57th & 9th

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Autor: Peter Podbrežnik

Künstler: Sting
Label: A&M Records / Interscope
Erscheinungsjahr: 2016
Laufzeit: 37:05
Bewertung: 2.5/5

»57th & 9th« ist Stings neuestes Studiowerk, das nach langer Zeit unter hohen, vielleicht sogar übertrieben hohen Erwartungen erschien, da es im Vorfeld als sein erstes Rock/Pop-Album seit mehr als einem Jahrzehnt beworben wurde. Wie so oft in ähnlichen Fällen hat Stings neuestes Projekt leider die hohen Erwartungen all jener nicht erfüllt, die dem Medienhype um die Veröffentlichung etwas zu vorschnell auf den Leim gegangen sind. Die Bezeichnung ‚Pop Rock‘ ist zwar zumindest teilweise gerechtfertigt, denn Stings zwölftes Studioalbum enthält nach wirklich langer Zeit etwas mehr rockige Rhythmen, als wir es von ihm in den letzten fünfzehn Jahren gewohnt waren – doch ist es noch lange nicht das, was sich die Fans seines besten kreativen Schaffens, also dessen, was er auf seinen ersten drei Solo-Alben und mit The Police erschaffen hat, wirklich gewünscht hätten. Warum überhaupt The Police erwähnen? Weil manche vor der Veröffentlichung von »57th & 9th« unwahre Behauptungen verbreiteten, einige der neuen Sting-Songs seien wieder auf dem Niveau von The Police.

Auch diesmal hat der legendäre Musiker eine beneidenswerte Mannschaft von Musikern um sich versammelt, unter denen vor allem seine beiden langjährigen Mitstreiter herausragen: Gitarrenvirtuose Dominic Miller sowie einer der besten Schlagzeuger aller Zeiten, Vinnie Colaiuta, die beide seit Anfang der Neunziger mit Sting zusammenarbeiten. Leider konnte Sting – der die Inspiration für »57th & 9th« bei Spaziergängen durch einen bestimmten Teil New Yorks fand, einst bekannt als das berüchtigte ‚Hell’s Kitchen‘, wo sein Studio liegt – ihre außergewöhnlichen Talente nicht voll ausschöpfen: Auf den meisten Tracks sind die beiden kaum wahrnehmbar, und ihre Aufgaben übernehmen größtenteils weniger begabte Musiker. Zudem gibt es auf dem Album ehrlich gesagt sehr wenig echten Rock, und auch qualitativ hochwertigen Pop sucht man weitgehend vergebens. Auch die Balladen in der zweiten Hälfte von »57th & 9th« sind nichts Besonderes.

Bereits der Eröffnungstrack »I Can’t Stop Thinking About You«, der als Leadsingle des Albums erschien und darauf ausgelegt war, Stings nächster großer Hit zu werden, ist die erste Enttäuschung – er erinnert weit mehr an eine zeitgenössische Indie-Pop-Rock-Band als an The Police. Der weitere Verlauf des Albums ist leider kaum besser für alle jene, die den Ankündigungen einer Rückkehr zu ‚alten Glanzzeiten‘ wirklich geglaubt haben. Den nächsten Track, »50,000«, der noch stärker im Indie-Pop-Rock-Stil gehalten und im Rhythmus langsamer ist, widmete Sting den zahlreichen Musikikonen, die 2016 viel zu früh von uns gegangen sind, wobei er besonders David Bowie, Prince, Lemmy und Glenn Frey hervorhob. Das solide »Down, Down, Down«, einer von zwei Tracks des Albums, die Sting, Miller und Colaiuta gemeinsam geschrieben haben, ist einer der wenigen Songs auf »57th & 9th«, der wirklich gut werden könnte – melodisch erinnert er tatsächlich etwas an Stings frühe, beste Solozeiten –, wenn er nur etwas mehr Lebendigkeit hätte.

