Gargantua, Pantagruel und Panurge, drei unzertrennliche Freunde durch das musikalische Erbe von Three Friends mitten in Triest (2012)

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Autor: Peter Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Castello Di San Giusto / Triest / Italien
Konzertdatum: 26.07.2012
Besucherzahl: 600
Kartenpreis: 16,00€

Das diesjährige Summer Rock Festival, das bisher bereits so große Namen des Progressive Rock wie Van Der Graaf Generator, Caravan, Gong, Focus, Steve Hackett und The Grandmothers of Invention beherbergt hat, fand nach dem letztjährigen Umzug vom Hauptmarktplatz Triests wieder auf der Burg Castello di San Giusto statt. Das Burggelände, das von den Mauern aus einen schönen Blick auf die Stadt bietet, scheint wie gemacht für eine Band namens Three Friends, auch wenn sie aus sechs Mitgliedern besteht, denn troubadourhafte Arrangements sind ihr keineswegs fremd. Die meisten Musikliebhaber, die die aufgewühlte Welt des Progressive Rock nicht aktiv verfolgen, werden sich natürlich am Kopf kratzen und fragen, wer zum Teufel Three Friends überhaupt sind. Dabei handelt es sich um eine Band, die bislang ausschließlich ein Konzertprojekt ist, zusammengesetzt aus zwei ehemaligen Mitgliedern der legendären Prog-Rock-Innovatoren und ewigen Spaßvögel Gentle Giant – dem Original-Gitarristen Gary Green und Schlagzeuger Malcolm Mortimore. Letzterer wirkte nur am dritten Gentle Giant-Album mit, dem konzeptuellen Meisterwerk »Three Friends«, auf dem der Großteil ihres Konzertrepertoires basiert – doch beim Auftritt wirkt er, als hätte er noch gestern in dieser einzigartigen, viel zu früh auseinandergebrochenen Gruppe gespielt.

Ursprünglich traten sie unter Greens Führung unter dem Namen Rentle Giant auf, doch nach dem Abgang des Original-Keyboarders Kerry Minnear, der sich entschied, ab 2009 aus Respekt gegenüber den Shulman-Brüdern nicht mehr an diesem Konzertprojekt mitzuwirken, entschied man sich für eine Namensänderung. Den aus dem Blues stammenden Gitarren-Innovator Green hielt das kaum davon ab, die Musik der legendären Prog-Rock-Innovatoren weiter zu spielen – die wir wegen der Sturheit der Shulman-Brüder nie mehr gemeinsam auf der Bühne sehen werden. Das Lineup von Three Friends bilden neben Green und dem mit einem Cowboy-Halstuch geschmückten Mortimore, der Gentle Giant 1972 nach einem Motorradunfall verließ, auch Kult-Bassist Lee Pomeroy (It Bites, ex-Steve Hackett, Rick Wakeman). Am Mikrofon ersetzte Mick Wilson, der aktuelle 10cc-Sänger, Derek Shulman auf überraschend überzeugende Weise, während Gary Sanctuary Minnear mit Bravour vertrat. Die größte Überraschung war die Anwesenheit eines zusätzlichen Gastmitglieds, der Multiinstrumentalistin Charlotte Glasson, die Viola, Flöte, Klarinette, Saxofon und Geige spielte. Die außerordentlich begabte Glasson, deren Erscheinung und Kleidung an eine Gouvernante aus goldenen sozialistisch-realistischen Zeiten erinnerte, schloss sich Three Friends als Gastmitglied exklusiv für den Auftritt in Triest an. Vielleicht war gerade ihre Anwesenheit dafür verantwortlich, dass ihr Auftritt am Ende als Ganzes so gelungen war – ihr Spiel auf Streich- und Blasinstrumenten trug entscheidend zu einem deutlich organischeren Klang der orchestralen Arrangements bei, als wenn diese, wie sonst bei ihren Auftritten üblich, von Keyboarder Sanctuary abgedeckt würden.

Als Vorgruppe traten Ibrido Hot Six auf, ein Kammerensemble aus Rom, das uns mit Instrumentalversionen einiger Gentle Giant-Klassiker positiv überraschte. Besonders interessant war dabei, dass fast alle Bearbeitungen dem zweiten Gentle Giant-Album »Acquiring the Taste« (1971) entstammten, das den Mitgliedern dieses italienischen Ensembles, das seinen Schwerpunkt auf eine Vielzahl von Blas- und Streichinstrumenten legt, offensichtlich am besten gefällt. Der Gitarrist punktete mit einem Ansatz und Klang der E-Gitarre, der etwas an Pat Metheny erinnerte – sprich: Er bemühte sich in nichts darum, eine Kopie des aus dem Blues stammenden Gary Green zu sein. Insgesamt waren die Bearbeitungen sehr interessant mit einigen improvisatorischen Einlagen, doch die Hauptmotive waren natürlich sofort erkennbar. Jazzig eingefärbte Versionen der unvergesslichen »Acquiring the Taste«-Standards »Plain Truth«, »Black Cat«, »Edge of Twilight«, »Wreck« sowie des »Octupus« (1973)-Klassikers »Think of Me With Kindness« und des »Three Friends« (1972)-Evergreens »Peel the Paint« sorgten für ein gelungenes Aufwärmen vor dem Hauptereignis des Abends.

