The Pains Of Being Pure At Heart brachten nach Ljubljana eine Dosis “Noise“, leider aber auch Zucker
Ort: Komuna / Kino Šiška / Ljubljana
Konzertdatum: 30.10.2012
Besucherzahl: 250
Kartenpreis: 15 EUR Vorverkauf, (Sch./Stud./Rent.) 12 EUR, 18 EUR an der Tageskasse
Nachdem Gitarrenrock an der Jahrtausendwende schon fast gestorben war, kehrte er 2001 mit The Strokes buchstäblich über Nacht und durch die Haupttür in die Musikarena zurück. Verrauchte Konzertschuppen und heimische Garagen spuckten von Rock’n’Roll infizierte Bands aus, in denen die Musikindustrie wieder eine Marktnische erkannte. Gitarrenrock ist nämlich nie wirklich ausgestorben, aber es stimmt, dass ihm der Musik-Mainstream nicht mehr so viel Aufmerksamkeit schenkte wie in den vorherigen Jahrzehnten. Im steilen Aufstieg befanden sich Hip-Hop und Elektronik. Letztere hatte auch großen Einfluss auf das genannte Gitarren-“Revival“, und gerade die Verbindung von Gitarren- und Elektronik-Elementen brachte im neuen Jahrtausend die “Indie“-Musik als modernes Phänomen hervor. “Indie“ wird als Musikbegriff schon seit Anfang der Achtziger verwendet, beginnend in den USA mit Bands wie R.E.M. und Pixies (später Dinosaur Jr., Sonic Youth, Pavement…), sowie in Großbritannien mit Bands wie The Smiths und New Order und später einer ganzen Britpop-Ära. Obwohl man innerhalb all dieser Bands gewisse gemeinsame musikalische Charakteristika erkennen konnte, hatte sich “Indie“-Musik damals noch nicht als Genre oder zumindest als engeres zusammenhängendes Movement herausgebildet. Alle oben genannten (und andere verwandte) Bands bezeichneten sich noch mit völlig anderen Begriffen, von Garage Punk, Jangle Pop, New Wave, Dream Pop, Britpop, Noise Rock, Post-Punk, Lo-Fi Music usw. “Indie“ wurde damals als Herangehensweise an das Musikmachen verstanden. Es ging um eine Abkehr von den großen Plattenlabels (Alben wurden bei jungen, sog. unabhängigen (independent->indie) Plattenlabels veröffentlicht), in der Folge um größere Autonomie und die intensive Nutzung des “Do-it-yourself“-Ansatzes, sowohl im musikalischen als auch im grafischen Bereich (->Neugestaltung der Gesamtästhetik). Konnte man vor Beginn des dritten Jahrtausends alle oben genannten Bands noch mit dem weiteren Begriff “Alternative Rock“ bezeichnen, verdienen viele seiner modernen Ableger das Etikett “Indie“. “Alternative Rock“ und “Indie“ überschneiden sich in vielem, unterscheiden sich aber auch in vielem. Moderner “Indie“ hat nämlich seine genremäßigen Fühler weit ausgestreckt und die Grundlagen des Alternative Rock schön mit Pop, Folk, Elektronik, Jazz und anderen Stilen vermischt. Es hat sich eine eigenartige Bewegung geformt, die keine bloße Marketing-Eintagsfliege ist. Darunter vereint sie ein breites musikalisches Feld, von vollständigen (experimentellen) Eigenausdrücken bis hin zu den generischsten musikalischen Schöpfungen. Das Definieren entstehender (moderner) Phänomene ist immer eine sehr schwierige Aufgabe, da sich ihre konzeptionelle (und in diesem Fall musikalische) Landschaft von Monat zu Monat verändert, aber ich werde kurz die wichtigsten Merkmale des entstehenden Genres beschreiben (Komplexität der Definition – ständige Bewegung zwischen Genre und Bewegung). An erster Stelle steht ganz klar die Offenheit und die Akzeptanz des Anderssein – deshalb handelt es sich auf einer gewissen Ebene um ein Anti-Genre. Im musikalischen Bereich spielen Gitarrenlinien nach wie vor eine große Rolle, doch oft nehmen ihnen Synthesizer oder andere neuere digitale Instrumente die Initiative ab. Die Musik ist inhaltlich stark emotional aufgeladen. Sie zeichnet sich durch einfache, gefällige und einprägsame Melodien aus (dafür steckt umso mehr Arbeit in der Klangtextur). Es gibt viel Verbindung verschiedener Arten von (musikalischer) Abweichung – z.B. die einzigartige Verschmelzung roher, ursprünglicher (“raw“) musikalischer Ausdrücke mit den zartesten, verträumten (“dreamy“) Atmosphären. Oft ist es auch faszinierend, wie verschiedene Gruppen experimentelle Ansätze (Ursprünge) in popstrukturierte Musik umwandeln. Texte sind (wenn vorhanden) oft ausgesprochen sentimentaler Natur, vieles baut auf Gefühlen, Empfindungen und alltäglichen Nöten…Geschichten. Da Indie-Musik derzeit ein ausgesprochen populärer Begriff ist, wird sie zunehmend auch für Marketing- bzw. kommerzielle Zwecke ausgenutzt. So entstehen auch innerhalb ihrer zahlreiche Subgenres generischer Natur, mit wenig künstlerischem Wert, aber ideal für banale Auflockerung, das Übertünchen unangenehmer Stille am Arbeitsplatz oder schnelle hedonistische Befriedigung. Sie werden definiert durch Andersartigkeit um der Andersartigkeit willen (Marketingzwecke – Trend), “radio-friendly“ Sound und “Fast-Food“-Verwendung der obigen Merkmale (Künstlichkeit, Unoriginalität). Und genau hier kommen The Pains Of Being Pure At Heart ins Spiel, die ich letzten Mittwoch in der kleinen Halle des Kino Šiška gesehen habe. Sie sind eine Band, in der manche eine “reine Dosis Indie“ sehen, viele aber nur eine sehr gute Collage-Kopie verschiedener alternativer Bands der letzten dreißig Jahre.
