Sweden Rock Festival 2010 (II. Tag) – Warmer Empfang für die »Fliegenden Schmiede«
Autor: Urban Bolta
Fotos: Urban Bolta
Ort: Sölvesborg / Schweden
Konzertdatum: 09.06.2010
Besucherzahl: 33
Kartenpreis: 240€ (4-Tages-Karte)
Nach dem einleitenden ersten Tag atmete das Sweden Rock Festival am Donnerstag mit vollen Lungen auf. Eine Armee neuer Besucher strömte herein und füllte das Festival bis zur ausverkauften Zahl – 33.000 Seelen. Trotz der scheinbar riesigen Zahl muss man wissen, dass sich die Masse im Laufe des Tages auf fünf Bühnen verteilt, von denen mindestens zwei ständig „in Betrieb“ sind. Mit der eleganten Lösung, die natürlich alle Massenfestivals praktizieren, lässt sich übermäßiges Gedränge vermeiden – das entsteht nämlich nur spät abends, wenn sich die Headliner des Tages auf den beiden Hauptbühnen abwechseln. Mehrere Bühnen bringen natürlich auch mögliche Unannehmlichkeiten in Form von zwei Lieblingsgruppen mit sich, die gleichzeitig an verschiedenen Orten spielen. Dann heißt es, alle Faktoren abzuwägen und zu hoffen, dass die getroffene Entscheidung die bestmögliche ist. So bot der zweite Tag gleich zu Beginn eine Überschneidung von Nazareth und Treat – meine Lösung war ein Kompromiss.
NAZARETH (Festival stage)
Den Urgesteinen des schottischen Hard Rock, der Band Nazareth, fiel die Ehre zu, die Haupt- und Großbühne des Sweden Rock einzuweihen, denn es war der Eröffnungsauftritt der Ausgabe 2010. Nazareth sind immer unterwegs und spielen häufig Konzerte – gut einen Monat vor Schweden standen sie auch im uns nahegelegenen Graz auf der Bühne (Bericht hier), doch die Umstände beider Auftritte waren völlig verschieden. Das bis auf den letzten Winkel mit Fans gefüllte Orpheum ist schon von Natur aus ein besserer Schauplatz für einen guten Auftritt als eine riesige Open-Air-Bühne, oder? Und damit sind wir beim Problem, das für viele, um nicht zu sagen die große Mehrheit der Bands, eine harte Nuss war. Die Bühne, die in Höhe, Länge und Tiefe nur Superlative kannte und obendrein einen etwa 25 Meter langen Mittelsteg (den sogenannten „Catwalk“) hatte, wirkte wie ein Monster und verschluckte so manche Band, die kleinere Klubauftritte gewohnt war. Sofort zeigte sich natürlich auch das Problem der meterlangen Distanz von der Bühne zur Absperrung, die einen intimeren Kontakt zwischen Performer und Publikum verhinderte, das dritte, mit der Beliebtheit bzw. dem Bekanntheitsgrad der Band zusammenhängende Problem war die Anzahl der Menschen, die sich vor der Bühne versammelt hatten. Rund 2.000 versammelte Fans der Melodien des schottischen Quartetts wirkten auf dem großen zentralen Gelände mit demselben Effekt wie ein leerer Klub – Nazareth hatten also wahrlich keine leichte Aufgabe vor sich.
