Nova Rock Festival 2008 – zweiter Tag – Abfeiern im Rhythmus der Besten!

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Ort: Nickelsdorf / Pannonia Fields / Österreich
Konzertdatum: 14.06.2008
Besucherzahl: 100.000

Am ersten Festivaltag auf dem Nova Rock hat uns die Kälte durchgeschüttelt, und selbst vier Pullover waren nicht genug. Am Samstag dagegen sind wir in einen angenehm warmen, sonnigen Morgen aufgewacht. Der ganze Tag blieb so. Die Hitze milderte nur ein leichtes Lüftchen. Genau das richtige Wetter, denn an diesem Tag warteten jede Menge gute Bands auf uns.

Einleitungstext: Lea Lesar

 

RED STAGE

FIRE IN THE ATTIC: 12.30-12.55
Als Erste betraten am Samstag die Deutschen Fire In The Attic die rote Bühne des Nova Rock. Weil es Lokalmatadoren waren, sammelte sich (wie erwartet) vor der Bühne eine ziemlich große Menge junger Burschen und Mädels. Kein Wunder, das ist eine Band für die Jugend, und die Jungs würzen ihren melodischen Punkrock obendrein mit Screaming. Ole kann das!
Im April haben die Jungs ihr viertes Studioalbum veröffentlicht, das sie „Cum Grano Salis“ getauft haben. In guten fünfundzwanzig Minuten haben sie uns ziemlich viele neue Songs vorgestellt, darunter „Fake It Like You Mean It“ und „Senses Riding Shotgun“. Letzterer ist die jüngste Single der frisch erschienenen Platte. Das Publikum sprang auf die neuen Nummern allerdings nicht übermäßig an. Vielleicht, weil die sich noch nicht so gut in die Ohren gesetzt haben. Deshalb lag der Schwerpunkt vor allem auf etwas älteren Sachen von der Platte „I`ll Beat You, City!“ aus dem Jahr 2006. „The City“, „An Audience Of One“ und „Bonfire Now“.
Fire In The Attic haben das Eis des Samstagnachmittags gebrochen und das Publikum solide auf die Fortsetzung mit Kill Hannah, Opeth, Bad Religion und den Giganten von Motörhead mit Lemmy an der Spitze eingestimmt.

Text: Lea Lesar

KILL HANNAH: 13.15-13.45
Kill Hannah. Ein blutrünstiger Name für fünf ziemlich abgebrühte junge Kerle. Die Band, gegründet von Sänger und Haupttexter Mat Devine, hat ihren Namen von seiner Ex-Freundin, obwohl es angeblich nur eine flüchtige Romanze war. Ein Mädchen mit einem schicksalhaften Namen, das zum Auslöser für den Erfolg wurde.
Zu den Amerikanern kamen etwas weniger Leute als zuvor zu Fire In The Attic. Ob die deutschsprachige Jugend auch was auf musikalische Qualität gibt und nicht nur auf die Herkunft? Klar, unter der Bühne hatten sich nicht so viele Leute versammelt, dafür waren alle in Bewegung, als Kill Hannah die Bühne enterten. Und zwar wortwörtlich. Die Gitarristen Jonathan Radtke und Dan Wiesse sowie Bassist Greg Corner hüpften über die Bühne, als gehörte sie nur ihnen. Als dann auch noch Mat auf die Bühne gerannt kam und an seinem Mikrofon auf die Monitore sprang, sind die Mädels in den ersten Reihen buchstäblich dahingeschmolzen. Ich will nichts sagen, der Junge hat Charisma, aber er erinnert in jeder Hinsicht zu sehr an Jared Leto, den Sänger von 30 Seconds To Mars. Klamotten, Make-up, Mimik … Jungs, wo bleibt die Originalität? Und auch ihre Musik klingt den Marsianern ziemlich ähnlich. Unter den Songs, mit denen die Jungs die Menge verführt haben, sind vor allem diese hier erwähnenswert: „Lips Like Morphine“, „Wrap Myself Around You“, „Crazy Angel“, „The Chase“, „Kennedy“, denn sie stehen für das Folgen des musikalischen Trends und für die Vielfalt über alle vier veröffentlichten Alben hinweg.
Nach dem Auftritt trafen sich Kill Hannah im Zelt zur Autogrammstunde, wo eine ganze Schar Mädels auf sie wartete. Beim Quatschen und Signieren erwiesen sich die Jungs als hervorragende Gesprächspartner. Sie kamen aber nicht drum herum, die verschlossene und unempfängliche deutsche Jugend zu rügen. Leider, auch das kommt vor. Kill Hannah sind eine junge, aufstrebende Band, an der alle nicht vorbeikommen sollten, die ihre Ohren mit den Klängen von 30 Seconds To Mars, The Faint und The Killers verwöhnen.

Text: Lea Lesar

ALPHA GALATES: 14.10-14.50
Eine ganz andere Musikgeschichte sind die Kanadier Alpha Galates. Als Dritte auf der roten Bühne, mit einem hübschen Paket von 40 Minuten zur Präsentation, fielen sie ziemlich scharf über die Bühne her. Metallisch knurrend und so überraschend wie nur möglich. Klar, die Basis der Band ist das Wort „alternativ“, aber auf simple Alter-Rhythmen folgen stellenweise interessante, technisch komplexere Wendungen, die man nicht überhören kann, wenn die Band plötzlich den Rhythmus zerbricht und ein ganz anderes Tempo und eine neue Stimmung heraufbeschwört. Die Band ist extrem düster und obskur. Sänger Matthew Von Wagner, der zugleich Schlagzeuger und natürlich Chef der Truppe ist, ist auch der Erfinder der meisten Ideen und die Essenz von Alpha Galates. Leider zeigte sich ausgerechnet bei dieser Band, wie mies es ist, auf großen Bühnen, die drei Meter und höher aufgebaut sind, als Schlagzeuger aufzutreten, weil du dazu verdammt bist, hinten rumzuhocken. Mathew hätte als Sänger mit seinem Schlagzeug ganz nach vorn gehört, oder zumindest so, dass das Schlagzeug auf einer Linie mit den Gitarren steht. So aber sah man ihn von unten praktisch nicht, und es fühlte sich an, als stünden fünf Instrumentalisten auf der Bühne, denen man Gesangslinien draufgeklebt hat. Alpha Galates haben in ihren Reihen die hitzköpfige Bassistin Karen Wagner, die die ganze Zeit wild an den Saiten riss und fast alle Basssaiten zerfetzte. Mit ihrer wasserstoffblonden, wild zerzausten Frisur füllte sie die „Leere“ des Sängers in der ersten Reihe bestens aus und übernahm so in dieser Hinsicht praktisch die Führungsrolle in der Band. Die Band liefert gern scharfe Thrash-Riffs, der Gesang hat zwar bittere Wut, ist aber clean und deshalb melodisch, und das Ganze zündet sogar dank einfach geführter Rhythmen nach Emocore-Art. The Predator Clip, Stand, NATIO, Time Out waren einige der Songs, die die Band herausgezwitschert hat.

