20th Century Man
Autor: Aleš Podbrežnik
Interpret: Gibonni
Label: Dallas Records
Veröffentlichung: 29.04.2013
Spielzeit: 45:17
Wertung: 2/5
Wer zum Teufel hat dem allzu erleuchteten kroatischen Pop-Rock-Showbiz-Star Gibonni die bescheuerte Idee ins Ohr geflüstert, ein Album auf Englisch aufzunehmen? Die Züge für seinen internationalen Durchbruch sind nämlich schon längst abgefahren. Um den Einstieg noch etwas zu würzen: Gibonni hatte zu einem bestimmten Zeitpunkt seiner kreativen Karriere das Potenzial, ein erfolgreicher Künstler von Weltformat zu werden und sogar an die Erfolge von Zucchero und/oder Eros Ramazotti anzuknüpfen. Warum genau diese beiden? Weil sie ursprünglich nicht-englischsprachige Künstler sind, die es auf der internationalen Bühne genau deshalb geschafft haben, weil sie die Authentizität der Grundlagen der italienischen Musikphilosophie zu bewahren wussten – wenn wir vom Optimum einer Komposition sprechen, die für den Radioeinsatz gedacht ist. »Exotik« im Musikbusiness kann verdammt attraktiv sein.
Gibonni hat also auf seinem neuen Werk seinen wichtigsten Trumpf verspielt – jenen, mit dem er in der Vergangenheit nicht nur außergewöhnlichen Ruhm und kommerziellen Erfolg in Kroatien erlangte, sondern auch jenseits kroatischer Grenzen auf dem weiteren Territorium des ehemaligen gemeinsamen jugoslawischen Markts, und darüber hinaus auch als ausgesprochen qualitätvoller und geschätzter Künstler in den Augen der Musikkritiker anerkannt wurde.
Indem der Mann sich entschied, ein Album auf Englisch aufzunehmen, wurde jene wichtige Tugend und Besonderheit seiner Musik geopfert, die man als mediterranen Trumpf der Authentizität bezeichnen könnte. Genau das hatte Gibonni stets so geschickt den Massen »unterzuschieben« und sie damit zu verzaubern gewusst.
Das Arbeitsteam ist auf diesem Album nach wie vor erprobt und außerordentlich stark. Ebenso der »Songwriter-Nukleus«, der erneut kompakte und bis ins kleinste Detail ausgearbeitete Arrangements liefert. Doch all diese Bemühungen hätten ihr volles Potenzial entfaltet, wenn Gibonni beim Singen auf Kroatisch geblieben wäre. Die Arrangements folgen nämlich der Philosophie der Vorgängeralben, weshalb Kroatisch in dieser Hinsicht die einzig kompatible Sprache ist. Vielleicht hätte bei einem solchen »Experiment«, wie Gibonni es sich diesmal gegönnt hat, eher Italienisch gezündet, sogar Spanisch. Auf keinen Fall aber Englisch. Dass Gibonni zuletzt als Voract vor Simply Red in der Slowakei und in Polen aufgetreten ist, bedeutet, dass die slawischen Völker seiner Musik offenbar aufgrund sprachlicher Verwandtschaft zugeneigt sind – vielleicht sogar weniger wegen der Melodien seiner bekanntesten kommerziell erfolgreichen Kompositionen. Wenn diese internationalen Auftritte der Maßstab für die Entscheidung waren, ein Album auf Englisch aufzunehmen, war das leider ein fataler Fehler. Kids in Uniform? Weltmusik. Okay. Sechs-Achtel-Takt? Africa (Toto). Warum so offensichtlich? Das braucht Gibonni wirklich nicht. Gibonni hat zwar auf dem neuen Album versucht, seine Kompositionsphilosophie, in der er stets große Flexibilität und Offenheit gegenüber Weltmusik gepflegt hat, auszuweiten. So hat er die Trackliste mit dem Titelstück und dem abschließenden Ain’t Bad Enough For R’N’R aufgelockert, die mit einer härteren Rock-Riff-Frisur kokettieren. Ungeachtet der musikalischen Wurzeln des Künstlers, die bis zu seiner Zeit bei den Splitser Rockern Osmi putnik zurückreichen, wirken beide etwas aufgesetzt und ohne echte Inspiration.
