Bang Your Head!!! Festival (2010) zweiter Tag – mal wieder die gerissenen und ungezogenen Schwestern! (2010)

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Autor: Urban Bolta
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Messegaelande / Balingen / Deutschland
Konzertdatum: 16.07.2010
Besucherzahl: 14
Ticketpreis: 85,00€

Der zweite Tag des Bang Your Head!!! Festivals 2010 begrüßte uns ordentlich durchnässt! Kaum waren wir von Dark Tranquillity am Vorabend zurückgekeucht und zur wohlverdienten Ruhe in die Zelte gekrochen, fing es an, vom Himmel zu tröpfeln. „Nee, nicht schon wieder!“, dachte ich und bat den Schöpfer da oben (falls es ihn tatsächlich gibt), doch bitte „die Pferde anzuhalten“. Jedes Jahr dasselbe. Einen Tag Sonne, den nächsten Tag Nässe und „Gematsche“. Der Morgen lief dann aber ein bisschen anders ab. Das Ritual „Wurstparty“ unter der gemeinsamen Männerdusche blieb natürlich nicht aus, doch ein kräftiger Kaffee in Gesellschaft des Frontmanns der Graveyard-Metaller Interceptor aus Žalec zauberte mehr als nur ein breites Lächeln auf die Gesichter.. Der Himmel war aufgerissen, Schäfchenwolken hüpften darüber, Sonnenstrahlen streichelten uns. Aber nur bis….

SAVAGE GRACE: 10.50 – 11.40

…Savage Grace, als sich über uns das Grau zusammenzog, das langsam, aber beharrlich wie ein gefräßiger Schwamm Wasser, Wasser und noch mehr Wasser aufsaugte. Wie lange uns dieses Wetter wohl noch trocken lässt? Na gut, gehen wir trotzdem vor die Bühne. Savage Grace sind eine amerikanische („Old School“) Heavy-Metal-Band, die in den Achtzigern auf sich aufmerksam machte, aber auch dort stehen blieb. Christian Louge ist der einzige Name – der Relikt-Name –, der in der heute wiedervereinten Band noch auftaucht. Die absolvierte im April 2010 eine Europatour. Weil Christian die früheren Savage-Grace-Kameraden nicht zusammenbekam, wandte er sich hilfesuchend an die hervorragende Coverband Roxxcalibur aus Deutschland. Einige von ihnen spielen auch bei den ausgezeichneten deutschen Old-School-Metal-Revivalisten Viron.  Roxxcalibur haben wir vor zwei Tagen beim Warm-up-Gig in der Halle der Volksbank Messe gesehen. Dort haben wir uns anhand der Auswahl an Covern davon überzeugt, dass das echte Musiker sind, die ein richtig urwüchsig gesunder Musikgeschmack und ein Gespür für Metal zusammenhalten. Louge, der bei Savage Grace anfangs die Gitarre geschrubbt hatte, wechselte mit der Zeit an den Gesang. In Balingen stand er also ganz in der Rolle des Sängers auf der Bühne. Seine Stimme glänzte mit melodischer Beweglichkeit, Klarheit und einem Plasma entschlossener Voltstärke, doch in den höchsten Lagen hat sie ihn ein paarmal ordentlich im Stich gelassen. Spätestens da konnte sich das bis dahin überschaubare Publikum vor der Bühne davon überzeugen, als sich die Band an den Judas-Priest-Song Exciter wagte und Louge gesanglich ein paarmal komplett abgesoffen ist. Vielleicht ein Hauch zu viel Selbstvertrauen bei der Coverwahl diesmal.

Wie auch immer, die Kenner der Band kamen auf ihre Kosten, denn Louge baute das Repertoire komplett aus den beiden Savage-Grace-Alben der Achtziger auf, „Master Of Disguise“ (1985) und „After The Fall From Grace“ (1986)“, und nahm zusätzlich noch den Song The Dominatress von der gleichnamigen EP von 1983 ins Programm. Die Roxxcalibur-Mitglieder Andreas „Neudi“ Neuderth (Schlagzeug), Roger Dequis (Gitarre), Eric „Kalli“ Kaldschmidt (Gitarre) und Mario Long (Bass) wurden als echte Meister der Verwandlung ihrer Mission voll und ganz gerecht. Der Auftritt von Savage Grace war damit einer dieser berühmten Leckerbissen, die das Bang Your Head!!! Festival jedes Jahr im Programm hat. Die Frage ist, wie oft wir noch die Gelegenheit bekommen, die alte amerikanische Metal-Schule in der Regie von Savage Grace live zu erleben.

BULLET 11:45 – 12:30
Nach Enforcer am ersten Tag waren Bullet bereits die zweite positive Überraschung aus dem Land von Volvo und schönen Mädels, die die Bühne des BYH!!!-Festivals stürmte. Schweden und überhaupt Skandinavien sind und bleiben eine Mekka für großartige Musiker, wo die Jugend Hand in Hand mit hochwertiger Rockmusik aufwächst, da überrascht es nicht, dass aus diesem Winkel der Welt so viele Bands kommen, die nur so vor Potenzial strotzen. Der Biker-Look der Jungs machte schon beim Betreten der Bühne unmissverständlich klar, „wo der Hase langläuft“. Die Schweden, die bisher zwei Studioalben veröffentlicht haben, nagelten mich schon mit dem Opener Pay The Price vor der Bühne fest, wo ich bis zum Ende des Auftritts blieb. Die Formel ist simpel – schneidende, dreckige Riffs im Stil von AC/DC oder Krokus und bombastische Energie, vergleichbar mit Airbourne-Konzerten. Die Rhythmusgruppe ist über die gespielten Songs hinweg nicht an einen einzigen Beat gekettet, sondern das Tempo wechselt auch innerhalb eines Songs mehrfach, was die Dynamik steigert, und es gibt auch viele Übergänge, für die Drummer Gustav Hjortsö sorgt. Die zentrale Figur des Bullet-Auftritts war Sänger Hell Hofer, der wegen seiner etwas molligeren Statur keinen ganz so energiegeladenen Auftritt hinlegen kann, und deshalb auf eine hohe, schneidende Stimme direkt aus der Kehle setzt, deren Durchschlagskraft sich mit der Energie eines abgefeuerten Geschosses messen lässt! Bullet wussten die Bühne zu nutzen, denn mit viel Herumrennen füllten sie den leeren Raum gut aus, und bei den Refrains traten sie unzählige Male im Judas-Priest-Stil zusammen und sangen Schulter an Schulter mehrstimmig den Refrain. Neben dem charismatischen Sänger und der Bühnenshow ist ein weiterer Trumpf der Band die unglaubliche Eingespieltheit, aber für den Sprung auf die nächste Stufe ihrer Karriere müssen Bullet mehr eigene musikalische Identität entwickeln, damit wir sie nicht weiter mit den erwähnten Rock’n’Roll-Giganten verwechseln.

