Brutal Assault 2013 (dritter Tag) – Death-Metal-Frühstück!

0 7

Autor: Rok Klemše
Fotos: Nina Grad

Ort: Vojenske pevnost Josefov, Jaromer, Tschechien
Konzertdatum: 10.08.2013
Besucherzahl: 15.000

Nach dem freitäglichen Wolkenreißen und den extremen Regengüssen sah auch der Samstagmorgen-Himmel genauso bedrohlich aus. Aber offenbar freute sich der Himmel am frühen Vormittag schon auf das Death-Metal-Frühstück, das die legendären Master (heute praktisch schon fast eine vollständig tschechische Band) um elf Uhr servierten – unter der Führung des ewigen »Underground«-Kriegers Paul Speckmann. Master sprangen in letzter Minute für die (leider) ausgefallenen britischen Death-Metal-Trinker Benediction ein. Speckmann und seine Kollegen schlugen so schon in der Früh mit echtem Death Metal zu, der brüllte wie Motörhead auf Steroiden. Die Rhythmussektion trommelte wie verrückt, die Gitarre hackte Glieder ab, und Speckmanns wütender Gesang klang klar, brutal und überzeugend. Ein ausgezeichneter Sound hob das Trio noch eine Stufe höher, wo Speckmann das Publikum effektiv kommandierte – das Tüpfelchen auf dem i war eine großartige Setlist und der Abschluss mit einem Song von Death Strike, die in der Zwischenzeit anstelle von Master aktiv waren.

Den ausgezeichneten Geschmack verdarb eine musikalische Abomination mit dem dümmsten Namen der Welt, We Butter the Bread With Butter, und den Deutschen gelang das Unmögliche – während ihres Konzerts wirkten selbst die Dixi-Klos verlockender.

Den Horror-mit-Butter-Nachgeschmack retteten zum Glück die Norweger Vreid, die aus der Asche der kultigen norwegischen Band Windir nach dem tragischen Tod ihres Frontmanns Valfar entstanden sind. Aber Vreid sind im Laufe ihrer Karriere viel mehr als nur ein Windir-»Ableger« geworden und haben sich zu einer hervorragenden Band mit eigener Identität entwickelt. Kürzlich veröffentlichte die Gruppe ihr sechstes Album Welcome Farewell, das eine Abkehr von den Black-Metal-Wurzeln markiert und die bunte Evolution der ohnehin schon reichen Musik der Band nur bestätigt. Vreid marschierten auf eine effektiv mit Vignetten vom Cover des neuen Albums dekorierte Bühne, begleitet von den epischen Klängen der Single The Ramble, die sofort zu Beginn das Bild norwegischer Folklore malten. Der charismatische Frontmann Sture trat mühelos in den Vordergrund und kommandierte in seiner obligatorischen Uniform mit dem Motiv der norwegischen Flagge kraftvoll und effektiv seine Vreid-Armee. Das neuere Vreid-Werk hat eine stark betonte melodische Komponente, die ihren Black-Metal-Ansatz mit starken Rock-Einflüssen färbt – was die fast folkloristischen »Polka«-Momente noch vertiefen. Ein schönes Beispiel dafür war das außergewöhnliche The Reap mit eingängigen Riffs und schaurigen Soli. Die Norweger haben eine großartige Nische aus Black Metal gemischt mit Rock-’n‘-Roll-Rhythmen und gelegentlichen Thrash-Metal-Einflüssen gefunden, die einzigartig und gleichzeitig verdammt ansteckend ist! Auf der Bühne waren Vreid unter der Führung von Gitarrist und Sänger Sture die pure Definition ihres Namens, der übersetzt Zorn bedeutet!

Die irischen Schwergewichte Primordial spielten ein standardmäßig ausgezeichnetes Konzert, das sich aber nicht allzu sehr von ihrem MetalDays-Konzerttriumpf unterschied – doch der obligatorische nihilistische Abschluss mit dem mächtigen Epos Empire Falls ist immer gänsehautauslösend.

