Oldies Night mit Nazareth und Smokie (2005)
Ort: Villach (Österreich), Stadthalle
Konzertdatum: 28.04.2005
Besucherzahl: 800
Ticketpreis: 23,00€
Was für eine schöne Ouvertüre für die Maifeiertage! Ich habe zufällig im Netz gesurft und nachgeschaut, „was so geht“ in den Konzerthallen in der Nähe unserer schönen Heimat Slowenien. Fantastisch! Nazareth! Legenden, die noch ziemlich überzeugend unter den Lebenden mitkicken, und das ganz, ganz nah an Ljubljana. Diesmal muss ich mir nicht mehr von irgendwelchen Metal-Typen anhören, was ich alles verpasst habe beim Power Metal und „Quasi-Thrash“-Spaß mit Brainstorm am selben Tag in Ljubljana. Der Tag war ideal für einen Ausflug nach Villach, vor allem weil Freitag war und die Uhr drei Uhr nachmittags schlug, das tägliche Brot war für diese Woche verdient. Und wenn du so richtig „ausgesaugt“ bist, setzt du dich am besten ins Auto und düst so 120 km weg aus der Ljubljaner Hölle, sagen wir mal Richtung Nordwesten, und das war’s. Weissbier hat wie immer ‚gerockt‘! Sogar das Parken ist dort bei der Stadthalle gratis, ich hab nicht schlecht gestaunt, als nirgends dieser gefräßige „Eurodollar“-Automat und die kreischenden Schranken standen, die die Bewegungsfreiheit jedes freien Geistes einschränken.
Punkt 20:15 Uhr, mit akademischer Viertelstunde Verspätung, legten die Veteranen von Smokie los. Smokie habe ich nie gehört, weil mein Hirn in ihrer Musik und ihrem Image einfach einen Zuckergehalt zu viel registriert. Das Volk in der Stadthalle sah das aber bei Weitem nicht wie ich. Es hatten sich dann doch rund 1500 Leute reingequetscht, was für Österreich mehr als beneidenswert ist. Natürlich gesittete Herrschaften, größtenteils Papas und Mamas, aber aufgedreht und auf Party eingestellt, und auch ziemlich viel Jungvolk war dabei. In der Luft lag positive Energie. Man konnte sogar ungarisch sprechende Leute treffen und natürlich auch ein paar unserer Landsleute, die genau wie ich keine bessere Idee hatten, wie sie die Maifeiertage aufpeppen sollten. Der Smokie-Auftritt begann mit einem gotischen Intro, das ich irgendwelchen Metal-Ausrichtungen zuschreiben würde, und das war für mich eine riesige Überraschung. Ich bin allerdings ein totaler Nichtkenner ihres Repertoires. Klar erkenne ich die Melodien, denn ihre mächtigen Hits laufen noch heute gern auf den Wellen der Radiosender. Live auf die Ohren habe ich mich dann aber doch relativ schnell mit ihnen angefreundet. Je weiter der Auftritt dem Ende zuging, desto bekanntere Melodien klangen mir in den Ohren. Es ging nicht ohne Mexican Girl, What Can I Do, For A Few Dollars More, If You Think You Know How To Love Me, Oh Carol, Have You Ever Seen The Rain, Living Next Door To Alice, I’ll Meet You At Midnight, Don’t Play Your Rock’n’Roll To Me, Rose-A-Lee, Something’s Been Making Me Blue, Lay Back In The Arms Of Someone, Needles And Pins, außerdem stellten sie auch Material vom neuen Studioalbum „On A Wire“ vor, von dem ich mir gemerkt habe, dass sie unter anderem Home Is Anywhere You Are spielten, weil der einzige Originalgründer der Band – Bassist Terry Uttley – sie dem anwesenden Publikum in der Halle widmete.
Das Volk genoss es, vor allem die Damen kamen schon gefährlich ins Wackeln. Die Leute ließen sich auf das Wiegen zu leichten Walzern ein. Dabei musste ich, vor allem beim Gesang von Smokie, an irgendwelche alten Yugo-Rocker wie Srebrna Krila denken. Die Darbietung aller Killerhits begleiteten die Leute mit gewaltigen Jubelschreien, übermütigem Applaus und natürlich Gesang. Die Band war bestens gelaunt, eingespielt und professionell spulte sie ein anderthalb Stunden langes Repertoire ab, und im absoluten Mittelpunkt stand Sänger und Rhythmusgitarrist Mike Craft, vor allem wegen seiner extrem energiegeladenen Sprunghaftigkeit und seines hochgradig leidenschaftlichen Gesangs und Bühnenspiels. Mehr traue ich mich leider nicht zu sagen, denn Smokie sind an diesem Tag völlig unerwartet in mein Leben getreten. Ein ausgezeichneter Auftritt, aber die Gruppe ist leider „not my cup of tea“, sodass ich eigentlich froh gewesen wäre, wenn nur Nazareth gespielt hätten, denn wegen denen bin ich zum Konzert gekommen.
