Mr. Big in der Kino Šiška riefen einige der eindrucksvollsten Momente ihrer Karriere in Erinnerung (2018)
Ort: Ljubljana / CUK Kino Šiška / Slowenien
Datum: 01.08.2018
Die Kino Šiška hat diesmal in ihren Hallen die namhaften amerikanischen Hardrocker Mr. Big beherbergt, die ihre größten kommerziellen Erfolge Anfang der Neunziger mit einigen Hits feierten, von denen »To Be With You« und »Just Take My Heart« in den damaligen Radiosendern am häufigsten gespielt wurden. Es versprach ein heißer Abend für alle Liebhaber qualitativ hochwertiger Vokalharmonien, brennender Hardrock-Riffs, melodischer Melodien sowie für Verehrer gitarristischer und bassgitarristischer Virtuosität zu werden. Für jeden war etwas dabei, weshalb sich ein bunt gemischtes Publikum versammelte, zusammengesetzt aus Zuhörern verschiedenster Musikrichtungen und Altersgruppen – was bei Konzerten von Künstlern, die fast drei Jahrzehnte auf dem Buckel haben, nicht allzu oft vorkommt.
Vor dem Auftritt von Mr. Big sorgte zunächst das kroatische Hardrock-Trio unter der Führung des energiegeladenen Gitarristen und Sängers Alen Brentini mit einem ordentlichen Auftritt und einer großen Portion Herzblut für Unterhaltung. Ihr zwar recht schlicht angelegter Hard Rock erwies sich als gute Wahl für das frühe Aufwärmen des Konzertabends; gleichzeitig nutzten sie die Gelegenheit recht gut, um ihre Musik dem slowenischen Publikum näherzubringen – obwohl unter den Besuchern auch viele Musikfans aus Italien, Österreich und Kroatien waren, die die üblichen Probleme mit der Saalfüllung in der Kino Šiška lösten, wenn große ausländische Rocknamen bei uns auftreten. Der Besuch war nämlich während Brentinis Auftritt recht mau, aber das änderte sich schon bald.
Weitaus größeres Interesse beim Publikum weckte die nächste Vorband, die amerikanischen Heavy-Metaller Fozzy unter der Führung des berüchtigten kanadischen Sängers und professionellen Wrestlers Christopher Irvine, besser bekannt als Chris Jericho. Letzterer, der sich von weitaus bekannteren und einflussreicheren Metal-Frontmännern eine Menge abgeschaut hatte, begeisterte das Publikum vor allem mit einer gehörigen Portion Charisma, Energie und einem Talent fürs schnelle Erlernen der slowenischen Sprache. Deutlich weniger begeistert waren viele davon, dass Fozzy, die ihr aktuelles Album »Judas« (2017) präsentierten, beim Auftritt in großem Stil auf Backing Tracks und aufgenommene Begleitvokale setzten – was ihnen wirklich nicht zur Ehre gereicht. Schade, denn ihr klassischer Metal mit gelegentlichen Power-Metal- und Hardrock-Einflüssen, der – Hand aufs Herz – nichts wirklich Neues bietet, fand bei manchem im Publikum Anklang und wurde mehrfach mit lautem Beifall belohnt. Am meisten in Erinnerung blieben ein recht gelungenes Cover des ABBA-Klassikers »SOS« sowie das Anti-Kriegs-Stück »Do You Want to Start a War«, bei dem Jericho mit einem Gasspray bewaffnet auftauchte. Fozzy haben bewiesen, dass sie das Problem mit einem Metal-Maskottchen gelöst haben – es wird schlicht durch Jericho selbst ersetzt, der kurzzeitig auch seine Wrestling-Persönlichkeit aufleben lässt, mitsamt glamourösen, mit Lämpchen bestückten Umhängen, mit denen er wie ein Weihnachtsbaum erstrahlt. Leider reichte das nicht aus, denn nach dem Ende der ziemlich aufgeheizten und lauten Vorstellung blieb auch wegen des überlaut aufgedrehten Soundsystems ein bitterer Nachgeschmack.
Überraschend, aber wahr: An diesem Abend kamen auch zahlreiche Vertreterinnen des schönen Geschlechts zu Mr. Big, darunter nicht wenige, die noch nicht einmal geboren waren, als die Band 1989 ihre erste Platte veröffentlichte. Der offenkundige Charme des – körperlich schon mehrfach ’nachgebesserten‘ – Mr.-Big-Sängers Eric Martin, der eine gut erhaltene Stimme sein Eigen nennt, wirkt offenbar noch immer, denn es ist schwer zu erklären, dass es sich um eine der wenigen Bands dieses Genres handelt, die noch immer eine erkleckliche Popularität genießen – obwohl sie stilistisch und lyrisch tief im späten Achtzehnerjahren und frühen Neunzigern verwurzelt geblieben sind. Ein beträchtlicher Teil des männlichen Publikums war vor allem deshalb zum Mr.-Big-Konzert gekommen, um dem Kunstschaffen des virtuosen Duos in Gestalt des genialen Bassisten Billy Sheehan und des Gitarrenzauberers Paul Gilbert beizuwohnen. Letztere beharren bei Mr. Big statt bei experimentelleren Musikprojekten, wo ihre Fähigkeiten noch viel stärker zur Geltung kämen, natürlich vor allem des Geldes wegen. An diesem Abend rechtfertigten sie ihren Ruf vollauf – bereits beim ersten Stück des Abends, »Daddy, Brother, Lover, Little Boy (The Electric Drill Song)«, bearbeiteten sie die Saiten ihrer Instrumente kurzzeitig auch mit Elektrobohrern; das aber war erst das Aufwärmen für pompösere virtuose Glanzleistungen.
