Langfingrige Spaßspinne spann „Cvetko“ ins Rocker-Delirium (2010)

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Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Cvetličarna MediaPark / Ljubljana / Slowenien
Konzertdatum: 30.11.2010
Besucherzahl: 400
Kartenpreis: 30,00€

Paul Gilbert ist ein Mann, der zu den schnellsten Gitarristen der Welt zählt. Doch Geschwindigkeit ist nicht alles, womit man sich allein brüsten könnte. Der Mann ist brillant in seiner gitarristischen Predigt, wie kein anderer auf dem Planeten. Paul Gilbert ist ein absoluter Sonderling unter den Gitarristen. Ein hagerer Langer, eine echte Spinne, die mit extrem langen Fingern höchsten Biegsamkeitsgrades Streiche anstellt, von denen normale Sterbliche unter den Gitarristen nur träumen können. Paul ist bekannt für seine Aktivitäten innerhalb der berüchtigten und wieder aktiven Mr. Big, sowie für seine Mitgliedschaft in der Stammkapelle Racer X, die sich derzeit in einer Pause befindet. Paul Gilbert ist bekannt für viele eigenständige Studioarbeiten von großer ausdrucksmäßiger Flexibilität und Brillanz. Als instrumentaler Rocker-Gitarrist ist er neben Steve Vai, der allerdings gelegentlich durch allzu häufige Anleihen beim großen Lehrer Frank Zappa belastet und verraten wird, gewiss der am wenigsten vorhersehbare. Paul ist gewiss einer der wenigen Musiker, die in der Lage sind, verschiedene Musikgenres erfolgreich zu überbrücken und dabei auch für ein breiteres Publikum zugänglich zu bleiben. Diese erscheinen auf den ersten Blick unvereinbar, doch Paul zähmt mit seiner Technik und seinem Genie die scheinbar unfassbaren musikalischen Herausforderungen erfolgreich. Paul ist neben seiner geschliffenen Fertigkeit des einzigartigen Ansatzes beim Präsentieren des Gitarrenspiels auch ein echter Showman, und seine Auftritte sind dafür bekannt, dass dem allgemeinen Spaß, dem Wahnsinn und Neckereien befehlen, scheinbar kein Ende zu sehen ist.

Paul Gilbert trat in Ljubljana diesmal insgesamt zum zweiten Mal auf. Im Jahr 2007 spielte er ein Konzert in Maribor (RockLine besuchte damals statt des Konzerts in Maribor Zagreb – wegen der größeren Reaktionsfähigkeit und Flexibilität in der Zusammenarbeit mit dem lokalen Promoter). Im Jahr 2008 aber erlebten wir Gilbert dann auch zum ersten Mal in Ljubljana, als er sein vorheriges Album „Silence Following By A Deafening Roar“ (2008) präsentierte.  Damals war die Orto Bar ausverkauft. Im Raum brodelten 180 Leute. Zwei Jahre sind vergangen. Paul hat aber bereits ein neues Studioalbum draußen: „Fuzz Universe“ (2010), das der mutigen Botschaft des Vorgängers folgt und weiterhin unverhohlen mit seiner funkelnden Predigt einzigartigen Charakters begeistert.

Diesmal lud der Veranstalter den eminenten Gast in den Saal. Der Mediapark war sehr solide besucht. Satte 400 Leute füllten fleißig das Parkett. Paul betrat die Bühne gegen 21.30 Uhr. Zu seiner Rechten stand der feste Bassist Craig Martini, hinter seinem Rücken hatte sich an der Schlagzeugfestung der bewährte Meister dieses Fachs Jeff Bowders niedergelassen (beide Musiker haben wir bereits vor zwei Jahren auf der Bühne in der Orto Bar begrüßt). Auf Pauls linker Seite aber waren diesmal weder Keyboards noch seine Frau Emi Gilbert zu sehen. Hier erschien stattdessen Gitarrist und Vokalist Tony Spinner. Tony ist vor allem durch seine Zusammenarbeit mit den einzigartigen Toto bekannt. Es war daher sofort  klar, dass diese Tournee einer höheren Dichte gitarristischen Shreddings unterstellt war! Und noch etwas. Bereits das Eröffnungsstück Last Rock And Roll Superstar bestätigte auch, dass Spinner die ideale Wahl für Gilbert ist, wenn es gilt, eine Situation zu meistern, in der ein hoher Falsetto-Gesang gefragt ist. Dieses Stück stellte einleitend das äußerst interessante Album vor, das Paul mit Freddie Nelson aufgenommen hat und „United States“ (2008) heißt. Wenn ich andeute, dass das Album eine echte verkörperte Kreuzung zwischen Queen und Mr. Big ist, werdet ihr das kaum glauben, wenn ihr das Album noch nicht vorher gehört habt. Nun hat Spinner hier sofort gezeigt, warum Gilbert ihn braucht. Stimmlich eröffnete er das Konzert. Wenn man die Augen schloss, hatte man beim ersten Stück das Gefühl, dass von der Bühne eine Frauenstimme erklang. Es folgte die Vorstellung des neuen Albums „Fuzz Universe“ mit den Stücken Olympic und Fuzz Universe.