Sänger Dan McCafferty bewies bereits mit dem einleitenden „Telegram“, dass er unter den klassischen Rockern der Siebziger einer der ganz wenigen ist, der seine vokale Aufgabe mit derselben Intensität erfüllen kann wie vor 35 Jahren, als Nazareth auf dem kreativen Höhepunkt ihrer Karriere standen. Der selbstsichere McCafferty meistert mühelos auch die höher liegenden Vokallinien, was Nazareth-Auftritte auch nach all den Jahren noch immer attraktiv macht. Wenn der unvergleichlich intimere Auftritt im Grazer Orpheum das Problem übermäßiger Statik noch verbergen konnte, gelang das diesmal nicht – der undynamische Auftritt war das Hauptproblem dieses Treffens, infolgedessen wurde auch die Energie nach vorne mit deutlich geringerer Intensität übertragen, sodass nur der Hitsong „Love Hurts“ es schaffte, die Hände des durchschnittlichen Zuhörers aus den Taschen zu holen und damit die verschlafene Stimmung aufzuwecken. Dem Quartett können keine instrumentalen Fehler vorgeworfen werden – da lieferten sie wie gewohnt souverän ab, es fehlte schlicht der Wille zu echterem Kontakt mit dem Publikum. Für den einstündigen und 15-minütigen Auftritt wählten die Schotten eine Auswahl ihrer bekanntesten Werke und würzten das Set noch mit dem Angreifer „The Gathering“ vom letzten Studioalbum „The Newz“ (2008). In der Mitte des Konzerts machte ich mich, mit dem Gedanken an den hervorragenden Auftritt in Graz einen Monat zuvor im Hinterkopf – den ich natürlich nicht weiter trüben wollte –, zusammen mit meinem Kollegen Šujot auf die andere Seite des Festivalgeländes, wo…
TREAT (Dio stage)
…Treat bereits fröhlich „brannten“. Schon von weitem war zu spüren, dass enorme Energie in der Luft lag und dass das Konzert auch den kritischsten Besucher zufriedenstellen würde. Die angenehme Atmosphäre vor der Dio-Bühne war bei der Ankunft am „Tatort“ bereits gut aufgeheizt, im Verlauf des Konzerts steigerte sich die Stimmung noch weiter, und nicht einmal der Regen, der langsam aber beharrlich vom Himmel fiel, konnte sie abkühlen. Die Dio-Bühne war die vierte Bühne des Festivals und als solche viel geeigneter, um eine Verbindung zwischen Publikum und Performer aufzubauen. In Kombination mit den giftig-melodischen Pfeilen, die von der Bühne schossen, war der Treat-Auftritt von vornherein zum Erfolg verurteilt.
Treat sind verkannte, besser gesagt niemals wirklich entdeckte Vertreter der schwedischen melodischen Hard-Rock-Schule, die auch in der goldenen Ära dieses Genres – also in der zweiten Hälfte der Achtziger – im Schatten ihrer berühmten Landsleute Europe lebten. Dann kam – wie bekannt ist diese Geschichte – der Aufstieg des Grunge, und Treat versanken, wie so viele ihrer Zeitgenossen, in der Vergessenheit. Mit einem neuen Album kehrten sie 2006 zurück, und neue (alte) Fans greifen sie derzeit mit dem brandneuen Werk Coup de Grace an, das diesen Frühling erschienen ist. Im Geiste des neuen Werks eröffneten Treat ihren Auftritt mit „The War Is Over“ und „All In“, bevor sie sich mit den folgenden Songs auch in die Achtziger zurückblickten. Die Jahreszahlen der einzelnen Songs sind dabei eigentlich gar nicht wichtig, denn Treat sind auch heute noch kreativ sehr inspiriert, weshalb der Auftritt durchgehend ein kohärent starkes Ganzes ist. Was für ein Genuss, die ansteckenden Riffs unter den Fingern von Gitarrist Anders Wikström zu hören, dazu die typischerweise kraftvolle und präzise Bassline von Nalle Pahlsson in den Strophen und das klangliche Gewürz in Form der allgegenwärtigen Keyboards von Patrick Appelgren. Die Keyboards wachen die meiste Zeit im Hintergrund über die Songs und sind ein atmosphärischer Zusatz, doch in Songs wie „Skies Of Mongolia“ übernehmen sie eine der Hauptrollen und haben einen bedeutenden Anteil an deren Aufbau. Die melodischen Höhepunkte kommen in den Refrains, wenn die gesamte Besatzung dem Hauptsänger Robert Ernlund mit Begleitvokalen hilft – und dann kriegt man Gänsehaut! Treat lieferten einen Lehrbuchauftritt, und diese Konzert-Attraktion auf ihrem Heimatboden zu erleben erwies sich als goldrichtige Entscheidung. Ohne Zweifel einer der besten Auftritte des Festivals!