Text: Aleš Podbrežnik

SONIC SYNDICATE: 15.20-16.10
Richtig voll wurde es vor der roten Bühne, als die schwedischen Metalcore-Recken Sonic Syndicate die Bretter betraten. Die Band spielt eine hybride Metal-Variante, die sich an die Tradition des schwedischen Melodic Death Metal von Bands wie In Flames oder sogar Soilwork anlehnt. Für die Core-Komponente ist natürlich der Kreischgesang zuständig, der mit melodischem, klarem Gesang kombiniert wird. In der Band gibt es gleich zwei Sänger. Die Band ist (ihr lest richtig) ein Sextett und hat gleich drei Brüder Sjunnesson an Bord! Sänger Richard und die Gitarristen Robin und Roger. Fruchtbare Familie, keine Frage. „Only Human“ ist ihr frischestes Album, letztes Jahr bei Nuclear Blast erschienen, und die Band trat mit dem Song Aftermath an die Öffentlichkeit. So melodisch wie nur möglich, wobei sich der extreme Kreischgesang leicht darin verliert. Die Jungs klingen sehr modisch und trendy, genauso (pardon, fast hätte ich das zarte Geschlecht vergessen) die Dame (Karin Axelsson) an den Keyboards. Die Band ist perfekt eingespielt. Sie boten einen bis aufs Haar geschliffenen Sound und eine äußerst präzise Umsetzung des Materials. Patzer waren keine zu hören, und dazu kam die Intensität des bis zum Anschlag aufgeheizten Publikums, das in den 50 Minuten mit der Band auf der Bühne voll mitatmete. Sonic Syndicate nahmen sich unter anderem noch die Songs All About Us (übrigens eine Coverversion des russischen Frauenduos t.A.T.u.), Denied, Enclave, Jailbreak, Blue Eyed Fiend und Psychic Suicide vor. Die Band zeigte großartige Form, und angesichts ihrer enormen Beliebtheit können wir hoffen, dass in Europa diesen Herbst, wenn ihr neues Album „Love And Other Disasters“ erscheint, eine echte sonisch-syndikalistische Manie ausbricht.

Text: Aleš Podbrežnik

OPETH: 16.40-17.35
Neben Motorhead war das die Band, auf deren Auftritt auf der roten Bühne ich am ungeduldigsten gewartet habe. Die rote Bühne war am zweiten Tag im Vergleich zur blauen wieder den Metal-Riffs zugeneigter. Dieser Tag war für Opeth etwas Besonderes. Auf der Bühne fehlte nämlich ihr offizielles Bandmitglied, Bassist Martin Mendez, der in Schweden geblieben war, weil er ausgerechnet an dem Tag, an dem Opeth auf dem Nova Rock spielten, Vater eines Sohnes geworden ist. So sprang Johan Niemann zur Hilfe ein, sonst Bassist von Demonoid und Therion (zum Glück ist so etwas nicht Chef Mikael Akerfeldt passiert).
Wie man es auch dreht und wendet, Opeth waren an jenem Festivaltag die Band mit dem mit Abstand höchsten musikalischen I.Q. Sie spielten insgesamt nur 5 Songs in 55 Minuten, das heißt, ein Song dauerte im Schnitt 11 Minuten. Progressiver Death Metal klingt nur selten so profiliert, ausgefeilt, einfallsreich und deshalb bis in die Ohren beeindruckend. Sie überraschten wirklich alle Anwesenden, als sie mit dem „vorgeschichtlichen“ Demon of the Fall loslegten, vom dritten Album „My Arms, Your Hearse“ (1998). Alle Augen waren natürlich auf Mikael Akerfeldt gerichtet, die Antriebskraft von Opeth, dieses einzigartige musikalische Genie. Dem Ensemble merkte man den Wechsel am Bass überhaupt nicht an. Sie spielten mit unglaublicher Perfektion und Leichtigkeit. Alle komplexen Passagen, das Wechselspiel zwischen akustischen Parts und massiven Attacken aggressiver Death-Metal-Riffs, die Tempowechsel wirkten wie geschmiert, wie die feinste Maschine. Besonders atemberaubend war die Präzision in den Übergängen, wo die Band exakt aufeinander abgestimmt bleiben muss, um in den kurzen Pausen solcher Übergänge vollkommene Stille zu erzeugen. Akerfeldt sang wieder ohne Probleme. Mit aggressivem Growl und dem Umschalten auf klaren Gesang, vor allem in den ruhigen Passagen, reihte er hervorragend die unterschiedlichsten Stimmungen aneinander.
Die Band Opeth hat sich Rockline zum ersten Mal am 18.12.2006 in Treviso angeschaut, und die Setlist war diesmal völlig anders. The Baying of the Hounds („Ghost Reveries“, 2005) verstärkte die kataklysmische Atmosphäre noch, und am Himmel tauchten die ersten dunklen Wolken auf. Während des Opeth-Auftritts zog es komplett zu, so viel bitteren Zorn ließen die Schweden auf der Bühne los! Die Atmosphäre erreichte eine besondere Ätherik in der Fortsetzung mit noch so einer Perle, Master’s Apprentices („Deliverance“, 2002).
Der vierte Song in der Reihe, das neue Heir Apparent, bekam eine interessante Ansage. Als bekannter Humorist packte Akerfeldt die Sache so an: „We have new album out!“ Stille vor der Bühne. Akerfeldt wird sauer: „Well? Fuck you!!!“ und wiederholt: „We have new album out!“ Erst da wacht das verschlafene Publikum auf und begrüßt lautstark den neuen Meilenstein in der Entwicklung der Band. Akerfeldt nutzt den Moment, um den Song Heir Apparent vom neuen Album „Watershed“ vorzustellen, zeigt mit der Rechten auf Gitarrist Frederik Åkesson und schließt: „Let this cock rocker open it for you!“ Åkesson muss wirklich einiges gewohnt sein. Opeth beißen sich noch einmal voll rein, diesmal besonders intensiv, denn sie präsentieren neues Material, eine ganz besondere Herausforderung beim Live-Spielen. Großartig und wieder einzigartig. Die Band würzte ihren Auftritt mit dem, was man inzwischen ihren Klassiker nennen kann und was beim Publikum besonders beliebt ist: The Drapery Falls („Blackwater Park“, 2001), natürlich in der Originalversion, also der 11-Minuten-Fassung. So haben Opeth am zweiten Tag auf der Red Stage in ihren 55 Minuten, gemessen an der Vielschichtigkeit ihrer eigenen künstlerischen Ausrichtung, die vom kreativen, forschenden Geist ihrer Mitglieder ständig neu gesät wird, eine homogene Truppe präsentiert, die auf dem Höhepunkt ihrer Schaffenskraft ist und der in puncto hoher Atmosphäre, ätherischem Moment, technischer Komplexität und gleichzeitiger Präzision der perfekten Umsetzung des Materials niemand nahekam. Fakt ist: Opeth sind fürs Spielen in Indoor-Hallen und auf eigenen Headliner-Touren geboren, viel mehr als für die Rolle der „Zwischen-Statisten“ auf Open-Air-Festivals, erst recht auf nicht-metallischen. In knapp einer Stunde haben sie uns fies angefixt zurückgelassen, dabei wären diese Gefühle noch intensiver gewesen, wenn die Jungs auf einem Festival mit größerer Metal-Dichte gespielt hätten. Wir müssen bedenken, dass das Nova Rock hauptsächlich dem Geschmack der 20-jährigen österreichischen Jugend unterworfen ist und nicht Musik-Gourmets, und so waren Opeth am zweiten Tag in dieser Hinsicht das perfekte schwarze Schaf des Festivals und lösten in dieser Rolle Porcupine Tree ab, die am ersten Tag auf dem Festival gespielt hatten. Sie sind halt eine „zu schlaue“ Band fürs Nova Rock!