Nach den irischen Heiden öffneten uns die schwedischen Death-Metaller Vomitory die Tore zur Hölle – deren Name bedeutet ja genau das: Eingang zur Hölle. Vomitory ist aber auch der Name dieser schwedischen Band, die zusammen mit anderen großen Namen der schwedischen Death-Metal-Szene die Welt seit 1989 mit vernichtendem Death Metal traktiert. Ihr Auftritt beim diesjährigen Festival war ganz besonders, denn es war eine der allerletzten Gelegenheiten, die Band live zu erleben. Vomitory verabschieden sich nämlich mit Ende dieses Jahres und gehen nach zwanzig Jahren des Brutalisierens (leider) in den wohlverdienten Ruhestand. Die Schweden stürzten sich in ihr dreiviertelstündiges Massaker mit dem aktuellen (und offensichtlich leider letzten) Album Opus Mortis VIII, und es war eine wahre Wohltat für die Ohren, echten Death Metal zu hören, schwedisch unterstützt von sägeartigen Gitarren durch die kultigen HM-2 Heavy Metal- und DS-1 Distortion-Pedale, mit denen die Riffs wie eine Kreissäge hacken. Brutales Riffing, eine unglaublich solide Rhythmussektion, die zuhaute wie Polizisten auf Hippies in den Siebzigern, und tiefe, dämonische Growls saßen wie die Wurst im Essig (= Utopenci, tschechische »kulinarische Spezialität«). Es war ein echter Genuss, noch eine weitere Dosis echten  Death Metals zu erleben, gespielt von echten Kerlen mit Bierbäuchen und Körperbehaarung, die keine schönen, melodiösen und sanften Refrains kennen und tätowierte, epilierte, anorektische Vegi-Schönlinge in Unterhemdchen mit ein paar ihrer Riffs zu einem blutigen Häufchen zermalmen würden (We Butter the Bread With Butter würden sie dann auch noch aufs Brot schmieren).

Die Hardcore-Veteranen Biohazard aus Brooklyn kehrten nach 2009 wieder zum Brutal Assault zurück, diesmal ohne den langjährigen Sänger Evan Seinfeld, der letztes Jahr aus der Band flog und durch Scott Roberts ersetzt wurde (der in der Vergangenheit bereits die sechs Saiten in der Gruppe gezupft hatte). Biohazard spielten zweifellos eines der energetischsten Konzerte des Festivals, und Roberts findet sich als Frontmann zurecht wie… na ja, die Wurst im Essig, hehe. Die Amerikaner, von denen die Energie geradezu von der Bühne strömte und weswegen fast der gesamte Josefov hüpfte, spielten eine großartige Setlist mit Songs vom aktuellen Album Reborn In Defianca sowie dem legendären Urban Discipline und State of the World Address.

Die Kombination aus Leprous und der norwegischen Ikone Ihsahn hat live wieder enttäuscht – live kommt das Genie von Ihsahns Studiomeisterwerken einfach nicht zur Geltung, obwohl man ihm und der Begleitband keinesfalls eine schlechte Live-Performance vorwerfen kann. Offensichtlich ist das bei Ihsahn eben Musik, die auf dem Album funktioniert, live aber nicht – vor allem wenn avantgardistischer/progressiver Metal auf einem Festival vom Typ Brutal Assault (oder MetalDays, wenn wir schon dabei sind, denn Ihsahn hatte dort dasselbe Problem) platziert wird. Es wäre aber interessant zu sehen, wie Ihsahn auf einem eigenständigen Clubkonzert funktioniert.