SACRED STEEL: 12.40 – 13.30 

Unterhaltsame, sympathische Deutsche! Na ja… Wenn du bei den Studioplatten bleibst, bekommst du so einen Eindruck sicher nicht. Aber wenn du Sacred Steel auf der Bühne erlebst, zieht sich der Mund ganz von selbst zu einem funkelnden Grinsen. Mit Gerrit P. Mutz als Frontmann kannst du unbesorgt sein. Gerrit macht alles. Er ist witzig in seinen Kommentaren und besitzt eine unglaubliche Sympathie und Ausstrahlung. Wenn er sich in einen Soldaten-Look wirft, wie er höchstens zu den deutschen Alkohol-Irren Tankard passen würde, sich Patronengurte umhängt und ein Shirt trägt, von dem unser guter alter Ronnie James Dio „schreit“, gibt es keinen Hinz und Kunz, den Gerrit mit seinem Auftritt kaltlassen würde. Sacred Steel sind absolute Sonderlinge in der deutschen Metal-Szene. Ihre zweite Platte „Wargods Of Metal“ vom Ende der Neunziger, die stilistisch in vielem darauf basierte, kräftig aus den Errungenschaften des „American Old School Speed Metal“ zu schöpfen, bleibt wohl bis heute ihr bekanntestes Werk.

Die Deutschen sind auf der Bühne ausgesprochen selbstbewusst und souverän. Die ganze Zeit voll in Action, mit Haareschütteln und Herumrennen, mit ausgefeiltem Zusammenspiel der Gitarren an der Front und des Basses. Rundum gelungen! Auch am zweiten Festivaltag war der Sound optimal, und das ermöglichte den Jungs einen optimalen Auftritt. Gerrit, der gesanglich nicht in der obersten Liga spielt, aber, wie schon erwähnt, mit seinem Charisma, seiner Selbstironie und seinem angeborenen schauspielerischen Talent das meiste rettet, hatte keine größeren Probleme mit den Vocals.

Das stramme und kugelsichere Quintett Gerrit Mutz (Gesang), Jonas Khalil (Gitarre), Jens Sonnenberg (Gitarre), Kai Schindelar (Bass) und Matthias Straub (Schlagzeug) bleibt also weiterhin der Inbegriff einer gelungenen Kombination aus Spaß und echter Metal-Botschaft! Je größer die Bühne, desto besser kommt diese Kombination zur Geltung. Wer hätte gedacht, dass Sacred Steel durchhalten und sich zu einer unzerstörbaren Einheit entwickeln würden, nachdem ich sie im fernen Februar 2001 zum ersten Mal gesehen hatte, zusammen mit Primal Fear und Children Of Bodom. Das Konzert von Sacred Steel war ein einmaliger Spaß und bereitete den denkbar besten Boden für den Auftritt noch eines weiteren Comebackers dieses Jahres.

HADES: 13.40 – 14.30 

Ja. Comebackers. Hades, in Originalbesetzung wiedervereint, kamen als Ersatz für die abgesagten Jag Panzer, ihre amerikanischen Landsleute, zum diesjährigen Bang Your Head!!!. Auch bei Hades war klar, wie man das angeht: den Metalschädeln des Bang Your Head Festivals gründlich den Kopf zu verdrehen! Die Setlist bestand zum Großteil aus Songs vom Debüt „Resisting Success“ (1987) und seinem Nachfolger „If At First You Don’t Succeed…“ (1989), eröffnet wurde der Auftritt mit Exist To Resist (Album „Exist to Resist“, 1995).

Alan Tecchio, in seiner Karriere unter anderem schon Sänger von Watchtower und Seven Witches, sang alles phänomenal. Er behielt die Explosivität und Kraft in seinem variablen und melodisch klaren Ansatz, und Hades reihten Klassiker an Klassiker. Aus dem Publikum bekamen sie enorme Unterstützung und Zuspruch, denn seit 2002 waren sie nicht mehr zu sehen gewesen. Die Band, der das Äußere völlig schnuppe ist und die deshalb aussieht wie ein zerlumpter Haufen amerikanischer Demonstranten gegen den Golfkrieg, glich diese beschriebene Nachlässigkeit ohne größere Mühe mit bewährter Kompaktheit in der Bühnenumsetzung des klassischen Materials aus. Der musikalische Inhalt, der aus dem Wunsch entstanden war, noch schneller zu spielen, als es zeitgleich die N.W.O.B.H.M.-Bewegung auf europäischem Boden entwickelte, erweckte auf der Bühne einige unverzichtbare und berühmte Songs zum Leben, wie unter anderem On To Iliade und Nightstalker zum Schluss (beide vom Debüt), aber auch Widow’s Mite und The Leaders? fesselten das Publikum im ersten Teil des Auftritts fest an sich. Den Mittelteil des Auftritts, den größtenteils Songs vom zweiten Studioalbum schmückten, bereicherte auch Voodoo, die von der Umsetzung her in die höchste Qualitätsklasse der Black-Sabbath-Cover auf dem diesjährigen Festival gehörte. Hades bewiesen, dass in ihren Adern noch jede Menge Lust auf urtümliche Metal-Besessenheit fließt, dass das Ungeheuer in ihnen durstig nach Blut ist, das Gebiss unversehrt und im Blutbild noch Gift in Hülle und Fülle vorhanden ist. Hoffen wir nur auf ein neues Studioalbum und eventuell eine Europatour. Willkommen daheim, Jungs!

