Medinteran

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Autor: Aleš Podbrežnik

Interpret: Klarisa Jovanovič & Della Segodba
Label: Celinka
Erscheinungsjahr: 2013
Laufzeit: 52:37
Bewertung: 4.5/5

Klarisa Jovanovič gilt als eine weitere außergewöhnliche Vokalfigur, die ihre enorme Interpretationskraft seit Jahren in die unterschiedlichsten Formen des Umgangs mit musikalischer Magie einfließen lässt. Stets hat sie ihr großes Talent effektiv eingesetzt, wenn es darum ging, sich mit den traditionellen Volksmelodien unseres Globus auseinanderzusetzen. Natürlich hat ihre Umcodierung dieser Musikformen auch das Experiment mit Jazzformen stets mit offenen Armen in ihren kreativen Schoß aufgenommen. Zusammen mit einem Team exzellenter Mitstreiter namens Della Segodba hat sie sich diesmal auf ein Abenteuer durchs Mittelmeer – genauer gesagt den Mediteran – begeben, mit Schwerpunkt auf Bearbeitungen aus dem östlichen Teil, mit einem Hinterland, das bis nach Kleinasien reicht.

Wieder einmal im Experiment durch und durch herausfordernd. Und? Wieder einmal durch und durch erfolgreich. Alles dreht sich um die einzigartigen Stimmqualitäten von Klarisa, die die seltene Gabe besitzt, sich mit ihrer feinsinnigen Wahrnehmung des volksmusikalischen Erbes mühelos in viele verschiedene Stimmungen einzufühlen, sich ihnen anzupassen und aus ihrer Stimme die wesentlichen Merkmale für deren Re-Kreation herauszuholen. Das musikalische Begleitwerk bietet ihrem Vokalspiel stets einen flexiblen Resonanzboden, auf dem sich Emotionen – vor allem Leidenschaft, Sehnsucht, Schmerz und Trauer – aufrichtig entfalten können! Die einzelnen Mitglieder des zusammengestellten Ensembles, das in dieser Konstellation erstklassig funktioniert, gelten als echte Jäger dieser Art von musikalischen Herausforderungen – eigentlich sind sie Spezialisten für die Umcodierung von Ethnokultur durch das Prisma ihrer eigenen künstlerischen Wahrnehmung, die in ihren konzeptionellen Lösungen freier Improvisation und Adaption überraschend frisch geschnitzte Einfälle hervorbringt, die begeistern.

Schlicht und einfach: Hinter allen in dieses Projekt eingebundenen Musikern steckt eine so reiche gemeinsame Erfahrung sowie langjährige gegenseitige Bekanntschaften und Freundschaften – also Verbundenheit innerhalb verschiedener Musikprojekte, in die die Einzelnen eingebunden sind –, dass es auf dem Album »Medinteran« keinerlei »Versteckspiele« gibt. Das Ensemble Della Segodba verbindet im Kern ein gemeinsamer Ausgangspunkt beim Erschaffen und Aufnehmen von Musik (der Musikwahrnehmung) auf ungefähr denselben Wellenlängen – deshalb verständigen sich solche Musiker sehr schnell, wenn man sie zusammen auf eine Bühne oder ins Studio bringt. Auch wenn sie sich etwa zum ersten Mal bei einer beliebigen Jam-Session getroffen hätten, würden sie rasch eine gemeinsame Sprache finden, und die einzigartige Magie der chemischen Verbindungen zwischen ihnen wäre bald entstanden.

Dieses Geflecht chemischer Verbindungen zwischen den Musikern funkelt besonders intensiv an den langsamer angelegten Momenten, wie etwa dem sechsten Stück des Albums, dem sephardischen »Cuando Te Vide«, das eine balladenhafte, melancholische Aussage ist, die in der Begleitung der Vokalfigur von Klarisa Jovanovič besonders zarte, unprätentiöse und fast sanfte Begleitfiguren verlangt. Das meisterhafte Begleitensemble liefert genau dieses Element, und das Arrangement wirkt in diesem Stück daher voll und ganz. Das Ensemble lebt sich auch besonders gut in die konzeptionellen Lösungen des montenegrinischen »Poljem se vija« ein und passt sich diesen an – hier darf man den wichtigen Beitrag der arabischen Laute von Igor Bezget (Gastmusiker) nicht überhören; die Stimmungen sind pointiert und authentisch, sodass man sich die Originale gut vorstellen kann, wo Volksmelodien auf einer Geigenbegleitung liegen. Dann greift Atanasovski wieder in der Mitte des Stücks mit einigen jazzigen Formen ein, die er in die Hauptmelodie implementiert und damit eine perfekte Jazzwende im Stück inszeniert. Genau das ist eine der reizvollsten Eigenschaften des Albums »Medinteran«: diese Note der Unvorhersehbarkeit, die das starke Merkmal der Freigeistigkeit im musikalischen Experimentieren der Musiker einbringt.

