König(e) der Nacht!

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Ort: Teatro Fondamenta Nuove, Venedig, Italien
Konzertdatum: 28.04.2007
Besucherzahl: 0
Ticketpreis: 20 Euro

Es war ein herrlich sonniger Sonntag in Venedig, als wir zwei im Nachmittagsschatten des Vorraums vom Teatro Fondamenta Nuove mit Will Oldham plauderten. Mit seinem richtigen Namen stellte er sich mir vor, sonst ist er ja dafür bekannt, dass er bei offizielleren Gesprächen mit seinem Künstlernamen angesprochen werden will, also als Bonnie ‚Prince‘ Billy. Unser Gespräch war aber alles andere als offiziell, sondern völlig zwanglos und sehr entspannt, was nicht überrascht, denn Will ist wirklich ein freundlicher und herzlicher Mensch.
Rund um das Theater war nicht viel los, im Grunde nur die Veranstalter, ein paar Freundinnen von ihnen und Leute, die irgendwie mit Bonnie zu tun hatten, dazu ein Journalist für ein italienisches Musikmagazin und meine Wenigkeit. Aus dem Saal war schon Getrommel zu hören, und wie Will erwähnte, machte er sich langsam auf den Weg zum Soundcheck, wo sein aktueller Drummer auf diesem letzten Tourabschnitt, der genau mit diesem Konzert zu Ende ging, schon wartete – einer der jüngsten und mit Sicherheit besten Schlagzeuger vor allem für improvisierte Musik, Alex Neilson.

„Wir sind schon ziemlich müde, und es ist gut, dass jetzt ein bisschen freie Zeit zum Ausruhen ansteht. Aber hier ist es wirklich schön.“, sagte Will, und kurz darauf gingen wir zum Soundcheck in den Saal. Dafür geht besonderer Dank an Enrico, den Hauptveranstalter des Konzerts, der mir schon vorher freie Bewegung ermöglicht und mir diesen wunderbaren Konzertraum ein Stück weit gezeigt hat, der sich auch noch mit einer wirklich hervorragenden Akustik brüsten kann. Der Saal fasst um die zweihundert Leute, und kurz nach neun Uhr abends waren auch ungefähr so viele da.
Ein paar Stunden davor füllten noch der Klang von Wills Stimme und seiner Gitarre sowie Alex‘ Drums den leeren Saal. Eingespielt gingen die beiden ein paar Songs durch, „A Sucker’s Evening“ und „Beast For Thee“ spielten sie komplett, und weil es keine größeren Probleme mit dem Sound gab und sie sich mit dem Tontechniker schnell einig waren, spielten sie noch „Love Comes To Me“ vom aktuellen Album aus dem letzten Jahr, The Letting Go, und hörten dann auf. Das war auch der einzige dieser drei Songs, den sie später beim Auftritt spielten, allerdings in ganz anderem Gewand. Alle Songs beim Soundcheck waren ausgesprochen explosiv, während die vom Konzert eine viel größere dynamische Bandbreite hatten, von spirituell angehauchten Nummern bis zu Stücken, die schon an Free Jazz grenzten, was bei der überschaubaren Zahl an Instrumenten verdammt spannend war. Eigentlich vermisste man keinen Moment ein anderes Instrument, denn es ist schlicht unglaublich, wie viele Emotionen die beiden allein aus diesen zwei Instrumenten, den Stimmbändern und ein paar zusätzlichen Percussion-Teilen herauskitzelten, die entweder als eigenständige Instrumente dienten oder als Drumsticks. Unter anderem heulte Bonnie ganz wie ein Wolf vom Bühnenrand aus, während Alex Glöckchen im Mund hielt und bimmelte und dabei auch noch mit den Ellbogen Schlagzeug spielte – ein wirklich außergewöhnlicher und äußerst innovativer Musiker, der keine Grenzen kennt. Kein Wunder also, dass genau er sich hinters Schlagzeug setzte, als Jandek, wohl die am meisten mystifizierte Musikpersona oder das am meisten mystifizierte Kollektiv aller Zeiten, nach 27 Jahren Aufnahmetätigkeit und mehr als dreißig veröffentlichten Alben, ohne einen einzigen Auftritt oder ein offizielles Interview, sich endlich zum ersten Live-Auftritt durchrang.