TREAT 14:45 – 15:35
In der Geschichte von Treat könnte sich so manche Hardrock-Band wiederfinden. Die Band veröffentlichte in der zweiten Hälfte der Achtziger einige hervorragende Alben, als sie Anfang der Neunziger die aufstrebende Grunge-Bewegung wie ein Panzer überrollte. 1992 brachten sie noch ihr letztes Studioalbum „Treat“ heraus, als der Niedergang der Popularität des Hardrock sie von der Musikkarte tilgte. Ihre Rückkehr unter die Lebenden verkündeten sie 2006 mit einem neuen Album, ein noch besseres Werk gelang ihnen dieses Jahr, „Coup De Grace“ stieß nämlich sowohl in den Medien als auch bei den Fans auf positive Kritiken.

Bei dem chronischen Mangel an Hardrock (Glam) bei dieser Ausgabe des Bang Your Head!!! (letztes Jahr waren hier zum Beispiel W.A.S.P., Pink Cream 69 und Lita Ford zu Gast) waren Treat auf der Bühne so willkommen wie Wasser für einen Durstigen. Erwartungsgemäß stand der Auftritt im Zeichen des aktuellen Studiowerks, den Anhängern des älteren Materials warfen sie ein paar ihrer Standards hin (Get You On The Run, Conspiracy, Ready For The Taking). Endlich hatte vor der Bühne auch ein Grüppchen kitschig gekleideter Teenager seinen Spaß, bei dem enge Tigerleggings, zerrissene Mötley-Crüe-Shirts in grellen Farben und entschieden zu große Sonnenbrillen regierten (trotz des bewölkten Wetters, versteht sich!). Die Treat-Magie entfaltet sich am schönsten in den Refrains, den Höhepunkten der Songs, wo alle fünf singen und so unglaubliche, energiegeladene harmonische Melodien bilden. Treat schwören auf Hardrock mit Eiern! Auch wenn in ihrem Gesamtbild die Glam-Komponente stark präsent ist, die sie seit den Achtzigern begleitet, können wir bei Treat zuckrige Balladen vom Typ Poison vergessen. Klar, dass Texte über Mädels auch bei den Schweden ein gängiges Thema sind, aber der kompromisslose Hardrock-Sound aus den Fingern von Gitarrist Anders Wikström erstickt jeden Wunsch nach akustischen Balladen übertrieben weinerlichen Ausmaßes im Keim. Bei Show, rechtgläubiger Rocker-Haltung und Grimassen, bei denen Bassist Nalle Påhlsson dominierte, verabschiedeten wir uns bei strömendem Regen mit dem Klassiker World Of Promises von Treat. Ich möchte schelmisch hinzufügen, dass Sänger Robert Ernlund während des Auftritts populistisch gelogen hat, als er sagte, sie hätten extra für dieses Festival ein „Medley“ aus ein paar Achtziger-Hits einstudiert – genau dieses Medley habe ich nämlich vor ein paar Wochen schon in Schweden gehört (Bericht hier). Für Liebhaber von melodischem Rock, bei dem Keyboards ein wichtiger Baustein der Atmosphäre sind, war der Auftritt der Schweden definitiv sogar bis auf die Haut durchnässte Klamotten wert.

FATES WARNING: 16.00 – 16.40 

Es kam, wie es kommen musste: Der Wolkenbruch, der mitten im Treat-Auftritt losging, wollte und wollte nicht nachlassen. Im Gegenteil. Es goss vom Himmel wie aus Eimern, und den Kürzeren zogen dabei ausgerechnet Fates Warning bei einem ihrer ganz seltenen Konzertauftritte in Europa. Die Band, die heute in der Besetzung aus der Zeit des Studioalbums „Parallels“ vereint ist, entschied sich, der Aufführung der Klassiker dieses Albums die meiste Aufmerksamkeit zu widmen. Die Band hat wirklich kein Glück. Schon beim Sweden Rock Festival Anfang Juni dieses Jahres hat der Regen sie auf der Bühne gründlich durchgewaschen, und diesmal beim Bang Your Head!!! Festival war es nicht viel besser! Weil die Band auf schlappe 50 Minuten beschränkt war, entschied sie sich diesmal nicht für die Aufführung des kompletten Albums Parallels, wie sie es beim Konzert im schwedischen Solvesborg getan hatte!

Den Auftritt eröffneten die Jungs mit dem „Disconnected“-Song One. Ray Alder, der anfangs noch vorsichtig links und rechts über die Bühne schlenderte, hatte das bald satt. Also biss er die Zähne zusammen, marschierte auf den „Cat Walk“ und ging so nah wie möglich ans Publikum heran. Trotz Platzregen verbrachte er den Großteil des Fates-Warning-Konzerts auf dem Cat Walk. Publikum und Alder bauten eine außergewöhnliche Kommunikationsbrücke auf. Die treuen Fans der Band harrten vor der Bühne aus, und es war offensichtlich, dass sie absolut kein Regen von dort vertreiben konnte.

