Roger Chapman jagte in St. Veit die Schatten an den Wänden (2008)

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Ort: St. Veit a.d. Glan / Österreich
Konzertdatum: 06.09.2008
Besucherzahl: 450
Kartenpreis: 42.00€

Der zweite Tag der Pilgerfahrt durch die Kulturstadt St. Veit – deren reiches kulturelles und künstlerisches Treiben jedes Jahr für eine bunte Palette an Unterhaltung und Freude für Liebhaber praktisch jeder Form geistiger Erholung sorgt – stand ganz im Zeichen des Schaffens von Roger Chapman’s Shortlist. Roger wer? Also, zur Erinnerung: Roger Chapman ist ein Musiker von außergewöhnlicher Qualität, und seine unverwechselbare Stimme hat ihm den Ruf eines der besten Vokalisten im Geschäft eingebracht. Ältere Generationen erinnern sich sicher noch an seine Zeit in den späten Sechzigern, als Chappo die Welt als Sänger der Prog-Rock-Sturmbrigade Family aufmischte. Chapmans Status festigte sich im Laufe der Siebziger kontinuierlich, und im kommerziellen Sinne – also was Bekanntheit angeht – explodierte Roger Anfang der Achtziger mit seinem Cover von Let’s Spend The Night Together der Stones und seinem Gesangsbeitrag zu Mike Olfields großem Hit Shadow On The Wall.

Roger ist aber neben all dem Obengenannten auch ein außergewöhnlicher Performer und bei Bedarf ein echter Entertainer, der gerne mal eine besonders saftige Anekdote rausschmeißt – nicht minder beeindruckend ist die Liste der Musiker, die ihm an jenem Samstagabend Gesellschaft leisteten. Dabei war der ehemalige The Kinks-Krieger Ian Gibbons, der unglückliche Verehrer von Kim Wilde namens Gary Twigg, und gleich hinter den beiden thront schon seit Längerem der frühere Roger Waters- und Company Of Snakes-Kamerad John Lingwood. Schade, dass Micky Moody (Juicy Lucy/Snafu/Whitesnake) aus unbekannten Gründen nicht dabei sein konnte – seine Slide-Meisterstücke hätten im Zusammenspiel mit der aufgelegten Helen Hardy dem Abend zweifellos eine gewisse Portion Sexappeal verliehen.

Roger Chapman zog in den Kampf um unsere Herzen und Seelen mit einem locker improvisierten Motiv von X-Town, das schon von Beginn an genug Spielraum für ein inspiriertes Kräftemessen zwischen Keyboards und Gitarre bot – zum Jubel der Menge mit einer Menge beeindruckender melodischer Akrobatik! Das entspannte Gefühl, das uns beim Ausklingen des Eröffnungsthemas umhüllte, war leider nicht zu längeren Abenteuern aufgelegt. Mango Crazy bot dann eine Herausforderung besonderer Art – allerdings vor allem für die vierhundert unserer jodelnden Freunde, unter denen ein aufmerksames Ohr hin und wieder auch ein slovenisches Wörtchen aufschnappen konnte. Rogers Gesang, der in den meisten Aspekten noch immer unverkennbar ist, erinnerte hier zeitweise an eine Burleske, die sich in ihrer ganzen Pracht nur ein Genie wie Tom Waits hätte ausdenken können. Die Komik der Situation retteten diesmal sorgfältig eingestreute Backing-Vocal-Linien, in denen vor allem die sympathische Stimme der unverwüstlichen Helen Hardy dominierte. Die Frau hatte ihre Rolle hervorragend einstudiert, sodass ihr Gesangsfundament stets zur vollen Geltung kam – und vor allem profitierte die Shortlist-Setlist dank der Sensibilität der weiblichen Stimme enorm an allgemeiner Zugänglichkeit für das österreichische Publikum.