Auch das Folgende war musikalisch eher mager – die benachbarte Bühne wurde von den amerikanischen Schönlingen Trivium in Wellenform dekoriert, die zum ersten Mal in der Festivalgeschichte auftraten. Die Bühne stellte also Wellen dar, passend zum Titel des aktuellen Albums In Waves, und der musikalische Eindruck ihres Auftritts war ganz im Stil – irgendwie als würdest du musikalische Seekrankheit kriegen. Die Jungs aus Florida erwiesen sich auf der Bühne zwar als sehr energetische Band, auch ihr Spiel ist keineswegs von schlechten Eltern – sie sind technisch extrem versiert, die Doppelsoli und Gitarrenduelle von Matt Heafy und Corey Beaulieu reißen wirklich mit, und auch die Rhythmussektion ist nicht zu verachten. Aber was nützt’s, wenn das Ganze trocken und generisch klingt – das technisch zwar beeindruckende Spiel grenzt schon an gitarristischen »Wankery«, der gut in ein Nintendo-Spiel passen würde. Die Musik ist damit völlig unoriginell: Während die Jungs beim Schreiben wahnsinniger supersonischer Soli punkten, weichen sie bei den Thrash-Vorgaben von Metallica und der Melodie à la Iron Maiden kaum ab und verpacken das Ganze nur in ein moderneres Gewand. Auch beim Gesang könnte Trivium ruhig die Trends des heutigen Metals vergessen. Das Wechseln zwischen Gegrowle und Clean-Gesang in den Refrains ist schon hundertmal gehört und wiedergekäut, und die Doppelgesänge von Matt und Corey sind geradezu lächerliche »Cookie Monster«-Vocals. Von den cleanen Vocals, die klingen wie Caught In the Act, gar nicht erst zu reden. Trivium spielten in gut einer Stunde auch Brave This Storm und Strife vom kommenden Album Vengeance Falls, die aber genauso klingen wie alles andere. Zum Kotzen. Der mit Abstand beste Teil des Trivium-Sets war das Intro aus dem Soundtrack von Final Fantasy VII: Advent Children, und wer behauptet, Trivium seien würdige Nachfolger von Bands wie Iron Maiden und Metallica, soll Folgendes tun: 1. Aufhören, Metal zu hören. 2. Etwas Spitzes nehmen und tief in die Trommelfelle stecken.

Das Schlechte war aber noch nicht vorbei – auf die andere Bühne traten die schwedischen »Rap-Metaller« Clawfinger. Die Band verkündete nur wenige Wochen nach dem Festival, dass sie ihre Karriere beendet – ihr Auftritt beim Brutal Assault war damit überhaupt ihr letzter. Die Schweden hatten Anfang der Neunziger einige Mega-Hits – ihr erinnert euch sicher an Songs wie Nigger und Biggest & the Best –, in den letzten Jahren erinnerten sich aber nur noch einige Enthusiasten an sie. Trotzdem und trotz der Tatsache, dass sie komplett aus dem Festivalkonzept herausfielen, sammelten Clawfinger vor der Bühne eine unbeschreibliche Menge und hätten sich wahrscheinlich keinen besseren Abschied gewünscht. Der energetische Frontmann Zak Tell hielt das Publikum mühelos von Anfang bis Ende in der Hand – aus seinem Mund flog wütendes Rappen, unterstützt von langweiligen Riffs, einer durchschnittlichen Rhythmussektion sowie Elektronik und Samples, die nichts Besonderes sind. Clawfinger ist nichts vorzuwerfen – sie spielten ein gutes Konzert, und Tell bewies mit seinem Klettern auf die Bühnenkante, dass er ein Frontmann echten Schlags ist –, aber wenn schon, hat »Rap Metal« eben nur einen Namen. Rage Against the Machine.

Mit den amerikanischen Hardcore-Giganten Hatebreed bog die Kurve endlich in die richtige Richtung. Die Amerikaner lösten ihren Ruf vollständig ein – ihr metallisierter Hardcore mähte alles vor sich nieder, Jamey Jasta ist ein fantastischer Frontmann, der das Publikum zu animieren weiß und es im Nu auf seine Seite bringt, und die Band brüllt in Begleitung seines aggressiven Bellens wie ein tobender Orkan. Hatebreed erwiesen dem kürzlich verstorbenen Jeff Hanneman mit einer solide gespielten Slayer-Klassik Ghosts of War ihre Reverenz und schoben das Festival nach einem durchschnittlichen Nachmittag erfolgreich in die richtige Richtung.

Als große Samstags-Headliner traten die polnischen Behemoth auf, die zum ersten Mal seit Nergals Genesung zum Festival zurückkehrten – und in der Luft war wirklich eine gewisse Spannung und große Erwartung zu spüren. Behemoth betraten die Bühne theatralisch und mystisch, begleitet von einem epischen Intro und maskierten Roadies, die große Fackeln anzündeten – danach stürzten die Polen uns in einen unerbittlichen Strudel pompösen Death/Black Metals. Nergal hat durch beharrliches Touren in den letzten ein, zwei Jahren wieder Vokalstärke gewonnen, die Kondition stimmt wieder und zwischen den Songs geht ihm nicht mehr die Luft aus. Behemoth kamen rüber wie sie müssen – episch, böse und düster –, nur der Sound war, wie bei der großen Mehrheit der Bands, was eine große Schwäche des Festivals ist, wieder schlecht. Die Gruppe präsentierte aber auch den neuen Song Blow Your Trumpet, Gabriel vom kommenden Album The Satanist, der klassisch behemothisch klingt, aber gleichzeitig ziemlich vielversprechend.

