Power-Blues-Detonation jenseits des Wörthersees (2011)
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
Ort: Bluesiana Rock Cafe / Velden am Wörthersee / Österreich
Konzertdatum: 30.10.2011
Besucherzahl: 80
Kartenpreis: 25,00€ / 29,00€
Pat Travers ist eine Legende. Er hat die Bühnen mit vielen angesehenen Künstlern geteilt, von Blues-Größen bis hin zu harten Kerlen aus den Reihen echter Rock-Figuren. Um nur ein paar interessante Details einzuwerfen: In seiner Band spielte anfangs sogar Iron Maiden-Schlagzeuger Nicko McBrain. Das ist angesichts Pat Travers‘ sonstiger musikalischer Reputation fast eine Nebensächlichkeit – und doch könnte dieser Umstand den ein oder anderen dazu verleitet haben, kurz zu „halluzinieren“ und zu glauben, er würde diesmal auch noch den ein oder anderen eingefleischten Metaller ins Bluesiana Rock Cafe locken. Dem war natürlich nicht so. Der Club war von den Stammgästen dieses Blues-Tempels am Wörthersee schön besucht. Nicht brechend voll, aber angenehm gefüllt. Der kanadische Musiker Pat Travers, ursprünglich aus Toronto, absolvierte seine ersten ernsthaften Auftritte als eigenständiger Musiker im Rahmen des kanadischen Teils der „A Farewell To Kings“-Tour der (Art-)Rock-Giganten Rush (das wiederholte sich auch 1984, da Alex Lifeson ein großer Fan von Pat Travers ist). Pat Travers ist nicht nur ein außergewöhnlicher Musiker, sondern auch ein echter „Kämpfer“. Er besitzt nämlich den schwarzen Gürtel im Karate.
Pats erster Karriere-Stopp in der Bluesiana war sein insgesamt 19. aufeinanderfolgender Auftritt im Rahmen der aktuellen Europätournee – und zugleich der letzte dieser Tournee! Die Stunde ist spät. Die Stimmung im Club ist, wie immer, äußerst angenehm und herzlich. Es ist bereits nach halb zehn, als sich vier Jungs zügig durch das Publikum Richtung Bühne drängen. Die ersten beiden, die das Bühnenpodest erreichen, sind Bassist Rodney O’Quinn und Schlagzeuger Sandy Gennaro. Letzterer ist ein Rückkehrer ins Quartett und hat mit Travers das Album „Radio Active“ (1981) eingespielt sowie im selben Jahr gemeinsam mit Travers auf Tournee mit den legendären Rainbow gespielt. Eine Schlagzeuglegend also. Einen Moment später arbeitete sich Maestro Pat Travers „durch den Tunnel“ an der Bar vorbei auf die Bühne, gefolgt vom zweiten Gitarristen des Quartetts, Kirk McKim. Das Quartett fackelte keinen Augenblick lang und tauchte sofort ein ins Herz des aufrichtigsten Power-Blues-Rocks – mit Travers‘ Klassiker Life In London („Puttin‘ It Straight“, 1977).
Der gut gelaunte Travers ist es in den letzten Jahren gewohnt, in Clubs vom Schlage der Bluesiana zu spielen. Vor fast genau fünf Jahren haben wir ihn in einem ähnlichen „Schuppen“ mitten in Salzburg erwischt – der „historische“ RockLine-Bericht gibt’s HIER. Von der damaligen Europatournee-Besetzung hat Travers heute nur Kirk McKim an seiner Seite auf der Bühne. Damals spielte Eric Frates das Schlagzeug, den Bass Rick Navarro. Schon das Eröffnungsstück deutete an, dass diesmal die Statik des Gebäudes, in dem sich das kleine Club-Lokal befindet, auf eine harte Probe gestellt werden würde – das Quartett lieferte eine unglaubliche Lautstärke. Wenn auf diese starke Auftaktwahl noch eine weitere Salve mit der Klassiker Crash N‘ Burn („Crash N‘ Burn“, 1980) und danach das Anfachen der Flammen mit Heat In The Street („Heat In The Street“, 1978) folgen, dann stellt sich gar keine Frage mehr, ob in den Räumen des Bluesiana die Fenster ordentlich gewackelt und die Wände gewankt haben. Das Adjektiv „Power“ passt zum Stil, den Pat einschlägt, mehr als ausgezeichnet. Eine volle Ladung Lärm. Der Mann gehört heute weltweit zu den lautesten Interpreten des Blues-Sounds, den er mit klassischen Rock-Elementen kombiniert. Genau deshalb zeigte der Raum diesmal im Mix der Klangkulisse „Zähne“: Kirks Gitarre überrollte Pats im Verlauf des Auftritts mehrfach buchstäblich, was sich vor allem bei Pats solistischen Ausflügen am deutlichsten bemerkbar machte – diese waren dadurch schlechter zu hören. Kirk gab dem Tonmeister während des Konzerts mehrmals per Geste zu verstehen, er solle seine Gitarre im Mix zurücknehmen. Man musste in der Mitte beim Mischpult stehen, um die richtige Klangbalance irgendwie mitzubekommen. Auch Gennaro, der ein ausgeprägter „körperlicher“ Schlagzeuger ist, trug erheblich zu diesem zerstörerischen Lärm bei – den selbst die rund 50 „Leiber“ des Publikums zwischen Bühne und Mischpult nicht aufsaugen konnten.