Auf »One Fine Day« schlüpft Sting erneut in die Rolle des Umweltaktivisten und warnt im Text vor den Folgen der globalen Erwärmung, während die zentrale Melodie völlig uneinprägsam bleibt. Beim etwas lebhafteren, nennen wir es ruhig rockigeren »Petrol Head« ‚erwacht‘ der Kultsänger wieder ein wenig, doch mehr als ein ’solide‘ ist für diesen Track nicht drin. Im weiteren Verlauf, also in seiner zweiten Hälfte, wird das Album noch langweiliger als ohnehin schon und verliert die letzten, ohnehin spärlichen Rockelemente – es dominieren ziemlich blutleere Balladen (die schlimmste davon ist das akustische »Heading South of the Great North Road«), auf denen Sting seinen früheren Glanz in keiner Weise mehr wiederholen kann, auch weil sich sein Stimmumfang im Laufe der Jahre merklich verringert hat. Würde er nicht seinen ganz eigenen ‚Reggae‘-Stimmklang besitzen, wäre der Mann schlicht nicht mehr wiederzuerkennen.

So erinnern die neuen Balladen, statt an die außergewöhnliche atmosphärische Schönheit vergangener Hits wie den unvergesslichen »Nothing Like the Sun«-(1987)-Klassiker »Fragile«, eher ans Gegrummel eines reichen alten Miesepeters, dem es an nichts fehlt, während auch die begleitenden Arrangements größtenteils nichts Besonderes sind, von den denkbar simplen Rhythmen ganz zu schweigen. Die leicht jazzige Ballade »If You Can’t Love Me«, die Sting, Miller und Colaiuta gemeinsam kreiert haben, enthält zwar etwas mehr rhythmische Vielfalt (endlich ist auch Colaitutas spezifische Schlagzeugtechnik zu hören), hinterlässt als Ganzes aber dennoch keinen tieferen Eindruck. Das Album wird mit dem ziemlich nervigen »Inshallah«, das ein arabisches Gebet enthält und wie das Klagelied eines religiösen Eiferers klingt, richtig  anstrengend. Auf dem letzten Track, der ausgesprochen einschläfernden Ballade »The Empty Chair«, erinnert Sting im Text an den amerikanischen Journalisten John Foley, der von religiösen Fanatikern der berüchtigten Terrororganisation ISIS enthauptet wurde.

»57th & 9th« ist trotz großer Erwartungen leider nicht das Rock-‚Comeback‘-Album von Sting, auf das manche all die Jahre ungeduldig gewartet haben, nachdem sie seine orchestralen und Renaissance-Projekte, mit denen er in den letzten Jahren manchen langjährigen Fan gehörig verwirrt hat, gründlich satt hatten. Es ist wahrlich kein Vergnügen, einen solch großen Musiker zu kritisieren, denn wir alle, die sein kreatives Schaffen aus den späten Siebzigern, den Achtzigern und frühen Neunzigern so hoch schätzen, hätten ihm ein deutlich besseres Album gegönnt als »57th & 9th« – ein Album, das nur die treuesten Anhänger begeistern wird, denen der musikalische Inhalt egal ist, solange Stings Name draufsteht. Es wird immer offensichtlicher, dass der legendäre Musiker beim Wiederbeleben seiner früheren Magie schlicht nicht mehr zurechtkommt und – bei chronischem Mangel an echtem Inspiration und einem schwächeren Stimmumfang – auf ein ähnliches Problem vollständiger Inspirationslosigkeit trifft wie sein alter Freund David Gilmour: Beide driften in den letzten Jahren zunehmend in Richtung des unerwünschten ‚Dad Rock‘-Etiketts.

Besetzung

Sting – Gesang, Bassgitarre, Klavier, Perkussion
Dominic Miller – Gitarre
Vinnie Colaiuta – Schlagzeug
Rhani Krija – Perkussion
Martin Krieszenbaum – Keyboards
Rob Mathes – Klavier
Lyle Workman – Gitarre
Josh Freese – Schlagzeug
Jerry Fuentes – Backing Vocals, Gitarre
Diego Navaria – Backing Vocals, Bassgitarre
Derek James – Backing Vocals
Zach Jones – Schlagzeug
Razan Nassreddine – Backing Vocals
Hazam Nassreddine
Marion Enacheschu – Violine
Jean-Baptiste Moussarie – Gitarre
Salam Al Hassan – Perkussion
Accad Al Saed – Perkussion
Thabet Azzawi – Oud
Nadim Sarrouh – Oud
Nabil Al Chami – Klarinette

Produktion

Martin Kierszenbaum

Trackliste

1. I Can’t Stop Thinking About You
2. 50,000
3. Down, Down, Down
4. One Fine Day
5. Pretty Young Soldier
6. Petrol Head
7. Heading South On The Great North Road
8. If You Can’t Love Me
8. Inshallah
9. The Empty Chair 

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