Setlist Opeth:
1. Demon of the Fall
2. The Baying of the Hounds
3. Master’s Apprentices
4. Heir Apparent
5. The Drapery Falls

Text: Aleš Podbrežnik

 

SUBWAY TO SALLY: 18.05-19.10
Den deutschen Gothic-Metallern Subway To Sally ist nach ihrer Dienstzeit und Kilometerleistung definitiv der Status einer Band zugefallen, auf die man den Begriff Altmeister anwendet. Das Septett aus Potsdam genießt in den deutschsprachigen Ländern enormen Respekt. Auch Österreich macht da keine Ausnahme, und erst recht nicht das Nova Rock. Der Platz vor der roten Bühne platzte wieder fast aus allen Nähten vor lauter Überfüllung und der Euphorie der begeisterten Besucher. Subway To Sally nutzten den Auftritt natürlich, um ihr neues Album „Bastard“ (2007) vorzustellen, erschienen bei Nuclear Blast. Avantgardistisches Bühnenoutfit, düsterer Gothic-Sound, Zusätze von Folk-Melos, natürlich unter dem Taktstock melodischer Riff-Figuren und einfacher Rhythmen, die dir sofort unter die Haut gehen. Subway To Sally wirkten anziehend, wie Sonderlinge, die aus einer ganz anderen musikalischen Dimension herausgerissen wurden, einer, die unter derselben Flagge sogar Fans von In Extremo oder Rammstein zusammenbringen könnte. Folk Metal mit zusätzlichen Rhythmus-Loops? Ein Spritzer Industrial? Absolut realistisch. Und natürlich reiche orchestrale Arrangements. Der Auftritt der Band war wirklich etwas Besonderes, vor allem wegen der Pyrotechnik-Einlagen, die das Publikum vor der Bühne zusätzlich anheizten, und einen besonderen Reiz hat das Schauspiel selbst und die Bewegung der Musiker zwischen den einzelnen Songs, die wie eine Art Minitheater wirkt. Eric Fish ist natürlich der Kommandant mit Autorität, und als solcher hat er gleich am Anfang, während des Songs Eisblumen, eine der Verehrerinnen der Band in den ersten Reihen glücklich gemacht, indem er ihr am Ende des Songs eine weiße Rose zuwarf. Subway To Sally haben so noch ein ganz einzigartiges Ereignis auf dem Nova Rock inszeniert, eine völlig neue Musikerfahrung, vor allem vollgepackt mit der Dramaturgie des Bühnenspiels. Die reiche Erfahrung ließ keine Fehler oder Ausrutscher während des Auftritts zu. Nur noch ein souveräner Triumph!

Setlist Subway To Sally:

1. Die Trommel
2. Auf Kiel
3. Feuerland
4. Eisblumen
5. Veitstanz
6. Falscher Heiland
7. Geist des Kriegers
8. Henkersbraut
9. Sag Dem Teufel
10. Ohne Liebe
11. Kleid aus Rosen
12. Sabbat
13. Sieben
—– Zugabe —–
14. Julia Und Die Räuber

Text: Aleš Podbrežnik  

 

