Das Fieber des Sunset Strip hat den Orto bar gepackt! (2013)

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Autor: Urban Bolta
Fotos: Jerneja Jerak

Ort: Orto bar / Ljubljana / Slowenien
Konzertdatum: 01.02.2013
Besucherzahl: 160
Kartenpreis: 3€

Die Veröffentlichung eines Debüts ist für jede Band ein großes Ding. Wenn die Mitglieder einer Band ihre Musik erstmals als physischen Tonträger in den Händen halten, kommen zweifellos starke Emotionen auf. Emotionen, in denen die ganze Mühe steckt, die Schweißtropfen, die zahllosen Proben und vielleicht sogar die internen Streitereien, durch die sich Bands stählen und wachsen – bis hin zu jenem feierlichen Moment der Veröffentlichung der ersten Platte. Das ist die erste Stufe auf dem Weg jedes Musikers, die ihm bei erfolgreichem Erklimmen die Türen zu Promotern, neuen Konzerten und schließlich zu den Ohren der Musikfans öffnet.

Am ersten Februartag feierten die Hard Rocker Top Stripper ihren Abend im Ljubljanaer Orto bar und brachten dabei ihr Debüt »High Heels Avenue« auf den Markt – kurz vor dem alljährlichen Glam-Festival Lipstikk N‘ Leathür, bei dem sie Mitte Februar in Medvode auftreten werden.

Bevor sie die Bühne übernahmen, gehörte der Abendauftakt den Gästen: der neuen Ljubljanaer Band Retro Kult, die aus den Trümmern der studentischen Rock’n’Roll-Spaßvögel Nove Konzerve entstand. Nachdem sie sich vom Mastermind Uroš getrennt hatten, schlossen sie die Reihen, gründeten Retro Kult neu und begannen, in völlig anderen Rock-Sphären zu spielen – ihr musikalisches Vokabular ist stilistisch näher am Hard Rock, den ihre Väter gehört haben, weit weg vom Rock, den die heutige Jugend konsumiert. Das bestätigt den weltweiten Trend, bei dem junge Bands die Leitlinien des klassischen Rocks der Siebziger erkunden und neu interpretieren – ein Trend, der endlich auch auf slowenischem Boden angekommen ist. Während das Intro Satan Is Real des uralten Duos The Louvin Brothers lief, verteilte sich das Quintett auf der Bühne und startete eine gut schulstundenlange Show, die kompositorisch simpel, dafür aber umso intensiver in ihrer Aussagekraft war! Dass Retro Kult unter dem Einfluss der Rolling Stones aufgewachsen sind, war schon zu Zeiten der Nove Konzerve klar; mit der Transformation und dem neuen optischen Auftritt hat sich die Ljubljanaer Combo noch näher an den Sound von Bands wie Free, Led Zeppelin und ähnlichen Blues-Rock-Giganten vom Anfang der Siebziger bewegt. Großes Potenzial zeigt die Band im konstanten Gitarrenspiel des Duos Deži und Zupi, das mit geschicktem Wechselspiel das Klangbild hervorragend ausfüllt – und genau ihre Ausflüge sind verantwortlich für das ständige Liebäugeln mit dem reichen Blues-Erbe, in längeren instrumentalen Passagen sogar mit dessen schwerem psychedelischem Gewand, wie es Bands vom Schlage Leaf Hound oder Sir Lord Baltimore pflegten. In ihr eigenes Material, das Monat für Monat um neue Kompositionen reicher wird, bauten Retro Kult Coversongs von The Four Horseman und Led Zeppelin ein und überzeugten die Anwesenden davon, dass es sich hier um eine äußerst interessante Band handelt, die alle nötigen Voraussetzungen für eine erfolgreiche Weiterentwicklung mitbringt.

Als es bereits weit nach zehn Uhr abends war, hatte sich der Orto bar ordentlich gefüllt. Obwohl der Hauptact des Abends, die heimische Truppe Top Stripper, seit ihrer Gründung 2009 praktisch im Verborgenen agiert, haben sie offensichtlich eine starke Fangemeinde im Kreis ihrer Freunde und Bekannten, die das Obergeschoss des Clubs vorbildlich füllten und der Band während ihres wohl wichtigsten Konzerts bis dato die ganze Zeit lautstark den Rücken stärkten.

