UFO über Wien gesichtet, Angra haben die Landebahn vorbereitet (2007)

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Ort: Planet Music / Wien / Österreich
Konzertdatum: 08.03.2007
Besucherzahl: 400
Ticketpreis: 29,00€

Ein Konzert von UFO, davor als Anheizer die brasilianischen Melodic-Perfektionisten Angra – das ist für jeden echten Rocker der reinste Inbegriff sündhaften Genusses und durfte natürlich auch von unserem Team auf keinen Fall übersehen werden. Die legendären UFO haben im September letzten Jahres ihr neues Studioalbum „The Monkey Puzzle“ (SPV, 2006) veröffentlicht und bringen es im März 2007 mit Schwung auf dem europäischen Teil der „The Monkey Puzzle Tour“ unters Volk. Dazu muss man sagen: Kurz bevor die Band zur Tour aufbrach, hat sich ihr Drummer Andy Parker den Knöchel verletzt, die Ärzte haben ihm deshalb strikte Ruhe verordnet. Für ihn ist der erfahrene Simon Wright eingesprungen, Drummer von Dio, dessen Spiel man auch auf dem AC/DC-Album „Fly On The Wall“ hören kann.

Nach einem stärkenden Kebab und einem Bierchen „bei unseren Landsleuten“ stehen wir schon vor dem Schalter im Planet Music, wo der Typ, sichtlich übersättigt von allem, nur mit den Schultern zuckt und zynisch meint, dass uns „da unten“ eh schon alle ungeduldig erwarten und uns sowieso schon alle kennen und dass wir uns ihm gar nicht erst vorstellen müssen, weil er ja eh schon alles weiß. Fein. Das nächste Mal, wenn ich im Planet Music aufkreuze, gehe ich einfach ohne Fragen die Treppe runter in den „Backstage“ oder zum Soundcheck der Band und sage, dass oben ja eh gesagt wurde, dass mich unten alle kennen!

Es war kurz nach sechs am Nachmittag, wir hatten ein Interview angesagt, deshalb waren wir so früh dran! Schließlich empfängt uns Andree, Angras gastfreundlicher Tourmanager, im Stil eines temperamentvollen Kastiliers! Der Mann geizte keineswegs mit Herzlichkeit und Lachen, das im Nu sämtliche Barrieren einriss. Er ließ uns sogar selbst wählen, mit welchem der fünf Angra-Mitglieder wir das Interview führen wollen. Nach unserem „Draft“ bat er uns, ein Weilchen zu warten, weil sich die Band erst noch kurz zu einer Besprechung zusammensetzen wollte.

Doch während dieses Wartens sind uns die Bärte fast bis zum Boden gewachsen, und das Interview fand erst während des Auftritts der österreichischen Lokalvorband Nasty Habits statt. Austro-Rock. Mit einem Krainer-Janez-Hut auf dem Kopf und einem Zahnstocher, auf dem im Mund gekaut und gesabbert wurde – man sollte den Janez besser gleich in Tiroler Anton (Anton aus Tirol) umtaufen, es fehlte nur noch ein gewürzter Käsestrudel, dazu Kraut und Bratwurst, und das Maß wäre voll gewesen. Austro-Glam, da kannst du nichts sagen. Wozu das Ganze überhaupt? Zum Glück konnten wir um 20.10 endlich zum Interview abhauen. Nach 20 Minuten Verhör des hervorragenden Angra-Gitarristen Kiko Loureiro quälten Nasty Habits im Saal gerade noch die Anwesenden mit ihrem letzten Song, dann strömten endlich die Roadies von Angra auf die Bühne und begannen mit dem Aufbau der gesamten Logistik für das Konzert der progressiven Metal-Meister aus Brasilien.

Was Konzertauftritte von Angra angeht, habe ich persönlich einfach kein Glück. Ich erwische sie immer als Vorband (Konzert Dream Theater , Padua 2005) oder sehe sie im Rahmen irgendeines Marathon-Festivals (Gods Of Metal 2006). Diesmal habe ich anfangs utopisch gehofft, dass es sich um einen Co-Headliner-Auftritt mit UFO handelt, aber Pustekuchen. Angra bekamen nur 50 Minuten und wieder die Rolle der Vorband.

