The Final Frontier

0 8

Autor: Aleš Podbrežnik

Künstler: Iron Maiden
Label: EMI Records
Erscheinungsjahr: 2010
Laufzeit: 76:37
Bewertung: 4.5/5

Das neue Iron Maiden und ihr 15. Studioalbum bringen eine endgültige Abgrenzung. Ist das wirklich ein Abschied und ein Requiem der Band – oder bloß der Beginn einer neuen Ära? Eine Band, die so ziemlich alles gesehen hat. Eine Band, die neben Judas Priest und Black Sabbath entscheidend die Entwicklung des modernen Metals und seine Definition geprägt hat. Pioniere, vor denen alle anderen den Hut ziehen.

„The Final Frontier“ ist wirklich so eine Art Meilenstein ihrer Karriere. Vielleicht wirst du überrascht sein – aber nach Dickinsons Rückkehr auf seinen angestammten Platz in der Band wirkt es als viertes aufeinanderfolgendes Album am überzeugendsten in dem, was Iron Maiden der Welt seit „Brave New World“ (2000) sagen wollen. War „Brave New World“ das Album der Wiedergeburt des klassischen Iron Maiden-Images, das andeutete, wohin die Reise in der Zukunft führen würde, so waren „Dance Of Death“ (2003) und „A Matter Of Life And Death“ (2006) die Bestätigung des Abenteuers auf noch unerforschte und unentdeckte Musikgefilde der Band. Jedes Mal, wenn wir zu den beiden Vorgängeralben zurückkehren, lässt sich ihnen die Qualität nicht absprechen. Iron Maiden haben damit bewiesen, dass sie auch in den reifen Jahren ihrer Musikkarriere interessant bleiben. „The Final Frontier“ aber hat diese „Reisen“ der Band ins Unbekannte bisher am wirkungsvollsten auf den Punkt gebracht.

Haben sich Maiden früher noch damit herumgeschlagen, wie viele der typischen Charakteristika, die das musikalische Bild dieser Band definieren, sie bewahren müssen und wie viele sie zugunsten einer Erweiterung ihrer Ausdruckspalette opfern können – genau auf „The Final Frontier“ sind Iron Maiden auch in dieser Hinsicht gereift. Das Album schafft es, alle Charakteristika des Iron Maiden-Sounds, den die Band seit 1980 auf ihren Alben entwickelt, zusammenzufassen und gleichzeitig Elemente in die Songs zu packen, die mit ihrer Frische und ungewöhnlichen Kombinationen überaus überraschen – was nur eines bedeutet: Sie haben etwas Neues und Anderes angeboten! Das „Ungewöhnliche“ greift dabei nach den Jugendjahren der Bandmitglieder. Den Wurzeln der „Pre-Maiden“-Ära!

Wurzeln im Sinne des musikalischen Aufwachsens mit Alben, die die Jugend der Bandmitglieder geprägt haben. Wenn du mit Alben aufwächst, die so interessante Bands (mit Pioniercharakter) wie Nektar, Argent oder Stray herausgebracht haben, kann in dieser Hinsicht eigentlich nicht viel schiefgehen. Natürlich – solange man die Dinge auf seine eigene Art macht. Und Steve Harris weiß das, Gott sei Dank, nur zu gut! Die Arrangements sind nämlich allesamt anspruchsvoll. Sie vereinen viele Motive, viele Tempowechsel, vielerlei Stimmungen. Nichts Neues für Maiden, wirst du sagen. Aber der banale Effekt schnell konsumierbarer und dadurch vergesslicher Songs à la Wildest Dreams ist auf dem neuen Werk vollständig verschwunden! Das ist bereits eine der Leistungen, die der Band auf diesem Album gelungen ist, und für die du ihr sehr dankbar sein wirst – sie wird dir helfen zu erkennen, dass es sich um eines der besten Alben der Post-„The X Factor“-Ära der Band handelt. Die zweite wichtige Beobachtung: Nirgendwo wirst du unter multiplen Refrainwiederholungen leiden müssen. Das gehört der Vergangenheit an. Auf Kosten der außerordentlichen Lebendigkeit der Arrangements.