Y&T (Sweden stage)
Auf der einen Steinwurf entfernten Bühne war inzwischen alles bereit für den Auftritt der amerikanischen Heavy Rocker Y&T. Die Amerikaner besuchen den alten Kontinent praktisch jedes Jahr, doch man muss ihre Konzerttermine besonders im Blick behalten, da die Touren in der Regel ohne jeglichen medialen Staub vergehen. Leise und heimlich. Deshalb war der Anblick der Versammelten vor der „Sweden-Bühne“ umso schöner – der Auftritt zog eine beneidenswerte Anzahl von Neugierigen an. Y&T haben diesmal einen verdammt guten Grund zum Umhertouren – sie präsentieren stolz das Album „Facemelter“, das erste Studiowerk der Band nach fast anderthalb Jahrzehnten Dürre. Die erwartungsgemäße Setlist, ein Streifzug durch ihre klassischen Alben „Earthshaker“, „Black Tiger“ und „Mean Streak“, wurde durch die neuen Songs „Shine on“, „On with the Show“ und „I’m Coming Home“ aufgefrischt. Die etwas ältere Fangeneration lernte die neuen Kreationen erst beim Konzert kennen, nahm sie aber trotzdem mit offenen Armen auf. Der Höhepunkt der Y&T-Show kam bereits in der ersten Hälfte des Auftritts mit dem Cover von Dios „Rainbow In The Dark“. Das Fehlen der bekannten Keyboards ersetzte Bandleader Dave Maniketti, indem er das Motiv einfach auf der Gitarre spielte, und die Magie des Songs beschwor zusammen mit einem starken Regenschauer eine einzigartige Stimmung. „Jetzt stehen wir hier, trotzen dem Regen und der Kälte – für Dio!“, war der Gedanke eines jeden Anwesenden förmlich in der Luft zu spüren. Auch die eine oder andere Freudenträne fehlte nicht! Das Gitarren-Duo Meniketti & John Nymann bewahrte die hart erkämpfte Stimmung auch im zweiten Teil und brachte den Auftritt mit seiner Heavy-Rock-Haltung, in der sich auch ein Hauch Blues-Schmutz verbirgt, und den Klassikern „I Believe In You“, „Dirty Girl“ und „Forever“ kalkuliert zu Ende. Das Treffen mit Y&T von Angesicht zu Angesicht rechtfertigte die hohen Erwartungen – die Band ist eingespielt und in guter Konzertform, und was am wichtigsten ist: Sie geht die Dinge mit Herz an.
PRETTY MAIDS (Festival stage)
Einen Tag vor Festivalbeginn teilten die Veranstalter über die Website mit, dass die amerikanischen Glam-Rock-Größen Ratt ihren Auftritt abgesagt hatten. Da unsere Expedition zu diesem Zeitpunkt bereits auf dem Weg nach Norden war, erreichte uns die Nachricht erst ein paar Stunden vor dem vermeintlichen Ratt-Auftritt. Wir hatten uns auf einen der interessantesten Auftritte des gesamten Festivals gefreut, blieben am Ende aber enttäuscht ohne das exklusive Konzert. Ratt auf dem alten Kontinent erwischt man eben nicht jeden Tag! Die Absage kam also in allerletzter Minute. Einen Ersatz fand der Veranstalter auf dem skandinavischen Festland: Aus Dänemark eilten die in diesen Monaten sehr aktuellen Pretty Maids herbei. Im Mai veröffentlichten die dänischen Metaller das Album „Pandemonium“, in der zweiten Jahreshälfte werden sie Gäste zahlreicher Bühnen sein, sodass der Auftritt beim Sweden Rock den Dänen eine Generalprobe vor Beginn der Promo-Tour bescherte. Bei allem Respekt vor dem Namen und Werk von Pretty Maids – wir, zumindest was das slowenische Team betrifft, schauten der Vorstellung auf der Bühne dennoch mit langen Gesichtern zu.
