Tit
Interpret: Cynicism Management
Label: Eigenveröffentlichung
Erscheinungsjahr: 2011
Laufzeit: 76:50
Wertung: 4.4/5
So, da haben wir ihn! Auf der slowenischen Szene ist wieder eine waschechte Progressive-Rock-Band aufgetaucht. Genau so. Mit all den ungewöhnlichen und ungeraden Rhythmen, komplexen Melodien und Strukturen sowie langen Songs. Die etwas kontroversen Cynicism Management haben ihr Projekt ambitionierter aufgestellt, gleichzeitig aber entspannter und vor allem ungewöhnlicher als jede slowenische Band zuvor. Mit einem Hauch Wahnsinn und Exzentrik sind sie eines der einzigartigsten Projekte der slowenischen Musikgeschichte. Mehr noch – ihr Projekt sprengt die Fesseln einer einzelnen Kunstströmung.
Cynicism Management war nämlich bis vor Kurzem eine fiktive Band – ähnlich wie Porcupine Tree einst nur eine fiktive Erfindung von Wilson war. Cynicism Management war die Band in dem entstehenden Roman des Kopfes hinter dem Projekt, des Schlagzeugers Borut Praper (der Roman wird den Titel „Epic Tales of Cynicism Management“ tragen und auf Englisch erscheinen, da das Projekt von Anfang an – und natürlich nach wie vor – für den internationalen Markt gedacht war), der sein Konzept als „Web-Literatur-Musical in Fortsetzungen“ beschreibt (die einzelnen Storys der epischen Abenteuer der Band veröffentlichte er nämlich auf einem Blog). Die Musik, die beim Schreiben dieser Storys entstand, war also ein Nebenprodukt eines rein literarischen Schaffensprozesses. Bald widmete sich die Gruppe, mit der Borut das Projekt entwickelte, mehr und mehr der Musik – was nicht weiter verwunderlich ist, sind es doch Musiker. Die Gruppe begann bald auch live aufzutreten, und es wäre bescheuert gewesen, sich weiterhin als fiktive Band zu präsentieren – so entstanden die lebendigen, aufgedrehten und vor allem lauten Cynicism Management.
Mitte 2011 erblickte dann auch das Album „Tit“ das Dunkel der Welt. Mit einem vielsagenden Titel – was natürlich zum Standing der Band passt – ist dieses runde, düstere Ding (nein, ich meine nicht die Brüste auf dem Cover, sondern die CD) ein weiteres Zusammenspiel mehrerer Kunstbereiche: an erster Stelle natürlich die Musik mit ihren hervorragenden Texten, und an zweiter Stelle das Grafikdesign – das gesamte visuelle Erscheinungsbild des Covers und des enthaltenen Booklets verkörpert vollständig den Audioinhalt der Platte (verantwortlich dafür ist übrigens Matej Peklar). Das Album wartet mit einer beachtlichen Laufzeit auf – die zynischen Progressiven (oder besser: die progressiven Zyniker) hört man ganze 76 Minuten lang, aufgeteilt auf ein gutes Dutzend Stücke. Ein gutes, weil sie, nun ja, gut sind – es sind natürlich 12.
Das Album ist mit allem Gesagten und auch mit den Titeln zumindest teilweise konzeptuell. Die Texte sind natürlich vollständig auf Englisch, eben wegen des bereits erwähnten Zielpublikums – obwohl die erste Offensive natürlich auf die slowenische Szene gerichtet ist. Doch über allem steht eine Lyrik, die zynisch, sarkastisch, kontrovers, vulgär, düster und respektlos-frech ist. Du weißt nicht, ob es dich niederschmettern oder zum Lachen bringen soll. Du weißt nicht, ob die Musik depressiv ist oder einfach nur so subtil witzig. Instrumental ist ein Großteil davon zweifellos Ersteres. Düstere, stellenweise schon metallische Passagen reißen die komplexen Melodien auseinander, und die fantastische Sängerin Monika Fritz begleitet sie dann mit Growling – genau dann ist auch der lyrische Wert am stärksten und überzeugendsten. Manchmal wirkt die Musik repetitiv und etwas eintönig, doch dann entdeckst du unzählige kleine instrumentale Einschübe, die durchgehend einen anderen roten Faden mit dem Gesang bilden. Genau deshalb verdient das Album nicht nur mehrfaches Hören – diese Durchläufe sind notwendig, um das Album in vollen Zügen zu genießen und den Genuss vollständig auszukosten.
Instrumental ist das Album damit ausgereift, stellenweise hervorragend und ansonsten sehr solide im internationalen Vergleich. Das hervorragende Zusammenspiel dunkler Gitarrenmelodien und ambienter Keyboards mit schwereren Riffs und lauten Basslinien dient eher dem Gesang und den Texten als umgekehrt. Sehr selten lassen sich die Musiker auf längere Soli ein, wie es Progressive Music eigentlich vorsieht – stattdessen glänzen Cynicism Management mit hervorragenden langen Intros. Da Borut Praper in erster Linie Schlagzeuger ist, wird dem Schlagzeug große Aufmerksamkeit gewidmet – in den schwereren Parts steht es im Vordergrund, ansonsten passt es sich hervorragend der Melodielinie an. Das gesamte Album ist jedenfalls eine Sammlung von bemerkenswert gutem Progressive Rock und sogar Metal – genau das, was die slowenische Szene dringend, dringend gebraucht hat.
„Tit“ ist ein Album der Superlative und zweifellos ein Meilenstein bei uns. Das Projekt, das sowohl in seiner Grundidee als auch in seiner Umsetzung experimentell ist, muss gehört und als Teil des Mosaiks festgehalten werden, das unser musikalisches Bewusstsein bildet. Ganz besonders wegen seiner Ambition und überhaupt wegen der Eier und des Verstands, die es braucht, so etwas zu machen und dahinterzustehen. Und wenn ihr mich jetzt entschuldigt – ich gehe mir die wunderschönen Brüste auf dem Cover von „Tit“ ansehen und die fantastische Musik von Cynicism Management hören.
Besetzung
Monika Fritz – Gesang
Jan Urbanc – Gitarre
Borut Praper – Schlagzeug, Keyboards, Programmierung, Bassgitarre, Gitarre
Aljaž Tulimirović – Gitarre, Bassgitarre, Kazoo (6, 10, 12)
Stojan Kralj – Gitarre (10)
Jure Praper – Gitarre (11)
Produktion
Borut Praper
Tracklist
1. TV Turns on You
2. Life Malignant
3. Bad Bad Boy
4. Right Humpster
5. Another Place Another Time
6. Iniquity
7. Touring My Backyard
8. Whence She Came
9. Tit
10. Herbal Haze
11. Four-Circle Penile Substitute
12. The End of the Vilewood Road