North

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Autor: Peter Podbrežnik

Künstler: Barclay James Harvest
Label: Esoteric Antenna
Erschienen: 2013
Spielzeit: 55:20
Wertung: 4/5

Die legendären englischen Prog-Rocker Barclay James Harvest gehören zu jenen unglückseligen Bands, die durch interne Spannungen zwischen einzelnen Bandmitgliedern in zwei Fraktionen zerbrochen sind – in ihrem Fall mit zahlreichen folgenschweren Konsequenzen. 1998 zerstritten sich nämlich Gitarrist/Sänger John Lees und Bassist/Sänger Les Holroyd über die weitere stilistische Ausrichtung dieser Meister des orchestral-pastoralen Symphonic Rock. Pop-Rocker Holroyd wollte den kommerzielleren, ‚popmusikalischen‘ Kurs der Achtziger und frühen Neunziger fortführen, während Lees zu den symphonisch-progressiv-rockigen Wurzeln aus den ‚goldenen‘ BJH-Zeiten zurückkehren wollte – sprich den Siebzigern.

Der heute leider verstorbene Schlagzeuger Mel Pritchard (2004 starb er an den Folgen eines Herzinfarkts) schloss sich Holroyds BJH-Version an, während Lees die Zusammenarbeit mit dem ehemaligen BJH-Keyboarder Stuart ‚Woolly‘ Wolstenholme erneuerte – einem weiteren leider bereits verstorbenen Mitglied des originalen Quartetts (2010 nahm er sich nach jahrelanger Depression das Leben) –, um ihre gemeinsame Vision dieser Kultband umzusetzen. Die Unterschiede im stilistischen und kompositorischen Ansatz zeigten sich bereits beim Erscheinen der ersten Studioarbeiten beider BJH-Fraktionen.

Während Lees‘ erstes BJH-Album »Nexus« (1999) auf verhältnismäßig positive Resonanz stieß und sogar als bislang bestes BJH-Werk seit Ende der Siebziger gelten kann, fiel die Reaktion auf Holroyds BJH-Debüt »Revolution Days« (2002) – wenig überraschend – recht verhalten aus, da es stilistisch auf der Stelle trat. Lees und Holroyd schafften es leider nicht, das Kriegsbeil zu begraben, auch nicht nach Pritchards und Wolstenholmes Tod, sodass heute noch immer zwei verschiedene BJH-Versionen nebeneinander existieren. Langjährige Fans und Liebhaber des klassischen BJH bevorzugen Lees‘ Bandvision, die hauptsächlich in Großbritannien und Nordeuropa auftritt (in den letzten Jahren verschlägt es sie gelegentlich auch nach Deutschland und Mitteleuropa) und die größten Hits der Siebziger spielt, überwiegend jene mit dem kompositorischen Stempel des Gitarristen – während Holroyds Band vor allem in Deutschland und Mitteleuropa unterwegs ist und dort live die kommerziellsten BJH-Werke präsentiert, hauptsächlich jene mit der Handschrift des Bassisten.

Kurz nach Wolstenholmes Tod – in der Erkenntnis, dass die Zeit für neue Studioprojekte von Jahr zu Jahr knapper wurde und die grauen Haare längst die Oberhand gewonnen hatten – erwachte bei Lees schließlich der kompositorische Schaffensdrang wieder. Gemeinsam mit dem neuen Keyboarder Jez Smith sowie Bassist/Zusatzsänger Craig Fletcher und Schlagzeuger Kevin Whitehead, zwei ehemaligen Mitgliedern von Woollys Solo-Band Maestoso, begann er völlig neues BJH-Material zu erarbeiten. Einige Ideen hatten sich dabei bereits zu Lebzeiten des Kultkeyboarders geformt. Diese neuen Werke erblickten als neues John Lees‘ Barclay James Harvest-Album mit dem Titel »North« das Licht der Welt – ein Album, das in vielerlei Hinsicht eine stilistische Rückkehr zu den symphonischen Wurzeln darstellt, vor allem was die farbenprächtigen Orchesterarrangements betrifft, mit denen Lees‘ Band das melodische Rockgerüst der einzelnen Stücke umhüllte.

Auf »North« gibt es auch viele elegante akustische Arrangements, denn Lees war schon immer ein hervorragender Akustikgitarrist, und sein Gesang ist überraschend gut erhalten – die unverwechselbare Klangfarbe seiner Stimme hat er dabei behalten. Auch Bassist Fletcher ist mehr als ein passabler Sänger, was man bereits beim Eröffnungsstück »If You Were Here Now« feststellen kann, das wie das gesamte Album dem Andenken der beiden verstorbenen Original-BJH-Mitglieder gewidmet ist. Es handelt sich um leichtfüßigen melodischen Rock mit bedeutungsvollem symphonischem Hintergrund und dynamischen Vokalharmonien, wie er für den Großteil des früheren BJH-Schaffens typisch war. Die moderne Produktion trägt natürlich den Löwenanteil dazu bei, dass Lees‘ Band zeitgemäß klingt – sodass nostalgische Momente, in denen der Flair der klassischen BJH-Ära durchschlägt, nicht übermäßig häufig sind. Bei Texten voller Erinnerungen an vergangene Zeiten und die Jugend würde man als Hörer nämlich genau das Gegenteil schließen – dass das Album irgendwo in längst vergangenen Tagen festgemauert ist.