Pretty Maids wirkten im Vergleich zu ihren Vorgängern auf der großen Bühne, Nazareth, viel entspannter und energischer. Etwas dazu beigetragen hat sicher die freundlichere Atmosphäre, auch der dynamischere Sound der Band hatte seinen Anteil, doch den Löwenanteil am lebhafteren Auftritt steuerte Ronnie Atkins bei, Mitglied der Maids seit ihren Anfängen im Jahr 1981. Ungeachtet des starken Regens schnaufte Atkins den „Catwalk“ rauf und runter und versuchte, Funken bei einem schlecht gelaunten Publikum zu entzünden. Den schwierigen Bedingungen trotzten Gitarrist Ken Hammer und seine Mannen mit gleich vier Songs aus dem neuen Album „Pandemonium“, dazu eine Portion der bekanntesten Melodien aus früheren Zeiten – „Rodeo“, „Back To Back“ und „Future World“ fehlten nicht. Den Auftritt pepten die dänischen Hüter des melodischen Metals visuell mit reichlich Nebelmaschinen und Lichteffekten auf. Trotz der soliden Bühnenpräsenz erlebte ich das Ende des Auftritts nicht mehr, denn die Wetterbedingungen zwangen mich zur Flucht in das Basislager, dessen wichtigstes Merkmal in diesem Moment ein mehr als willkommenes Dach war.
SLAYER (Festival stage)
Die Urgesteine der Thrash-Metal-Szene, die Bay-Area-Metal-Giganten Slayer, traten noch vor Beginn der Sonisphere-Festivals in Europa zum ersten Mal überhaupt beim größten schwedischen Rockfestival auf. Die Szene kurz vor dem Auftritt des Quartetts auf der Bühne war typisch für Slayer-Konzerte, egal wo – in den ersten Reihen unbeschreibliches Gedränge und ein Kampf um jeden Zentimeter Platz, der für manchen körperlich schwächeren Besucher sogar gefährlich werden kann. Größeren Fanatismus – in dieser Hinsicht – findet man nur noch bei Iron Maiden-Konzerten.
Das im November erschienene Album „World Painted Blood“ brachte endlich etwas Frische in die Ouvertüre der Slayer-Auftritte. Fast ein ganzes Jahrzehnt lang, genauer gesagt seit Erscheinen des Albums „God Hates Us All“ (2001), hatten Slayer die standardmäßige Eröffnungsphrase „Darkness of Christ“ auf die Seitenbank verbannt – an den Anfang setzten sie nun den aggressiven Titelsong des aktuellen Werks, der den Verlauf der nächsten anderthalb Stunden sehr anschaulich andeutet. Brutales Riffing, momentweise rasantes Tempo aus den Instrumenten von Lombardo & Araya und aufhetzende Texte fallen immer wieder auf fruchtbaren Boden und entfachen einen regelrechten Krieg der Langhaarigen in der Menge da unten. Der Beginn gehörte den Slayern dieses Jahrtausends – in den ersten vier Songs berührten sie alle drei Alben der neueren Ära, bis hin zum ersten Klassiker „War Ensemble“. Slayer sind seit fast drei Jahrzehnten auf der Bühne, und die Jahre bringen den langsamen, aber beharrlichen Rückgang der stimmlichen Kräfte von Tom Araya mit sich, der es sich schlicht nicht mehr traut, bei einem der anspruchsvolleren Screams hundertprozentig einzusteigen. Er erinnert sich sicher gut an München 2004, als ihm die Stimme schon im Eröffnungsteil des Konzerts komplett versagte, was damals ein unrühmliches vorzeitiges Ende des Abends bedeutete. Deshalb können wir ihm auch das stille Lächeln statt des hohen Schreiens beim Ausstieg aus dem Intro zu „Angel Of Death“ nicht allzu sehr verübeln. Die Jahre brachten auch Rückenprobleme mit sich, weshalb Tom Araya das gesamte Konzert über auf seinem Fleckchen der Bühne verharrt, und seine Statik bedeutet mehr Aufmerksamkeit für das Gitarren-Duo King & Hanneman. Das legendäre Duo bleibt bei seinen Aufgaben präzise und bringt so im Herbst der Existenz der Band wenigstens eine positive Komponente zugunsten des Besuchs eines Slayer-Auftritts mit. Das Konzertende brachte erwartungsgemäß die Klassiker der zweiten Hälfte der Achtziger, erwähnenswert ist jedoch das überraschende Ausbleiben der unsterblichen „Dead Skin Mask“, besonders angesichts der Tatsache, dass genau in diesem Jahr 20 Jahre seit Erscheinen des Albums „Seasons In The Abyss“ vergehen, dessen Songs Slayer in den vergangenen Monaten aktiver in ihr Live-Programm integriert hatten. Die Slayer-Auftritte bleiben ein anständiges Spektakel, doch mit einem Kloß im Hals – denn die Zukunft bringt Tom Arayas Stimme (offensichtlich) nichts Gutes.
