Three Friends

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Autor: Peter Podbrežnik

Interpret: Gentle Giant
Label: Vertigo Records
Veröffentlichung: 1972
Bewertung: 4.5/5

„Three Friends“ ist das dritte Album dieser Meister des experimentellen symphonischen Prog Rock und zugleich ihr erstes Konzeptalbum. Das Konzept selbst ist im Kern denkbar simpel und erzählt die Geschichte von drei zunächst unzertrennlichen Freunden, die nach den unbeschwerten Kindertagen erwachsen werden, auseinandergehen und jeweils ein völlig anderes Lebensschicksal einschlagen. Der erste wird Fabrikarbeiter, der zweite Anstreicher und der dritte Lehrer. Keiner von ihnen ist mit seinem Job sonderlich glücklich, also schwelgen alle der Reihe nach nostalgisch in Erinnerungen an die glückliche Kindheit. Wo der glänzende Vorgänger „Acquring The Taste (1971)“ ziemlich düster und extrem experimentell klang, ist „Three Friends“ deutlich lockerer und klingt härter, denn Greens Gitarre bzw. seine hardrockigen Soli bekommen hier wieder etwas mehr Raum. Die Keyboards stehen diesmal etwas weniger im Vordergrund, sind deswegen aber kein bisschen weniger mitreißend, und „Three Friends“ geizt nicht mit symphonischen Elementen. Die meisten Soli der einzelnen Musiker sind sogar noch besser als auf dem letzten Album, und so steht das Album auch für ihre stetige musikalische Weiterentwicklung. Vor allem aber durchzieht „Three Friends“ eine ungemein witzige Stimmung mit zynischen Texten, die das gesellschaftliche System verspotten, das Menschenschicksale lenkt und uniformiert, und die zugleich den Verlust der kindlichen Unschuld an die tägliche Routine der Sklaverei fürs Geld anprangern. Die Jungs haben immer wieder bewiesen, dass sie nicht nur exzellente Musiker, sondern auch erstklassige Satiriker waren. Den Original-Drummer Martin Smith ersetzte auf „Three Friends“ Malcolm Mortimore, der es als Schlagzeuger nur auf diesem einen Album aushielt. Wie sein Vorgänger ist Mortimore ein jazzgeschulter Drummer, nur dass er noch mit mehr Wucht auf die Felle drischt. Die Gesangsharmonien, die für die Band so typisch sind, gehören auch diesmal zu den größten Stärken des Albums. Gentle Giant haben mit „Three Friends“ weiter die Grenzen der Rockmusik ausgelotet und ein weiteres unvergessliches Meisterwerk geschaffen, das zu ihren besten Arbeiten zählt.