ANGRA: 21.05 – 21.55
Um 21.05 kamen Angra zu Schuberts Unfinished Allegro im Nebel auf die Bühne gestampft und legten direkt mit dem Song Carry On los, den sie sonst immer ans Ende ihrer Auftritte setzen. Die Angra-Tour neigte sich langsam dem Ende zu, nach dem Wiener Konzert warteten nur noch ein Auftritt in Ingolstadt (Deutschland) und danach einer in Moskau (Russland). Weil sich der Name Angra in deutschsprachigen Ländern partout nicht durchsetzen will, anders als die Begeisterung und Euphorie, die um Angra etwa in Japan und in den Mittelmeerländern Europas (Spanien, Italien) herrscht, haben Angra einen klasse Schachzug gemacht und sich für das Konzert in Wien mit den Rock-Veteranen UFO geeinigt, im Rahmen deren aktueller März-Tour als Vorband aufzutreten. So haben die Band tatsächlich etwa 400 Neugierige erwartet, und der Saal war nicht leer. In den ersten 4 Reihen war es besonders laut, weil eine bunte Truppe jüngerer Metaller die Band anfeuerte, die, wie man heraushören konnte, aus der Gegend der ehemaligen Tschechoslowakei kam. Die machten einen lauten, aufmunternden Krawall, der half, die Band auf der Bühne zu halten!

Wenigstens habe ich sie endlich mal in einer Indoor-Location gesehen, Halleluja. Angra sind eine Band, die man unbedingt in der Halle sehen muss. Diesmal hatten sie sich hervorragend auf den Kampf mit der Hallenakustik vorbereitet. Der Sound war nämlich ausgezeichnet. Die Band war sich bestens bewusst, dass innerhalb von 50 Minuten ein höllischer Ansturm auf sie wartet. Deshalb machten sie nicht groß Umwege und boten samt Intro neun Songs, davon die Hälfte Material von den Scheiben aus den Neunzigern, wie die beliebten Hymnen der fröhlichen Metal-Massen: Carry On, Wings Of Reality und Nothing to Say. Dazwischen flochten sie auch Material ein, das aus dem Kopf und den Händen der runderneuerten – der heutigen – Besetzung stammt, nämlich: Carry On gingen sie ohne Pause in die schlagkräftige, power-metallische Hymne Nova Era („Rebirth“, 2001) über. Dabei vergaßen sie auch das aktuelle Studioalbum „Aurora Consurgens“ (2006) nicht und widmeten ihm mit Ego Painted Gray und The Curse Of Nature Aufmerksamkeit.

Die Höhepunkte waren definitiv Wings Of Reality („Fireworks“, 1999) und der brandneue Song Ego Painted Gray („Aurora Consurgens“, 2006) mit einem tollen Intro-Teppich, aufgebaut auf dem Bass, den Felipe Andreoli führte und zu dem Falaschis Gesang dazukam. Felipe ist ein Kerl, der aussieht wie ein echter Bergbewohner, was für die durchschnittliche brasilianische Körpergröße völlig untypisch ist – deren Besitzer sehen den Boden aus größerer Nähe, als es etwa bei der westeuropäischen Manier genetisch codierter Anlagen sonst der Fall ist. Der Typ spielt einen sechssaitigen Bass der Marke Yamaha, der in seinen Händen ein richtiges Spielzeug ist. Stellt euch John Myung (Dream Theater) mit einem Instrument ähnlicher Beschaffenheit vor, der kaum größer aussieht als das Ding selbst. Angra würzten ihren intensiven, aber kurzen Auftritt außerdem mit dem Song Waiting Silence („Temple Of Shadows„, 2004), und mit der wunderschönen, schlagkräftigen Ballade Rebirth konnten sie durchschnaufen und die Batterien für das höhere Tempo im weiteren Verlauf aufladen.

Angra sind Perfektionisten. Verdammt schnell, präzise und streng melodisch. Reiner Klassizismus. Helloween-Geschwindigkeit hoch 10! Auch auf die Live-Probe gestellt. Ein Fünfertrupp hochprofilierter Musiker, erstklassiger melodischer Gesang, der in jeder Lage Explosivität und markanten Ausdruck besitzt, ein hervorragend eingespieltes Gitarrenduo Loureiro/Bittencourt, das mit der Schwindelhöhe seiner Passagen aus dreistimmigen Harmonien den Atem raubt, eine progressiv forschende Rhythmusfraktion, die für unvorhersehbar gebrochene Rhythmen sorgt, alles zu wahrer Perfektion vereint, gewoben in eine flüssige und leicht zugängliche musikalische Form, gepaart mit glühender Metal-Spannung. Genau die richtige Balance! Den Großteil der Soli hat Loureiro rausgehauen, der darin deutlich stärker ist als Bittencourt. Die ersten Reihen waren mit echten Fans besetzt, die es kaum erwarten konnten, sich Angra-Shirts zu kaufen!

