Ein triumphaler Abend voller herzlicher Jazz-Fusion-Improvisationen (2009)
Ort: Kino Šiška, Ljubljana
Datum des Konzerts: 27.10.2009
Besucherzahl: 800
Kartenpreis: 23,00€ im Vorverkauf, 28,00€ an der Abendkasse
Das Kino Šiška erlebt seit der Renovierung seiner Räumlichkeiten und der Umnutzung seines ursprünglichen Zwecks eine regelrechte Renaissance und gewinnt nach und nach den Status eines authentischen kulturellen Zentrums – auch was den Besuch weltbekannter Jazz-Größen angeht, die mit ihrer Arbeit in den vergangenen Jahrzehnten einen unauslöschlichen Stempel auf die Entwicklung der experimentellen wie auch der populären Musik gedrückt haben. Diesmal war der legendäre amerikanische Gitarrenheld Mike Stern in unserer Hauptstadt zu Gast – dem echten Jazzkenner, dem seine musikalischen Anfänge mit den Jazz-Rock-Giganten Blood, Sweat & Tears, seine Mitwirkung in der Besetzung des legendären Miles Davis sowie sein grandioses Solowerk bestens bekannt sind, braucht man ihn nicht groß vorzustellen. Mike reiste mit einer mehr als beeindruckenden Begleitband nach Ljubljana an.
Besonders hervor stachen dabei der legendäre Trompeter Randy Brecker, der zusammen mit seinem Bruder, dem nicht minder berühmten Saxofonisten Michael Brecker, als Teil der kultigen Jazz-Fusion-Formation The Brecker Brothers bekannt wurde, sowie Schlagzeuger Dave Weckl – ein echtes Schlagzeug-Bataillon in einer Person. Bassist Chris Minh Doky erregte als jüngstes Bandmitglied zwar am wenigsten Aufmerksamkeit, stand seinen musikalischen Kollegen in Sachen außergewöhnlichem Talent, Gespür für intelligente Improvisationen und technischem Können am Akustik- und E-Bass aber in nichts nach.
Sterns Begleittruppe könnte man ohne Weiteres als Starbesetzung bezeichnen, die an diesem Abend mühelos den ehemaligen Kinosaal füllte. Unter den Anwesenden war auch die Creme der slowenischen Gesellschaft zu beobachten, während ein klares demografisches Muster des Publikums mit bloßem Auge nicht auszumachen war, denn entgegen den Erwartungen kamen auch viele Menschen, die man auf den ersten Blick nicht als typische Jazzfans erkennen würde. Solches Interesse an Sterns Auftritt ist ein beredtes Zeugnis dafür, dass sich unsere Konzert-Jazzszene langsam, aber beständig verbessert und wieder weltbekannte Größen dieses Musikgenres anzieht – davon konnten sich auch jene Glücklichen überzeugen, die sich am Vorabend im Cankarjev dom zum Konzert der Starbesetzung Power of Three versammelt hatten, bestehend aus Chick Corea, Stanley Clarke und Lenny White.
Stern und seine vielseitig talentierten Kumpanen rissen das Publikum schon kurz nach der kurzen Begrüßungsrede von Brane Rončel in Begeisterung. Der ewig gut gelaunte Stern, dessen ansteckendes Lächeln offenbar ein unabdingbarer Begleiter seiner Bühnenauftritte ist und dem sein ferner Gitarren-Leidensgenosse Ritchie Blackmore in dieser Hinsicht noch so einiges abschauen könnte, begann auf unglaublich kunstvolle und subtile Weise, die eine gehörige Portion freier Improvisationen einschloss, nach und nach eine unglaubliche Bühnenmystik zu entfalten. Dem vergleichsweise ruhigen, ambient-orientierten Einstieg, in dem alle Musiker in abgestimmter Manier ihre jeweiligen Improvisationen formten, folgte in einem Moment, in dem es die meisten am wenigsten erwarteten, ein plötzlicher solistischer Ausbruch Sterns – aus scheinbarer Zurückhaltung verwandelte er sich in ein wahres Maschinengewehr verschiedenster Gitarrenfrasen, und die flinken Finger wurden auf einmal zur zentralen Attraktion des Abends.