Die Fortsetzung mit Prisoner markierte eine Rückkehr zu einem eher „wurzelig“ orientierten Sound. Mit einem verführerischen Abstieg durch das genannte Stück ließ sich Roger zum ersten Mal an dem Abend dabei ertappen, wie er die Schätze des Blues entdeckte. Chapman heizte die Leidenschaften mit Son Of Red Moon weiter an, das neben einem grandiosen Refrain auch flüchtige Ausflüge durch These Boots Are Made For Walking und Waters‘ Rollin‘ and Tumblin‘ in sich barg. Die Dynamik des Stücks ließ uns – wohl aus purer Bosheit – keinen Moment lang Luft zum Atmen und schaltete nach der „Obstgarten-Komödie der Vorgängerin“ gnadenlos in einen höheren Gang. Als würde Roger im Drang zu beweisen, was in ihm steckt, plötzlich noch die letzten Kraftatome aus sich herauspressen, die er mutmaßlich für die „Erkennungsfiesta“ im Kreise der RTV-Kamikazes aufgespart hatte, die solchen und ähnlichen Gelegenheiten regelmäßig folgt. Jedes Element der Shortlist-Maschinerie vermittelte hier den Eindruck blutdürstiger Präzision, die mit der Entschlossenheit eines wütenden, wahrscheinlich schon lange nicht mehr gesättigten Nashorns alle Wolken des Zweifels wegblies. Chapman verstrickte sich hier im scharfen Angriff auch noch kopfüber in ein Duell zwischen Gesang und Slide-Gitarre, das er dank gelegentlicher humorvoller Scharmützel ohne größere Blessuren überstand.

Auch beim Covern von Material anderer Musiker – wie etwa der Reinkarnation von Dylans Blind Willie McTell – verwandeln sich Chapmans unbestreitbares Talent und die Konsistenz seiner Interpretation schnell in ein tödliches Tandem. Blind Willie war der unbestrittene Favorit des Abends: Mit einer emotional aufgeladenen Darbietung, der noch das derbe Schmelz von Rogers Stimme großzügig zur Seite sprang, konnte es problemlos sogar mit der Erhabenheit des Status von Shadow On The Wall konkurrieren. Über die Wirkung von letzterem verliert man natürlich keine Worte. Olfields Klassiker beanspruchte knapp zehn Minuten Aufwärmzeit, nach der Chapman dem nach dem großen Hit lechzenden Volk noch mehrmals den Köder in Form des Shadow-Refrains hinwarf. Bei hervorragend aufgenommenen Motiven darf man Sweet Bird nicht übergehen – ein Stück aus Chapmans letztem Album One More Time For Peace –, das in diesem Kontext eher reservierte Oh Brother und natürlich Let’s Spend The Night Together, das angesichts der mustergültigen Demonstration sowohl souveräner als auch innovativer Arrangements berühmter Motive längst vollständig als Chapmans eigenes Kind durchgehen könnte.

Roger Chapman hat mit dem Rückhalt eines hervorragend eingespielten Getriebes erstklassiger Musiker bewiesen, dass ihn das Alter keine grauen Haare kostet (wahrscheinlich auch deshalb, weil er schlicht keine mehr hat)! Auch wenn die Jahrzehnte intensiven Stimmbandeinsatzes verständlicherweise vor allem an seiner Stimme ihre Spuren hinterlassen haben, überzeugte der Herr am Samstagabend mit einem außergewöhnlich professionell abgelieferten Auftritt und dem Beweis, dass er noch lange nicht alle seine Zauberkunststücke verlernt hat.

Text: Daniel Pavlica
Fotos: Mojca Perdih

Setliste

1.X-Town
2.Mango Crazy
3.Prisoner
4.Son Of Red Moon
5.Blind Willie McTell
6.Sweet Bird
7.Oh Brother
8.Who Pulled The Nite Down
9.Shank (Shadow On The Wall)
10.Unknown Soldier
11.Let’s Spend The Night Together
12.S.L.
13.Jesus & The Devil
14.He Was, She Was

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