Der Opener „Prologue“ hat einen glänzenden Jazz-Fusion-Rhythmus, der uns im Nu ins Konzept und in die Stimmung des Albums hineinsaugt. Greens Soli sind exzellent und wechseln fließend zwischen jazzigen und hardrockigen Linien. Am besten bringen den Song die witzigen, fast „kinderliedhaften“ Übergänge auf den Punkt, in denen Phils Gesang kindliche Unbekümmertheit versprüht. Percussion und Vibrafon vertiefen das noch und zaubern eine Atmosphäre, als würde jene Person vorbeiwatscheln, nach der die Band benannt ist. Das ist neben den vielstimmigen Gesangsharmonien eines der Markenzeichen der Band. Ein wunderbarer jazziger Ausklang macht den Song noch eine Spur besser. „Schooldays“ hat außergewöhnliche vielstimmige Gesangsharmonien, die zu diesem Zeitpunkt schon zu einem der Markenzeichen der Band geworden waren. Sie erzeugen ganz bewusst eine schelmische, lausbubenhafte Kinderstimmung. Diese einzigartigen Gesangsharmonien und die lausbubenhaften Instrumentalpassagen malen uns wirklich drei freche Rotzlöffel vor Augen, die mitten im Unterricht die anderen Kinder ärgern, während der Lehrer längst an ihnen verzweifelt ist. Dann setzt ein düstererer zweiter Teil auf den Keyboards ein, der herrliche Symphonik hereinbringt und zugleich plötzlich ernüchtert und den kindlichen Dummheiten ein Ende setzt. Dazu gesellt sich eine ungemein schöne symphonische Melodie, in der Minnear mit Operettenstimme singt. Plötzlich folgt aber wieder eine völlig andere Melodie, aufgebaut auf Percussion und Vibrafon, die erneut an fröhliche, unbeschwerte Schultage und die Streiche des scheinbar unzertrennlichen Trios erinnert. Doch die unbeschwerten Kindertage gehen natürlich irgendwann zu Ende, wenn die Zeit der täglichen Routine und des Überlebenskampfs beginnt. Bei „Working All Day“, wo das Album kurz wieder eine etwas härtere, hardrockigere Wendung nimmt, wird das mehr als deutlich. Der Song stellt anschaulich das Schicksal des ersten der Freunde dar, der Fabrikarbeiter geworden ist und jeden Tag wie ein Tier für ein Stück Brot schuften muss. Sein Leiden bringen die dicke Basslinie und Dereks fast märtyrerhafter Gesang perfekt rüber (hört euch den Text an, in dem er sich über sein ziellos dahintreibendes Schicksal und über die Eltern beklagt, die ihn als Kind vernachlässigt haben). Phils Bläser und Minnears Moog-Synthesizer-Soli, bei denen euch die Kinnlade runterklappen wird, dazu Greens hardrockige Soli im Schlussteil, würzen den Song zu einer herausragenden Fusion. Es folgt das großartige „Peel The Paint“, das wohl den Höhepunkt des Albums darstellt und bei dem Green auf der Gitarre alles gibt und außergewöhnliche psychedelische Soli herausholt. Dasselbe gilt für Phil am Saxofon und Minnear an der Orgel, der immer wieder beweist, dass er einer der Größten seiner Zeit war. Bei der Stimmung dieser Komposition fällt es nicht schwer, sich einen Anstreicher vorzustellen, der sich jeden Tag mit Farbe abmüht, die ihm in die Augen tropft, und der von der täglichen Routine schon völlig apathisch ist. Der Schlussteil ist klasse, wenn sich die hardrockigen Gitarrensoli mit Dereks ungemein pompösem Gesang überlagern und so eine außergewöhnlich rohe, düstere Melodie entsteht. Die Stimmung des Songs ist insgesamt ziemlich düster, und die Komposition erinnert in ihren Übergängen und den meisten Instrumentalsoli ein wenig an Werke ihrer Zeitgenossen Van Der Graaf Generator. „Mister Class And Quality“, dessen zynischer Titel schon alles sagt, steht für einen strengen, aber verklemmten Lehrer ohne einen Funken Autorität. In seiner Struktur ist er ausgesprochen dissonant, auf einem Mid-Tempo-Rhythmus aufgebaut und hat ein ungemein witziges, fast tragikomisches Ende. In dieser Komposition kommen wieder die unverkennbaren Folk-Rock-Elemente der Band zum Tragen, am besten verkörpert durch Rays Violine. Das abschließende Kunstwerk „Three Friends“ ist dann ein wahres Meer aus Keyboards, die langsam gegen die „Felsen“ der übrigen Instrumente branden. Greens Soli sind auch diesmal ungemein scharf und lassen zugleich die ganze Zeit Platz für eine hochintelligente jazzige Rhythmuslinie. Manchmal frage ich mich echt, was gewesen wäre, wenn Green mal bei irgendeiner Hard-Rock- oder Metal-Band gespielt hätte. Vielleicht wäre er heute einer der bekanntesten und beliebtesten Gitarristen, statt einer der am meisten übersehenen und vergessenen. Dereks Gesang ist hier extrem dramatisch und erinnert an manchen Stellen sogar leicht an Peter Gabriel (Genesis). Die Gesangsharmonien im zweiten Teil erzeugen eine ungemein „kathedralenhafte“, episch-symphonische Stimmung, die ein echter Leckerbissen für alle Symphonik-Fans ist. Minnears Moog bzw. das Zusammenspiel von Orgel und Gitarre sorgen für eine sich steigernde Atmosphäre von enormer Intensität. Hier kommen alle besten Elemente der Band im besten Licht zusammen, und deshalb zählt der Song zu den besten Kreationen der Band überhaupt und ist zugleich ein glänzender Abschluss des Albums.

Gentle Giant haben mit „Three Friends“ (wieder einmal) ein ungemein einzigartiges Album geschaffen, das etwas weniger bekannt ist als ihre übrigen Meisterwerke, aber in seiner Originalität aus hochgradig ausgefeilten und komplexen Kompositionen nicht weniger begeisternd. Die Strukturen der einzelnen Songs sind etwas stärker miteinander verbunden als auf „Acquring the Taste“, weshalb das Album für ein breiteres Publikum etwas leichter zugänglich, aber deswegen nicht weniger komplex ist. Ohne Zweifel eines ihrer besten Alben, das die Aufmerksamkeit aller Musik-Feinschmecker verdient, deren anspruchsvollen Geschmack man mit simplen musikalischen Strukturen kaum zufriedenstellen kann. Leider ist „Three Friends“ heute eines von vielen vergessenen Meisterwerken der goldenen Ära des symphonischen Prog Rock, das man in den Läden nur noch schwer findet. Deshalb hoffe ich sehr, dass dieses Meisterwerk bald eine Neuauflage bekommt, und zwar unbedingt mit dem originalen europäischen Cover (das amerikanische hat nämlich einfach das Cover vom ersten Album) und so auch für alle leichter zugänglich wird, die das Album noch nicht hören konnten.

Besetzung

Derek Shulman – Gesang
Gary Green – Gitarre, Percussion
Ray Shulman – Bass, Violine, 12-saitige Gitarre, Backing Vocals
Phil Schulman – Saxofon, Backing Vocals
Kerry Minnear – Keyboards, Vibrafon, Percussion, Moog, Backing Vocals
Malcolm Mortimore – Schlagzeug

GASTMUSIKER:
Calvin Shulman, Rays Sohn (Kinderstimme auf Schooldays)

Produktion

Gentle Giant

Tracklist

1. Prologue (6:12)
2. Schooldays (7:33)
3. Working All Day (5:07)
4. Peel The Paint (7:25)
5. Mister Class And Quality? (5:51)
6. Three Friends (3:00)

Spieldauer: 35:08

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