Das Album überrascht bereits mit dem Intro des Titeltracks. Beinahe tribale Rhythmen dröhnen im Zeichen panikartiger Bestürzung und schießen uns direkt auf einen fremden Planeten. Dort wartest du als einer der letzten Überlebenden einer menschlichen Kolonie auf die finale Abrechnung mit einer fremden Rasse. Es fällt nicht schwer, sich auf der Brücke eines Raumschiffs mitten in einem Kreuzfeuer aus Lasern zu wähnen. Das Gitarrenmuster erinnert an alarmierendes Sirenengeheul, vor uns entfaltet sich das düstere Szenario der letzten Schlacht der Begegnung der dritten Art. Dann tritt Bruce plötzlich hinzu und vertieft dieses Theater mit seinem Gesang. Nach viereinhalb Minuten kommt eine Pause. Die Band bricht schockierend weiter mit einem eigentlich banalen Rocker-Riff, und der Hörer ist immer noch beim ersten Song – Sattelite 15… The Final Frontier! Sofort spürt man an dieser Stelle des Albums eine außerordentliche Lockerheit. Keine Hypotheken aus vergangenen Werken, keine Rücksicht auf Erwartungen und Forderungen von Fans, die immer nur den „Trooper“-mäßig aufgedrehten Riff-Galopp fordern! Können wir von einem Upgrade zu The Reincarnation Of Benjamin Breeg vom letzten Album sprechen? Beim Retro-Rocker-Riff in der Strophe – definitiv. Die pompös angelegte Melodie entlockt im Refrain zum ersten Mal das traditionelle Maiden-Gesicht. Unglaublich frische und unvorhersehbare Entwicklung gleich am Anfang. So überraschend wie der Beginn des Songs ist aber auch sein Ende – Maiden hören einen Ton zu früh auf. Das ist ein „unvollendetes“ Ende. Danach kommt El Dorado, das so einsetzt, wie Bands normalerweise in klassischen Outro-Abschlüssen ansetzen – und genau der fehlt bei Sattelite 15… The Final Frontier absichtlich. El Dorado ist der vorhersehbarste Song des Albums, dem man aber keinen Augenblick lang das Gefühl eines töricht trivialen Minimalismus anheften kann, der gerne den ersten Song des letzten Albums oder des vorletzten Albums befallen hat. Die Band setzt weiterhin einen Riff ein, der eher dem klassischen Hard-Rock als dem Metal zuzuordnen ist, unterlegt ihn mit dem The Trooper-Galopp und lenkt den Hörer so von „Kleinigkeiten und unbedeutenden Anmerkungen“ ab. Trotz der Anmerkung, dass die Songs anspruchsvoll konstruiert sind: El Dorado ist der am schnellsten zugängliche Moment des Albums.

Jetzt erst beginnt das Album richtig abzuheben und sich zu einem echten Leckerbissen zu entwickeln. Von hier an gelingt es Iron Maiden nämlich, die Charakteristika der klassischen Definition ihrer Musik mit dem „neuen“ Gesicht ideal zu verbinden. Also der Einsatz klassischer Tricks wie der perfekt ausgeführten Harmonien in Terzen mit dem Hauch ewiger keltischer Melancholie, Harriss reißenden Basslinien (der betonte „Treble“-Effekt wird dich auch diesmal nicht im Stich lassen), den typischen einzigartigen Übergängen von Nicko McBrains stets gewitzt belebtem rhythmischen Fundament und den episch angelegten Lead-Refrains von Bruce Dickinson, der mit seiner Performance wieder einmal in jeder Hinsicht den Titel „Air Raid“ rechtfertigt.