Travers ist ein außergewöhnlicher Interpret – seine Kunststücke und das enorme Repertoire seiner Fingerfertigkeit auf der Gitarre, vor allem aber die Zurschaustellung seines Markenzeichens als Genie der „feurigen Durchdringung“ des Gitarrenspiels, füllt er vehement mit einer lauten, machistischen Vokalinterpretation auf, die direkt in die farbenprächtige Passion der knackigen Blues-Rhetorik gehört, wie sie der musikalische Ruf des Quartetts gebietet.
Die Jungs ließen auch die Tracks aus Travers‘ aktuellem Studiowerk „Fidelis“ (2010) nicht aus. So beruhigte Pat nach dem anfänglichen Feuer aus allen Rohren das Geschehen mit einer mitreißenden Interpretation des neuen Stücks Josephine, auf die wieder das tempobeschleunigte „bluesrockige“ Ask Me Baby folgte. Die „Trilogie der Neuen“ schloss das kokette, aufsteigende I’ll Never Let You Go ab – ein Stück brandneuer Machart.
Wie erwartet, baute Pat auch zwei Huldigungen an legendäre Künstler ein, die seinen musikalischen Werdegang und seine Entwicklung zum Musiker auf die eine oder andere Weise maßgeblich geprägt haben. Erste war Hendrix‘ Red House, bei der das Quartett dem Blues-Glaubensbekenntnis freien Lauf ließ und außergewöhnliche Kohärenz sowie hohen Pragmatismus der gegenseitigen (musikalisch-chemischen) Verbindung unter Beweis stellte – vollends gekrönt noch von einer ausgezeichneten Coverversion von Ray Charles‘ I’ve Got News For You.
Im diesmaligen Repertoire stach besonders die äußerst einfühlsame Travers-Klassiker Stevie hervor – eine satte Ballade mit ausgezeichnetem Wandeln zwischen Blues und klassisch gestimmten Doppelgitarrenharmonien, abgerundet natürlich von Travers‘ charakteristischem Gesang. Fantastisch. Vor La La Love nahm sich Pat ein paar Minuten für eine Solo-Improvisation, in der er die Stimmung graduell steigerte – durch den kombinierten Einsatz eines Delay-Effekts und das Drehen am Potentiometer (mit dem kleinen Finger – während des Zupfens). Die Setlist bereicherte noch die Klassiker Makin‘ Magic („Makin‘ Magic“, 1977), während das Publikum Travers‘ erfolgreichstes Karrierestück Snortin‘ Whiskey erkannte, das ankündigte, dass das Konzert dem Ende entgegenging. Am Ende von Snortin‘ Whiskey, das die Temperatur im Club nahe an den Siedepunkt trieb, bat Pat das Publikum um etwas Mithilfe beim nächsten Stück. Den regulären Teil schloss das Quartett so mit Boom Boom (Out Go The Lights) aus Pats gleichnamigem Studioerstling ab und brachte den Blues-verrückten Haufen der Bluesiana zur einhelligen Unterstützung im Refrain. In der Zugabe explodierte das Quartett noch einmal mit dem knallharten „Power-Blues“-Marsch Statesboro Blues und verabschiedete sich.
Die Jungs stürmten eilig von der Bühne, denn sie hatten einen gebuchten Flug aus Mailand um sieben Uhr morgens des nächsten Tages und spürten natürlich den Druck der Zeitnot. Trotzdem fand sich Pat nach dem Konzert schnell mit seinen Kumpels unter seinen Fans ein, verteilte Autogramme und ließ sich mit ihnen fotografieren. Pat Travers ist ein außergewöhnlich zugänglicher und bodenständiger Musiker. Er besitzt einen scharfen Sinn für Humor und kein Fünkchen Arroganz. Der Mann verblüffte mit einigen wunderschönen Gesten aufrichtiger Dankbarkeit gegenüber den Anwesenden, die ihn beim Konzert besucht hatten, als er nach dem Konzert in der Bluesiana auf einzelne Personen zuging und ihnen spontan die Hand schüttelte als Zeichen des Dankes.
Pat Travers‘ Konzert gehört natürlich wieder in die Kategorie jener „heiligen“ mit dem Vorzeichen „Pflicht“! Der Kerl hält sich ausgezeichnet – sowohl körperlich als auch stimmlich. Die schöne Neuigkeit ist, dass er aktiv neue Stücke schreibt. Angesichts seiner aktuellen Form können wir uns freudig auf neue Studioalben und damit auf den ein oder anderen weiteren Stopp auf europäischen Konzertbühnen freuen. In naher Zukunft natürlich.
Fotos: Aleš Podbrežnik
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