Resilient
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Running Wild
Label: SPV Records
Erscheinungsjahr: 2013
Laufzeit: 60:04
Wertung: 3/5
Drei Jahre nach dem offiziellen Ruhestand des Namens Running Wild kehrte der große Anführer Rolf Kasparek mit dem soliden Album »Shadowmaker« (2012) zurück, das zeigte, dass Rock ‚N‘ Rolf mit aller Kraft nach den richtigen Hebeln sucht, um zumindest teilweise die Magie der vergangenen goldenen Zeiten von Running Wild wiederzubeleben – die, wie auch nach »Resilient« glasklar ist, nie mehr zurückkehren wird. Schon allein der Klang des damaligen Werkes war Anlass zur Freude, nach jenem unnötigen Experiment – oder geradeheraus gesagt: dem totalen künstlerischen Debakel des Albums »Rogues En Vogue« (2005).
»Resilient« setzt den Weg fort, den »Shadowmaker« eingeschlagen hat. Es ist ein härteres und stellenweise sogar ein kleines bisschen schnelleres Album als sein Vorgänger. Obwohl der Eröffnungstrack Soldiers Of Fortunes den Wunsch signalisiert, die Magie früherer Running Wild-Werke aus der ersten Hälfte der Neunziger heraufzubeschwören, bestätigen schon direkt danach der Titeltrack und Adventures Highway, dass Rolf Kasparek heute schlicht eine andere Persönlichkeit in Bezug auf seinen Kompositionsansatz ist als in den Achtzigern und Neunzigern. In beiden Tracks kommt Rolfs Engagement in den dem Hard Rock näherstehenden Projekten Toxic Taste und/oder Giant X zum Ausdruck. Dennoch rufen etwas später zumindest teilweise The Drift und Crystal Gold das Gefühl längst vergangener Zeiten hervor. Das Gefühl rebellischen Trotzes, der Wut und Feurigkeit lässt sich aber nicht mit den früheren Werken der Neunziger vergleichen. »Resilient« ist von eben diesen Gefühlen nämlich gründlich befreit. Schlicht und einfach deshalb, weil Rolf die Magie vergangener Tage nicht mehr erwecken kann. Als Arrangeur funktioniert er in der neuen Ära anders, und er möchte außerdem partout keine Band zusammenstellen, die das neu entstandene Material später auch im Studio einspielen würde. Er macht nämlich alles selbst und ruft nur die unbedingt notwendigen Helfer hinzu – in diesem Fall Gitarrist Peter Jordan –, damit diese das spielen, was er selbst nicht kann, nicht weiß oder nicht spielen will. Auch das »großangelegte« Bloody Island, das als zehnminütiges Epos als Rolfs ambitioniertestes Werk des neuen Albums gilt, trägt stellenweise angenehme Momente des klassisch ererbten Running Wild-»Wohlklangs«, kommt aber keinen Moment an Epen wie Treasure Island oder Genesis heran, die in den klassischen Zeiten dieser Band entstanden sind.
Rock ‚N‘ Rolf greift auch diesmal auf sein zigfach gründlich erprobtes Schema des Arrangierens von Songs zurück, bis hin zum Kopieren und Einfügen von Gitarrenphrasen. Daher leidet auch »Resilient« unter der Gefangenschaft in der Falle der Monotonie und Selbstwiederholung – was bei Running Wild-Alben, die nach »Victory« (1999) erschienen sind, allerdings keine Neuigkeit mehr ist. Produktionstechnisch bleibt »Resilient« ein weiteres Rolf’sches Desaster der neuen Ära. Entstanden nach Rolfs D.I.Y.-Prinzip. Wenn ihr euch die massive und dichte Produktion der Alben »Black Hand Inn« oder »Masquerade« anschaut und dann den neuen Song The Drift, der euch ein bisschen an die Riffs der alten Tage erinnert, durch den »Röster« eurer Wahrnehmung dreht, werdet ihr buchstäblich staunen, wie merklich schlechter die Produktion von »Resilient« ist. Ausgedünnt in den Klangschichten der einzelnen Bausteine des Klangbildes. Es ist offensichtlich, dass alle Linien dieser Bausteine separat aufgenommen und dann nachträglich zusammengeklebt wurden. Daher klingt das Album nicht lebendig. Es fehlt ihm die echte Feurigkeit und Dynamik. Das ist der grundlegende Makel des Albums, und ein großer Teil der Schuld dafür liegt bei Rolfs Sturheit, die es nicht zulässt, dass das neue Running Wild-Material von der ganzen Band im Studio eingespielt wird. Es gibt aber etwas, womit Rock ‚N‘ Rolf offen prahlen kann. Er hat beim Programmieren der Schlagzeuglinien Fortschritte gemacht. Offensichtlich haben die Programme in der neuen Ära bereits so große Fortschritte gemacht, dass die Bearbeitung der Schlagzeuglinien im Programm „Q-base“ in der klanglichen Qualität des Werkes zum Beispiel einen würdigen Ersatz für echtes Schlagzeugspiel bietet. Aber die Frage ist, ob es sich für Rolf lohnt, damit zu prahlen.
