20 Years In History
Künstler: Running Wild
Label: Sanctuary Records
Release: 2003
Bewertung: 4/5
Gleich ein Tipp vorweg! Setz dir die Kopfhörer auf und dreh diese Doppel-CD so laut auf, wie es nur geht. Bei Running Wild hat es mich so seit „Rivalry“ (1998) nicht mehr durchgeschüttelt, dem letzten klassischen Manifest der Band in Viererbesetzung. Diese Kompilation wurde nicht als „Best of“ angelegt, sondern ganz strikt dafür, zu zeigen, was Running Wild in zwanzig Jahren Bandgeschichte waren und was Running Wild sind. Rock’n Rolf, ein furchtbar sturer Kerl, aber ein Künstler, ohne den es Running Wild nie gegeben hätte, ist meiner bescheidenen Meinung nach neben Chris Boltendahl (Grave Digger) der Sänger, dessen Stimme im Heavy Metal auf die ehrlichste Art Wut und rohen Zorn ausstrahlt. Na ja, zumindest im Rahmen des teutonischen Heavy Metal, der sich in den letzten 20 Jahren auf deutschem Boden entwickelt hat.
Die Produktion? Wünsche erfüllt! Die Gitarren sind voll aufgedreht und nach vorne geschoben, dazu ein feuriges Drumming, aufgemotzt durch schockierendes Holzfällen auf dem Doppelpedal, und das sorgt für einen tollen Kontrast und diesen unverkennbar zerstörerischen Bandsound. Lichtgeschwindigkeit! Schnell, schneller, Running Wild! Definitiv. Der Gesang mischt sich in der Produktion irgendwo aus dem Hintergrund ein, als käme er aus einer geschlossenen Telefonzelle. Das sind die Piraten Running Wild! Riechst du das Schießpulver in der Luft, das nur Under Jolly Roger heraufbeschwören kann? Rock’n Rolf hat beschlossen, die Originale ein bisschen umzukrempeln. Dafür hat er das Riffing, die doppelten Terzharmonien und sogar die Basslinien der meisten Songs neu eingespielt. Unangetastet blieben nur die Songs von „Black Hand Inn“ (1994). Vier Songs der Kompilation hat die Band komplett neu aufgenommen.
Und was steckt drin im heißen Inhalt? Wir bekommen zwei nie veröffentlichte Songs, aufgenommen in der aktuellen Besetzung minus Gitarrist Bernd Aufermann (Rock’n Rolf hat sich um alle Gitarren gekümmert). Der erste ist Prowling Werewolf aus der Zeit vor dem Release von „Gates To Purgatory“ (1984). Unglaublich, aber er klingt, als wäre er gestern geschrieben worden und nicht vor zwanzig Jahren. Der zweite Leckerbissen ist Apocalyptical Horsemen, ursprünglich für das Album „Under Jolly Roger“ (1987) geschrieben. Dich interessiert (oder beunruhigt) wahrscheinlich, wie nah Rock’n Rolf mit dem Sound an den aktuellen Running-Wild-Sound herangekommen ist? Von allen alten Schätzchen im neuen Gewand klingt ausgerechnet Apocalyptical Horsemen am nächsten an „The Brotherhood“ (2002). Beide Songs von „Branded And Exiled“ (1985), der Titeltrack und Mordor, wurden in der Besetzung Rock’n Rolf, Bassist Peter Pichl und Drummer Matthias Liebetruth neu eingespielt. Nach dem Gehörten hätte ich überhaupt nichts dagegen, wenn die neue Running-Wild-Besetzung die ersten beiden Alben noch einmal komplett aufnimmt, was heißt: Die Arbeit wurde hervorragend gemacht! Beim Erbe der übrigen Songs hat nur Rock’n Rolf selbst Hand angelegt.
Die Songs der ersten beiden Alben (neben den schon erwähnten auch Prisoners Of Our Time und Genghis Khan) klingen im neuen Look phänomenal und können jetzt stolz neben allem stehen, was die Band von „Under Jolly Roger“ bis heute veröffentlicht hat. Der Effekt des neuen Riff-Gewands ist also bei den Songs aus den Jahren 1984 bis 1986 am offensichtlichsten. Du machst dir wahrscheinlich große Sorgen, dass dabei irgendwas schiefgegangen ist. Die Angst ist überflüssig! Running Wild haben nicht das kleinste Fünkchen verloren. Im Gegenteil! Der neue Sound zeigt Running Wild von ihrer lautesten Seite, zerstörerisch frisch, messerscharf, wiederbelebt und wie immer bis zum Äußersten wütend.
Der Sound killt! Rolf hat die neu eingespielten Parts meisterhaft an die Produktionseigenheiten angepasst, die sich im Lauf der Running-Wild-Karriere von Album zu Album unterschieden haben. Bei den Songs mit erneuerten Basslinien sticht besonders Little Big Horn heraus, dessen Sound im Vergleich zum Original vom Album „Blazon Stone“ (1991), das produktionstechnisch vor allem die hohen Töne abdeckt, jetzt das gesamte Klangspektrum umfasst. Der Bass pulsiert jetzt druckvoll und schneidet durchgehend deutlich auch durch die tieferen Lagen. Unter den Songs mit erneuerten Gitarrenriffs sticht Raise Your Fist hervor. Der Song ist der wahre „Bad Reaper“ der ersten Scheibe!
