Das Grazer Publikum ließ Mike Stern und seine Kollegen nicht von der Bühne! (2007)

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Ort: Kassematenbuehne (Schlossberg) / Graz / Österreich
Konzertdatum: 20.07.2007
Besucherzahl: 600
Ticketpreis: 25,00€

Das Jazzsommer Graz Festival ist, was die Acts in diesem Jahr angeht, unglaublich verlockend! Sogar für unser kleines RockLine-Team. Die Konzerte prasseln weiter unaufhaltsam auf uns nieder, sogar durch den ganzen Juli. Wahnsinn! Und die Freiheit des Jazz ist ungemein berauschend, und die Wucht dieses Rausches lässt sich schwer messen. Diesmal habe ich es zum ersten Mal über Klagenfurt nach Graz gewagt. Der Sinn dieser seltsamen Entscheidung: der langen Touristenkolonne bei Spielfeld aus dem Weg gehen. Schnell merkte ich, dass dich die Fahrt von der Abfahrt nach Tržič bis zum Wiederanschluss an die Autobahn kurz hinter Klagenfurt genauso viel Zeit kostet wie das Rumstehen im Stau vor Spielfeld. Wenigstens blieb mir das Braten in der Hitze erspart.

Ich war spät dran. Zum Glück kam auch die Mike Stern Band mit akademischen 15 Minuten Verspätung. Um 20.15 Uhr komme ich unter der Bühne angekeucht! Mike Stern hatte mit seiner Truppe schon Position bezogen, die Band wärmte sich mit Tumble Home auf, einem Stück von Sterns aktuellem Solo-Studioalbum „Who Let The Cats Out?“ (2006). Den treuen „Klick“-Kumpel fest im Griff, stand ich noch eine ganze Weile (ca. 20 Minuten) vergnügt schwitzend unter der Bühne, denn als dicker Zuspätkommer bin ich praktisch die Treppen vom Fuß der Burg bis nach oben gerannt und habe dabei sämtliche Geschwindigkeits- und Ausdauerrekorde pulverisiert.

Und das Bild auf der Bühne? Links Mike Stern, umgürtet mit seiner unverzichtbaren Standardfreundin, der Yamaha Pacifica 1155 MS (Mike Stern Signature) mit einem Korpus, der an eine Fender Telecaster erinnert, in dunkle Klamotten gehüllt; rechts Saxofonist Bob Franceschini, langjähriger Live- und Studiobegleiter von Mike Stern, im Fan-Outfit. Zum Glück hielt er ein Saxofon statt Popcorn und Coca-Cola in den Händen. Die Rhythmusgruppe schlicht ideal. Mit dabei: der vielseitige und einer der meistgeschätzten Jazz-Drummer überhaupt, Dave Weckl, der sich Anfang der Neunziger Stern angeschlossen hatte, nachdem er Chick Corea verlassen hatte. Und dann stand da (genauer gesagt saß) noch ein Jazz-Meister, der große Innovator und Auftraggeber der ersten Kontrabassgitarre (Prototyp der sechssaitigen E-Bassgitarre) in der Geschichte des Jazz und der Popmusik: Anthony Jackson. Jackson saß das ganze Konzert über auf einem Stuhl, natürlich weich gepolstert. Stern sieht im Gegensatz zum von seinem Gewicht ziemlich belasteten Jackson hervorragend aus! Wie ein ausgelassener Zwanzigjähriger! Für sein Alter bestens in Schuss und schlank, anders als der sympathische Teddybär Jackson. Stern ist also mit einer Weltklasse-Besetzung nach Graz gekommen, was Sterns Perfektionismus widerspiegelt, nicht nur beim Komponieren des eigenen Materials, sondern auch bei der Wahl seiner Weggefährten. Er hat nämlich ein außergewöhnliches Gespür dafür, welchen Musiker er für welche Aufgabe bei der Bühnenumsetzung der Stücke aus seinem reichen Katalog auswählt.

Tumble Home war eine wunderbare Wahl zum Fingerdehnen, Bizeps-Pumpen und für die Atemgymnastik des Brustkorbs. Als Erster sprang Franceschini in die Action und verpasste dem Publikum ein paar kurze Solo-Ausbrüche. Die Jungs legten eine enorme Weichheit an den Tag, wenn sie zwischen einzelnen rhythmischen und motivischen Wendungen hin und her flossen. Stern blieb Franceschini nichts schuldig und schüttelte als Gegengewicht bald ein paar völlig natürlich klingende Töne seiner versierten Improvisation aus dem Ärmel. Nach zehn Minuten sagt Stern, dass er sehr gerne in Graz spielt, und kündigt ein neues Stück aus dem Album „Who Let The Cats Out?“ an, mit dem Titel K.T. Ein ambientiger Track, der mit den sanften Berührungen des ganzen Quartetts faszinierte, aber auch den eingefangenen Geist von Sterns großem Lehrer Miles Davis nicht versteckte. Außergewöhnliche Kommunikation zwischen Jackson und Stern, die auf einem Riff ein solides Rock-Fundament webten, als Absprung für Franceschinis Solo-Ausflug.