BAD RELIGION: 19.40-20.50
Die deutsche Zirkusvorstellung war vorbei, und es war Zeit für die legendären Bad Religion, die so viele Leute vor die Bühne zogen, dass die Menge noch lange kein Ende zu haben schien. Bad Religion sind in den frühen Achtzigern entstanden, richtig berühmt wurden sie aber erst mit ihrem achten Studioalbum namens „Stranger Than Fiction“, das 1994 erschien. Darauf findet sich neben einigen weiteren Hits auch „21st Century (Digital Boy)“, mit dem sie ihren Auftritt eröffneten. Die Menge drehte in dem Moment durch, als die ersten Riffs erklangen, und dieser Wahnsinn hielt sich dann den ganzen Abend. Ihr neuestes Album „New Maps Of Hell“ ist schon über ein Jahr auf dem Markt und beim Publikum bereits sehr gut bekannt. Das bewies es beim nächsten Song, „New Dark Ages“, bei dem es zusammen mit der Band mitsang. Im Netz könnt ihr euch zu „New Dark Ages“ übrigens auch das gegen den Krieg gerichtete Musikvideo anschauen. Es folgte „Let Them Eat War“. Wie viele andere Bands beteiligen sich auch Bad Religion am Projekt „Rock Against Bush“. Während des Konzerts machten sie laut und deutlich ihre Ablehnung des Irakkriegs und der Politik des amerikanischen Präsidenten George W. Bush klar. Seine Amtszeit läuft langsam aus, und wir können nur hoffen, dass sein Nachfolger die Dinge etwas realistischer sieht.
Bad Religion machten weiter mit „I Want To Conquer The World“ und „Punk Rock Song“. Das Publikum tobte und bildete ziemlich viele „Circlepits“. Noch ein älterer Song, „You Are (The Govrnment)“, dann wieder der Sprung zu etwas Frischem mit „Requiem For Dissent“. Die versammelte Meute bewies erneut, dass das nur ein weiterer Song im Mosaik der Erfolgsnummern von Bad Religion ist. Weiter so, meine Herren! Der Wahnsinn steigerte sich mit „Big Bang“, „Social Suicide“ und „The Defense“. Bad Religion schimpften zwischen den Songs noch ein paarmal über Bush und den Irakkrieg, und die große Mehrheit der Anwesenden stimmte ihnen zu. Die Herren hatten schon fast ein Dutzend Songs gespielt, waren aber erst bei der Hälfte ihres Auftritts. „Flat Earth Society“, „A Walk“ und die Einladung „Come Join Us“. Dass wir uns einer guten Party anschließen? Kein Problem. Nach „Struck A Nerve“ war wieder Zeit für etwas Neues. Diesmal verbanden sie vom neuesten Album „New Maps Of Hell“ (2007) den Opener „52 Seconds“ und den ersten Song der Platte, „Heroes / Martyrs“. Eine willkommene Auflockerung, die sehr gelungen ausfiel. Es folgte der Sprung zum älteren „Refrigerator“. Das Publikum konnte wirklich jeden ihrer Songs mitsingen, ob älter oder neuer. Löblich! „Before You Die“ bewies das noch einmal für die neueren Songs. Die Spielzeit von Bad Religion neigte sich langsam dem Ende zu, doch die Herren hatten noch nicht den Favoriten von ihrem besten Album „Stranger Than Fiction“ (1994) gespielt. Ich rede natürlich vom Song „Infected“. Und wer sich gefragt hat, wann sie den spielen, bekam die Antwort bald. Jetzt! Das Publikum drehte durch und sang zusammen mit der Band „You and me, have a disease, you affect me, you infect me, I’m afflicted, you’re addicted, you and me, you and me …“ Ein Song, den jeder echte Bad-Religion-Fan mindestens einmal gehört und live erlebt haben muss.
Unaufhaltsam rückte das Ende ihres Auftritts näher. Sie spielten nur noch „Fuck Armageddon“, „American Jesus“ und „Sorrow“. Die Stunde ihres Auftritts war im Nu vorbei. Stimmt auch, dass auf der Red Stage noch zwei große Bands auf uns warteten – In Flames und Motörhead. Zu Bad Religion aber … Bis zum nächsten Wiedersehen!

Bad Religion Setlist:
1. 21st Century (Digital Boy)
2. New Dark Ages
3. Let Them Eat War
4. I Want To Conquer The World
5. Punk Rock Song
6. You Are (The Govrnment)
7. Requiem For Dissent
8. Big Bang
9. Social Suicide
10. The Defense
11. Flat Earth Society
12. A Walk
13. Come Join Us
14. Struck A Nerve
15. 52 Seconds / Heroes & Martyrs
16. Refrigerator
17. Before You Die
18. Infected
19. Fuck Armageddon
20. American Jesus
21. Sorrow

Text: Lea Lesar 

 

IN FLAMES: 21.20-22.35
Stammgäste des Nova Rock Festivals sind die Melodic-Death-Metaller In Flames. Sie spielten in exakt derselben Reihenfolge wie letztes Jahr. Auf der roten Bühne, am zweiten Tag, um zwanzig nach neun abends. Gerade war es dunkel geworden, wie gemacht dafür, dass dich die Flammen überschütten. Und auch diesmal war es so. Salven pyrotechnischer Detonationen, die Bühne glühte rot, und das Publikum drehte buchstäblich durch. Das Konzert begann sogar identisch wie letztes Jahr, mit dem Song Cloud Connected vom Album „Reroute to Remain“. In Flames werden zur festen Größe bei den großen Festivalauftritten in den Sommermonaten. Als ausgesprochen routinierte Schweden zauberten sie diesen typischen Melodic Death Metal herbei, wie ihn auch ihre Landsleute At The Gates, Soilwork oder Dark Tranquillity pflegen, und rundeten ihre Retrospektive mit einer gleichmäßigen Auswahl von Songs aus allen Alben ab. Die Männer sind Perfektionisten, sie erledigen ihren Job zu 100 %, ohne Patzer. Sie sind kompakt, aufeinander abgestimmt, und trotz all dieser Routine gibt es keinen Moment im Konzert, der dich nicht metallisch „verbrennen“ würde, wie es sich für den Namen In Flames gehört.
Die Band wurde von einer riesigen Menge vor der Red Stage getragen: Sänger Anders Frieden mit seinen üppigen Dreadlocks dirigierte das Publikum vor der Bühne fast mit geschlossenen Augen, es fraß ihm buchstäblich aus der Hand. In Flames haben auch diesmal in nichts danebengelegen. Störend ist nur die Tatsache, dass das Quintett so berechenbar ist und wegen der häufigen Auftritte bei solchen Spektakeln nicht mehr überraschen kann. Auch die Setlist war im Vergleich zum letzten Jahr sehr ähnlich. Kurzum: Die Fans der Band erlebten ihr Paradies, wir, die wir uns traditionellen, rohen Rock ’n‘ Roll gewünscht hatten, warteten schon ungeduldig auf den Auftritt von Kanzler Lemmy und seinen Motorhead, auch wenn In Flames mit ihrem Auftritt wieder ohne Umschweife alles um sich herum gnadenlos eingeäschert haben.