Und was macht dieses Album noch so interessant? Mehr als je zuvor spürt man das Wirken der Autorenpartnerschaft Dickinson-Smith, was zu bestimmten Gefühlen einlädt, die (gewollt oder ungewollt) von Dickinsons besten Solo-Studioarbeiten („Accident Of Birth“, „Chemical Wedding“) auf das Album übertragen werden. Ja. Ungeachtet dessen, dass Harris als Letzter seinen Chefstempel „akzeptiert“ auf alles drückt, bevor das geschriebene Material auf irgendeiner neuen Maiden-CD landet. Die Sache ist ausgesprochen willkommen und gefällig. Noch bevor wir die CD in den Player einlegen, werden wir mit diesem Witz konfrontiert. Einer der neuen Songs trägt denselben Titel wie ein Song aus Dickinsons Solo-Album „Chemical Wedding“ (The Alchemist). Ungeachtet dessen, dass kein bewusstes Schielen – und (Gott bewahre!) kein absichtliches Anlehnen – bei der Inspirationssuche für neues Material an Dickinsons Soloarbeiten stattgefunden hat, ist die Sache energetisch so stark verwoben, dass sie sich ganz von selbst, völlig spontan, zum Ausdruck drängt.

Dieses Gefühl umreißt noch im ersten Teil des Albums der Song Coming Home. Die Strophe dieses Songs ist mit dem Anschlagen cleaner Akkorde unterlegt, die sanft die Energie von Dickinsons Werken wie Chemical Wedding, Book Of Thel oder The Alchemist aufblitzen lassen. Dieses Gefühl vertieft auch Smiths Solo im weiteren Verlauf sowie der mittlere Instrumentalteil.

Iron Maidens neuer Song The Alchemist hat mit Dickinsons gleichnamigem Song nur so viel gemeinsam, dass ihn derselbe Sänger singt. In ihm meldet sich auch erstmals Janick Gers als Autor zu Wort. Der Song trägt nämlich einen Rhythmus aus der „Blaze Bayley Era“, verkörpert etwa durch den Song Man On The Edge. Besonders in der Strophe. Den pompösen Höhepunkt erreicht dieser Stampfer des Albums natürlich im Refrain, den Maiden meisterhaft ausbauen, um die tragisch-melancholische Atmosphäre durch wiedererkennbare keltische Harmonien anzuheben.

Einer der schönsten Songs des neuen Albums ist ohne Zweifel Isle Of Avalon. Er trägt eine akustische Unterlage, die stark auf Harriss Basslinien stützt, welche beim Vertiefen die Magie des Albums „Seventh Son Of A Seventh Son“ zum Leben erwecken – besonders jene stillen atmosphärischen Passagen des Titeltracks des klassischen Maiden-Albums. Isle Of Avalon ist auch ein Vorbote der ausdrucksstärkeren und überzeugenderen zweiten Hälfte des neuen Iron Maiden-Albums. Dieser Song ist zugleich auch der einzige Moment, bei dem Steve Harris mit Basslinien in den Einleitungsteil eines Songs „drängt“. Diese Teile sind auf „The Final Frontier“ fast ausschließlich die Domäne der Gitarristen! Es folgt Starblind, der das Gefühl des Albums „Seventh Son Of A Seventh Son“ stellenweise erneut unterstreicht.

Starblind ist ein Stück, bei dem die Jungs gitarrentechnisch mit einer eingängigen rhythmischen Phrase unterlegen, die dem Song den „Drive“ eines mittleren Tempos verleiht und damit eine hervorragende Absprungrampe für die Schaffung einer hochvibranten Atmosphäre von tragischen Ausmaßen bietet. Melodisch verdankt er einige Parallelen zu Bruce Dickinsons besten Solo-Arbeiten (vor allem der Refrain und Dickinsons einleitendes Gesangsmotiv). Eine Überraschung ist aber das Bindeglied zwischen Refrain und Strophe, das der Vers „Take my eyes for what I’ve seen…“ einleitet – denn es fällt nicht schwer, gewisse Ähnlichkeiten mit dem Maiden-Klassiker Infinite Dreams und dem Teil zu beschwören, den der Vers „Even thought it reached new heights…“ einleitet.