The Pains Of Being Pure At Heart bewegen sich auf dünnem Eis zwischen einer gewissen aufrichtigen emotionalen und konzeptionellen Substanz (Ursprung) und dem unablässigen Druck der Musikindustrie, die sie hartnäckig nach einem trendigen Marktbild formen und ihnen verschiedene (halb-)generische Muster aufzwingen will. Deshalb bleiben sie musikalisch nach fünf Jahren Tätigkeit eine vergleichsweise künstlerisch unausgereifte Band (trendseitig aber sehr wohl). Sie sind angenehm, interessant, an vielen Stellen einfallsreich und befriedigen all jene, die in einem Rutsch ein paar der besseren alternativen Nuancen der Achtziger und Neunziger hören wollen; aber das ist für eine Band mit solchem Potenzial definitiv nicht genug. Obwohl Kritiker ihnen ein gewisses Maß an Qualität und Eingängigkeit zugestehen, kann man beim Hören ihrer Musik nicht das Gefühl loswerden, dass man viel zu oft andere Bands heraushört. Das zweite Album ‚Belong‘, das letztes Jahr erschien, wurde vom Superstar-Produzentenduo Mark “Flood“ Ellis und Allen Moulder produziert. Flood und Moulder haben in ihrer dreißigjährigen Karriere schon mit vielen etablierten Namen der Popmusik gearbeitet, ich nenne nur die Größten: U2, New Order, Nick Cave, The Killers, The Smashing Pumpkins, PJ Harvey, Depeche Mode, Erasure, The Jesus and Mary Chain, Placebo, Sigur Rós, Ride…Und The Pains Of Being Pure At Heart stellen gewissermaßen einen Mittelpunkt all dieser verschiedenen musikalischen Ausdrücke dar. Eine Weiterentwicklung gibt es jedoch nicht. Wenn sie das herausarbeiten, können sie sich zu einer großen Band entwickeln. Die Band formierte sich 2007 in New York und hat bis heute zwei Alben und drei EPs veröffentlicht. Die Band besteht aus Frontmann (Sänger und Gitarrist) Kip Berman, der Keyboarderin chinesischer Herkunft Peggy Wang, die Rhythmusgruppe bilden Bassist Alex Naidus und Schlagzeuger Kurt Feldman. Als zusätzlicher Gitarrist schloss sich ihnen auf der folgenden Tour noch der ehemalige Schlagzeuger ihrer New Yorker Zeitgenossen The Drums, Connor Hanwick, an. Musikalisch bilden sie ein interessantes Dreieck zwischen Gitarren-Noise, verträumtem Pop und energiegeladenem Dance-Punk.