Leider ist der originale Schlagzeuger Pat Torpey nicht mehr in der Band, doch Matt Star ersetzte ihn mehr als würdig – auch wenn er fürs Erste noch ein zu kleiner Fisch ist, um sich neben Gilbert und Sheehan einen eigenen Soloauftritt zu ergattern. Die Auswahl der gespielten Stücke war schön ausgewogen zwischen neueren Werken von den letzten drei Studioalben – angeführt vom aktuellen »Defying Gravity« (2017) – und langjährigen Klassikern wie »Alive and Kickin’«, »Green-Tinted Sixties Mind« und »Rock & Roll Over«, die allesamt so gespielt und gesungen wurden, wie es sich gehört. Als Erstes kam der stets gut aufgelegte Hüne Gilbert mit seinem Solopart dran, der mit seinen technisch anspruchsvollen Läufen und flinken Griffen eindrucksvoll demonstrierte, warum ihn viele zur absoluten Spitze der größten Gitarrenvirtuosen zählen – und das war gleichzeitig der erste Höhepunkt des Abends.
Wegen der unerträglichen Hitze – in der Halle war es wie mitten im Amazonas-Regenwald – hatte auch die Band zu kämpfen: Alle vier Mitglieder schwitzten aus allen Poren und nutzten jede Pause zur Abkühlung, und Martin machte keinen Hehl daraus, dass ihm ein bisschen Klimaanlage mehr als recht gewesen wäre. Der mit jeder Menge Schminke und Bühnenpose ausgestattete Sänger weiß noch immer, wie er dem weiblichen Teil des Publikums den Kopf verdreht; stimmlich hielt er sich über weite Strecken des Abends recht wacker. Nach der Darbietung des neuen Stücks »Open Your Eyes« vom Album »Defying Gravity« überraschte die Interpretation ihres kleineren Hits, ein Cover von »Wild World«, das ursprünglich Cat Stevens gehört und bereits bei seiner Veröffentlichung zu heftigen widersprüchlichen Reaktionen geführt hatte. Sheehans Solopart – den man hören und mit eigenen Augen sehen muss, um glauben zu können, dass so etwas auf einer Bassgitarre überhaupt möglich ist – bildete den zweiten Höhepunkt des Mr.-Big-Auftritts.
Für jene, die in erster Linie wegen des Spaßes und einer ordentlichen Hardrock-Party ins Konzert gekommen waren, stellte die Darbietung von Mr. Bigs größtem Hit »To Be With You« den Höhepunkt des Abends dar. Der Song wärmte mit seinem Liebestext vor allem den weiblichen Teil des Publikums auf, während zum Abschluss noch »Colorado Bulldog« gespielt wurde und damit ein letztes Mal auf einen etwas druckvolleren Gang geschaltet wurde. Trotz stürmischer Zugabe-Rufe kehrten sie nicht mehr auf die Bühne zurück, um im Encore zumindest noch das eine oder andere Stück zu spielen – etwa »Just Take My Heart«, das sie unerwartet ausgelassen hatten. Das verärgerte einige im Publikum zusätzlich, auch wegen der unerträglichen Hitze in der Halle, und bevor sie die Ausgangstüren passierten, waren laute Buhrufe der Missbilligung zu hören.
Mr. Big haben in der Kino Šiška für einen sehr ordentlichen und professionellen Auftritt gesorgt, mit Höhepunkten in den Soloparts beider Virtuosen – auch wenn manch glühender Fan mindestens noch das eine oder andere Stück mehr erwartet hatte. Zu ihren Gunsten spricht, dass sie sich trotz Martins gelegentlich leicht kitschtiger Bühnenmimik nicht übermäßig wie Superstars aufgeführt haben und eine echte Verbindung zwischen Bühne und Publikum herzustellen vermochten. Obwohl das Soundsystem diesmal im Vergleich zu den üblichen Verhältnissen in der Kino Šiška recht passabel war und die berühmte Gruppe ihrem Ruf gerecht wurde, verließen viele von uns das Konzert mit gemischten Gefühlen. Es bleibt die Tatsache, dass Mr. Big Gefangene einer Ära geblieben sind und als Songwriter schon lange recht eingerostet sind – auch was Neukompositionen angeht, von den Texten ganz zu schweigen –, weshalb sie Liebhaber eklektischerer Klangabenteuer mit dem, was ihre Konzerte derzeit bieten, nur schwer begeistern können.
Autor: Peter Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
Setliste:
MR. BIG
1. Daddy, Brother, Lover, Little Boy (The Electric Drill Song)
2. Undertow
3. Alive And Kickin‘
4. Take Cover
5. Green Tinted Sixties Mind
6. Everybody Needs A Little Trouble
7. Price You Gotta Pay
8. Paul Gilbert solo
9. Open Your Eyes
10. Wild World (orig. Cat Stevens)
11. Rock And Roll Over
12. Around the World
13. Billy Sheehan solo
14. Addicted To That Rush
15. To Be With You
—Zugabe—
16. Colorado Bulldog


































