Metallica erschütterte die Grundfesten des Udineser Stadions! (2012)
Autor: Urban Bolta
Ort: Stadio Friuli / Udine / Italien
Konzertdatum: 13.05.2012
Besucherzahl: 37.500
Ticketpreis: 45€ – 75€
Jedes Mal, wenn Metallica aktiv wird, dreht sich die gesamte Metal-Welt mit. So oder so. Metallica hat in den Achtzigern rund um ihren Namen einen mächtigen Kult aufgebaut, den auch das kontroverse Treiben der letzten zwanzig Jahre nicht ins Wanken gebracht hat – in denen sie sich zwar Scharen von Fans jenseits des Metal-Publikums gesichert haben, aber gleichzeitig den Unmut eines Großteils des konservativen Metal-Lagers auf sich gezogen haben. Kein Wunder also, dass Metallica die Band ist, die die Metal-Welt bei verschiedensten Gelegenheiten immer wieder in zwei durch einen tiefen Graben getrennte Lager spaltet. Das letzte aufsehenerregende Abenteuer leistete sich Metallica letztes Jahr, als sie gemeinsam mit Lou Reed das experimentelle Album »Lulu« veröffentlichte und damit bei Kritikern wie Zielpublikum gleichermaßen krachend scheiterte. Aber egal! Metallicas Schiff schipperte weiter und veröffentlichte anlässlich des dreißigjährigen Jubiläums bald darauf den EP »Beyond Magnetic« (Rezension hier), mit dem sie wieder in die Gewässer eines für Metal-Ohren freundlicheren Klangs zurückkehrten.
Ein halbes Jahr nach dem Zyklus von vier Konzerten in ihrer Heimatstadt San Francisco brach Metallica genau 21 Jahre nach dem Erscheinen des »Black Album« nach Europa auf. Was zunächst als exklusiver Auftritt beim britischen Festival Download geplant war – bei dem die vollständige Aufführung des »Black Album« angekündigt worden war – wuchs zu einer einmonatigen Tour heran, die in Prag startete. Der für die slowenische Grenze nächstgelegene Termin war jener in Udine, im dortigen Stadio Friuli, wo seit Jahren der slowenische Fußball-Nationalspieler Samir Handanović erfolgreich die Farben des lokalen Klubs vertritt.
Noch bevor Metallica die Bühne in Beschlag nahm, heizte Gojira dem versammelten Publikum bereits am Nachmittag ein. Wegen Transportproblemen kamen die Franzosen zu ihrem eigenen Konzert zu spät, und die Verkehrsstaus rund ums Stadion hinderten auch das Rockline-Team daran, ihren gerade mal 25 Minuten langen Auftritt zu sehen.
Als Zweite traten Machine Head auf, eine der zentralen Säulen der neuen Thrash-Metal-Welle – und das, obwohl sie schon zwei Jahrzehnte im Geschäft sind. Machine Head zählen zu den prägenden Figuren des modernen Metals und reiten auf einer Welle der Unterstützung der jüngeren Metal-Generation, was auch bei diesem Konzert deutlich zu spüren war. Die Amerikaner konzentrierten sich auf die Präsentation des aktuellen »Unto The Locust« (2011), das zusammen mit Songs aus dem vielgelobten Vorgänger »The Blackening« den Großteil des gespielten Materials ausmachte. Machine Head pflegen einen technisch äußerst anspruchsvollen Stil mit vielen Übergängen, dem Brechen progressiv aufgebauter Rhythmen und mächtigen Basslinien. Obwohl der Sound nicht optimal war – was bei Stadionkonzerten für ein rundum perfektes Konzerterlebnis fast schon obligatorisch ist – haben Robb Flynn und Kompanie bewiesen, dass ihr Platz als Vorband auf Metallicas Tour mehr als verdient ist. Mit ihrem charismatischen Auftreten gelang es ihnen trotz eines für viele Ohren zu aggressiven Stils, das Publikum auf ihre Seite zu ziehen – sodass sie beim abschließenden Halo (»The Blackening«) ein Meer aus Armen bis hinein zum Mischpult mitreißen konnten.
Es folgte eine lange Pause, und die Ereignisse begannen sich in dem Moment zu überschlagen, als wir auf der Osttribüne des Stadions zur musikalischen Begleitung des AC/DC-Klassikers It’s A Long Way To The Top aus nächster Nähe beobachteten, wie abgedunkelte Mercedes-Vans die Mitglieder von Metallica direkt bis zur Bühne fuhren.
Die Eröffnung war gewaltig! Hit the Lights und Master of Puppets begeisterten selbst die eingefleischtesten Metallica-Fans, die überzeugt waren, dass sie das stundenlange Abtauchen ins Black Album kaltlassen würde. Von der ersten Minute an nutzten Bassist Robert Trujillo links und Gitarrist Kirk Hammett rechts auf der Bühne geschickt den sogenannten »cat walk«, der sich von beiden Seiten etwa 15 Meter ins Publikum erstreckte und sich am Ende traf. Die zwei ins Publikum ragenden Äste der verlängerten Bühne bildeten ein kleines mittleres Inselchen, in dem die Mitglieder des italienischen Fanclubs und 70 zufällig ausgewählte Besucher untergebracht waren. Für die Glücklichen war das zweifellos ein Erlebnis fürs Leben! Hetfields Atemzüge zu spüren und dem Gitarrenvirtuosen Hammett direkt auf die Finger zu schauen – so etwas passiert einem nicht gerade jeden Tag! Frontmann James Hetfield war wieder eine Klasse für sich! Die Jahre haben ihm noch nichts anhaben können, deshalb hat auch das energiegeladene Fuel keinen Funken seiner feurigen Noblesse eingebüßt. Der Sprung zu »Ride The Lightning« (1984) mit For Whom the Bell Tolls brachte einen der heißesten Momente des Abends, und dass auch das neue Metallica noch nicht völlig den Kompass verloren hat, bewies Hell and Black aus dem nach wie vor aktuellen EP »Beyond Magnetic«.