In Flames Setlist:
1.Cloud Connected
2.Leeches
3.The Mirror’s Truth
4. Disconnected
5. Colony
6. Alias
7. I’m The Highway
8. Only For The Weak
9. Come Clarity
10. The Quiet Place
11. Take This Life
12. Move Through Me
13. Delight And Angers
14. Egonomic
15. My Sweet Shadow

Text: Aleš Podbrežnik

 

MOTORHEAD: 23.05-00:30
Das Festivaltreiben des zweiten Tages beschlossen die legendären Punk-Bastarde („bastards“). Lemmy Kilmister (Gesang, Bass), Mikkey Dee (Schlagzeug) und Philip Campbell (Gitarre) waren damit, wenn man das Konzert von Sex Pistols vom ersten Tag mitzählt, die Show der lebenden Fossilien auf dem Nova Rock Nr. II. Bei MOtorhead gibt es keine Versteckspiele. Was du siehst, kriegst du. Man kann sie nur lieben oder hassen. Einen Mittelweg gibt es nicht.
Mit ihrem Auftritt haben Motorhead keine revolutionäre Neuerung gebracht, wenn ich ihn mit ihrem Auftritt von Ende November 200z in der Münchner Zenith-Halle vergleiche. Das Repertoire der gespielten Songs blieb praktisch komplett gleich, und hätten Motorhead eine Stunde und drei Viertel Zeit gehabt, wäre die Setlist wahrscheinlich völlig identisch gewesen. Um nicht lange um den heißen Brei zu reden: Die Band tourte noch immer mit dem „Kiss Of Death“-Repertoire. So überschütteten sie das Nova Rock mit Rock-’n‘-Roll-Napalm, als sie sich den Klassiker Dr. Rock vornahmen.
Dieser Auftritt von Motorhead war aber etwas Besonderes. Das Trio hatte nämlich Probleme mit der Beschallung von Lemmys Gesang. Der Kanzler und einzigartige Rocklegende, der ehrwürdige Herr, der dieses Jahr 63 wird, Lemmy, hob nach ein paar Anfangstakten von Dr. Rock die Hand und gab Dee und Campbell das Zeichen aufzuhören. Er hatte festgestellt, dass der Gesang zu leise eingestellt war. Motorhead warten auf der Bühne, während die Tonleute die entstandene Panne bekämpfen. Nach etwa drei Minuten ist die Sache in Ordnung, und die Jungs legen noch einmal mit Dr. Rock los. Die Band bringt das Konzert erfolgreich ins Rollen, und trotzdem lässt Lemmy bei Stay Clean mürrisch zwei Verse aus, und auf seinem Gesicht zeichnet sich ein Ausdruck hochmütigen Unmuts ab. Die Band kämpft sich zum dritten Song durch, Be My Baby („Kiss Of Death“, 2006), die Jungs spielen nur ein paar Takte, Lemmy öffnet den Mund, reißt dann abrupt den Kopf vom Mikrofon weg, hört auf zu singen, schaut zu Campbell und gibt das Zeichen, die Bühne zu verlassen. Was? Ist das möglich? Die Techniker rennen wieder auf die Bühne und testen fieberhaft, wo der Haken steckt, dass sich der Gesang partout nicht auf das geforderte Niveau einpegeln lässt. Fünf Minuten vergehen, Motorhead kommen zurück. Sie legen wieder los, und als Lemmy den ersten Takt herausbrüllt, schleicht sich ein fieser rückkoppelnder Soundschwung in den Klang der Band, und Lemmy wird hinter dem Mikrofon regelrecht weggeblasen. Diesmal nimmt die Legende die Sache selbst in die Hand und macht sich persönlich an die Arbeit der Tontechniker: „One, two!!! One, two!!!“ Die Sache wird im Nu klar, und der Kerl lässt mit seinem donnernden Organ den Boden der pannonischen Felder Österreichs erbeben: „Take the bas off the fuckin‘ microphone!!!“ Ein eigentlich grundschulmäßiger Fehler war im Handumdrehen behoben, und Motorhead springen endlich in die richtigen Bahnen ihres Auftritts.
Aus dem gekürzten Repertoire streicht die Band zum Glück ausgerechnet die neuen Songs, das Schlagzeugsolo und Whorehouse Blues, die Ermüdungsnummer, die sie seit dem Erscheinen des Albums „Inferno“ im Zugabenteil mitschleppen, und den „Bastards“-Klassiker (1994) Born To Raise Hell. Im Set bleibt so die duftende Perle Over The Top, die stets verlockenden Klassiker vom „Another Perfect Day“ (1983), I Got Mine und Just ‚Cause You Got The Power, sowie die unnötige Widmung an Phil Lynott und Thin Lizzy (Rosalie). Das Publikum vor der Bühne war unglaublich und entgegen allen Erwartungen unglaublich aufgeheizt, in Bewegung und laut. Ganz besonders drehte es am Ende auf, als Motorhead die extrem schnelle Rock-’n‘-Roll-Schmiedearbeit Going To Brasil anzündeten, auf die der unsterbliche Motorhead-„EP“ Killed By Death folgt, der Abschluss mit der eisernen Faust (Iron Fist), und der Epilog der Kult-Rockformation strahlt dann natürlich in vollem Glanz bei der Schaffung dieser einzigartigen, unverschämt giftigen Stimmung, die nur die Motorhead-Maschine erzeugen kann. Die Rede ist natürlich vom unverzichtbaren Ace Of Spades und Overkill.
Obwohl Motorhead die Träger der roten Bühne waren, war das Konzert im Nu vorbei. Lemmy wirkte im Vergleich zu einem etwas schwächeren Tag im November 2008 im Münchner Zenith wieder maximal überzeugend. Das betrifft natürlich seine gesangliche Leistung, die nach all den Jahren, die dieser Kerl im Namen der Rockmusik durchwandert und durchatmet hat, noch immer ein grandioses Unikat ist. Diese Persönlichkeit von außergewöhnlicher Autorität, gigantischem Selbstbewusstsein und klarer Hingabe an die Rockreligion, wie sie nur Lemmys Figur bieten kann, strahlte mit außergewöhnlicher Intensität. Beide Kumpane von Lemmy lieferten den Standard, ohne den Motorhead ebenfalls nicht Motorhead wären. Mikkey bleibt weiterhin ein wildes Tier am Schlagzeug, Philip ein heißer und ungezähmter Riff-Terminator.
Motorhead bleiben auch nach dem Erlebten auf dem Nova Rock Festival der Inbegriff der authentischsten Rock-’n‘-Roll-Erfahrung. Ohne Schnickschnack, überflüssiges Gelaber, ohne eine Spur von Schminke. Nein. Alles, was zählt, ist ein aufrichtiges Herz und ein Leben in der Überholspur, wie es dein Herz dir befiehlt. Lemmy und Kompanie haben sich schon vor langer Zeit ein unsterbliches Rock-’n‘-Roll-Denkmal gemeißelt. Am zweiten Tag haben sie mit dieser Schlichtheit der Rock-Essenz und echtem Charisma die gesamte Konkurrenz des Festivals platt gemacht. Wieder und immer noch. Irgendetwas ist an ihnen, das dir automatisch Gänsehaut auslöst, und der Motorhead-Geist frisst sich unwiderruflich unter die Haut, ganz magisch. Kraft und Können, wie sie nur den Riesen des Rock gegeben sind.