Vorher fragte ich Will, wie er auf die Idee gekommen sei, diesmal nur mit einem Schlagzeuger zu spielen, wo er doch früher mit einer Band in klassischerer Besetzung aufgetreten war, und er antwortete schlicht, dass er und Alex richtig gern zusammen spielen und deshalb eben zusammen spielen. An Chemie zwischen den beiden fehlt es nicht, an Kommunikation auch nicht, und gesprächig waren sie ebenfalls, aber was sie untereinander sagten, war meistens nicht zu hören, weil der Applaus viel zu laut war – meistens verstand man nicht mal, was sie ins Mikro zum Publikum sagten! Einmal erwischten wir nur das Ende von Bonnies Satz „no, počasneje kot sinoči! Jezus!“, was eine Lachwelle im Publikum auslöste. Und schon steckten sie tief im Song.
Die ganze Zeit über waren die beiden bestens gelaunt, und Alex gestand schon bald, dass er sehr froh sei, dass ihr letzter Auftritt gerade hier stattfindet, weil es wirklich wunderschön ist, und dass sie Musikwünsche annehmen. Darauf unterbrach ihn der grinsende Will mit „warum fragst du die, was wir spielen sollen?“ und fuhr selbst fort, dass es ihm hier immer eine Freude sei aufzutreten (zuletzt war er im Dezember 2005 hier). Außerdem merkte er an, dass Alex zum ersten Mal in Venedig ist und deshalb eine „Venecian virgin“, was natürlich Salven von Beifall des Publikums auslöste. Danach sagte Bonnie: „Alex und ich kennen uns schon etwa vier Jahre. Wir haben uns in Schottland kennengelernt, und genau da habe ich auch zum ersten Mal diesen Song kennengelernt.“ „Molly Bawn“. Sicher einer der Songs, die Bonnie eher selten spielt, aber mit seiner balladesken Art kam er trotzdem richtig gut an, wenn auch nicht ganz so begeistert wie seine eigenen Stücke, der Opener „I See A Darkness“, dann die Klassiker aus der Zeit von Wills Band The Palace Brothers bzw. Palace Songs, „Pushkin“, „O Lord Are You In Need?“ und „Agnes, Queen Of Sorrow“, sowie spätere Songs, die vor allem auf den Alben von Bonnie ‚Prince‘ Billy zu finden sind, wie „A Minor Place“, „Death To Everyone“, „My Home Is The Sea“ und andere. Sehr gut angenommen wurden auch weniger bekannte Stücke von selteneren, vor allem Sammler-Veröffentlichungen, etwa der Song „In My Mind“ von der gleichnamigen EP, der offenbar ein Musikwunsch eines Fans war, der aus Island angereist war und Bonnie auf seiner Europatour hinterherreiste – wie er vor dem Auftritt erzählte, war es schon sein siebzehntes Bonnie-Konzert. Außerdem besitzt er so ziemlich alle Oldham-Veröffentlichungen, bis auf eine, was kein kleiner Brocken ist, denn manche Titel sind verdammt selten und nur schwer aufzutreiben (auch preislich!), und Will gilt ja ohnehin als einer der produktivsten Musiker. Wie er erwähnte, hat dieser Typ für die Vinylplatte des Albums Viva Last Blues über eBay 200 US-Dollar hingeblättert!

Weitgehend waren alle Songs so stark von den Originalen abgewandelt, dass man sie meistens erst über die Texte erkannte – so radikal verändert seine Songs sonst nur noch Bob Dylan. Und weil Bonnie ja bekannt dafür ist, sich ab und zu an interessante Coverversionen zu wagen (unter anderem hat er schon „Don’t Cry For Me Argentina“ aufgenommen, und bei einigen früheren Konzerten spielte er den Hit von Dolly Parton bzw. Whitney Houston, „I Will Always Love You“), spielte er diesmal eine Version des Evergreens von Nazareth, „Love Hurts“, die „einer geliebten Person gewidmet war, die heute leider nicht hier ist, Dawn McCarthy“, die Bonnie bei früheren Konzerten begleitet hat.
Den vielleicht größten Applaus des Publikums, das übrigens die vollen zwei Stunden, die der Auftritt dauerte, prächtig drauf war, bekam eine Art Kränzchen bzw. ein Block aus zwei miteinander verflochtenen Songs, den die beiden als Schlusssong des Abends brachten. Sie begannen mit „Even If Love“ vom überwiegend akustischen Album Master And Everyone, änderten nach dem ersten Refrain radikal Tempo und Melodie und legten ohne Pause mit „New Partner“ vom Album Viva Last Blues los, bzw. mit der etwas moderneren Version vom Album Bonnie ‚Prince‘ Billy Sings Greatest Palace Songs, auf dem Will einige der besten Songs aus früheren Alben in Nashville im Country-Stil neu eingespielt hat. Nach ein paar Minuten wiederholten sie das Ganze, kehrten zur ursprünglichen Melodie und zum ursprünglichen Tempo zurück und brachten „Even If Love“ zu Ende.
Sprachlos, außer vielleicht: meisterhaft! Um mir den Titel eines von Wills Songs zu borgen, der den ganzen Abend richtig gut auf den Punkt bringt, „A King At Night“ – nur dass es diesmal zwei Könige der Nacht waren. Und diesen unbescheidenen königlichen Titel haben die beiden sich wirklich verdient.

Setlist

01. I See A Darkness
02. In My Mind
03. Lion Lair
04. Another Day Full Of Dread
05. John The Baptist
06. Pushkin
07. Strange Form Of Life
08. Wai
09. Cursed Sleep
10. Love Comes To Me
11. A Minor Place
12. Madeleine Mary
13. Love Hurts
14. The Seedling
15. O Lord Are You In Need?
16. May It Always Be
17. Molly Bawn
18. You Have Cum In Your Hair And Your Dick Is Hanging Out
19. 64
20. Master And Everyone

Zugabe

21. My Home Is The Sea
22. Agnes, Queen Of Sorrow
23. The Unquiet Grave
24. Death To Everyone
25. Medley: Even If Love / New Partner / Even If Love

Besetzung: Bonnie ‚Prince‘ Billy; Gesang, Gitarre
Alex Neilson; Schlagzeug, Percussion, Gesang

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