The Talisman ist bis zu einem gewissen Grad aufgrund des trotzig anstürmenden Galoppierens im Rhythmus eine Zusammenfassung der Energie des Marsches Out Of The Silent Planet vom Album „Brave New World“. Es ist einer der aufgedrehtesten Momente des Albums mit einem fantastischen Refraingesang, der beim überzeugenden Präsentieren des klassisch-einzigartigen Kodex der Maiden-Pomposität nicht spart! In den Refrain schleichen sich – mehr als effektiv – wieder die typischen keltischen Harmonisierungsverzierungen ein, die die Energie des neuen Songs The Alchemist heraufbeschwören. Interessant ist der mittlere lebhafte Teil, in dem das „weinende Ziehen“ über die Saiten des Solos einige Lektionen zeigt, die beim genialen Pioniergeist von Ritchie Blackmore (Deep Purple, Rainbow, Blackmore’s Night) abgeschaut wurden, und das Gefühl unterstreicht, dass das neue Album am direktesten bisher Iron Maidens Wachstum und Ursprünge in der Musik der Großen des Rock-Handwerks der Siebzigerjahre ausdrückt.

Bei dieser Feststellung kommen wir also nicht an den mittleren Instrumentalpassagen vorbei, wenn wir sagen, dass „The Final Frontier“ eines der interessantesten Alben der „Post-The X Factor“-Maiden-Ära ist. Diese sind nämlich die wichtigste Garantie für eine unvorhersehbare Entwicklung der Songs, die den geforderten Überraschungsfaktor nicht nur einbringen, sondern auch dramatisch vertiefen. Angesichts der erfrischend klingenden neuen Arrangements sind diese Teile vor allem in den Songs von Nr. 6 (Isle Of Avalon) bis 10 (dem letzten) eingebaut. Das vertieft das allgemeine Gefühl eines ausdrucksstärkeren, inspirierteren und interessanteren zweiten Teils dieses Albums – auch wenn wir nirgends mehr auf so einen starken Experimentiermoment stoßen wie ihn das Intro des Albums „The Final Frontier“ bietet. Auch The Man Who Would Be King ist einer der interessantesten und lebendigsten Songs des Albums. Einfach die beeindruckendste Entwicklung im mittleren Instrumentalteil, wo Dave Murray einmalig auf dem Album die Rolle des Solisten übernimmt. Der Ausgang dieses Songs in der harmonisierten Gitarrenpassage beschwört die Energie des Albums Somewhere In Time herauf. Der Gitarrensound! Obwohl er nicht durch Gitarrensynthesizer geleitet wird, wie es ein Merkmal des besagten klassischen Iron Maiden-Albums ist. Der Ausgang zieht zum besagten Album hin, und zu diesem Gefühl trägt höchstwahrscheinlich die Tatsache bei, dass „The Final Frontier“ genau im selben Studio aufgenommen wurde wie „Somewhere In Time“ – dem grandiosesten Moment des Iron Maiden-Opus.

„The Final Frontier“ ist noch ein weiterer Reifemeilenstein. Es ist das erste Album seit der Aufnahme dreier Gitarristen in die Band, das auch die Arbeit aller drei am besten nutzt! Für die Inspiriertheit und Frische verdient in erster Linie Adrian Smith das meiste Lob. Das ist wieder „sein“ Album. Er spielt die meisten Soli, kümmert sich um die Definition der Soundeffekte, die in den einzelnen Songs vorherrschen und dadurch bestimmte Stimmungszustände der Album-Momente zum Leben erwecken – kurz gesagt: Adrian ist auf „The Final Frontier“ das stille erste Antriebsrad, das die Entwicklung von Iron Maiden hinter sich herzieht! Dieses Gefühl hat Adrian auch gleich nach seiner Rückkehr zu Iron Maiden eingebracht, als „Brave New World“ entstand. Die anderen beiden Gitarristen, Janick Gers und Dave Murray, liefern Smith größtenteils das Fundament für die Solopassagen. Gers steuert Soli für den ersten Song des Albums sowie auf The Alchemist und The Talisman bei, während Murray nur im mittleren Teil von The Man Who Would Be King zu hören ist. Und selbst da ist der Gitarrist in der Produktion auf die gleiche Lautstärkeposition wie Smiths Motiv eingestellt. Dieser Trick ist nicht der einzige auf dem Album und ist eigentlich sein wichtiges Alleinstellungsmerkmal.