DANZIG (Rock stage)
Der Abend rückte näher, der Himmel verdunkelte sich (die Nacht im eigentlichen Sinne dauert aufgrund der geografischen Breite des Festivals ohnehin nur wenige Stunden), und es war Zeit für schmutzige, düstere, morbide Musik! Zur gleichen Zeit spielte Jorn auf der vierten Bühne, doch angesichts der selteneren Besuche Danzigs auf dem alten Kontinent entschied ich mich lieber für eine Lektion in Sachen „Bluesy Doom Metal“. Und das trotz der Warnungen meiner Kollegen, dass Danzig als Live-Act nicht besonders überzeugend ist.
Danzig ist ein Act mit einer respektablen Geschichte. Frontmann Glenn Danzig steuerte einst das Schiff der Schock-Punker Misfits, bevor er seine Kräfte in die Band Danzig umlenkte, die seit ihrem Erstwerk mit einer schaurigen Mischung aus Blues und Heavy Metal ihren ganz eigenen Weg in Doom-Gewässern geht. Die Bühne hüllte sich im Moment des Auftrittsbeginns in Nebel. Im Hintergrund prangte ein riesiger Vorhang mit dem Motiv eines Kopfes eines undefinierten Wesens. Reiner Danzig-Stil. Gitarrist Tommy Victor eröffnete den Auftritt mit dem Riff von „SkullCarver“, und kurz vor Beginn seiner vokalen Pflichten stürmte Glenn Danzig wie eine entfesselte Bestie auf die Bühne und legte mit der Show los. Der muskulöse Koloss lief die Bühne rauf und runter und hielt mit aufgerissenen Augen Ausschau nach seinen Opfern im Publikum. Für einen Moment erinnerte er mich an den Kinoerfolg Hulk, denn Glenn verkörpert in seiner Bühnenpräsentation eine ähnliche Figur wie der Filmheld des erwähnten Films. In das Bühnenschauspiel steigen Gitarrist Victor und Bassist Steve Zing ein, die mit dynamischem Spiel und gegenseitigem Positionswechsel hervorragend in Danzigs Konzept passen, besonders wenn Glenn sich in den instrumentalen Teilen in den Hintergrund zurückzieht und die beiden zur zentralen Figur des Geschehens werden. Das letzte Wort hat natürlich die Musik selbst. Glenn Danzig erfüllt seine vokalen Aufgaben äußerst nachlässig und wiederholt ständig einen Anfängerfehler – das Mikrofon, das er in den Händen hält, hält er beim Singen ständig in wechselndem Abstand zum Mund, variiert damit die Lautstärke seiner Stimme und schafft es dadurch, selbst gute Songs wie „Twist Of Chain“ oder „How The Gods Kill“ zu ruinieren. Neben dem schlecht ausgearbeiteten Gesang war einer der Hauptkritikpunkte des Konzerts auch die Tatsache, dass Danzigs melancholische, langsame Doom-Salven einfach nicht zu großen Auftritten passen, sondern in Clubs mit vier kleinen Wänden gehören – erst dort würde seine Musik wirklich in der Lage sein, die Knochen zu er(schüt)tern. Das erste größere Minus des Festivals geht also auf das Konto von Danzig, der seiner Rolle als einer der Headliner des Tages nicht gerecht wurde.