Wenn die erste CD die Evolution der Band von ihrem Startpunkt aus nachzeichnet, als sie meist kurze, scharfe Brecher komponierten, die „auf Anhieb“ zünden, und in ihren unverkennbaren Stil immer mehr Elemente von Epik und Pomp einbauten, dann zaubert die zweite Scheibe eine Band hervor, die die effektive Formel gefunden hat, die vampirisch wiederbelebte Glut unaufhaltsamer Aggression und epische Verzierungen stimmig zu kombinieren. Gleichzeitig begannen sie mutig, kleine epische Dichtungen zu schaffen, die allesamt die Schlagkraft der Band bewahrten.
Bei der Zusammenstellung der Setlist der zweiten Scheibe hat sich Rock’n Rolf für einen genialen Zug entschieden. Von jedem Album der letzten 11 Jahre nahm er je zwei Songs: einen Aufschlitzer in Lichtgeschwindigkeit und dazu eine „weicher“ gefärbte epische Komposition. Die Songs ordnete er in eine ansonsten chronologische Reihenfolge ein, weil der Titel der Kompilation ihm gar nichts anderes erlaubte, und schaffte es trotzdem, einen außergewöhnlichen dynamischen Kontrast auf der Scheibe zu erzeugen. Auf den Sturzflieger Whirlwind folgt also eines der schönsten Running-Wild-Minie-Epen, Treasure Island, nach Black Hand Inn kommt der erstklassige Blitz aus heiterem Himmel The Privateer, nach dem epischen Fantasy-Stück Ballad Of William Kid der ultraschnelle Splitter Firebreather, zum wieder hochgedrehten Victory hat Papa Rock’n Rolf das pompösere Tsar gepackt und Welome To Hell mit The Brotherhood kombiniert, einer Komposition, geschmackvoll gewürzt mit barockem Cembalo. Die einzige Ausnahme sind die zwei Stücke von „Masquerade“ (1995). Das ist jene besondere Running-Wild-Platte, bekannt als das kompromissloseste Puzzle aus kurzen Brandsätzen, die dem Hörer wie Bombe um Bombe die Schädeldecke durchlöchern. Ich rede von Lions Of The Sea (zweifellos der Höhepunkt von „Masquerade“, das bei durchgehend hoher Voltzahl ein akustisches Intro enthält) und Black Soul, die in dieser Auswahl ihren Platz gefunden haben.
Generell boten die Running-Wild-Alben in der Vergangenheit ein Klangbild, das hauptsächlich darauf ausgerichtet war, die hohen Töne abzudecken. Alles klang hoch. Riffing, Drums, Gesang und obendrein noch die Bassgitarre. Diesmal hat Rock’n Rolf seine 26 Songs phänomenal produziert, denn ihr neues musikalisches Gesicht füllt das gesamte Klangspektrum aus, inklusive der tiefen Lagen. Außerdem hat Rolf das Gitarrenriffing und die Basslinien auch bei den beiden Songs vom verkorksten „The Brotherhood“ aufpoliert. Jetzt klingen auch diese beiden wirklich lebendig, weil sie durch die neue Produktion den blechernen Sound der Drumcomputer erfolgreich überdecken. Die Songs, die ich verschwiegen habe, die aber ebenfalls auf der Kompilation gelandet sind: Blazon Stone („Blazon Stone“, 1991), Riding The Storm, Bad To The Bone (beide von „Death Or Glory“, 1989), Port Royal, Conquistadores (beide von „Port Royal“, 1988) und Under Jolly Roger („Under Jolly Roger“, 1987). Eine fantastische Kompilation, die alle RW-Die-Hard-Fans begeistern wird und mit großer Wahrscheinlichkeit auch den einen oder anderen frisch gebackenen Metaller verzaubern dürfte.
Produktion
Rock’N’Rolf
Tracklist
CD 1.:
1. Prowling Werewolf(04:13)
2. Genghis Khan (04:10)
3. Prisoners Of Our Time (05:23)
4. Branded & Exiled ’03 (03:58)
5. Mordor (04:41)
6. Under Jolly Roger (04:44)
7. Apocalyptic Horsemen(04:38)
8. Raise Your Fist (05:31)
9. Port Royal (04:14)
10. Conquistadores (04:48)
11. Riding The Storm (06:30)
12. Bad To The Bone (04:48)
13. Blazon Stone (06:32)
14. Little Big Horn (04:58)
CD 2.:
1. Whirlwind (04:55)
2. Treasure Island (11:15)
3. Black Hand Inn (04:33)
4. The Privateer (04:22)
5. Lions Of The Sea (05:50)
6. Black Soul (05:21)
7. Firebreather (04:04)
8.Ballad Of William Kidd (8:42)
9. Victory (4:49)
10. Tsar (7:08)
11. Welcome To Hell (04:35)
12. The Brotherhood (06:46)
Spielzeit: 141:28