Fates Warning bestätigten mit dem Auftritt ihre erstklassige musikalische Versiertheit. Die technisch extrem anspruchsvolle Konstruktion ihrer Klassiker funkelte mitten in Balingen! Ein paarmal trug der Wind den Sound ein bisschen „davon“, ein paarmal „knirschte“ es verdächtig aus den Monitoren, aber all das verdarb weder die außergewöhnliche Stimmung noch die positive Chemie, die das trotzige und die Band unterstützende Publikum entwickelte! Diese Energie half Fates Warning sicher dabei, bei den schwierigen Wetterbedingungen aus der ganzen Situation noch einen siegreichen Auftritt herauszuholen, der zugleich eines der besten Konzerte des gesamten diesjährigen BYH!!!-Festivalprogramms war. Wo wir vorhin schon bei Hades waren: Die Kombination aus Fates Warning und Hades wäre einmalig für eine mögliche neue Headliner-Tour von Fates Warning durch Europa. Natürlich nur, wenn die Bands nicht irgendwelche Dream-Theater-Giganten für ihre Tour kaufen und sie auf eine Westentaschenversion des Repertoires einer Vorband festnageln. Fates Warning bleiben der Inbegriff eines hochgeschliffenen Diamanten unerschütterlicher musikalischer Qualität und weiterhin eine der erkennbarsten Bands, die in ihrer Entwicklung einen völlig einzigartigen Stil der Definition von Prog- und Art-Metal-Inhalten geschnitten hat! Es fehlt nur noch ein neues Studioalbum. Los geht’s, Jungs!

THE QUIREBOYS 16:55 – 17:50
Die Londoner Quireboys traten auf dem Festival als Ersatz für die amerikanischen Glam-Rocker Ratt auf. Nachdem Ratt ihren Auftritt beim Festival schon bestätigt hatten, bot sich ihnen finanziell eine viel verlockendere Option, nämlich als Opener auf der amerikanischen Tour der Scorpions aufzutreten, also sagten sie alle ihre europäischen Termine ab. Wie sehr das an die Rockline-Erfahrung vom letzten Jahr erinnert, als sich noch eine amerikanische Hardrock-Band in Ratts Rolle wiederfand – Tesla –, auch deren Management hatte für dasselbe Datum zwei Auftritte gebucht, und den Kürzeren zog am Ende das BYH!!!-Festival. Aber lassen wir das beiseite, vor uns stand der Auftritt einer Band, die mit einer Tour über den Heimatkontinent das 20-jährige Jubiläum ihres klassischen Albums „A Bit of What You Fancy“ feiert. Die Quireboys sind – gemessen an ihrem reichen Erbe – eine Band mit relativ kurzer Szene-Laufbahn. Ihre künstlerischen Höhepunkte hatten sie in der ersten Hälfte der Neunziger, aber schon bald danach stellten sie die Tätigkeit ein. Mit der Rückkehr unter die Lebenden 2001 veränderten sie ihre Besetzung gründlich, von den Originalmitgliedern sind bis heute nur noch Frontmann Spike und Gitarrist Guy Griffin übrig.

Die Musik der Quireboys ist heiter im Charakter, und bei gut gelaunten Musikern und dem tanzbaren Rhythmus der Blues-Rock-Märsche kann es nicht ausbleiben, dass die gute Laune auch auf die Zuhörer überspringt! Spike begeisterte wieder einmal mit seiner Bühnenerscheinung – mit einem violetten Tuch über die Stirn gebunden spielte der sympathische Engländer im Stil von David Coverdale die ganze Zeit mit dem Mikrofonständer und entfachte mit präzise gesungenen Linien in den Songs There She Goes Again oder Man on the Loose das Feuer unter den Pärchen im Publikum. Wenn wir über die Quireboys reden, kommen wir nicht an der Tatsache vorbei, dass in wirklich jedem Song eine kitzlig-erotische Komponente eingraviert ist. Die Rockerseele der Band flirtet bei Klaviersound und gelegentlichen Mundharmonika-Einsätzen gefährlich mit der Blues-Tradition, und die ansteckenden Riffs aus den Fingern des Gitarrenduos Griffin/Guerin sorgten für einen echten Konzertleckerbissen. Neben den alten Hits spielten sie noch etwas Material aus diesem Jahrhundert und überraschten mit der Aufführung des Rainbow-Klassikers Starstruck – beim Sweden Rock (Bericht hier) hatten sie sich nämlich trotz eines deutlich längeren Sets nicht für den (in dieser Zeit sehr beliebten) Zug entschieden, an Dio zu erinnern. Vielleicht hätte man mit den in Europa exotischen Ratt tatsächlich einen exklusiveren Auftritt bekommen, aber mit Eingespieltheit und positiver Energie spielten die Quireboys ein Konzert, an dem nichts auszusetzen ist – sie sorgten für den nächsten Höhepunkt des Festivals.

NEVERMORE: 18.05 – 19.15 

Das frisch erschienene Studioalbum „The Obsidian Conspiracy“ brachte auch die Thrash-Metaller aus Seattle mit ihrer einzigartigen musikalischen Vision nach Europa! Wir reden natürlich von Nevermore. Die besuchten Anfang Juli dieses Jahres auch das slowenische MetalCamp. Nevermore kamen, um allen eine kräftige Ohrfeige aus Lärm und roher Energie zu verpassen, die ihre zerstörerische Riff-Erscheinung hergibt.

Sie stellten eine einmalige Setlist zusammen, die mit dem „Dreaming Neon Black“-Klassiker Beyond Within eröffnet wurde, das folgende The River Dragon Has Come bestätigte nur, dass die Jungs ihren Fans wirklich große Freude bereiteten. Im Weiteren zeigte sich nämlich, dass Nevermore einen schönen Beutel Songs von „Dead Heart In A Dead World“ (2000) in die Setlist zurückgeholt hatten, das für die Begriffe vieler Kenner immer noch der kultige Nevermore-Klassiker Nr. 1 ist.