Run Riot, Fireheart, Down to the Wire sind Songs, die kaum irgendetwas hinterlassen. Nichts Greifbares. Nichts dergleichen, das einen begründeten Anlass böte zu dem Schluss, dass das Album »Resilient« des gesamten Erbes der goldenen Achtziger und Neunziger dieser Band würdig und wert ist. Die genannten Songs sind also reine Füller des neuen Albums. Als Trost bleibt nur, dass »Resilient« das beste Running Wild-Werk seit der Veröffentlichung von »The Brotherhood« (2002) ist – was aber wieder nicht viel aussagt.
„Resilient“ ist ein Album, das nach einem vielversprechenden Anfang mit dem Song Soldiers Of Fortune langsam an Energie verliert und gegen Ende hin abflacht. Es ist kein schlechtes Album. Nur produktionstechnisch ist es völlig veraltet. Gleichzeitig stört gelegentlich auch Rolfs angeschlagene Stimme, die mit den Jahren immer dünner wird und die höchsten Lagen kaum noch trifft. Sein »Näseln«, das zwar das Markenzeichen der Running Wild-Alben ist, wird in der unterdurchschnittlichen Interpretation besonders im Refraingesang des Titeltracks ausgesprochen störend. Stimmlich hat Rolf noch zusätzlich an Energie und Saftigkeit verloren! Er versteht es schlicht nicht mehr, den Gesang in produktionstechnischer Hinsicht so zu verpacken, wie es sein müsste. Es galt stets, dass Rolf kein guter Sänger ist, aber diesen Umstand hat er stets produktionstechnisch erfolgreich kaschiert – mit seinem unverwechselbaren vokalen Timbre, das den Running Wild-Songs eben schon immer auf den Leib geschrieben war. Kurz gesagt: Ein Album mit großem Potenzial, das beim finalen Feinschliff nur halb fertig geblieben ist. Aber über all das entscheidet ein einziger Mensch, der das Steuer von Running Wild in der Hand hält. Seine Entscheidungen der letzten 15 Jahre sind klar und werden sich nicht mehr ändern. Daher ist es sinnvoll, Running Wild heute als eine völlig andere »Band« zu betrachten (ich sage lieber »Einzelkämpfer ohne Lotsen«) als in den Achtzigern und Neunzigern. Eine Band, die nur noch durch ihren Namen und Rolfs vokales Näseln an die Größe vergangener Tage erinnert. Und auch »Resilient«, trotz einiger Versuche der »Mimikry«, weicht davon leider nicht ab.
Noch kurz zum Bonbon des „Resilient“-Covers: Nimmst du das Maskottchen Adrian und das Band-Logo weg, bekommst du eine meisterhafte Annäherung an die Cover von „Love Over Gold“ (Dire Straits) und/oder „Ride the Lightning“ (Metallica).
Besetzung
Rock ‚N‘ Rolf – Gesang, Gitarre, Bassgitarre
Peter Jordan – Gitarre
Produktion
Rock ‚N‘ Rolf
Trackliste
1. Soldiers Of Fortune
2. Resilient
3. Adventure Highway
4. The Drift
5. Desert Rose
6. Fireheart
7. Run Riot
8. Down To The Wire
9. Crystal Gold
10. Bloody Island
11. Payola & Shenanigans (Bonustrack)
12. Premonition (Bonustrack)