Dieser hitzköpfigen jungen Männer und Frauen waren es nur etwa 40, aber trotzdem genug, um der Band eine laute, würdige Aufmunterung zu bereiten. Wie gesagt! Hervorragende Darbietung, aber kurzer Auftritt! Bei all der Wucht der Sequenzen hat es Eduardo in den abschließenden Wiederholungen des enorm schweren Refrains von Nothing To Say zwar etwas gebeutelt, aber das kann man diesem äußerst charismatischen Sänger angesichts der sonst perfekten Umsetzung des Materials, der exzellenten Führung der Band durch ihren Auftritt und der herzlichen Kommunikation mit dem Publikum mühelos verzeihen.

Die Band hinterließ in Wien einen ausgezeichneten Eindruck, auch wenn die Reaktionen des kühlen und überwiegend älteren österreichischen Publikums, das vor allem wegen UFO gekommen war, das nicht bestätigten. Deshalb bleibt die Hoffnung, dass wir sie irgendwann einmal in Italien bei einem ihrer „Headliner“-Konzerte erwischen und „abschleppen“. Es wäre schon an der Zeit, denn Angra bleiben, sowohl im Studio als auch auf der Bühne, der Inbegriff von Topform.

Besetzung Angra:
Edu Falaschi – Gesang
Kiko Loureiro – Gitarre
Rafael Bittencourt – Gitarre
Felipe Andreoli – Bass
Aquiles Priester – Schlagzeug
 
Ein besonderer Dank geht an Jani Mihevc, der  für diesen Konzertbericht die genaue Setlist von Angra beigesteuert hat.
 
UFO: 22.20 – 00.10
Was kann man von Greisen erwarten, deren Gesichter auf den ersten Blick den Eindruck längst bis zum Letzten ausgepresster Zitronen machen, achtlos in die Ecke eines kleinen, ordentlich verstaubten Zimmers geworfen? Wenn deine Antwort auf diese Frage nichts Berauschendes lautet, dann hast du im Voraus eine ordentliche Tracht Prügel verdient! Was uns gestern die Altmeister des echten Hard Rock, UFO, nämlich eingebrockt haben, übertrifft jede noch so optimistische Prognose des Abends. Ok, vielleicht gehören die „Jungs“ mit ihrem Aussehen wirklich nicht in die Kategorie frisch gepflückter erster Frühlingsblümchen, aber was zählt, ist ihre unterhaltsame Zerzaustheit und die vor Begeisterung strotzende Energie, die zu Pete Ways üblichen Turnübungen und Moores hervorragendem schnellfingrigem Geschrubbe nur für uns die alte Schule des Rock wiederholt. Wenn wir diesem ganzen Zirkus noch den dürren, kleinen und extrem unterhaltsamen Mogg hinzufügen, dessen Wachheitsgrad man zeitweise wirklich schwer bestimmen kann, steht bald eine verspielte Kombination von Musikern vor uns, die schon für sich genommen eine Garantie für einen lustigen Abend ist.