Trotz der interessanten Setlist gehörte der Auftritt aber nicht zu den besten des Festivals. Die erste Tatsache, die diesmal übertriebenes Lob für das Erlebte bei Nevermore nicht aushält, war der Gesang von Warrel Dane! Der Sänger entschuldigte sich beim Publikum, dass seine Stimme diesmal einfach nicht funktioniere. So fehlte sie an bestimmten Stellen konkret, wo man nichts anderes hörte als tiefer intoniertes Röcheln. War die kaputte Stimme des Sängers Ausdruck einer leichten Erkältung oder nur der Post-Regenerationsphase einer weiteren durchwachten Nacht? Weiß der Teufel. Na ja, der zweite, vielleicht weniger auffällige Faktor, der dem Ruf der Band irgendwie nicht gerecht wurde, ist die Tatsache, dass sich die Band, die neuerdings wieder als Quartett funktioniert, entschied, einen zusätzlichen Live-Helfer zu rekrutieren, einen fünften Musiker. Das ist der Gitarrist Attila Voros. Wer Nevermore mit Steve Smyth und Jeff Loomis auf der Bühne gesehen hat, dem musste diesmal wirklich mehr als ordentlich nach besseren Zeiten von Nevermore aufstoßen. Ich sage nicht, dass das Konzert schlecht war. Weit gefehlt. Aber es war nicht auf dem allerhöchsten Qualitätsniveau. Steve Smyth (den Kerl konnten wir auf demselben Festival am Vortag mit Forbidden sehen) ist eben ein Meister der Gitarrenkunst, und von der Bühnenkompaktheit, wie sie Nevermore einst in Kombination mit diesem Gitarristen auf der Bühne entwickelten, konnten wir diesmal nur träumen.

Jeff Loomis brillierte standardmäßig in seiner Perfektion. Die Soli aus seinen Fingern sind pure Poesie, und sein Gitarren-„Gear“ „kochte und atmete“ wieder einmal voll, als das Festival von der charakteristischen massiven Vorhang-Wand eines Soundwalls aus einzigartigem, thrash-glühendem Riffing überflutet wurde. Darin bleibt Loomis auch heute einer der interessantesten Musiker, die sich damit brüsten können, neue Dimensionen des Riff-Empirismus zu entdecken und zu entwickeln.

Die Band stellte auch das neue Studiowerk „The Obsidian Conspiracy“ reichlich vor, das mit den Songs Your Poison Throne, The Termination Proclamation, Emptiness Unobstructed und dem Titelsong bestätigte, dass vor uns ein neuer, hervorragender Studioerfolg von Nevermore liegt. Die Jungs vertrieben in einer Stunde und zehn Minuten die schwarzen Wolken, und so verlief der Rest des Festivals von da an ohne einen einzigen Regentropfen. Summa summarum, nicht das beste Nevermore-Konzert, aber auch solche müssen gelegentlich sein. Die Band beendete ihren Auftritt mit dem verderblichen Enemies Of Reality.

QUEENSRYCHE: 19:35 – 20:45 

Wenn jemand auf dem Festival überrascht hat, dann waren es Queensryche. Ganz einfach. Wegen der Setlist. Auf die Bühne trug sie der „Here in the New Frontier“-Song Hit The Black. Wie bitte? Ja. Das bei Kennern der Band nicht gerade beliebte Album jagte mit dem Eröffnungssong sofort echte Angst in die Knochen, was da im Weiteren noch alles folgen könnte. Und? Sacred Ground von „Q2K“ bestätigte die Angst, zwischen Man Down! („American Soldier“, 2009) und The Hands (Operation: Mindcrime II“) wurde die Lage auf dem Festival schon völlig alarmierend. Nicht, dass die Songs schlecht wären, aber Tatsache ist, dass uns Queensryche bei Konzerten bisher immer mit kultigen Klassikern verwöhnt haben, denen die bisher aufgezählten „Liedchen“ nicht mal bis zu den Knien reichen. Den Geschmack korrigieren zum Glück Damaged („Promise Land“, 1994) und danach eine der positivsten Überraschungen der diesmaligen Queensryche-Setlist, The Thin Line („Empire“, 1990).

Über allen zog mit seiner Bühnenerscheinung wieder der einmalige Sänger Geoff Tate die ganze Aufmerksamkeit auf sich. Der hatte sich das Schädeldach bis zur Perfektion rasiert und sich ein Musketier-Bärtchen samt Schnurrbart zurechtgemacht. Mit Hut und Sonnenbrille verwandelte er sich in einen echten Macho, über sein äußerst selbstsicheres und bis zur Perfektion ausgearbeitetes Bühnenspiel muss man keine Worte verlieren. Der Mann schlüpft geschickt und mit unglaublicher Leichtigkeit in die vielfältigen Rollen der Queensryche-Poesie, was Folge der angeborenen schauspielerischen Talente von Herrn Tate ist. Und darin macht ihm kaum jemand etwas vor. Die Bühne wurde also zu Geoff Tate. Die übrigen in der Besetzung (neben Tates Spiel fast schon Statisten) sind natürlich unverzichtbar: Eddie Jackson (Bass), Michael Wilton (Gitarre) und Scott Rockenfield (Schlagzeug). Letzterer erschien auf der Bühne mit sicher einem halb so großen Drumset wie vor zwei Jahren, als wahre Riesenketten seine Bühnenfestung zusammenhielten (damals spielten Queensryche beim BYH!!! 2008 als Hauptact des ersten Festivaltags und spielten beide Teile des Albums „Operation: Mindcrime“ komplett). Ich erwähne noch, dass der Band auf der Bühne ein fünftes Mitglied hilft. Er ist nur ein Helfer und kein festes Mitglied. Das ist Parker Lundren, der schon mit seiner emohaften Frisur aus sorgsam gebügeltem Haar nicht zu Queensryche passt, sondern eher zu Bullet For My Valentine. Der Bursche ist übrigens auch der Adoptivsohn von Sänger Geoff Tate.