Three Friends eröffneten ihren Auftritt auf kraftvolle und spektakuläre Weise mit einer epischen Interpretation des »Three Friends«-Eröffnungsstandards »Prologue«, der mit seinen unvorhersehbaren rhythmischen Mäandern, einzigartigen Gentle Giant-Vokalharmonien und der Spontaneität multi-instrumentalistischer Perfektion schon beim Auftakt ordentlich für Stimmung sorgte. An diesem Abend spielten sie zur Freude vieler einige »Octopus«-Klassiker wie das anthemhafte »The Boys In The Band«, die kleine Lektion in Sachen Innovationsgeist und Unberechenbarkeit »Advent Of Panurge« und die wunderschöne Ballade »Think Of Me With Kindness«. Die Bandmitglieder machten, wie es sich für den Ruf von Gentle Giant als ewige Spaßvögel mit komödiantischen Rhythmen und gesellschaftskritischen Texten über die Abenteuer unbeholfener Riesen wie die unvergesslichen Literaturfiguren Gargantua und Pantagruel geziemt, zahlreiche Witze – meist auf eigene Kosten. So gönnten sie sich etwa einen schelmischen Kommentar auf Kosten von Keyboarder Gary Sanctuary bzw. seiner Bühnenposition, da er beim Orgelspielen mit dem Rücken zum Publikum stand. Die Chemie zwischen allen Bandmitgliedern ist außergewöhnlich, besonders zwischen Green und Pomeroy, die auf der Bühne geradezu vor Vitalität und Spontaneität strahlten – auch wenn man sich, vor allem zu Beginn und besonders was die Gitarre betrifft, kleineren technischen Pannen nicht entziehen konnte. Sänger Mick Wilson, dessen äußere Erscheinung verdächtig an niemand anderen als den kultigen amerikanischen Sänger und Keyboarder Neal Morse (ex-Spock’s Beard) erinnerte, war beim Ersetzen des legendären Derek Shulman durchgehend unglaublich überzeugend. Das Einzige, was an seinem Auftritt etwas störend wirkte, war das gelegentliche Blicken auf den Textständer.

Es ist schlicht unglaublich, wie die Musik von Gentle Giant auch nach mehr als vier Jahrzehnten noch immer aktuell und frisch klingt – und besser als alles andere bezeugt sie, wie weit ihrer Zeit voraus sie mit ihrem klanglichen Pioniergeist in den ‚fernen‘ Siebzigern waren. Daran erinnerten uns Three Friends in jeder Sekunde ihres Auftritts ohne Unterlass. Auch das bereits erwähnte Album »Acquiring the Taste« wurde nicht vergessen – sie spielten zwei Stücke, die Ibrido Hot Six ‚übergangen‘ hatten: »The House, The Street, The Room« und »Pantagruel’s Nativity«. Obwohl im Vorfeld des Konzerts angekündigt worden war, dass Three Friends Werke aus allen Epochen der Gentle Giant-Geschichte spielen würden, spielten sie erwartungsgemäß nichts aus den letzten drei GG-Studioalben, die unter den Fans wegen ihrer  ‚Kommerzialisierung‘ noch immer am wenigsten beliebt sind. Immerhin vergaßen sie nicht, den Standard »I Lost My Head« zu spielen, der aus der ‚Übergangs‘-Klassik »Interview« (1976) stammt. Auch das Konzeptalbum  »Power And The Glory« (1974), auf dem sie einst den Machtmissbrauch satirisierten, war an diesem Abend mit einer ausgezeichneten Version des Klassikers »Proclamation« vertreten. Das Meisterwerk »Free Hand« (1975) war mit dem kataklystischen Leckerbissen »Just The Same« vertreten, während der gleichnamige Klassiker dieses Kultalbums als Zugabe gespielt wurde, die den Abschluss des Auftritts bildete. Als Höhepunkt des Abends hätte man allerdings den triumphalen Abschluss des offiziellen Teils mit dem »Three Friends«-Konzepttrio »Scooldays«, »Mister Class And Quality« und der Titelkomposition ausrufen können.

Das Konzert von Three Friends war eine erstklassige Demonstration reiner musikalischer Brillanz und vollkommener Bühnenspontaneität von stets gut aufgelegten Ausnahmetalenten, die immer für einen guten Witz zu haben sind – mit ihrer Hilfe haben wir diesen Abend unvergesslich genossen und die Erinnerung an die goldene Ära des Prog-Rock-Abenteuers wieder zum Leben erweckt, als es keine Schranken beim Entdecken zahlreicher neuer Klangherausforderungen gab. Im Verlauf des Konzerts hatte man mehrfach das Gefühl, dass auf der Bühne die ‚echten‘ Gentle Giant standen und nicht bloß eine Annäherung oder die letzten verbliebenen Überreste dieses viel zu früh auseinandergebrochenen legendären Kollektivs, das in zehn Jahren ohne jegliche kommerzielle Anerkennung einige der innovativsten, intelligentesten, rhythmisch reichsten und ausgereiftesten Alben aller Zeiten schuf.

Setlist

IBRIDO HOT SIX

1. Plain Truth
2. Black Cat
3. Edge Of Twilight
4. Wreck
5. Think Of Me With Kindness
6. Peel The Paint

THREE FRIENDS

1 Prologue
2. The Boys In The Band
3. Just The Same
4. The Advent Of Panurge
5. Think Of Me With Kindness
6. The House, The Street, The Room
7. Pantagruel’s Nativity
8. I Lost My Head
9. Proclamation
10. Schooldays
11. Mister Class And Quality
12. Three Friends
—Zugabe—
13. Free Hand

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