AEROSMITH (Festival stage)
Die Medien berichteten letzten November verwirrend über Unstimmigkeiten in den Reihen der Bostoner Blues-Rocker Aerosmith. Jeder neue Tag sorgte damals für eine neue Wendung im Verhältnis Steven Tyler – Aerosmith, was Fans der Gruppe auf der ganzen Welt mit besonderer Sorge verfolgten. Vielleicht waren die Unstimmigkeiten wirklich vorhanden und die Atmosphäre aufgeladen, vielleicht handelte es sich nur um künstlich erzeugten Hype. Was damals wirklich passierte, werden wir wohl nie erfahren, aber letztendlich ist das heute auch nicht mehr so wichtig, denn gut ein halbes Jahr später segeln die »Fliegenden Schmiede« nach drei Jahren wieder durch Europa. Mit Steven Tyler am Steuer, versteht sich. Gerade wegen der jüngsten Unstimmigkeiten nahmen wir alle Anwesenden eine weitere Gelegenheit, die Legenden des Rock ’n‘ Roll live zu sehen, mit offenen Armen auf.
Der erste große Höhepunkt des Festivals begann pünktlich zur angekündigten Zeit (das betone ich, weil sich die großen Stars Guns ’n‘ Roses zwei Tage später erlaubten, satte 45 Minuten zu spät zu kommen!?). Der Eröffnungssong „Love in an Elevator“ legte bereits zu Beginn die meisten Karten auf den Tisch, mit denen die „alten Herren“ spielen. Der energetische Charmeur Steven Tyler, gekleidet in sein tausendfädiges, buntes Gewand, erwies sich trotz seiner sechzig Jahre auf dem Buckel als erste Geige der Gruppe, denn mit seinen unverwechselbaren Einlagen sorgt er noch heute für feuchte Augen der Fans und damit für die Aufrechterhaltung der Hysterie vor der Bühne, die die Musiker antreibt. Nach dem anfänglichen Flirt mit dem Material der Siebziger war schon bald die Zeit der kommerziell erfolgreichsten Neunziger gekommen. „Livin‘ on the Edge“, „Cryin'“ und die anderen immergrünen Balladen stießen auf einen donnernden Applaus, der dem Duo Tyler und Gitarrist Joe Perry neue Flügel verlieh. Perry genießt es, sein technisches Können zur Schau zu stellen, und dehnt daher in den Momenten, wenn die Scheinwerfer auf ihn gerichtet sind, sehr gerne seine Soli in die Länge. Am hellsten leuchtete sein Stern beim Cover des Fleetwood Mac-Standards „Stop Messin‘ Around“, als er neben der Gitarre auch die vokale Rolle übernahm und damit gegen Ende des Konzerts den nachlassenden Tyler für einen Moment entlastete. Aerosmith besteht aus fünf Musikern, aber wo, zum Teufel, sind die anderen drei? Der eiskalt wirkende Gitarrist Brad Withford ist völlig unsichtbar, Bassist Tom Hamilton scheint nur für sich selbst zu zupfen, und auch Schlagzeuger Joey Kramer ist nach einer langweiligen Solopassage nicht gerade des Lobes wert. Die gesamte Show und der Sinn des Live-Auftretens ruhen also auf den Schultern des zuvor erwähnten Duos.