Die Stimmung katapultierte dann auf ein ganz anderes Niveau der „Operation: Mindcrime“-Klassiker Breaking The Silence. Plötzlich stimmte die 10.000-köpfige Menge vor der Bühne in den Gesang ein. Dieser Kontrast war außergewöhnlich. Da kriegt man im Nu Gänsehaut. Magisch! Tate, dem die Jahre trotzdem etwas Kraft in der Stimme genommen haben, was sich zuerst bei Breaking The Silence zeigte, kühlte seine Stimmbänder durch eine der schönsten Balladen, die die Welt des Rock und Metal je komponiert hat, den „Empire“-Klassiker Silent Lucidity.

Schnell gerieten auch The Right Side Of My Mind („Here In The New Frontier“, 1997) und das ansonsten hervorragend gespielte Black-Sabbath-Cover Neon Knights in Vergessenheit. Wir alle sehnten uns nämlich nach älterem Queensryche-Material. Die Band erhörte uns und machte alles wieder gut für ihre Einschüchterung im ersten Teil des Auftritts, durch die perfekte Ausführung der kultigen Standards I Don’t Believe In Love, Empire und das abschließende Jet City Woman! Ungeachtet der Beschwerden über die qualitativ sehr unausgewogene Setlist erwies sich der Auftritt von Queensryche als einer der Höhepunkte des zweiten Festivaltags. Dazu trug in enormem Maße auch die zeitweise mehr als fanatisch aufgeheizte Mitwirkung des deutschen Publikums bei.

THE HAUNTED: 20:45 – 21:55

Wer die längere Zeitpause, in der die Hauptbühne für den Auftritt von Twisted Sister vorbereitet wurde, nicht aushielt, konnte flott zur „Kurzweil“ in die Halle der Volskbank Messe losziehen. Dort betraten nämlich hervorragende Vertreter des Metalcore die Bühne. Die Schweden The Haunted. Ihre perfekte Mischung, die aus dem Riff-Empirismus der Göteborger Schule des melodischen Death Metal stammt, erweckten die Jungs unter der autoritären Führung von Schreihals Peter Dolving auch beim diesjährigen Bang Your Head!!! Festival ohne Kompromisse und Bremsen zum Leben.

Das Repertoire, das wirklich alle Studioalben außer dem Debüt zusammenfasste und eigentlich das kürzlich erschienene Livealbum und die DVD „Road Kill“ (2010) verkörperte, erwies sich als wahre Geburt der Hölle! Stimmt schon, dass in der Halle keine 1000 Köpfe waren, aber The Haunted bewiesen, dass sie eine der treffendsten Adressen für jeden sind, der nur eines sucht. Einen direkten Schuss in die Vene! Einfach und zugleich geschärft, scharf und giftig aufgedreht über alle Lärmdimensionen. Wer einen kugelsicheren Riff-Wall mit einmaligem rhythmischem „Groove“ wollte, fand diesmal auf dem Festival wirklich genug gute Gründe, sich in den wilden „Moshpit“ zu stürzen oder sich von den Kumpels zum „Crowd-Surf“ auf die Schultern laden zu lassen. Dolving, der auf den ersten flüchtigen Blick an den in diesem Fall völlig unschuldigen Spaßvogel beziehungsweise Elvis-Jackson-Sänger Buda erinnert, ließ dem Publikum keine Luft zum Atmen! Das Konzert von The Haunted konnte ich leider nicht bis zum Ende verfolgen, weil mich meine Beine inzwischen schon in den Fotograben unter der Hauptbühne getragen hatten, auf der alles für den Auftritt von Twisted Sister bereit war, aber eines ist sicher: The Haunted sind auf dem Gipfel ihrer Kräfte!

TWISTED SISTER 21:10 – 22:50
Die Zeit für das Finale des jubiläumsreifen 15. Bang Your Head!!! Festivals war gekommen. Die Zeit für Twisted Sister war gekommen. Die Band kommt seit ihrer Wiederbelebung 2003 auf unsere Seite des Atlantiks in der Regel nur zu einzelnen Auftritten, für eine längere Tour durch den Alten Kontinent haben sie offenbar keine Lust. Für alle Fans der Schwestern ist die Möglichkeit, die Band auf der Bühne zu erwischen, also eine echte Seltenheit, nicht aber für die Stammbesucher des BYH!!!-Festivals, denn die Schwestern waren diesmal schon zum dritten Mal seine Gäste. Genau die Zahl der Gastspiele war auch die Frage, die dem Glückspilz mit der richtigen Antwort kurz vor Konzertbeginn eine Gitarre von J.J. French mit allen Unterschriften der Schwestern einbrachte. Hoffen wir, dass er sie fleißig schrubbt!

Um zehn nach neun war schon alles vorbereitet. Die Bühne in Dunkelheit gehüllt, davor Gedränge. Wir warten. Erst gut 20 Minuten nach dem ursprünglichen Plan begann aus den Lautsprechern das „taped Intro“ Come Out And Play zu schallen. Bei der bis zu diesem Moment zuverlässigen Festivalorganisation, was die Zeitvorgaben angeht, trägt die Schuld für die Verzögerung des Beginns wohl die launische Sterne-Allüre der Schwestern. Nach dem abgespielten Intro ging es richtig los, der Song The Kids Are back schoss das Quintett mit Dee Snider an der Spitze auf die Bühne. Trotz der Ankündigung in einem Interview im letzten Jahr, in dem Snider sagte, 2010 werde für Twisted Sister ein Wendepunkt, weil sie bei Live-Auftritten keine Frisuren und Schminkaccessoires mehr verwenden würden, wurde die Ankündigung nicht wahr. Die Aufmachung in Balingen war gegenüber der aus den Achtzigern im Rahmen des Normalen, mit dem Wort „grotesk“ können wir sie nicht mehr bezeichnen, aber immer noch sticht Dee Sniders unverkennbare Frisur hervor, das Schutzzeichen von Twisted Sister.