Setlist Motorhead:
1. Dr. Rock
2. Stay Clean
3. Be My Baby
4. Killers
5. Metropolis
6. Over The Top
7. I Got Mine
8. In The Name Of Tragedy
9. Rosalie
10. Just ‚Cause You Got The Power
11. Going To Brazil
12. Killed By Death
13. Iron Fist
—Zugabe—
14. Ace of Spades
15. Overkill

Text: Aleš Podbrežnik

 

BLUE STAGE

DIE MANNEQUIN: 13.00-13.25
Die zwölfstündige Stille, die etwa seit ein Uhr nachts geherrscht hatte, wurde schließlich auf der blauen Bühne von den Kanadiern Die Mannequin durchbrochen. Ein Trio! Alternative Rock. Chefin der Truppe ist Sängerin und Gitarristin Care Failure, die mit ihren 23 Jahren im Grunde nichts anderes braucht als eine gute Rhythmusbegleitung. Das Mädel hat enorm viel Charisma, einen richtig neurotischen Gesang und haut dicke, simple Gitarrenphrasen raus, die glücklich mit ihrem enttäuschten, aber wütenden weiblichen Schreien zusammenpassen. Das Trio war der perfekte Weckruf, oder eher ein „Tritt in den Hintern“, für alle potenziellen Schlafmützen, die sich womöglich nach der wilden Nacht des ersten Tages noch vor der Bühne herumtrieben. Der primitive, leicht verdrehte und freche Rock-Drive wirkte überzeugend. Das Trio hat dieses Jahr sein erstes Studioalbum mit dem Titel „Unicorn Steak“ veröffentlicht. Bei so überzeugenden Auftritten und kompakt gebauten Shows, deren Hauptdarstellerin das „bissige“ Charisma der jungen Sängerin ist, dürfte Die Mannequin in naher Zukunft noch mehr Bekanntheit auf dem Planeten bevorstehen.

Text: Aleš Podbrežnik

SUNSHINE: 13.45-14.15
Das tschechische Quartett Sunshine spielt eine sehr melodische Variante von alternativem Indie-Rock. Man könnte fast sagen, es ist eine Art Punk-Variante mit einem guten Schuss schönem, einsaitig verschlafenem Dahinspazieren, über das die für Postrocker typischen Gesangslinien „pulsieren“. Dazu kommen noch die typischen Rhythmusübergänge, die an die alten Dark-Rebellen The Cure oder sogar Joy Division erinnern, und schon findet sich vielleicht eine recht gute Annäherung. You In Your Head war der Song, mit dem sie das Konzert eröffneten und daran erinnerten, dass sie ja auch sein könnten, na wer? Das europäische Interpol? Naja, aber mit deutlich „sonnigerer“ Atmosphäre. Die Band stellte ihr fünftes Studioalbum mit dem Titel „Moonshower And Razorblades“ vor. Hervorragend eingespieltes Team, einfache, lässige Töne, wie gemacht fürs faule Streicheln der Sonnenstrahlen am frühen Nachmittag. Dazu kamen noch Keep Your Eyes Open, Top Top The Radio, Ghetto, Days Will Never Be The Same und natürlich die maximal ausgenutzten 30 Minuten, so lang dauerte der Auftritt von Sunshine.

Text: Aleš Pobrežnik

CARBON/SILICON: 14.40-15.15
Carbon/Silicon würde ich am einfachsten beschreiben, wenn ich sage, dass das eine Garage-Rock-Band ist, die Ende 2001 zwei große Legenden der Weltmusikszene gegründet haben. Das sind Mick Jones, ehemaliger Gitarrist von The Clash, und Tony James, den wir als Bassisten von Generation X und Sigue Sigue Sputnik kennen. Bei den Konzerten spielen die beiden Herren noch mit Bassist Leo „E-zee-kill“ Williams und Schlagzeuger Dominic Greensmith. Carbon/Silicon sind vor allem dafür bekannt, dass sie ihre neuen Musikstücke einfach kostenlos im Netz anbieten und sie sich jeder auf seinen eigenen Computer runterladen kann. Für die, die Musik auf CD schätzen, erschien in der zweiten Hälfte des letzten Jahres auch ein physisches Produkt, das Jones und James „The Last Post“ getauft haben.
Die Blue Stage des Nova Rock haben Carbon/Silicon einige Stunden früher besetzt als zunächst angekündigt. In der guten halben Stunde versammelte sich vor der Bühne eine beneidenswerte Zahl an Leuten, die gekommen waren, um die Klänge von softerem Rock zu genießen. „War On Culture“, „Pier 51“, „Tell It Like It Is“, „T.F. Madness“, „Soylent Green“, „The Duel“ sind nur einige der Songs, mit denen Carbon/Silicon die Ohren des Publikums verwöhnten. Stimmt, die Herren traten etwas früher auf, die Reaktion der versammelten Menge war trotzdem lobenswert. Vielleicht haben die Einheimischen ihre Vorurteile abgelegt und sich für breitere, qualitativ bessere Musik geöffnet. Wer weiß …

