieferung reinen Professionalismus. Sound? Sehr schön. Energie? Wunderbar. Der wahre Grund zum Ausrasten der jüngsten Metal-Generation, die ihre Helden auf Händen getragen hat und genau das bekam, wofür sie gekommen war!

Die Veranstaltung war auf ganzer Linie ein Erfolg. Auch wenn man erkennt, dass Powerwolf sich der Perfektion der Bühnendarbietung servil unterwirft – was gleichzeitig ein störendes Gefühl von Künstlichkeit, Sterilität und dem Beraubtwerden echter Leidenschaften vermittelt –, übertrumpft die positive Tatsache der Unvergänglichkeit des Metal selbst diese Erkenntnis! Solange die Menschen lieber Powerwolf hören, als auf vergifteten Golfrasen Golf zu spielen! Also sollen die Wölfe unermüdlich weiter toben!

Setliste

POWERWOLF:
intro: Lupus Daemonis
1. Sanctified With Dynamite
2. Prayer in the Dark
3. Amen & Attack
4. All We Need Is Blood
5. Sacred & Wild
6. Resurrection by Erection
7. Coleus Sanctus
8. Drum Solo
9- Kreuzfeuer
10. Werewolves of Armenia
11. Dead Boys Don’t Cry
12. We Drink Your Blood
13. Lupus Dei
—Zugabe—
intro: Prelude to Purgatory
14. Raise Your Fist, Evangelist
15. Saturday Satan
16. In the Name of God (Deus Vult)
outro: Wolves Against the World

DIVINE ILLUSION:
1. Intro (The moment before)
2. Clarity of mind
3. Promised Land
4. Transcendence
5. Genetic
6. To Live Again
7. Gray
8. Words in motion (part II)

Bildergalerie

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Cookies, um Online-Dienste, Werbesysteme und Funktionen bereitzustellen, die ohne Cookies nicht angeboten werden könnten. Mit dem Besuch und der Nutzung der Website stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Akzeptieren Mehr erfahren

Datenschutz & Cookies