Unseren Abschied vom diesjährigen Brutal Assault gestalteten die schwedischen Schwergewichte Opeth, und mich interessierte wirklich, was die Schweden nach dem progressiv-rockigen Album Heritage und Mikaels Aussagen, dass er des Death Metals müde sei, diesmal präsentieren würden. Erwartungsgemäß begannen sie das Konzert mit der Single des aktuellen Albums The Devil’s Orchard, die live wirklich dämonisch klingt, danach spielten sie den einzig wirklich zerstörerischen Song der Setlist Ghost of Perdition, den Akerfeldt als etwas Lauteres ankündigte. Einigermaßen erwartungsgemäß bot Opeth im weiteren Verlauf Songs an, die in ihrer Diskografie nicht die größten Death-Metal-Vertreter sind – wirklich seltsam und wirkungslos dagegen die akustische Version des Klassikers Demon of the Fall. Es ist leicht zu verstehen, dass sich eine Band im Laufe ihrer Karriere entwickelt und verändert – aber obwohl Opeth noch immer ein Synonym für Qualität sind, ist es nicht schön zu sehen, wie sich die Band so offensichtlich und immer absichtlicher von dem Material distanziert, das sie zu dem gemacht hat, was sie sind. Der Abschluss mit dem epischen Blackwater Park war aber köstlich und ein passender Schlusspunkt dieser Jahresodyssee.

Brutal Assault bleibt mit seiner phänomenalen Auswahl an Auftretenden eines der besseren europäischen Festivals – hat aber trotzdem enorme Mängel. Eine Seite der Organisation ist lobenswert: Jeder Besucher bekommt ein hübsches Heftchen voller nützlicher Informationen, dazu noch ein Schlüsselband mit den Terminen aller Auftretenden, dem Filmprogramm (Hellraiser auf Tschechisch synchronisiert rate ich dringend ab) sowie dem Zeitplan der Meet-and-Greets. Andererseits gibt es fast zu viele Auftritte – selbst die größten Headliner bekommen keine längere Zeitplanung als eine Stunde, maximal eine Stunde fünfzehn. Am schlimmsten ist es mit  der Hygiene – auf eine saubere Toilette stößt du nur, wenn du wirklich Glück hast, und die Duschen sind schlichtweg katastrophal. Aber vielleicht erwarte ich von einem Volk, das ein Festival namens Fekal Party hat, zu viel, hehe. Letztendlich aber ist genau die außergewöhnliche Bandauswahl der Grund, warum es sich jedes Jahr lohnt, nach Josefov zurückzukehren.

Setlist

PRIMORDIAL:
1. No Grave Deep Enough
2. The Coffin Ships
3. Bloodied Yet Unbowed
4. Empire Falls

TRIVIUM:
1. Throes of Perdition
2. Down From the Sky
3. Becoming the Dragon
4. Brave This Storm
5. Watch the World Burn
6. Strife
7. Capsizing the Sea
8. In Waves
9. Pull Harder on the Strings of Your Martyr
10. One Winged Angel

BEHEMOTH:
1. Ov Fire and the Void
2. Demigod
3. Conquer All
4. Blow Your Trumpet, Gabriel
5. Alas, Lord Is Upon Me
6. At the Left Hand Ov God
7. Slaves Shall Serve
8. Chant For Eschaton 2000
9. Lucifer

OPETH:
1. The Devil’s Orchard
2. Ghost of Perdition
3. Atonement
4. Deliverance
5. Demon of the Fall
6. Blackwater Park

Bildergalerie

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Cookies, um Online-Dienste, Werbesysteme und Funktionen bereitzustellen, die ohne Cookies nicht angeboten werden könnten. Mit dem Besuch und der Nutzung der Website stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Akzeptieren Mehr erfahren

Datenschutz & Cookies