Im Kino Šiška machten ihnen als Vorgruppe die englische Band Flowers Gesellschaft (die übrigens im Netz extrem schwer zu finden sind), die mit ihrem ruhigen und ätherischen Auftritt den Konzertabend am Mittwoch angenehm eröffneten. Etwa eine Stunde später standen bereits die Headliner des Abends auf der Bühne. Zunächst überraschte mich der zusätzliche Gitarrist, denn ich wusste nicht, dass ihnen seit Januar bei Konzerten der ehemalige Schlagzeuger von The Drums, Connor Hanwick, hilft (Die Band sah ich 2010 beim Frequency Festival, als noch die anfängliche Euphorie spürbar war und noch alle vier Gründungsmitglieder dabei waren – heute sind es nur noch zwei. Das Konzert war ziemlich besonders und erinnerte stellenweise an ein historisches Musikkarussell. Darüber ein anderes Mal.). Die Bandmitglieder standen auf der Bühne in einer Reihe aufgestellt, nur Schlagzeuger Feldman war allein im Hintergrund. Die Aufstellung kam besonders bei den lebhafteren Abschnitten des Konzerts zur Geltung, da es zeitweise so wirkte, als würden die Band gemeinsam die ersten Reihen angreifen und diese sie zurück. Eine besondere Rolle auf der Bühne kam Frontmann Berman zu, der mit seiner präsenten Working-Class-Erscheinung, expressiver Gestik und scharfer, grober und angespannter Mimik an einen neuzeitlichen Bruce Springsteen erinnerte, was man aber nicht von seinen höflichen und banalen Ansagen behaupten könnte (The Boss‘ Ansagen sind das Saftigste in der Musikwelt). Ähnlich expressiv verhielt sich auf der Bühne auch Bassist Naidus, allerdings wirkte er deutlich entspannter und genussorientierter. Recht schüchtern hielt sich “im Hintergrund“ Keyboarderin Peggy Wang, und patzte in den seltenen Gesangsmomenten ziemlich konkret. Das ruhigste Bandmitglied schien der ehemalige “Drummer“ Hanwick zu sein, der irgendwie distanziert und lässig wirkte. Der Konzertauftakt war sehr dynamisch und tänzerisch und warf in den ersten fünfzehn Minuten gleich vier große Hits von der letzten Platte raus, von denen besonders die einleitende Heavens Gonna Happen Now und Belong hervorstachen. Das Konzert war von einem guten “Vibe“ umgeben, der aber nie zu mehr angewachsen ist. Irgendwie dasselbe Problem teilt bereits ihre Musik (siehe zweiter Absatz). Das Konzert war sehr intensiv und schwungvoll, aber durchgehend von einem weinerlichen, “pussy“ und zuckersüßen Beigeschmack umhüllt. Da kann man einfach nicht zu sehr aufgehen, auch nicht richtig “abgehen“, selbst wenn es so ein “straightforward“ Rock’n’Sugar-Schlag ist. Die hohe Intensität des Auftritts ließ sehr wenig Raum zum Durchatmen. Das Tempo war wirklich hoch (das Konzert wurde fast schon robotermäßig gespielt – kein Raum für Improvisation), deshalb hatte ich auch keinen besonders langen Auftritt erwartet, aber als nach nur fünfundvierzig Minuten bereits die Zugabe anstand, war ich doch konkret überrascht. Der Höhepunkt des regulären Teils war zweifelsohne das jugendlich-freche Young Adult Friction von der ersten Platte, das vom (ersten!!) Sex (in der Bücherei) handelt. Wunderbar gesteigert und exzellent harmonisiert, ist das Lied ein geradezu brillanter Beweis dafür, was The Pains Of Being Pure At Heart alles draufhaben. Den regulären Teil schlossen sie mit Everything With You ab, das im zweiten Teil des Songs mit einem exzellenten, gefühlvollen Solo glänzt, und The Pains Of Being Pure At Heart, einem der ersten Songs, die sie 2007 schrieben, und das mit seinen repetitiven Noise-Sequenzen eine unaufhaltsame Adrenalinlawine auslöste. In der Zugabe spielten sie noch A Teenager In Love und This Love Is Fucking Great. In Letzterem kam auch die melancholische und sehnsüchtige Stimme von Frontmann Kip Berman zur Geltung. Die Komuna-Halle funktionierte hervorragend, der Sound war gut, und geradezu schön war auch die “Lichtshow“.
The Pains Of Being Pure At Heart überraschten in Ljubljana mit rein gar nichts. Sie lieferten einen erwarteten Auftritt, der einige interessante Punkte und Momente bot, insgesamt aber einen ziemlich monotonen und durchschnittlichen Konzerteindruck hinterließ. Wie ich bereits festgestellt habe, leidet ihr Auftritt unter ähnlichen Mängeln wie ihre Musik. Interessante Musik und Auftritt, die aber in nichts inspirieren und sich allzu oft in die sichere Zuflucht bereits gesehener Formen und Darbietungen flüchten. Mehr Schmackes, mehr Mut, dazu ein besser aufgebauter Konzertbogen – dann ändert sich vielleicht was. Jedenfalls findet man innerhalb des Gitarrenrocks (und des weiteren “Indie“) deutlich bessere Beispiele für Originalität, Überzeugungskraft und Aufregung.
Setliste
The Pains Of Being Pure At Heart:
1.) Heavens Gonna Happen Now
2.) Belong
3.) Until The Sun Explodes
4.) Heart In Your Heartbreak
5.) Higher Than The Stars
6.) Sure
7.) Come Saturday
8.) Young Adult Friction
9.) Kelly
10.) My Terrible Friend
11.) Everything With You
12.) The Pains Of Being Pure At Heart
Zugabe:
13.) A Teenager In Love
14.) This Love Is Fucking Great
Bildergalerie








