Auf »Ancient Waves« beweist Keyboarder Smith, dass er das Aufbauen mächtiger Ambient-Klangteppiche bis ins kleinste Detail beherrscht, während Lees erstmals die Rolle des Hauptsängers übernimmt und zeigt, dass seine Stimme auch im 21. Jahrhundert sehr solide erhalten ist. Das artrockig gewürzte »In Wonderland« ist geprägt von einer witzigen Gitarrenfigur und verspielten Rhythmen, während subtile symphonische Arrangements die insgesamt entspannte Atmosphäre weiter fördern. Dieses Stück ist auch das einzige auf dem Album mit einem Text, der nicht von Nostalgie nach vergangenen Zeiten handelt, sondern mit der ‚harten‘ Gegenwart verbunden ist – eine bissige Gesellschaftssatire auf die Sucht nach moderner Mobiltelefonie. Die pastorale Ballade »On Leave« überrascht mit ihren bluesigen Gitarrenpassagen und der entsprechend melancholischen Atmosphäre. Lees war schon immer ein Meister darin, jene untröstliche angelsächsische bzw. keltische Melancholie aufzubauen, und dieses Stück erinnert stark an einige seiner früheren BJH-Balladen.

Bei »The Real Deal«, wo Bassist Fletcher erneut als Hauptsänger glänzt, schlägt die Band genau zum richtigen Moment einen etwas kraftvolleren Ansatz ein – angeführt von einer kräftigen Gitarrenfigur und einem rauschenden Hammond-Orgel-Teppich. Hier begeistert vor allem ein herrlicher melodisch-rockiger Refrain, für den Fletchers Stimme wie gemacht ist, während der Bandchef mit einem interessanten Gitarrensolo auftrumpft, das daran erinnert, dass er seine virtuosen Fähigkeiten über die Jahre nicht verloren hat. Von allen vier Original-BJH-Mitgliedern hatte ausgerechnet Lees den ausgeprägtesten Sinn für gelegentliche, wenngleich recht seltene Heavy-Rock-Ausflüge. Die mitreißende Hymne »On Top of the World«, aus der Patriotismus strahlt – obwohl es im Text eigentlich wieder um eine Hommage an die ‚guten alten Zeiten‘ vor dem Zerwürfnis in der Originalband geht –, erinnert dank der mächtigen Orchesterarrangements, in denen Bläser die zentrale Rolle einnehmen, stark an einen BJH-Klassiker aus ihrer frühen Schaffensphase.

Einer der Höhepunkte auf »North« ist zweifellos »Unreservedly Yours« – eine weitere pastorale, fast schon traditionelle BJH-Ballade, die dank der wunderschönen Akustikgitarren-Arrangements einen Hauch Folk mitbringt und in der sich Lees‘ Stimme besonders wohlfühlt. Der exzellente Titeltrack ist strukturell das komplexeste, progressiv-rockige Stück auf dem gesamten Album – das gilt auch für seine ätherische und ausgesprochen positivistische Atmosphäre. Der Wechsel der Vokalharmonien zwischen den beiden Hauptsängern verläuft ausgesprochen flüssig und ist ein wahrer Ohrenschmaus, während die majestätischen symphonischen Arrangements, in denen das Mellotron die wichtigste Rolle spielt, wie in den besten BJH-Zeiten klingen. Lees zeigt sich erneut als erstklassiger Gitarrenimprovisator, der auch nicht für eine Sekunde das Gespür für feinsinnige Melodik verliert. Alle Skeptiker unter den langjährigen BJH-Fans, die nicht überzeugt waren, dass Lees im Alter noch etwas besonders Interessantes schaffen kann, werden ihren Irrtum spätestens beim Hören dieser Titelkomposition erkennen. Das ausgeprägt ätherische »The End of the Day« ist ein kurzes orchestrales Epitaph mit Johns Narration, das gleichzeitig an die ‚goldene‘ BJH-Ära erinnert – aber auch an die klassischen The Moody Blues, auch wenn Lees der Vergleich mit letzteren sicher nicht gefallen würde, da er solche Bemerkungen schon den Großteil seiner Karriere zu hören bekommt.

John Lees ist es mit »North« gelungen, das beste Barclay James Harvest-Album seit Ende der Siebziger zu schaffen – eine bei seinem Alter zweifellos beachtliche Leistung. In mehr als einem Jahrzehnt der Zusammenarbeit mit Fletcher und Whitehead – wobei Smith in kurzer Zeit dafür gesorgt hat, dass Wolstenholme kaum vermisst wird – hat der legendäre Gitarrist und Sänger eine hervorragende Chemie mit seiner Band entwickelt. Das Entscheidende: Lees‘ neue BJH klingen auf »North« aktuell und frisch und erinnern gleichzeitig noch immer an jene Kultband mit dem gewaltigen Opus, die ihre besten Werke in den Siebzigern des vorigen Jahrhunderts schuf. Johns einstiger Weggefährte und seit 1998 erbitterter Rivale Les Holroyd hat inzwischen das Kriegsbeil endgültig begraben und ein neues Studioalbum seiner BJH-Inkarnation angekündigt, das irgendwann Mitte 2014 erscheinen soll.

Besetzung

John Lees – Gitarre, Gesang
Craig Fletcher – Bassgitarre, Gesang, Backgroundgesang
Kevin Whitehead – Schlagzeug, Perkussion, Backgroundgesang
Jez Smith – Keyboards

Produktion

John Lees

Trackliste

1. If You Were Here Now (5:48)
2. Ancient Waves (7:10)
3. In Wonderland (5:49)
4. On Leave (9:11)
5. The Real Deal (5:48)
6. On Top of the World (5:40)
7. Unreservedly Yours (4:51)
8. North (8:29)
9. The End of the Day (2:34)

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