63 Special

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Autor: Aleš Podbrežnik

Interpret: Klinar – Klinči, Aleš
Label: Dallas Records
Veröffentlichung: 2013
Bewertung: 3/5

Kann das Abrahamsjahr dich noch inspirieren? Na klar! Aleš Klinar, im Volksmund »Klinči«, ist zweifellos eine der zentralen Figuren des slowenischen »Mainstream«-Rocks und -Pops, vor allem der Achtziger und Neunziger.

Klinar galt schon immer als Meister der Verpackung. In Slowenien sucht er seinesgleichen. Genau diese Flexibilität – man könnte sagen Anpassungsfähigkeit – seines musikalischen Handwerks hat ihm Renommee und Erfolg eingebracht. Das Album »63 Special« ist im Grunde ein Querschnitt durch Klinars musikalische Persönlichkeit – näher kommt man da nicht ran. Die erste CD ist eine echte Studioscheibe, die zweite eine Bonus- und Retrospektiv-CD. Darauf befinden sich einige der bekanntesten Songs, die Klinči geschrieben hat und die auf die eine oder andere Weise die Hitparaden der slowenischen Hauptradiosender durch die Achtziger und Neunziger ordentlich aufgemischt haben (von Agropop bis Martin Krpan und so weiter).

Tauchen wir ein in die Arbeit an CD Nummer eins, dem Studioalbum. Das ist überragend produziert, überragend arrangiert. Klinar hat wirklich an jedes Detail gedacht. 61 Minuten großes Musiktheater, das Ausflüge in oprettenhafte und sinfonisch gefärbte Gewässer voller Bombast nicht vermissen lässt, entfalten sich im echten Geist der Verbindung von rockerischer Wucht und definierter Leadmelodie. Klinar gilt als großer Ästhet, wenn es um den Umgang mit melodischer Ansteckungskraft geht.

Im eröffnenden, pompös aufgezogenen Titelstück (einem Instrumental) weißt du lange, lange nicht, wohin das Album steuert. Solch ein Einstieg hätte ohne Weiteres auf ein Power-Metal-Album gepasst. Der Auftakt rauscht in die Arme eines operettenhaften Geschehens. Dann durchschneidet plötzlich das bluesig verführerische Slide-Gitarren-Solo von Franci Zabukovec diesen Moment – und es fehlt dabei sogar nicht an einem Hauch von »Gilmouresk«. Das Eröffnungsinstrumental 63 Special führt uns so zur persönlich bekenntnishaften Stari klovn: eine schelmisch freche, aber nostalgisch gefärbte Geschichte über Klinčis zurückgelegte Rockerlaufbahn, mit der zentralen Botschaft: »Ich bin noch da, ich rühr mich noch, ich tret noch!« Sein von unzähligen Rockpartys authentisch »ramponiertes« Timbre wird dir noch lange in den Ohren nachklingen. Eine logische Wahl, einen solchen Song an den Albumanfang zu stellen.

Bis hierher alles schön und gut. Ungeübten Ohren klingt das Album wirklich nah an der Perfektion. Nah an der kompositorischen Perfektion. Aber hier liegt der kleine Stolperstein. Wer einige der allgemein bekannten Klassiker und Evergreens der jüngeren Rockgeschichte kennt, wird ziemlich schnell verblüffende Ähnlichkeiten zwischen manchen Motiven des Albums »63 Spceial« und bekannten Songs von Yes (Changes, Hold On), Styx (Renegade), Kansas (Carry On Wayward Son), Scorpions (Rock Me Like A Hurricane) und Deep Purple (Speed King) entdecken – während der Song Ogenj mit Trkajs Gesang als Hauptsong für den »Soundtrack« des Films »Godzilla« durchgehen könnte. Das sind Fakten, die  dem Ansehen dieses Werks leider schaden. Gäbe es diese offensichtlichen Ähnlichkeiten auf dem Album »63 Special« nicht, würde ich mich vor Klinar für seine kompositorische Originalität sofort bis auf den Boden verbeugen.

Ansonsten nur Stärken. Zabukovec hat wieder mit makelloser Brillanz sämtliche Gitarren auf dem Album abgeliefert und damit einmal mehr bestätigt, dass er einer der versiertesten Hard-Rock-Gitarristen des slowenischen Rock ’n‘ Roll ist! Eine ganze Reihe erstklassiger Vokalisten ist dabei, jeder von ihnen bringt das Optimum an Gesangsinterpretation. Klinar hat die Vokalisten mit Bedacht ausgesucht, und die Songs betonen meisterhaft den charakteristischen Ausdrucksstil der einzelnen Stimmen auf diesem Album! Die Stimmungskontraste sind auf Basis dieser Gesangsessenzen lebendig eingefärbt und hervorgehoben. Großartig eingesetzt ist wieder Sergej Škofljanec in den Songs Sence, Rock ‚N‘ Roll, Speed Queen und Ne morem brez nje; das absolute Tüpfelchen auf dem «i« setzt mit seinen stimmlichen Eigenheiten der kehlig gefärbte Gesang von Vojo Djuran im abschließenden Zate dal bi vse; äußerst passend ist die Wahl von Samuel Lucas für die Songs Sanja und Kralj sveta; vertreten ist auch der unverkennbare Gesangsstil von Klinars Lebensgefährtin Anja Rupel (Ljubezen še živi) und so weiter.