Dann erwartete uns die höllische Qual des Wartens. Es hat sich eben so ergeben, dass diese zwei großen Bands bei der „Oldies Night“, wie das Event hieß, unter denselben Scheinwerfern aufeinandertreffen, und deshalb stand ihnen dieselbe Bühnenzeit zu. Die Nazareth-Roadies bauten eifrig Instrumentarium und Beschallung auf. Und es dauerte von 21:40 bis 22:45 Uhr, also gut eine Stunde, so eifrig bauten sie das Ganze auf. Das Schlagzeug baute sogar Nazareth-Drummer Lee Agnew höchstpersönlich mit zusammen, übrigens der Sohn des legendären Originalmitglieds der Band, Pete Agnew. Die sonst äußerst geduldigen Österreicher pfiffen die unglücklichen Roadies gehörig aus, die zeitweise wirklich völlig verloren aussahen.
Und dann endlich! Ein schottisches Highlander-Intro brachte die Dinge mit außergewöhnlicher Stimmung sofort an den richtigen Platz. Währenddessen kämpften sich die Legenden durch völlige Bühnendunkelheit und im Geleit der Taschenlampen, mit denen die Roadies sie begleiteten, nahm jeder Musiker erfolgreich seine ihm bestimmte Position ein. Sie legten mit Hit The Fan los. Das Publikum, das sich beim zermürbenden Warten ordentlich durchmischt hatte, bestand in den ersten Reihen jetzt größtenteils aus alten Rockern, die das Repertoire bis ins Detail beherrschten und das sofort mit hoher Begeisterung und Mitmachen anzeigten, vom ersten bis zum letzten Moment des Auftritts. Nazareth haben die Setlist von vor zweieinhalb Jahren, als sie zuletzt in der Nähe von Slowenien auftraten (Graz), ordentlich durchgelüftet. Ihr Hauptthema ist natürlich Rock’n’Roll, Frauen und Party. Open Up Women bestätigte den außergewöhnlichen Gesang – das kreischende Markenzeichen von Nazareth, das all die Jahre über praktisch makellos geblieben ist. Dan McCafferty, nach seinen Gesangsakrobatiken im guten alten Rock das wahre männliche Gegenstück zu Janis Joplin, hat keinen Funken verloren. Durch die ersten beiden Nummern suchten Nazareth noch ihren Sound, vor allem übertönte die Gitarre von Jimmy Murrison alles auf der Bühne, worauf Dan und Pete mit sehr höflichen Gesten in Richtung Mischpult deuteten, man möge doch bitte den Bass und den Rest der Entertainment-Truppe lauter drehen. Mit dem ersten richtigen Rock’n’Roll-Reißer der Setlist, Razamanaz, kam dann irgendwie alles in Ordnung und der Ausdruck von Nazareth auf der Bühne strahlte klanglich, wie es sich gehört. Das spürte auch das Publikum und reagierte noch intensiver auf den neuen Reiz der Umgebung.
Nazareth präsentierten sich als Band mit ausgeprägtem Sinn für Humor, und zwischen den Songs unterhielt Dan die Menge auf ganz eigene Art mit den abgedrehtesten Späßen. Zum Beispiel stellte er Bad Bad Boy so vor: „This song is about sex! You know that thing we called in Scotland omph-omph?“ und weiter „How you call it in Austria?“ Und die Frage beantwortete er gleich selbst: „Bumsen!“ Damit brachte er das Volk natürlich zum totalen Lachen, fragte aber sicherheitshalber trotzdem noch einmal die Anwesenden, ob er sich nicht vielleicht irre. Natürlich bekam er die Antwort der Menge zurück: „Bumsen!“ und schob nur noch hinterher: „Ergh, you crazy boys from Villach!!!“
Nazareth zündeten vor allem mit Balladen-Schlagern wie Dream On und natürlich, ohne Umschweife, Hearts Grown Cold, das definitiv eine der schönsten Rockballaden ist, die je auf dem Planeten Erde komponiert wurden. Dan ging fanatisch hingebungsvoll ran. Hut ab! Den Song begannen sie mit einem wunderschönen, zarten Intro, das Jimmy mit der Gitarre eröffnete, während Pete und Dan wie gute alte Freunde gemeinsam eine Kippe rauchten. Dazu kam auch der „aufgepumpte“ Drummer Lee mit einem Tamburin auf die Bühne getrottet. Die Band entfaltete eine phänomenale Atmosphäre, die beim bombastisch grandiosen und rockig pulsierenderen Schluss besonders intensiv war.