Top Stripper entpuppten sich als willkommene Bereicherung der slowenischen Hard-Rock-Szene, denn ihre eingängige Kombination aus Achtziger-Hard-Rock und Blues-Charme steckt an – und zwar blitzschnell! Die Band hat eine eigenständige Formel gefunden, bei der sie die Elementarität der Hard-Rock-Schule der Achtziger nach dem Vorbild der ursprünglichsten Bands jener Zeit adaptiert: Cinderella, The Quireboys, vielleicht sogar Thunder – wenn auch mit einer gehörigen Portion Poison-Schlüpfrigkeit. Das größte Ass im Ärmel von Top Stripper ist Frontmann Jaša! Der Typ mit den Bühnenmoves eines David Coverdale sammelte mit seiner starken Performance schnell die Sympathien des Publikums ein und holte es auf seine Seite – nicht zuletzt dank seiner umwerfenden Vokalcharisma, mit der er sich als Sänger mit tiefer Stimme, aber hoher Stimmreichweite präsentierte. Die meisten Stücke sind stark bluesig aufgeweicht, doch bei zwei oder drei Eigenkompositionen traten sie aufs Gas und beschworen, befeuert von fetten Gitarrenriffs, den Crüe-Geist des Sunset Strip – trotzdem stellten verführerische Melodien à la Gone With the Train den Großteil der tanzbaren Top-Stripper-Rhetorik dar. In der ersten Konzerthälfte ereilte sie ein kleines Missgeschick: Schlagzeuger Mihas Fell riss, der Austausch kostete gut fünf Minuten Spielzeit, weshalb Top Stripper im Anschluss noch intensiver daran arbeiten mussten, das Publikum zu verwöhnen und den maximalen Effekt herauszuholen! Instrumentaltechnisch ragten – gerade angesichts der Jugend der Musiker – der bereits erwähnte Schlagzeuger Miha und Gitarrist Jure auf der rechten Bühnenseite heraus; allerdings sei darauf hingewiesen, dass die großen Glanzmomente noch in weiter Ferne liegen, der Weg dorthin harte Arbeit und dornige Pfade erfordert – ein allzu selbstverliebter Auftritt war daher schlicht fehl am Platz. Am Ende der Show gönnten Top Stripper dem bereits gut eingeheizten Publikum noch eine Coverversion des immer zündenden Paradise City; lobend erwähnt sei auch der akustische Nachschlag, der aus der eigenen Ballade mit der ohrwurmverdächtigen Melodie Daisy Darlin‘ und zum großen Finale dem Mr. Big-Klassiker To be With You bestand.

Was lässt sich zum Schluss sagen? Die slowenische Hard-Rock-Szene ist um einen neuen Namen reicher – Top Stripper haben mit der Veröffentlichung ihres Debüts »High Heels Avenue« und dessen Präsentation im vollen Orto bar einen großen Schritt in die Szene gemacht und dabei bewiesen, dass es trotz des begrenzten Manövrierraums im Genre-Spektrum noch immer möglich ist, in unbetretenem Schnee zu stapfen. Mag sein, dass diese Behauptung im weltweiten Maßstab ein wenig lächerlich klingt – zumindest in der slowenischen Szene aber bringen Top Stripper eine einzigartige, vom Blues durchdrungene Hard-Rock-Formel mit, weshalb wir uns schon jetzt auf die nächsten Karriereschritte dieses jungen Ljubljanaer Kollektivs freuen können.

Setlist

1. L.A. City
2. Hot Stripper
3. She’s So Fine
4. Crazy Child
5. Sound of The Devil
6. Girls
7. Cryin‘ Over Love
8. Love In An Elevator
9. Gone With the Train
10. Paradise City
11. Do You Think it’s Easy
———
12. Daisy Darlin‘
13. To Be With You

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