Die Mike Stern Band haben bewiesen, dass sie viel mehr Band als Mike Stern sind. Beeindruckend war vor allem, wie das Quartett Melodie und Improvisation ideal miteinander verschmilzt. Alles wirkt, beziehungsweise alle gewählten Dosen an Zutaten wirken bei Mike Stern im rationalen Sinn optimiert. Wenn du Stern zuschaust, wirkt kein einziger Ton verloren oder überflüssig. Der Mann kann keine Noten verschwenden. Alles hat seinen exakt bemessenen Platz, und deshalb ist die Wirkung auf den Zuhörer umso größer. Jetzt wiederhole ich mich schon, aber Stern faszinierte mit einem außergewöhnlichen Gespür für Weichheit. Besonders ausdrucksstark war das im ruhigen We’re With You, als der Mann mit enormer Klangselbstkontrolle beim Drehen der Potis und sanftem Anziehen des Tremolos auf der Bühne regierte. Nach diesem Stück heizte die Band den Abend vor allem mit einer explosiven Funk-Variation von Roll With It an, die die Gruppe in einem völlig anderen Licht zeigte. Diesmal packten die Jungs einen Hauch Rauheit aus, Jackson und Weckl steuerten den Song federleicht, während sie unglaubliche Improvisationseinlagen in die Nummer streuten, vor allem an den Übergängen. Schnell, präzise und fließend. Es folgte eine Experimentier-Nummer, bei der Stern und Franceschini über Delay-Effekte ein außergewöhnliches harmonisches Geflecht aus Saxofon und Gitarre spannen, was dem Burghof eine völlig neue Stimmung brachte.

Fürs große Finale schufen Jackson und Stern einen Rhythmus, den sie über ein paar Töne immer wieder wiederholten, und das war jetzt die perfekte Vorlage für Weckl, der sich ein einmaliges Schlagzeugsolo gönnte. Dieser Teil des Konzerts gehörte definitiv zu den Höhepunkten der Show.

Nach gerade mal einer Stunde und 25 Minuten verabschiedet sich die Band. Natürlich kommt sie unter donnerndem Applaus für eine Zugabe zurück auf die Bühne, die nicht länger als fünf Minuten dauerte. War das schon der endgültige Abschied? Die Leute veranstalteten vor lauter Begeisterung weiter einen Heidenkrach. Nach ein paar Augenblicken kommt Mike Stern zurück, bedankt sich beim Publikum und schiebt eine „Jägerausrede“ hinterher: Sie würden furchtbar gern die ganze Nacht für uns spielen, aber sie kennen keine Songs mehr. Die Leute beruhigten diese Worte allerdings kein bisschen. Dann kommt Hauptorganisator Eik Breit auf die Bühne und sagt dem Volk, dass das Konzert leider vorbei sei, das Abendprogramm aber keineswegs, und forderte die Anwesenden auf, um 23.00 Uhr im Dom am Berg zu sein, wo der zweite Tag des diesjährigen Wettbewerbs im Rahmen des Jazzsommer Graz Festival stattfinden würde, mit Auftritten von drei lokalen Jazzbands (der Eintritt war frei).

Was soll das denn? Pfiffe erfüllen den Saal! Ja. Mitten im friedlichen Graz. Das Publikum pfeift über das kurze Konzert von Mike Stern, den es auf gar keinen Fall von der Bühne lassen wollte. Aus dem Schlamassel, um nicht zu sagen der leichten „Blamage“, erlöst der Organisator mit seinem Bühnenauftritt, und Mike Stern selbst schnappt sich die Gitarre. Offenbar hat das Pfeifen die Band angespornt, sich hinter der Bühne doch noch eine Zusatznummer einfallen zu lassen. Zur großen Freude des Publikums spielt die Mike Stern Band so noch ein Stück aufgedrehten „Grooves“, das die Leute wieder in fröhliche und zufriedene Stimmung versetzte.

Gleich nach dem Konzert tauchte der die ganze Zeit hochpositiv gestimmte Mike Stern am Stand auf, wo sein aktuelles Studioalbum „Who Let The Cats Out?“ (2006) verkauft wurde. Natürlich hatte er seine Anwesenheit dort während des Konzerts ein paarmal angekündigt. Clever. Während des Auftritts hatte er das Publikum bis zum Anschlag angeheizt, na ja, und auch mit dem Preis: 15,00€ das Stück. Du kaufst, die Verkäuferin wickelt es dir aus der Folie (die CD, meine ich!), und die wandert sofort in Mikes Hände, der dir obendrein seinen eigenhändigen Schriftzug draufklebt. Das für amerikanische Umgangsformen typische „Million-Dollar-Smile“ durfte dabei nicht fehlen. Ein ganz anderes Bild soll am selben Ort angeblich nur einen Tag zuvor geherrscht haben, als der berühmte Vater und die Mutter des „White Blues“, John Mayall, seine CDs höchstpersönlich verkaufte. Zum gierigen Preis von 20.00€, versehen mit dem alles satten, angezischten Blick eines alten Knackers.

Die Mike Stern Band haben mit ihrer perfekten Eingespieltheit den Atem geraubt. Sie kennen sich von jahrelangem gemeinsamem Spielen. Jeder hat den anderen im kleinen Finger. Dieses Gespür und die Bühnenchemie in der Gruppe waren ideal, und damit kann sich nur eine Handvoll Bands brüsten. Außergewöhnliche Kohärenz, stellenweise stürmische Sprungkraft und Intensität, dann wieder strenge Kontrolle beim Platzieren der weichsten nur möglichen Töne, ein extrem abgestimmtes gegenseitiges Atmen der Bandmitglieder: Das ergab Jazz-Ausdruck auf schönstmögliche Weise. Das Beisammensein mit der Mike Stern Band war also kurz, aber süß. Der Moment, in dem Jazz Flügel bekommt, ist der Moment, in dem du mit Mike Stern und seinen Kollegen abhebst!

Setlist

BESETZUNG:
Mike Stern – Gitarre
Bob Franceschini – Saxofon
Anthony Jackson – Bassgitarre
Dave Weckl – Schlagzeug

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