Text: Lea Lesar

MELÉE: 15.45-16.35
Das kalifornische Orange County ist eine echte Wiege hervorragender Bands verschiedenster Genres. Von dort stammen auch Melée, die auf den ersten Ton überhaupt nichts Besonderes sind. Wie eine schlechte Kopie der Londoner Coldplay. Doch wenn man sich ihr letztes Album „Devils & Angels“, das im April 2007 bei Warner Bros erschienen ist, lange und genau anhört, überzeugen sie einen vom Gegenteil. Die Jungs haben zwar erklärt, dass sie sowohl Coldplay als auch der Klaviervirtuose Elton John und der Soulsänger John Legend beeinflussen, aber ein Laienhörer würde das nicht bemerken. Das Besondere an ihrem melodischen Pop macht gerade Frontmann Chris Cron mit seinem überheblichen, zeitweise leicht überdrehten Gesang und seinem explosiven Klavierspiel.
Das Publikum, das Melée vor der Blue Stage erwartete, bestand größtenteils aus Mädels. Welche wollte sich auch nicht die Augen an vier stattlichen Jungs ausruhen, die obendrein auch noch gut singen können? Melée gaben den Songs vom letzten Studioalbum den Vorzug: „Frequently Baby“, „Stand Up“, „You Got“, „Imitation“, und unter allen erntete „Built To Last“ die größte Begeisterung, der die Jungs auf die Spitzen zahlreicher Musikcharts getragen hat. Chris Cron tauschte beim Spielen des Letzteren am Klavier die Hände gegen die Füße und peppte so ihren Auftritt auf.
Unter den noch unveröffentlichten Songs stach „Dead Mans Party“ heraus, der einen etwas anderen Sound der kommenden Platte ankündigt. Zum Fingerablecken.
Am Ende ihres Auftritts erwies sich Chris als echter Charmeur, denn er ging, um „Built To Last“ zu singen, vor die Bühne an die Absperrung, von der ihn die Fans partout nicht loslassen wollten. Jeder Abschied ist schwer, aber uns erwarteten im weiteren Tagesverlauf noch einige interessante Bands.

Text: Lea Lesar

THE GODFATHERS: 17.05-18.00
Die Bühne rockten an diesem Tag noch andere Londoner – The Godfathers. Die Band gründeten vor dreiundzwanzig Jahren, genauer gesagt 1985, die Brüder Peter und Chris Coyne. Das Debütalbum „Hit By Hit“ erschien zwei Jahre später, richtig bekannt wurden sie aber mit dem zweiten Album von 1988, mit dem sie es in die amerikanischen Billboard-Top-40 schafften. Das Album zeigt vier Phasen des menschlichen Lebens. „Birth, School. Work, Death“. Geburt, Schule, Arbeit, Tod. Wo bleibt da die Zeit für Musik? Es folgten noch fünf nicht gerade weithin beachtete Alben, und The Godfathers traten in dieser Zeit vor allem in diversen Clubs auf. Nach neunzehn Jahren Abwesenheit von den großen Konzertbühnen kehrten sie dorthin zurück, teils auch wegen der Neuauflage des ersten Albums, das dieses Jahr einundzwanzig wird. So hatten wir auch beim Nova Rock die Gelegenheit, sie zu sehen, wo sie vor allem alte neue Erfolgsnummern vom bereits erwähnten ersten/letzten Album spielten. „This Damn Nation“, „I Want You“, „Can`t Leave Her Alone“, „Lonely Man“, „Love Is Dead“. Von „Birth, School, Work, Death“ dann noch den gleichnamigen Song und „Cause I Said So“.
Klar, das ist keine typische Musik für die Jugend, trotzdem war die von dem Auftritt von The Godfathers begeistert. Den Jungs sah man dagegen im Gesicht an, dass sie die Stimmung und die Energie beim Spielen auf großen Bühnen vermisst hatten.

Text: Lea Lesar

NEW MODEL ARMY: 18.30-19.35
Justin Sullivan, dieser unbeschreiblich charismatische Musiker, der mit seinen New Model Army eine ungeheure Authentizität des Rock-Aufbegehrens gebracht hat, ohne Schminke, ohne das Bedürfnis, Aufmerksamkeit zu erregen und zu gefallen, belohnte den etwas ausgedünnten Bereich vor der Bühne (alle drängten sich gleichzeitig bei Subway To Sally auf der roten Bühne). Kompakte, bissige und laute Songs wirkten bolschewistischer, vor allem war ein Punk-Akzent spürbar, und Justins rauer, lauter, autoritärer Gesang ließ ohnehin kein Blümchenmalen und keinen sonnigen Himmel zu. In dieser Stunde ging ein Platzregen wütender Kritik nieder auf alles, was nach Politik und dem Aufzwingen von Prinzipien und Grundsätzen riecht, die nicht die des Einzelnen sind. Überhaupt gingen z. B. die Songs Sky In Your Eyes und Into The Wind unglaublich tief unter die Haut und berührten den assoziativen Kortex. Justins hineingelebter Gesang und die Hingabe im Bühnenspiel diktierten eben eine ganz eigene Art, das musikalische Erbe zu vermitteln. In das grundlegende bissige Punk-Erbe mischte sich schön ein Beigeschmack von R&B und zeitweise sogar Folk-Rock-Sprünge. Eine hervorragende Indie-Rock-Erfahrung, bei der man nicht überlegen muss, wann man sie sich auflegt. Natürlicher geht es kaum. Ein hervorragendes Konzert. 

Text: Aleš Podbrežnik

GAVIN ROSSDALE: 20.05-21.15
Der Ex-Sänger der Engländer Bush war eine weitere schöne Erfrischung auf der Blue Stage. Der Kerl thronte mit Akustikgitarre, Killer-Look und einem auf jeden Fall ausgefeilten Auftritt. Stimme hat er, Charisma hat er, und Charme auch zweifellos. Rossdale, der dieses Jahr im März sein neues Solo-Studioalbum „Wonderlust“ veröffentlicht hat, machte sich an Don’t Dream It’s Over, Love Remains The Same, Comedown, The Trouble I’m In, The Chemmicals Between Us und Letting The Cables Sleep. Der Mann ist künstlerisch noch reifer, seit es Bush nicht mehr gibt. Seine Stündchen mit abwechslungsreichen, natürlich klingenden, grungig bis akustisch-poprockig gefärbten Tönen war ein echter Balsam fürs Ohr. Überhaupt hat die Tatsache, wie gut sein gefühlvoller Gesang in das schlichte Erbe der Rockmusik eingebettet ist, überzeugt, dass die Solokarriere die selbstverständlichste Fortsetzung von Gavin Rossdales musikalischem Weg ist. Eine glatte und lockere Stunde Rock!