Aerosmith sind eine Stadionband mit einer enormen Fanzahl, weshalb sie sich erwartungsgemäß hervorragend auf der Bühne vor mehreren Zehntausend Menschen behauptet haben. Nach den mutigen Auftritten kleinerer Bands auf diesem selben Schauplatz wurde klar, dass die Bühne nur die allergrößten Gruppen „überleben“. Erst mit einer unüberschaubaren Menge atmet die Bühne nämlich auf! Wenn man dann noch Tyler & Perry daraufstellt, die wissen, wie man die Energie der Menge zu seinen Gunsten nutzt, wird die Trennlinie zwischen Klub-/Hallenbands und Stadiumbands kristallklar. Aerosmith gönnten uns in knapp zwei Stunden Auftritt einige ihrer besten Songs aus den Siebzigern, doch ein bitterer Nachgeschmack bleibt, denn ohne pathetisch weinerliche Balladen scheint ihr Image nicht standzuhalten. Alles für die Show, werdet ihr sagen…
Setlist
11:30 — 12:15 DAMN DELICIOUS (Dio) 12:00 — 13:15 STONE SOUR (Rock) 12:15 — 13:15 DUNDERTAGET (Sweden) 12:30 — 13:00 TRUMCLINIC (Rockklassiker) 13:30 — 14:45 NAZARETH (Festival) 13:45 — 14:45 TREAT (Dio) 15:00 — 16:15 MOTHER’S FINEST (Rock) 15:00 — 16:15 Y&T (Sweden) 15:15 — 16:00 EVERGREY (Rockklassiker) 16:00 — 17:00 DEATH ANGEL (Dio) 16:30 — 18:00 PRETTY MAIDS (Festival) 17:30 — 18:30 BLACKBERRY SMOKE (Dio) 18:15 — 19:45 PENDRAGON (Sweden) 18:15 — 19:45 SABATON (Rock) 18:30 — 19:30 JOHAN EDLUNG (Rockklassiker) 20:00 — 21:30 SLAYER (Festival) 20:15 — 21:30 AMON DÜÜL II (Dio) 21:30 — 22:30 THE QUIREBOYS (Rockklassiker) 21:45 — 23:15 DANZIG (Rock) 21:45 — 23:15 JORN (Sweden) 23:30 — 02:00 AEROSMITH (Festival) 24:00 — 01:30 MAYHEM (Dio) NAZARETH Setlist: 1. Telegram 2. Turn On Your Receiver 3. Miss Misery 4. Dream On 5. Bad Bad Boy 6. The Gathering 7. My White Bicycle 8. Shanghai’d In Shanghai 9. Hair Of The Dog 10. Holiday 11. Love Hurts 12. Razamanaz 13. This Flight Tonight TREAT Setlist: 1. The War Is Over 2. All In 3. Ready for the Taking 4. Papertiger 5. Changes / Rev It Up / Party All Over / Too Wild 6. We Own The Night 7. Roar 8. Soul Survivor 9. Get You On The Run 10. Conspiracy ———————- 11. Skies Of Mongolia 12. World Of Promises Y&T Setlist: 1. Black Tiger 2. On with the Show 3. Lonely Side of Town 4. Rainbow in the Dark 5. Meanstreak 6. Shine on 7. I Believe in You 8. Open Fire 9. Eyes Of A Stranger 10. I’m coming home 11. Dirty Girl 12. Rescue Me 13. Forever PRETTY MAIDS Setlist: 1. Pandemonium 2. I.N.V.U. 3. Wake Up To The Real World 4. Little Drops Of Heaven 5. Scream 6. Queen of Dreams 7. Final Day Of Innocence 8. Walk Away 9. We Came To Rock 10. Fortuna Imperatrix Mundi 11. Back To Back 12. Rodeo 13. Please Don’t Leave Me 14. Love Games ——————– 15. Future World 16. Red, Hot And Heavy SLAYER Setlist: 1. World Painted Blood 2. Hate Worldwide 3. Cult 4. Disciple 5. War Ensemble 6. Expendable Youth 7. Jihad 8. Beauty Through Order 9 Seasons in the Abyss 10. Hell Awaits 11. Mandatory Suicide 12. Chemical Warfare 13. Raining Blood 14. Aggressive Perfector —————- 15. South of Heaven 16. Silent Scream 17. Angel of Death DANZIG Setlist: 1. SkinCarver 2. Twist Of Cain 3. Hammer of the Gods 4. Her Black Wings 5. Tired of Being Alive 6. How The Gods Kill 7. Do You Wear the Mark 8. On a Wicked Night 9. It’s Coming Down 10. Thirteen 11. Bringer Of Death 12. Mother ———————- 13. Long Way Back From Hell AEROSMITH Setlist: 1. Love in an Elevator 2. Back in the Saddle 3. Walkin‘ the Dog 4. Falling in Love (is Hard on the Knees) 5. Livin‘ on the Edge 6. Jaded 7. Kings And Queens 8. Cryin‘ 9. Drum Solo 10. Lord Of The Thighs 11. Joe Perry Guitar Battle 12. Stop Messin‘ Around 13. I Don’t Want To Miss a Thing 14. Sweet Emotion 15. Baby, Please Don’t Go 16. Draw the Line ————————— 17. Dream On 18. Walk This Way 19. Toys in the Attic
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