Jimmy, der von Image und auch vom Bühnenverhalten her irgendwie nicht in den Nazareth-Kontext passt, spielte zwar korrekt und auf Niveau und bemühte sich fleißig, die Übergänge mit improvisierten Einlagen zu füllen, aber Vorsicht, das ist bei Weitem nicht das Niveau eines Doug Aldrich (ex-Dio, Whitesnake), der ein genialer Hardrock-Gitarrist ist, wenn es darum geht, das Klangspektrum mit nur einer Gitarre und Soli, die aus nur einer einzigen Gitarre fliegen, maximal auszufüllen, wie es die Größten dieses Fachs (Blackmore, Iommi, Page) beherrschten. Etwas mehr Weichheit im Griff würde Jimmy nicht schaden. Nazareth vergaßen auch nicht, ihre äußerst geistreiche Version des Songs Cocaine zu spielen.
Die zentrale Figur auf der Bühne war natürlich der äußerst sympathische Sänger Dan, neben Pete übrigens das zweite Originalmitglied von Nazareth. Der vergaß natürlich auch sein imposantes Solo während des Songs Hair Of The Dog mit schottischen Dudelsäcken nicht, bei dem das Volk Dan besonders eifrig begleitete, mit der Zeile „son of a bitch“. Der Song spaltete und zerriss in vollem Glanz. Schweres Drummer-Torpedieren mit zusätzlicher „Kuhglocke“ (Rhythmus im Stil von We Are An American Bend von Grand Funk Railroad)! Wenn dir dabei nicht sämtliche Körperhaare zu Berge stehen, soll mich selbst der Teufel holen. Dan kreischte die ganze Zeit wie vor 30 Jahren. Wie gesagt, seine Stimme hat in all den Jahren kein Quäntchen Kraft verloren. Ihr Konzert beendeten Nazareth natürlich mit Love Hurts (Originalversion von Everly Bothers). Auch Nazareth unterhielten uns anderthalb Stunden lang, aber das Volk war am Ende sichtlich erschöpft, vor allem wegen der viel zu langen Pause zwischen den Auftritten der beiden Bands. Den perfekten Genuss verdarben ein paar total abgefüllte, besoffene Villacher Köpfe, die sich mitten im Nazareth-Auftritt in die ersten Reihen drängelten und Bier verschütteten. Na bitte, und ich dachte, das gäbe es nur in Slowenien. Die Jungs kehrten auf die Bühne zurück, Lee eröffnete die Zugabe mit dem explosiven Rhythmus von Night Woman, die Band glänzte noch einmal in vollster Rocker-Kompaktheit. Nazareth beendeten ihren Auftritt mit einer weiteren Nummer, die bei ihren Konzerten absolut nicht fehlen darf. This Flight Tonight, über die sich das Volk besonders freute.
Nazareth – die Rocklegenden halten sich über die Jahre bestens und brennen und hauen voll rein. Es knallte in außergewöhnlich kompakten Rhythmen von echtem Rock’n’Roll, Boogie, R &B und klassisch angelegten Hardrock-Linien, überall Adrenalinfieber, das effektiv Gänsehaut die Wirbelsäule entlangjagte. Routine und Professionalität, ein Hauch von Magie und entspanntes Bühnenspiel, das die Unstillbarkeit, die rockige Potenz, die Ausgelassenheit und die Funkenschlag-Frische der Legenden nicht versteckte, um nach all den Jahren mitten im „Hundegeschäft“ der Welt der Rockmusik standzuhalten und zu bestehen. Nazareth bleiben nach all den langen Meilen ihres zurückgelegten Weges noch immer verdammt lebendig und „live“ eine jede Sünde wert für jeden Liebhaber des echten klassischen „shakin‘ blow the roof of“, kurzen und knackigen Rock’n’Rolls.
Setlist
Intro
1.) Hit the Fan
2.) Open Up Woman
3.) Razamanaz
4.) Kentucky Fried Blues
5.) This Month’s Messiah
6.) Dream On
7.) Broken Down Angel
8.) Bad Bad Boy
9.) Love Leads to Madness
10.) My White Bicycle
11.) Hearts Grown Cold
12.) Shanghai’d In Shanghai
13.) Cocaine
14.) Turn On Your Receiver
15.) Hair Of The Dog
16.) Love Hurts
Zugabe:
17.) Night Woman
18.) This Flight Tonight