Normalerweise überfallen mich vor Konzerten solcher Rock-Giganten, die ihre Zenite irgendwann in den fernen 70ern erreicht haben, Zweifel am Sinn der Fortsetzung ihrer – das stellt sich allzu oft heraus – längst ausgesungenen Karrieren. Bei UFO ist die Lage aber doch etwas anders, und falls du das nicht glaubst, wird dich Mother Mary überzeugen, die alte Mutter, die mit dem Teufel Hand in Hand ungezogenen Bälgern die Grundlagen von Rock & Roll beibringt. Und Rock & Roll ist das!! Dem stimmt auch Moore zu, der wie der Rest der „außerirdischen“ Truppe von Anfang an sehr entspannt wirkt und so ein Gefühl von Vertrautheit sowie enger Verbundenheit zwischen Publikum und Band vermittelt. Das aufgeheizte Publikum greift so freudig zum nächsten Song, When Daylight Goes To Town, der in einladendem Rocker-Tempo auch Mogg in seinen komischen Gummi-Posen bei Laune hält. Der Onkel ist wirklich runtergewirtschaftet, was er uns bei ständigem Nuckeln an einem Fläschchen Bier mit typisch englischem fiesem Humor auch höflich, fast entschuldigend erklärt. Lassen wir aber diese unnötige Zeitverschwendung, Zeit für das gute alte Let It Roll, mit dem die Herren wieder etwas kräftiger aufs Gas drücken. Der Song wirkt nach all den Jahren noch immer unglaublich frisch, was dem energiegeladenen Auftritt unserer Opas zuzuschreiben ist, die über die Bühne hüpfen wie „blut“dürstende Teenager, die sich partout nicht eingestehen wollen, dass es für die meisten Männer in diesem Alter als normaler gilt, den Rasen vor ihrem Wochenendhäuschen irgendwo außerhalb von London in Ordnung zu halten. Wahrscheinlich, weil von diesem Rasen mit Hard Being Me herzlich wenig übrig bliebe. Das ist ein neuer Song vom aktuellen Album Monkey Puzzle, der trotz eines starken Abrückens von den traditionellen UFO-Arrangements das Publikum gehörig durchschüttelt. Irgendwo dazwischen liegen This Kids und Fighting Man, wo Way alle unwissenden „Headbanger“ darauf hinweist, was Steve Harris alles von ihm gelernt hat.

Einer der Höhepunkte des Abends kommt mit dem sehnlich erwarteten Only You Can Rock Me, der wunderschön in die Emotionalität von Baby Blue übergeht. Moores kraftvolle akustische Interpretation, wunderschön begleitet von weichen Keyboard-Arrangements, führt zu einer weiteren Gefühlsexplosion mit Love To Love, wo am Ende Moores Wüten die Wehmut durchtrennt. Perfekt!! Too Hot To Handle mit seinem „Sing-along“-Refrain zieht den UFO-Motor wieder voll auf und kündigt so langsam den Übergang in die Schlussphase des Abends an, in der Lights Out ungeduldig auf seinen Moment wartet. Die aufregende Temperatursteigerung erreicht ihren Siedepunkt mit einer ordentlich gedehnten Version von Rock Bottom und Moores „exhibitionistischer“ Fingergymnastik, mit der er auch die skeptischsten Fans von Schenkers Werken überzeugt. Seine Ausstrahlung, die ein Gefühl einfacher Lockerheit und vor allem Vertrautheit vermittelt, erobert schnell die Herzen aller Anwesenden, weshalb ihn das „Volk“ am Ende des Songs noch mit langem Skandieren belohnt. Als der sichtlich gerührte Moore mit dem allseits bekannten wehmütigen Intro die legendäre Doctor Doctor ankündigt, erfasst das Publikum ein letztes Mal an diesem Abend diesmal ein wahrer Tsunami der Emotionen, stark vermischt mit einem Gefühl von Nostalgie, mit dem die Herren nach Shoot Shoot den Abend dann auch endgültig beschließen. Ganz einfach alte Rock-&-Roll-Schule, die uns noch einmal gezeigt hat, dass die Alten allen Jahren zum Trotz noch verdammt fähig sind, den richtigen Rocker-Schuss zu liefern.

 
Besetzung UFO:
Phil Mogg – Gesang
Pete Way – Bass, Backing Vocals
Vinnie Moore – Gitarre
Paul Raymond – Gitarre, Keyboards, Backing Vocals
Simon Wright – Schlagzeug

Autoren des Beitrags: Aleš Podbrežnik (Intro & Angra),  Daniel Pavlica (UFO)

Setlist

ANGRA: 1. Unfinished Allegro (intro) 2. Carry On 3. Nova Era 4. Waiting Silence 5. Wings Of Reality 6. Ego Painted Gray 7. Rebirth 8. Nothing To Say 9. The Curse Of Nature UFO: 1. Intro 2. Mother Mary 3. When Daylight Goes To Town 4. Let It Roll 5. I’m A Loser 6. Hard Being Me 7. This Kids 8. Fighting Man 9. Only You Can Rock Me 10. Baby Blue 11. Love To Love 12. Too Hot To Handle 13. Lights Out 14. Rock Bottom —Zugabe— 15. Doctor Doctor 16. Shoot Shoot

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