Das gespielte Set war erwartbar. Es dominierten Songs der ersten drei Veröffentlichungen, aus der Zeit, als der Weg der Schwestern in den Charts und in der Beliebtheit bei der Rockerschaft steil nach oben ging, vom vierten Album „Come Out And Play“ spielten sie zwei Songs, während sie das letzte ernsthafte Studioalbum, „Love Is For Suckers“, komplett ignorierten. Wer den Hintergrund seiner Entstehung kennt, weiß schon, warum. Interessant ist, dass eine Band mit gerade einmal drei allgemein bekannten Alben ein Festival wie das BYH!!! „headlinen“ kann. Die Schwestern haben sich auf dem Gipfel des Ruhms so stark in die Herzen der Leute eingeprägt, dass sie dort bis heute geblieben sind, den Löwenanteil daran hat zweifellos der Mega-Hit We’re Not Gonna Take It. Überraschend schon in die Mitte des Auftritts gesetzt, erntete er laute Ovationen und zwang die Musiker gleich zweimal, nach dem gespielten Song noch einmal zum Refrain zurückzukehren, bevor sie zur Powerballade The Price übergingen. Den regulären Teil des Auftritts beendeten sie mit dem zweiten großen Hit, I Wanna Rock, dessen Dehnung alle Grenzen des guten Geschmacks überschritt und mit einem „intelligenten“ Wortspiel und dem Gesang von „I wanna fu*k“ ihren Höhepunkt erreichte.

Der Sinn des Wirkens von Twisted Sister war immer gute Unterhaltung. Die Band war nie für künstlerische Exzellenz oder technische Beherrschung der Instrumente berühmt, deshalb sind die Erfolge der Schwestern für musikalische Feinschmecker oft ein unerklärliches Phänomen. Das Schlagzeugsolo von A. J. Pero wirkte wie eine schlechte Zusammenfassung der ersten Lektion der Schlagzeugklinik von Mike Terrana, und auch beim Draufhauen von Bassist Mark Mendoza auf seine Liebste hätten sich viele lieber Augen und Ohren zugehalten, um sich das Leiden zu ersparen. Der Großteil der Show hängt so an den Schultern von Dee Snider, dem es mit seiner Bekanntheit und seinem Charisma nicht schwerfällt, den Auftritt zu leiten und mit (zu) langen Ansprachen das Publikum auf seine Seite zu ziehen. Was die Fähigkeit angeht, das Publikum in ständiger Trance zu halten, gehört Snider zu den besten Frontmännern der Welt. Beim Feuerwerk zum Festivalabschluss und der musikalischen Begleitung des Songs S.M.F. beendeten die Schwestern ihren Auftritt – die Lausbuben hatten eine anderthalb Stunden lange Sause hingelegt, wenn auch mit flachen musikalischen Inhalten, die so manchen musikalischen Gourmet kaltließ.

DESTRUCTION 23:00 – 00:30 (Halle)
Mit dem Feuerwerk und dem Auftritt der Schwestern war das Festival für viele Besucher schon vorbei, wir Mutigsten zogen aber noch in die Halle zum letzten Atemzug des BYH!!!-Festivals. Nach den Auftritten von Forbidden und Artillery am ersten Tag waren Destruction am zweiten Festivaltag die einzigen Vertreter des Old-School-Thrash-Metal. Zusammen mit Kreator und Sodom bilden sie das goldene Trio der deutschen Thrash-Bewegung, die in der Heimat schon fast Kultstatus hat, deshalb war ein Destruction-Auftritt auf heimischem Boden Pflicht.

Destruction trennten sich im März wegen musikalischer Differenzen von Drummer Marco Reign, sodass die legendären Gründungsmitglieder Schmier (Gesang, Bass) und Mike Sifringer (Gitarre) gezwungen waren, sich in die Suche nach einem Ersatz für den freigewordenen Hocker zu verbeißen. Das Problem löst derzeit ein in der breiteren Öffentlichkeit unbekannter deutscher Schlagzeuger, Schmier weist aber darauf hin, dass die Band erst im Herbst nach Ende der Tour entscheiden wird, ob der neue Drummer als vollwertiges Mitglied in die Besetzung aufgenommen wird. Die wichtigste und wohl schwierigste Prüfung für den kommenden Drummer wird die vollwertige Mitarbeit auf dem Posten des Backing-Sängers sein, wie es bei Destruction längst üblich ist.

Am Ende der Bühne, direkt vor dem Beginn des Publikums, thronten auf Eisenstangen aufgespießte Schädel, die Bühnendarstellung war also dem düsteren Ruf der Band gewachsen. Der aggressive Auftritt bot gleich zu Beginn den Klassiker Mad Butcher, der einen der wenigen „Moshpits“ des Festivals auslöste, Schmier hat im Laufe des Konzerts übrigens oft mit Gesten die am heißesten gelaufenen Köpfe in den vorderen Reihen zum „Moshen“ angestachelt. Der blonde Sifringer schrubbte auf der rechten Bühnenseite an der Gitarre, bei seinem Eifer bei der Arbeit wirkt es, als falle er während des Auftritts in eine Trance, die erst nach dem Verlassen der Bühne nachlässt. In der kompromisslosen Haltung der Destruction-Mucke ist weniger Platz für Soli als bei manchen verwandten Bands, deshalb stehen die ganze Zeit zerstörerische Riffs im Vordergrund, die vor der Bühne für echte Kriegsstimmung sorgen. Der vorübergehende (neue?) Drummer folgte ohne größere Probleme Schmiers Basslinien, aber die Backing Vocals haben wir stark vermisst, die Schmier selbst zu ersetzen versuchte, doch die Versuche waren eher fruchtlos. Mit Songs wie Tormenor, Devolution und Total Desaster kämpften wir uns mit den letzten Energieatomen bis zum Ende des Auftritts durch, den nur der undeutliche Sound vom Mischpult her teilweise trübte.