Der Sound im Mediapark ist diesmal ausgezeichnet. Auf dem Balkon ist es lauter, da es kein Auditorium gibt, das als teilweise (Gegen-)Lärmbarriere dienen würde. Ebenso sind dort die Höhen ausgeprägter, und der Sound ist bei Weitem nicht so samtweich und warm wie im Parkett. Wie auch immer, beide Lösungen sind den Ohren äußerst angenehm und bieten allen musikalischen Feinschmeckern wahre Wollust unausgelebter Träume, die diesmal eben der einzigartige Paul Gilbert für sie auslebte.

Gilbert ist fantastisch. Unfehlbar, höllisch schnell. Den Hals schaut er beim Spielen kaum an. Er spricht das Publikum nicht viel an, alles macht er mit Grimassen und Gesten. Dabei ist er ungemein unterhaltsam und ein theatralischer Showman. Schon die Titel seiner eigenen Stücke weichen in Humoresken kaum von Spaßvögeln wie Budgie oder seiner Exzellenz Frank Zappa ab, doch Gilbert ist sein eigener Herr. Diesmal hat der Kerl seine Setlist allerdings ein wenig mehr der Darbietung von Coverversionen untergeordnet. Offensichtlich hat er festgestellt, dass das noch mehr Publikum zu den Konzerten locken kann, und jedenfalls festigt ein solcher Schritt zusätzlich die Plattform der Ungezwungenheit, die bei Gilbert ohnehin bei Auftritten immer im Überfluss vorhanden ist.  Der erste Ausflug bedeutete die Darbietung des Covers Rock Me Baby, das im Original B.B. King gehört. „Nein, bitte. Möglichst wenig Blues, Paul, bitte!“ – zum Glück tauchte dieser erst wieder in der Zugabe auf. Es ist bekannt, dass „Shredder“ vom Typ Gilbert keine Blues-Spezialisten sind, und selbst wenn sie ihn rein zum Spaß spielen, können sie jenen natürlichen Schmelz, der in einem solchen Blues-Vortrag fehlt, durch Klamaukereien allein keinesfalls kompensieren.

Paul hat mich erhört, und von da an konnten wir einen schönen Teil des Konzerts mit eigenem Material genießen, sowie mit den obligatorischen Racer X-Stücken, die seit einigen Jahren Stammgäste im Repertoire sind (Scarified, Technical Difficulties). Die besondere Überraschung und das süßeste Stück des Abend-Kuchens der Begegnung mit Paul Gilbert brachte trotzdem ein Cover. Aber kein irgendein Cover. Kennt ihr die Giganten des Prog-Rocks und einen der Begründer dieses Genres, Yes? Das Stück vom Album „Fragile“ aus dem Jahr 1972 und den ersten Hit The Roundabout? In der verlängerten „normalen“ Version, wie man sie auf dem Studiooriginal findet. Ja! Woher also so viel Begeisterung?