Den Songs fehlt es nicht an einem Moment der Verschmitztheit! Der steckt in den zahlreichen zusätzlichen ornamentalen Übergangspassagen, die Klinar im kompositorischen Sinne meisterhaft in die Leitmotive einbaut – das verleiht den Songs zusätzliche Saftigkeit und charakterliche Schärfe. Klipp und klar: Gewaltiger Pomp! Purer Bombast! Klinar geht das Ganze als ausgebildeter Musiker an, ganzheitlich in seinen Arrangementlösungen, sodass man unweigerlich das Gefühl bekommt, das Album »63 Special« entfalte sich eigentlich im Geist einer Rock-Oper. Das Element der Synthesizervorhänge mit dem authentischen Sound der Achtziger, kombiniert mit meisterhaften Lösungen bei der Harmonisierung der Gesangsmelodien, verleiht diesem Album die emotionale Energie der AOR-Ästhetik – was in der heutigen slowenischen Musikszene eine echte Seltenheit ist. Eine Stärke und Fähigkeit, die überzeugend nur Musiker beherrschen können, die die Achtziger auf der Bühne geatmet haben. Einer davon ist eben auch Klinči.

Wie gesagt. Das Album ist außerordentlich schön, abwechslungsreich in der Abfolge der Stimmungen, insgesamt klanglich und arrangementtechnisch voller Details. Herrlich »poliert«, wenn man so will. Im Klang wie in den Kompositionen. Es hätte glatte fünf von fünf Sternen verdient. Leider trübt es jene Anmerkung über das Recyceln bekannter Rock-Evergreens, die in einem der obigen Absätze zitiert wurde. Wenn du das Album »63 Special« als eine Art Parodie auf Aleš Klinars zurückgelegte Rockerlaufbahn durch seine ersten 50 Jahre betrachtest, wirst du es völlig unbeschwert genießen. Von der ersten bis zur letzten Sekunde.

Dennoch bestätigt das Album »63 Special«, dass es in Slowenien wohl keinen anderen gibt, der ein Album dieser fulminanten, vollumfänglichen Bombastik hinlegen könnte – charakterisiert durch ein außergewöhnliches Gespür für die ästhetische Verbindung von rockerischer Wucht und melodischer Ansteckungskraft –, und das ist nun mal Aleš Klinar. Hoffen wir, dass da noch das ein oder andere Rockalbum von ihm folgt! Mit originären Eigenideen natürlich.

Denn es ist eine wichtige Tatsache, dass die alten Recken in der slowenischen Musikszene aktiv bleiben. Zusammen mit jungen Retro-Sound-Rockbands ergibt das so etwas wie einen kollektiven Hard-Rock-Geist in Slowenien. Das ist genau das, was schon immer gefehlt hat – und weshalb die Punkbewegung Anfang der Achtziger den Fokus von der Hard-Rock-Strömung übernahm, die damals buchstäblich in alle Einzelteile zerfiel und über die nächsten zwei Dekaden kaum wahrnehmbar blieb. Neue Veröffentlichungen wie »63 Special« von Aleš Klinar und/oder »Nov dan« von Matjaž Jelen sind im Hinblick auf die Stärkung einer echten Hard-Rock-Gemeinschaft im Jahr 2013 sehr wichtige Releases. In der heutigen Zeit gibt es einige vielversprechende neue Bands in Slowenien, die aus der grundlegenden Tradition der alten Hard-Rock- und Rock’n’Roll-Schule schöpfen – neue Veröffentlichungen slowenischer Rockveteranen können den neuen »Retro-Sound«-Wave nur positiv beeinflussen.   

Also herzlichen Glückwunsch an Klinči für die ersten 50 Jahre. Jahrgang ’63 hat definitiv einen ganz besonderen Musikerjahrgang hervorgebracht! Das Abrahamsjahr hat Klinar erreicht. Aber nur nach den gültigen Grundsätzen der mathematischen Axiome – denn Klinar bleibt mit seinen ersten 50 Jahren nach wie vor ein aufrichtig kindlicher Entertainer. Und das ist auch die grundlegende schützende Eigenschaft des Albums »63 Special«.

Besetzung

Aleš Klinar Klinči – Gesang, Keyboards, Hintergrundgesang
Franci Zabukovec – Gitarre
Segej Škofljanec – Gesang, Akustikgitarre, Hintergrundgesang
Cveto Polak – Bass
Boštjan Vajs – Schlagzeug
Miha Gorše – Keyboards 
Anja Rupel – Gesang
Samuel Lucas – Gesang
Nuša Derenda – Gesang
Rok Trkaj – Gesang
Anja Baš – Gesang, Hintergrundgesang
Vojo Djuran – Gesang 

Produktion

Aleš Klinar Klinči

Trackliste

CD 1
01. 63 Special
02. Stari klovn
03. Ogenj
04. Sence
05. Sanja
06. Ljubezen še živi
07. Rock’N’Roll
08. Speed Queen
09. Najdi me
10. Ne morem brez nje
11. Kralj sveta
12. Zate dal bi vse

CD2
01. Vulcano
02. Svobodno sonce
03. Samo milijon nas še živi
04. Cela Slovenija je žgala rock
05. To ni političen song
06. Skarjni čas
07. Od višine se zvrti
08. Lep je dan
09. Poglej me v oči
10. I’Am Not For You
11. Rokerji (live)
12. Eno srce
13. Mesto sanj
14. Kje si ti
15. Pojdi z menoj
16. Odšla bom še to noč
17. Yugo
18. Ne lažeš me ti
19. Vem

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