Es folgte eine nostalgische Videovorführung aus der Zeit der »Black Album«-Manie 1991/92 auf den großen Leinwänden neben der Bühne, bevor mit den Einleitungstakten von The Struggle Within die stürmische Darbietung des bekanntesten Albums der Band begann. Metallica bediente sich eines interessanten Konzepts – das Album wurde in einem Stück gespielt, aber in umgekehrter Reihenfolge, was die Dynamik der gesamten Darbietung nur noch steigerte. Während das restliche Gitarrenduo schon von den ersten Minuten an Kontakt zum Publikum aufnahm, ließ Hetfield erst bei Of Wolf and Man die Kette los und spazierte zum ersten Mal an diesem Abend bis ans Ende des Bühnenstegs. Seine Ausstrahlung, seine Führungsqualitäten und nicht zuletzt seine Sympathie wirken wie eine Hypnose – sie packen dich sofort und lassen dich noch lange nach dem Konzert nicht mehr los. Und die haben noch einen weiteren Vorzug. Hetfields mächtiges Auftreten überstrahlt sogar eine so unangenehme Persönlichkeit wie Schlagzeuger Lars Ulrich. Obwohl er von Anfang an Teil von Metallicas Geschichte ist, ist Ulrich wegen seines aufgeblasenen Gebarens ziemlich unbeliebt – weshalb bei jedem seiner Patzer die Gülle umso enthusiastischer über ihm ausgekippt wird.
Im mittleren Teil des Konzerts bereicherten pyrotechnische und Lichteffekte die musikalische Dimension – treue Begleiter der Metallica-Konzerte, die mit ihrer visuellen Komponente das ohnehin schon intensive Erlebnis einer Begegnung mit den Metal-Legenden noch weiter aufwerten. Nothing Else Matters und The Unforgiven ernteten erwartungsgemäß den wärmsten Empfang, und das Sahnehäubchen oben drauf lieferte der Feuerwerkseinsatz beim Ausgang von Enter Sandman.
Unter dem Jubel einer mehr als 30.000 Köpfe zählenden Menge erklingt aus den Lautsprechern das aufgezeichnete akustische Intro des Klassikers Battery, das beim Eintritt in seinen elektrischen Teil die Silhouetten des Quartetts auf der Bühne zeichnet. Das gut einstudierte Spiel aus akustischen und visuellen Komponenten setzte One fort, das uns in den Eröffnungsmomenten mitten auf ein Schlachtfeld versetzte und seinen Höhepunkt im Mittelteil mit einer Lasershow und dem Wechselspiel aggressiver Gitarrenlinien und Ulrichs Doublebass-Gedröhn erlebte. Zum Abschied schlug noch die immergrüne Seek & Destroy ein – was könnte es Schöneres geben, als ein Konzert mit dem Kultalbum »Kill ‚Em All« zu beginnen und zu beenden?
Trotz pompöser Bühneneffekte bleibt Metallica in ihrem Kern eine minimalistische Konzertmaschine, die im Geist der Aufsässigkeit alles vor sich niedermäht! Auch ohne all die Bühnenproduktion würde Metallicas Größe die Zuschauer verschlucken und sie mit der Zeitmaschine in die Jahre zurückversetzen, in denen ihre größten Klassiker entstanden. Metallica hat bewiesen, dass sie das längst verdiente Renommee eines Stadionacts bewahrt hat – und nach dem, was sie gezeigt haben, erfüllt sie alle Voraussetzungen dafür, dass das noch lange so bleibt. Bis zum Ende.
Setlist
GOJIRA:
1. Oroborus
2. The Heaviest Matter of the Universe
3. Backbone
4. Love
5. Flying Whales
6. L’Enfant Sauvage
7. Toxic Garbage Island
8. Vacuity
MACHINE HEAD:
1. I Am Hell (Sonata in C#)
2. Be Still and Know
3. Imperium
4. Beautiful Mourning
5. Locust
6. Aesthetics of Hate
7. Darkness Within
8. Who We Are
9. Halo
METALLICA:
The Ecstasy of Gold (Ennio Morricone) – aufgezeichnetes Intro
1. Hit the Lights
2. Master of Puppets
3. Fuel
4. For Whom the Bell Tolls
5. Hell and Back
—-The Black Album—-
6. The Struggle Within
7. My Friend of Misery
8. The God That Failed
9. Of Wolf and Man
10. Nothing Else Matters
11. Through the Never
12. Don’t Tread on Me
13. Wherever I May Roam
14. The Unforgiven
15. Holier Than Thou
16. Sad But True
17. Enter Sandman
—Zugabe—
18. Battery
19. One
20. Seek & Destroy
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