Text: Aleš Podbrežnik

BEATSTEAKS: 21.45-23.00
Beatsteaks, Beatsteaks. Eine Band, die bei allen größeren österreichischen Festivals feste Größe ist. Nachdem wir sie letztes Jahr zuerst im August auf dem Frequency Festival und dann im September in der Ljubljaner Gala Hala sehen konnten, haben wir sie auch auf dem diesjährigen Nova Rock gehört, wo sie eine der am sehnlichsten erwarteten Bands waren. Dass Beatsteaks von Konzert zu Konzert beliebter werden und eine echte Attraktion für Augen und Ohren sind, bewies die Menge, die kein Ende zu haben schien. Ihren Auftritt begannen sie mit dem Song „I Don`t Care As Long As You Sing“, und alle Versammelten sangen mit einer Stimme. Ein Moment, bei dem es dir kalt den Rücken runterläuft. Was für eine Hingabe an die Band. Es folgte „As I Please“, der als Titelsong auf ihrem letzten Studioalbum „Limbo Messiah“ zu finden ist, das letztes Jahr im April erschien. „Demons Galore“ bestätigte, dass das erwähnte Album ein weiteres hervorragendes Produkt von Beatsteaks ist. „What`s Coming Over You“, „Hand In Hand“, „Let Me In“. Das Publikum tanzte und bildete ein paar „Circlepits“, bei Beatsteaks ging es zu wie noch nie. Bei der Ansage des nächsten Songs, „Hello Joe“, könnte ein Nicht-Kenner von Beatsteaks leicht denken, es gehe um einen etwas älteren Song der Blondine Blondie. Aber nein, es ist nur derselbe Songtitel mit einem ganz anderen Inhalt. Besser oder schlechter? Urteilt selbst. Noch ein Gruß an die Verrückten, also „Hail To The Freaks“. Das Publikum drehte wirklich durch. Beatsteaks können bei jedem Auftritt, egal ob auf einer kleineren Clubbühne oder einer größeren Festivalbühne, eine Party ohnegleichen veranstalten. Mit ihrer Energie hypnotisieren sie dich buchstäblich und reißen dich zum Tanzen mit. Sie können eine besondere Stimmung erzeugen, der nicht jeder gewachsen ist.
Wenn wir bisher vor allem Songs von den letzten beiden Alben „Smack Smash“ (2004) und „Limbo Messiah“ (2007) gehört hatten, war jetzt Zeit für etwas Älteres. Das waren „Big Attack“ und „Hey Du“. Die beiden Songs erschienen als „Live“-Aufnahmen auf dem im März veröffentlichten Doppel-„Live“-Album „Kanonen Auf Spatzen“.
Beatsteaks verabschiedeten sich mit dem einzigen deutschen Song im Repertoire, „Frieda Und Die Bomben“, als zusätzlicher Schuss in die Adern für die große Mehrheit der deutschsprachigen Leute.
So verging ein weiterer hervorragender Auftritt. Auf der Blue Stage warteten nur noch die legendären The Verve auf uns.

Setlist Beatsteaks:
1. I Don`t Care As Long As You Sing
2. As I Please
3. Demons Galore
4. What`s Coming Over You
5. Hand In Hand
6. Let Me In
7. Hello Joe
8. Hail To The Freaks
9. Big Attack
10. Hey Du
11. Frieda Und Die Bomben

Text: Lea Lesar

THE VERVE: 23.30-01.00
Die englischen Rocker The Verve sind neben ihrer großartigen Musik auch für zahlreiche Trennungen und Wiedervereinigungen bekannt. Die Band, die 1989 entstand, bestand zunächst bis 1999, mit einer kleineren Pause zwischen 1995 und 96. In der Zeit nach 1999 bis Juni 2007 widmete sich jeder Einzelne eigenen Soloprojekten. Die Rückkehr von The Verve auf die Bühne verkündete als Erstes das englische Radio BBC 1. Die Jungs beschlossen, auf Welttournee zu gehen, und im August können wir auch ihr viertes Studioalbum erwarten.
Ihren Debütauftritt auf dem Nova Rock begannen die Jungs mit dem bahnbrechenden „A New Decade“ und ernteten so eine laute Welle der Begeisterung. Die Menge wollte und wollte nicht verstummen. Vielleicht wollte sie das auch gar nicht. Es folgte „This Is Music“. Ein legendärer Song, bei dem die versammelte Menge wieder zusammen mit Richard Ashcroft sang, der die meisten Texte bei The Verve schreibt. Nach dem etwas druckvolleren „Sonnet“ schwebten alle mit „Space And Time“ in den Raum zwischen Weltall und Zeit davon. Das Publikum war beim Refrain lauter als je zuvor. Eine ähnliche Reaktion erntete auch „Life`s An Ocean“. The Verve wissen eben, wie man Zuhörer im richtigen Rhythmus verführt. Noch „Weeping Willow“, dann „Sit & Wonder“, der erste von fünf Songs (die anderen vier sind „Judas“, „Mona Lisa“, „Rather Be“, „Appalachian Springs“), die nach ihrer Wiedervereinigung im letzten Jahr und der Rückkehr auf die Konzertbühnen entstanden sind. The Verve machten weiter mit „The Rolling People“ und „The Drugs Don`t Work“, einem der Songs mit dem realistischsten Titel und Text. Merkt euch, was die Jungs sagen. „Lucky Man“ ist einer der größten Hits, und die Menge sang wieder aus einer Kehle: „But I’m a lucky man
With fire in my hands“. Genau wie bei Beatsteaks wirken auch The Verve auf einen unbewusst hypnotisch, und wenn dich dieses unbeschreibliche Gefühl von Freude durchströmt … Bleibst du sprachlos. Nichts aber lässt sich mit „Bittersweet Simphony“ vergleichen, als man in der Luft Tausende Hände sehen konnte. Hand in Hand, wohin der Blick auch reichte. Definitiv einer der schönsten Momente des Abends, den zu verpassen eine Sünde gewesen wäre.
The Verve führten den Abend mit dem Song „Disco“ zu Ende. Die Menge sang mit den Jungs noch ein letztes Mal laut mit. Die Lichter gingen aus, bis zum Wiedersehen.

Setlist The Verve:
1. A New Decade
2. This Is Music
3. Sonnet
4. Space And Time
5. Life`s An Ocean
6. Weeping Willow
7. Sit & Wonder
8. The Rolling People
9. The Drugs Don`t Work
10. Lucky Man
11. Bittersweet Simphony
12. Disco

Text: Lea Lesar

 

Fotos: Aleš Podbrežnik, Matic Zorman

Setlist

RED STAGE: FIRE IN THE ATTIC KILL HANNAH ALPHA GALATES SONIC SYNDICATE OPETH SUBWAY TO SALLY BAD RELIGION IN FLAMES MOTORHEAD BLUE STAGE: DIE MANNEQUIN SUNSHINE CARBON/SILICON MELEE THE GODFATHERS NEW MODEL ARMY GAVIN ROSSDALE BEATSTEAKS THE VERVE

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