Nicht nur, dass Gilbert das Stück auf die Sekunde genau abschloss und die Länge der Version vom Album „Fragile“ angeglichen hat, die gute achteinhalb Minuten misst – Paul übertrug auch sämtliche originalen Wakeman-Partituren der Keyboards auf seine Gitarre, „fing“ sie souverän auf und legte dabei noch ein komplettes Steve Howe-Solo obendrauf. Noch mehr. Den Yes-Gitarristen, dem wegen seines im neuen Jahrtausend nach hinten gekämmten grauen Haupthaars der Spitzname „Doktor Eule“ anhaftete, ließ er in seinem Theater weit hinter sich zurück. Tony Spinner erwies sich an diesem Punkt als eine unglaublich gelungene Annäherung an den einzigartigen Gesang von Jon Anderson. Gilbert arbeitete natürlich in Duetten mit Spinner zusammen und verblüffte dabei durch die gleichzeitige Wahrnehmung zweier Funktionen. Das nicht gerade alltäglich leichte Nachspielen von Rick Walkemaan  auf der Gitarre und der für die geforderten Normen von Live-Auftritten durchaus anständige Gesang (von Gilbert als Gitarrist darf man keine Vokalrange à la George Michael oder Freddie Mercury erwarten, das ist klar). Gilberts Version des Yes-Klassikers rechtfertigte jede Herausforderung und jedes Spiel mit dem Feuer. Unvergesslich, sag ich euch. Schon allein wegen dieser Coverversion hat es sich diesmal absolut gelohnt, Gilberts Konzert zu besuchen! Das Gesangsduett Spinner-Gilbert war einmal mehr auch im einzigen Mr. Big-Stück Greeen-Tinted Sixties Mind erfolgreich eingesetzt!  Nach noch einem „Fuzz Universe“-Stück Batter Up entschied sich Paul, den Saal in ein Meer aus Lachen zu versetzen. Es gibt nichts Schöneres, als wenn so ein positiv gestimmter Typ mit lustig spitzem Näschen die düsteren The Doors in freche Taugenichtse verwandelt und das allseits bekannte Evergreen Light My Fire respektlos  covert. Eine sehr ungewöhnliche Wahl, aber angesichts Pauls verrücktem Charakter äußerst ansprechend. Gilbert hat den Gesang hier natürlich mehr oder weniger absichtlich „verbellt“. Für Morrison muss man nun mal nicht gerade Luciano Pavarotti sein.

Das war auch das Ende des regulären Konzertteils. Angesichts der Tatsache, dass man im Mediapark einen langen Weg an dem Publikum vorbei bis zur Backstage zurücklegen muss, gab es diesmal kein klassisches „Flüchten“ von der Bühne. So blieb Gilbert mit seiner Band einfach auf der Bühne und beruhigte die Anwesenden, dass er lieber ein paar Stücke mehr spielen würde, als dass das Publikum auf seine Rückkehr für die Zugabe warten müsste. Diese war, wie bereits erwähnt, bluesig eingefärbt mit einem Abschluss, der sich im AC/DC-Stil „herausslalomte“ (Go Down).

Genau zwei Stunden grenzenloser Unterhaltung am Gitarrenhals, die 400 Köpfe bis zum Siedepunkt aufheizte, während draußen der Schnee tobte, lieferten den direkten Beweis, dass Paul Gilbert in außergewöhnlicher Form ist. Ungezähmt, ungezügelt, voller positiver Energie und Funken. Das Quartett lieferte außerordentliche Energiequanten und brachte in die Cvetličarna eine der schönsten und großartigsten Rockbegegnungen in diesem Jahr. Angesichts der Tatsache, dass am 21.01.2011 das neue Studioalbum der Besetzung Mr. Big mit dem Titel „What If…“ erscheint, und angesichts der noch größeren Beliebtheit von Mr. Big im Vergleich zur Paul Gilbert Band, möchte ich allen slowenischen lokalen Promotern einen Hinweis geben: Schmiedet das Eisen, solange es heiß ist! Ladet also Mr. Big im Frühling wieder nach Slowenien ein. Diejenigen, die Paul Gilbert in Ljubljana diesmal verpasst haben, sollten sich nicht die Augenbrauen vor Verzweiflung ausreißen. Nehmt euch Zeit. Tut euch einen Gefallen und fahrt am 02.12.2010 am Nachmittag auf einen Ausflug ins nahe Zagreb, wo Paul Gilbert im dortigen Club Boogaloo auftritt.   

Fotos: Aleš Podbrežnik

Setliste

1. The Last Rock And Roll Superstar 2. Fuzz Universe 3. Olympic 4. Rock Me Baby 5. Scarified 6. Norwegian Cowbell 7. Silence Following By A Deafening Roar 8. Green Tinted Sixties Mind 9. Will My Screen Door Stop Neptune? 10. Technical Difficulties 11. Paul Vs. Godzilla 12. The Roundabout 13. Batter Up 14. Light My Fire —Zugabe— 15. Propeller 16. I Want To Be Loved 17. Little Wing 18. Down To Mexico 19. I’m Not Addicted 20. Go Down

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