Alle drei Gitarristen sind nämlich durchgehend klar im Mix des Klangbilds zu hören. Sie füllen dessen Spektrum meisterhaft und lückenlos, und ein solches Spektrum der Klangverteilung hat absolut keine „Lücken“. Noch mehr: Alle drei Gitarristen verwenden durchgehend unterschiedliche Phrasen, mit denen sie die Melodie der Songs halten, was eine phänomenale Belebung der Arrangements schafft und dem Hörer einen Knochen zum Nagen bietet, an dem er so schnell nicht müde wird zu nagen. Das ist ein sehr wichtiger Baustein für die Errungschaft der brillanten Dynamik des neuen Albums, die aber auch durch die erneute Integration der Keyboards erweitert wird. Diese schleichen sich stellenweise in den Hintergrund und wirken wie ein sanfter sinfonischer Schleier – durchdachte Implantationen für den idealen Endeffekt der Ausweitung des Drama-Moments des gesamten „The Final Frontier“-Theaters.

War Sign Of The Cross sozusagen das Seventh Son Of A Seventh Son der Maiden-Neunzigerjahre – oder mehr noch, eine Rekapitulierung des unvollendeten, zu Unrecht gekippten „No Prayer For The Dying“-Epos Mother Russia – so hat diese Energie im neuen Jahrtausend definitiv nicht abgebremst. Sie hat sich auf Songs wie Nomad, Dance Of Death und später The Legacy übertragen. Wir reden also von einer neuen Manifestation dieses Epos! Das ist When The Wild Wind Blows! Das Epos des neuen Iron Maiden, wie die Jungs es seit To Tame A Land schreiben (wenn man den ersten Hauch in Hallowed Be Thy Name und Phantom Of The Opera nicht mitzählt). In den neuen Zeiten gereift, so wie Iron Maiden im arrangertechnischen Sinn des Komponierens neuer Songs gereift sind. Ein fantastisches Epos, garniert mit erschütternden Harmonien in Terzen und der lebendigsten, unvorhersehbarsten Entwicklung, die durch Dickinsons fantastische Refrains zusammengehalten wird; es wendet sich in den Gesangsmotiven mehrmals und ist auch durch mehrmalige Energierotation veredelt, die von Tempowechseln verwirbelt wird. Ein Song, der ans Ende des Albums gehört – und der die neuen Iron Maiden in neuen Zeiten am wirkungsvollsten vorstellt! Haben wir vorhin mit Anspielungen auf Werke von Iron Maiden-Vorbildern vom Typ Nektar gestichelt, so ist das ein Song nach dem Vorbild des Lehrbuchs der adventivsten Werke der Rock-Bands der Siebziger. Wegweisend für die Geburt und Essenz von Iron Maiden. Deshalb vermitteln Iron Maiden auf „The Final Frontier“ oft nicht das Gefühl, eine Metal-Band zu sein – das neue Album der Band ist vielmehr Artismus eines neuen qualitativen Ausdrucksmeilensteins, der weit weg von Schubladen flieht!

Trotz all dieser verdichteten Ausdruckskombinatorik bewahrt das neue Album eine unglaubliche Zugänglichkeit. Einfach weil Maiden genau das sind, was sie sind. Sie haben sich ihren ureigensten Instinkten des Schreibens und Kodierens der Musiksprache in das einzigartige Bild ihres Opus hingegeben. Solange eine Idee die nächste verwandte Idee anzog, haben sie eine nach der anderen aneinandergereiht. Und eine solche Unbeladenheit, wie sie das unverhüllt kontrastierende Bild der neuen Iron Maiden zeigt, hatte wirklich wohl niemand erwartet. Weder im atmosphärischen Effekt noch in der Klarheit der Anlage der aufgestellten Kompositionen.