Gibonni geht die englischen Verse in der Interpretation äußerst unbeholfen an. Er nuschelt sie regelrecht herunter. Das tut er nicht absichtlich – vielmehr versucht er, sein grundlegendes vokales As auszuspielen, das brilliert, wenn er auf Kroatisch singt. Er versucht, Leidenschaft, Emotion und Authentizität der Botschaften in den Versen herauszuholen. Doch auf Englisch zündet genau dieser Ansatz einfach nicht. Das Album ist dieses Elements schlicht beraubt. Gibonni »weint« förmlich – und das in zweitklassigem Englisch, das nur gelegentlich verständlich ist. Die Klangfarbe der Stimme, die Atmosphäre der Songs, die Energie der Songs. Die gesamte Chemie ist vollständig verändert, und Gibonni ist deshalb kaum wiederzuerkennen.
Das Album weist noch einen weiteren Mangel auf: Ideenarmut. Die ideellen Lösungen greifen auf Ideen zurück, die bereits auf dem Vorgängeralbum »Toleranca« (2010) verwendet wurden. Gibonni hat seinen Hit Žeđam vom Album »Toleranca« kurzerhand neu verpackt, ihm den englischen Titel »Nothing Changes« verpasst und so die knapp 45 Minuten Spielzeit der Platte »gestopft«.
Mit »20th Century Man« ist an sich überhaupt nichts falsch, wenn man es unvoreingenommen und als eigenständige, abgeschlossene musikalische Einheit betrachtet. Doch stellt man es neben den übrigen Opus Gibonnis, verblasst sein Wert buchstäblich. Es verwässert. Hoffen wir, dass dieser »Makel« in Gibonnis Musikkarriere nur vorübergehend ist und Gibonni sich die Zeit nimmt nachzudenken und wieder das zu erschaffen, was er am besten kann und versteht. Das ist das, worin er stets am stärksten war. In seinem Handwerk in Kroatien zweifellos auch der Beste. Also: einen echten Nachfolger von »Toleranca« zu erschaffen und herauszubringen – was »20th Century Man« definitiv nicht sein kann. Leider.
Besetzung
Gibonni – Gesang, Akustikgitarre, Backing Vocals
Masrko Ramljak, Violine, elektrische Violine, akustische & elektrische Gitarre, Mandoline, Backing Vocals
Vlatko Stefanovski – Gitarre
Gavin Goldberg – Gitarre
Miro Lečić – Gitarre
Patrick Murdoch – Gitarre
Andy Wright – Keyboards, Bass-Synthesizer
Maasej Kovačevič – Hammond, Keyboards, Piano, Backing Vocals
Marko Ramljanović – Bassgitarre
Branimir Gazdik – Schlagzeug
Mark Cotgroye – Perkussion
David Daniels – Cello
David Theodore – Oboe
Barnaby Dickinson – Posaune
Graham Flowers – Trompete
Martin Owen – Waldhorn
Richard Watkins – Waldhorn
Teo Brajčić – Backing Vocals
Anthea Clarke – Backing Vocals
Bayley Sanderson – Backing Vocals
Miro Prgo – Backing Vocals
Marko Skogor – Backing Vocals
Tomislav Proela – Backing Vocals
Sian evans – Backing Vocals
Children from Britihs International School of Ljubljana – Backing Vocals
Roachie – Backing Vocals
Produktion
Andy Wright
Trackliste
1. Hey Crow
2. Hide the Mirror
3. Broken Finger
4. My Cloud
5. 20th Century Man
6. Kids in Uniform
7. My Brother Cain
8. She Said
9. Nothing Changes
10. Ain’t Bad Enough for R’N’R