Natürlich vernachlässigte Mike während und nach seinen atemberaubenden solistischen Ausbrüchen seine Mitstreiter in keiner Weise, denn alle bekamen der Reihe nach reichlich Gelegenheit für mehr als beeindruckende solistische Ausflüge. Blechbläser-Veteran Randy Brecker, der sich den Großteil des Abends hinter einer Sonnenbrille versteckte, bewies, dass er immer noch ein Meister ungemein witziger Blaseinlagen ist, mit denen er die ohnehin schon lebhafte Rhythmik der Band noch zusätzlich bereichert – einer Band, die mit Minh Doky und Weckl gleich zwei Rhythmus-Giganten in ihren Reihen zählt. Letzterer war neben Stern zweifellos derjenige, der beim solistischen Manöver den größten Applaus erntete und für die meisten offenen Münder sorgte, denn was er an diesem Abend an seinem Schlagzeug-Setup demonstrierte, sprengte bei Weitem die Grenzen eines gewöhnlichen Schlagzeug-Soloauftritts. Minh Doky begleitete Weckls dynamische und – wenn nötig – wuchtige Übergänge in eingespielter Manier und zupfte mit ungewöhnlicher Geschwindigkeit und Präzision die Saiten des E- und Akustikbasses. Der Gitarrenzauberer konzentrierte sich bei seiner Setlist erwartungsgemäß auf sein neuestes Soloalbum „Big Neighborhood“, was im Hintergrund auch die große Leinwand auf der Bühne bestätigte, auf der das Bild einer typischen amerikanischen Nachbarschaft mitten in der Nacht projiziert wurde.
Mike, der musikalisch zwar aus dem traditionellen Jazz kommt, beherrscht in seiner Gitarrentechnik auch viele Rock-Kniffe, die innerhalb einzelner Improvisationen für zahlreiche packende Phrasen sorgen, die so manche Hardcore-Rockband gerne als ihre eigenen bezeichnen würde. Mit unglaublicher Geschmeidigkeit und Flexibilität wechselt er die Stile – von nahezu hardrockiger Aggressivität über Jazz-Fusion-Fluidität bis hin zu traditionelleren Jazzschemata. Dieser bunte Mix verschiedenartiger Stile und Techniken – nicht nur von Stern, sondern innerhalb der gesamten Besetzung – sorgte dafür, dass für jeden aus dem bunt gemischten Publikum etwas Interessantes dabei war. Auch für jene, die sonst nicht zu den üblichen Jazzfans zählen.
Auf Momente eines supersonischen, nahezu höllischen Fusions, in dem die gesamte Band in einen wilden Marsch verschiedenartiger Improvisationen verfiel, folgte fast zwangsläufig ein schrittweiser Übergang hin zu leichteren und melodisch ausgerichteten Motiven, bei denen das Publikum den Takt mitgehen und sich vollständig der Fusion-Magie voller positiver Vibes hingeben konnte. Hier zeigte sich jene echte Herzlichkeit und vollkommene instrumentale Harmonie, die die ganze Zeit zwischen Mike und seinen namhaften Gästen spürbar war. Dem tosenden Applaus, der sich partout nicht legen wollte, folgte natürlich die sofortige Rückkehr auf die Bühne – und das war keine bloße Formalität, sondern die gesamte Band nahm sich Zeit, das Publikum mit weiteren Schätzen aus Sterns Solorepetoire zu erfreuen. Mike witzelte am Ende, das sei nun alles für diesen Abend – sie hätten zwar gerne noch mehr gespielt, hätten aber schlicht kein Konzertmaterial mehr gehabt.
Herr Stern inszenierte gemeinsam mit der Gastbesetzung aus lauter instrumentalen Ausnahmekönner an diesem Abend all das, womit er sich den Status eines der meistrespektierten Gitarrenhelden seiner Generation verdient hat, und beschenkte das Publikum mit einer üppigen Portion königlichen Jazz Fusions, an dem es in unseren Gefilden in den letzten Jahren schon chronisch mangelte. Das Zusammenspiel und die Harmonie innerhalb der Band befanden sich während des gesamten Auftritts auf verblüffend hohem Niveau – was von Musikern ihres Kalibers freilich zu erwarten war. Mike nahm sich zwischen den einzelnen Stücken stets Zeit, die jeweiligen Nummern anzukündigen und dabei auch das neue Album zu bewerben, sodass auch die Kommunikation zwischen Bühne und Publikum mehr als vorbildlich war. Auch die Beschallung war an diesem Abend auf einem vergleichsweise zufriedenstellenden Niveau, obwohl der Bass im Verhältnis zur Gitarre im Anfangsteil vielleicht etwas zu laut war – aber das ist kaum der Rede wert, denn in jeder Hinsicht war es die Erfüllung der Konzertwünsche jazzbegeisterter Feinschmecker. Beim Verlassen des Saals erinnerte sich so mancher von ihnen an Mikes berühmten Ausspruch, dass das Leben dem Jazz am ähnlichsten sei, da man es am besten improvisiere.
Fotos: Mojca Perdih
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