Die allgemeine Beobachtung, zu der man beim mehrmaligen Hören leicht gelangt: Je näher wir seinem Ende kommen, desto besser wird es. Deshalb ist es das erste Mal seit der Veröffentlichung von „Brave New World“ (2000), dass ein Album ganz von selbst danach ruft, es nochmal aufzulegen und so nach und nach zu entdecken. Wenn du mit seiner Botschaft gewachsen bist, fühlst du dich reicher. Und das ist der Sinn der Freiheiten des Artismus der Rock-Kultur in allen Bereichen des Ausdrucks-Austauschs. Wir reden von Authentizität. Iron Maiden haben sie auch mit dem neuen Album bewahrt. Das hier ist kein Album, das „musste“ – es hat „gewollt“. Iron Maiden enthüllen mit außerordentlicher kreativer Frische darauf, dass die Arbeitschemie der sechs Mitglieder diesmal beim gegenseitigen Ergänzen phänomenal war und optimal ausgeschöpft wurde. „The Final Frontier“ ist ein Album, das beweist, dass Iron Maiden ihre kreative Schlagkraft erhalten, auf sehr überzeugende Weise einen neuen Meilenstein in der einzigartigen musikalischen Entwicklungsrichtung erreichen und allen Ungläubigen mitteilen, dass sie damit eine bewunderungswürdige Band bleiben, die auch nach 34 Jahren auf der Bühne mühelos die jungen Musiker der neuen Generation hoch inspiriert. Ist der neue Entwicklungsmeilenstein der Iron Maiden-Evolution – angesichts des Albumtitels – auch das Ende des Weges von Iron Maiden? Meiner Meinung nach noch lange nicht!

„The Final Frontier“ ist ein Album, das schlicht klasse ist! Es wird niemals den goldenen Opus der Band und ihr Metal-Pioniergeist der Achtziger in den Schatten stellen, aber Iron Maiden ist es damit gelungen, erstmals in ihrer Karriere die Balance der Vereinigung traditioneller Maiden-Elemente mit den Neuheiten kreativer Herausforderungen zu finden. Noch auf „A Matter Of Life And Death“ haben sie diese Herausforderungen der Tradition untergeordnet. „The Final Frontier“ hat auch diese Bremse gelöst, und die Band hat das reifungsmäßig so kapitalisiert, dass sie keinen Funken ihres eigenen erkennbaren künstlerischen Wesens geopfert hat. Beides hat sie betont vereint in einem anderen Album, das so frisch wirkt, wie Maiden seit der Veröffentlichung von „Brave New World“ nicht mehr geklungen haben. Das ist eben das Ausdruckshandwerk der größten Bands! Eine seltene Tugend, die die Größe des eigenen Artismus und die Ehrfurcht anderer bewahrt!

Besetzung

Bruce Dickinson – Gesang
Adrian Smith – Gitarre
Dave Murray – Gitarre
Janick Gers – Gitarre
Steve Harris – Bassgitarre, Keyboards
Nicko McBrain – Schlagzeug

Produktion

Kevin Shirley

Trackliste

1. Satellite 15 The Final Frontier
2. El Dorado
3. Mother Of Mercy
4. Coming Home
5. Alchemist, The
6. Isle Of Avalon
7. Starblind
8. Talisman, The
9. Man Who Would Be King, The
10. When The Wild Wind Blows

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Cookies, um Online-Dienste, Werbesysteme und Funktionen bereitzustellen, die ohne Cookies nicht angeboten werden könnten. Mit dem Besuch und der Nutzung der Website stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Akzeptieren Mehr erfahren

Datenschutz & Cookies