Und so ging das 15. Jubiläums-Bang-Your-Head!!!-Festival zu Ende. Wie immer fand man auch diesmal nichts zu bemängeln. Alles lief wie am Schnürchen. Die Bands hatten optimale Soundbedingungen. Die große Bühne und die günstigen Soundbedingungen waren Garant für die hervorragenden Auftritte, deren Zeugen wir waren. Ein paar Unannehmlichkeiten brachte das schlechte Wetter am zweiten Festivaltag, aber was die organisatorische Seite des Festivals angeht, verdient es nur die Bestnoten. Die Konzerte begannen oft sogar früher als angekündigt. Bei all diesen positiven Eindrücken kannst du dir einfach nichts anderes schwören, als ein Stammbesucher des Bang Your Head!!! zu werden. So ein Festival verzaubert dich mit seiner Qualität einfach für immer. Bis dann also am 14.07., 15.07. und 16.07.2011, wenn wir uns dort wiedersehen!

Text: Urban Bolta (Bullet, Treat, The Quireboys, Twisted Sister, Destruction)
Text: Aleš Podbrežnik (Savage Grace, Sacred Steel, Hades, Fates Warning, Nevermore, Queensryche, The Haunted)
Fotos: Aleš Podbrežnik

Setlist

10:00 – 10:40 TOXIN 10:50 – 11:30 SAVAGE GRACE 11:40 – 12:30 BULLET 12.40 – 13.30 SACRED STEEL 13.40 – 14:30 HADES 14:45 – 15:35 TREAT 15:50 – 16:40 FATES WARNING 16:55 – 17:50 THE QUIREBOYS 18:05 – 19:15 NEVERMORE 19:15 – 20:10 DEW-SCENTED (Halle) 19:35 – 20:45 QUEENSRYCHE 20:45 – 21:55 THE HAUNTED (Halle) 21:10 – 22:40 TWISTED SISTER 23:00 – 00:30 DESTRUCTION (Halle) SAVAGE GRACE Setlist: 1.Bound To Be Free 2.Into The Fire 3.After The Fall From Grace 4.We Came, We Saw, We Conquered 5.Master Of Disguise 6.The Dominatress 7.Sins Of The Damned 8.Exciter (Judas Priest-Cover) BULLET Setlist: 1.Pay The Price 2.Stand Up And Shout (Dio-Cover) 3.Dusk Til Dawn 4.Turn It Up Loud 5.Heading For The Top 6.One Deal With The Devil 7.Rambling Man 8.Bite The Bullet 9.Roadking 10.Bang Your Head SACRED STEEL Setlist: 1.Metal is War 2.Battle Angel 3.Open Wide the Gate 4.Heavy metal To the End 5.Denial of Judas (Heaven Betrayed) 6.Maniacs of Speed 7.Kill the King (Rainbow-Cover) 8.Carnage Victory 9.Slaughter prophecy 10.Wargods of metal HADES Setlist: 1.Exist to Resist 2.Widow’s Mite (Chapter Eleven) 3.The Leaders? 4.King In Exile 5.I Too Eye 6.Rebel Without a Brain 7.Voodoo (Black-Sabbath-Cover) 8.Opinionate! 9.On to Iliad 10.Nightstalker TREAT Setlist: 1.The War Is Over 2.Ready For The Taking 3.Paper Tiger 4.Rev It Up / Party All Over / Too Wild 5.We Own The Night 6.Sole Survivor 7.Get You On The Run 8.Conspiracy 9.Skies Of Mongolia 10.World Of Promises FATES WARNING Setlist: 1.One 2.Life in Still Water 3.A Pleasant Shade of Gray Part III 4.We Only Say Goodbye 5.The Eleventh Hour 6.Point of View 7.Eye To Eye 8.Through Different Eyes 9.Monument THE QUIREBOYS Setlist: 1.Intro 2.Bite The Hand That Feeds 3.Have a Little 4.The Finer Stuff 5.Tramps And Thieves 6.There She Goes Again 7.I Love This Dirty Town 8.This Is Rock ‚N‘ Roll 9.Man on the Loose 10.Starstruck (Rainbow-Cover) 11.7 O’Clock NEVERMORE Setlist: 1. Beyond Within 2. The River Dragon Has Come 3. Your Poison Throne 4. Born 5. Inside Four Walls 6. Narcosynthesis 7. The Termination Proclamation 8. This Godless Endeavor 9. The Heart Collector 10. The Obsidian Conspiracy 11. Emptiness Unobstructed 12. Enemies Of Reality QUEENSRYCHE Setlist: 1.Hit the Black 2.Sacred Ground 3.Man Down! 4.The Hands 5.Damaged 6.The Thin Line 7.Breaking The Silence 8.Silent Lucidity 9.The Right Side Of My Mind 10.Neon Knights (Black-Sabbath-Cover) 11.I Don’t Believe In Love 12.Jet City Woman 13.Empire THE HAUNTED Setlist: 1. Dark Intentions 2. Bury Your Dead 3. 99 4. Trespass 5. The Flood 6. The Medication 7. Iron Mask 8. Bloodletting 9. Little Cage 10. D.O.A 11. No Compromise 12. Moronic Colossus 13. The Guilt Trip TWISTED SISTER Setlist: 1.Come Out and Play (Intro vom Band) 2.The Kids are Back 3.Stay Hungry 4.Captain Howdy 5.Shoot ‚em Down 6.You Can’t Stop Rock ’n‘ Roll 7.The Fire Still Burns 8.I Am (I’m Me) 9.We’re Not Gonna Take It 10.The Price 11.I Believe in Rock ’n‘ Roll 12.Burn In Hell (plus Schlagzeugsolo) 13.I Wanna Rock —Zugabe— 14.Under the Blade 15.Long Live Rock’n’Roll (Rainbow-Cover) 16.S.M.F.

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