Der Querschnitt durch das Mittelmeer in den Händen von Klarisa Jovanovič und Della Segodba ist eine Demonstration der außerordentlich bunten Kultur und der ethnologischen Besonderheiten dieses Teils des europäischen Raums – genial verknüpft mit der einzigartigen Musikwahrnehmung der Schöpfer des Albums „Medinteran“, das die außerordentliche Verlockung vollblütiger Wirkung der Symbiose aus den Markenzeichen mediterranen Melos und jazziger Untermauerung experimenteller Kapriolen in sich trägt!

Die Musik besitzt eine feste rhythmische Form, die aus der Auseinandersetzung mit den traditionellen Rhythmen des Mittelmeerraums herrührt. Zu Klarisas verführerischem »Chansonnieren« gesellt sich dabei durchgehend angenehm die Bläsermeisterschaft von Vasko Atanasovski, der aus seinem reichen Arsenal an meisterhafter Beherrschung verschiedenster Blasinstrumente behutsam auswählt, wie er mit seiner Klangfarbpalette Klarisas Grundgesang beleben und kontrastieren wird. Dieses Zusammenspiel von Vokal- und Bläserlinien stärkt die Kernaussage und die Stimmungslagen der Stücke. Größtenteils. Zugleich bewähren sich die Verzierungen mit Violine in La Carpinese oder mit arabischer Laute in Dos Amantes Tengo und dem bereits erwähnten Cuando Te Vide in gleicher Weise. All diese Zugaben und die Einbeziehung präsenter Jazzformen, die in die Grundmotive eingebaut werden, steuern ein wichtiges Element zum Album »Medinteran« bei. Die an sich vorhersehbaren Melodien und der Entwicklungsverlauf innerhalb der Stücke werden durch Jazzfiguren aufgelockert und belebt, denn solche Zugaben brechen diese vorhersehbare  Fixiertheit der Leitmotive und die umrahmende Form der Stücke wirkungsvoll auf. Der Melos der großen Mehrheit der Stücke ist von einem starken »Arabesken«-Charakter geprägt, was angesichts ihrer geografischen Herkunft völlig selbstverständlich ist. Genau in solchen Gewässern fühlt sich Vasko Atanasovski besonders wohl!

Besonders interessant ist die Entscheidung, dass das Ensemble auch Bearbeitungen dreier traditioneller Stücke angeht, die der ethnischen Gemeinschaft der sephardischen Gebiete der Iberischen Halbinsel angehören. Und Klarisa führt die Verse – wie auch bei allen anderen Stücken des Albums »Medinteran« – im Sephardischen, in der authentischen Sprache, was in dieser Situation auch die einzig richtige Lösung ist.

Med und Teran also! Süß und bitter! Ein Album für Gourmets, die sich vollblütig von diesem einzigartigen Experiment verführen lassen wollen, wo sich im Licht vollständiger Freiheit selbstlos die vielgestaltige Form des traditionellen mediterranen Melos und das durchdringende Genie der Improvisationsakrobatik die Hände reichen. All das ist auf beeindruckende Weise den Charakteristiken der tief sinnlichen Versunkenheit der Vokalinterpretation von Klarisa Jovanovič untergeordnet.

Besetzung

Klarisa Jovanovič – Gesang
Vasko Atanasovski – Sopransaxofon, Altsaxofon, Flöte, Gesang, Hintergrundgesang, Milchkannen (Perkussion)
Luka Ropret – Gitarre, Hintergrundgesang
Žiga Golob, Kontrabass, Hintergrundgesang

GASTMUSIKER:
Jelena Ždrale – Violine, Viola
Igor Bezget – arabische Laute, Sarod
Marjan Stanič – Schlagzeug, Perkussion
Danilo Ženko – Hintergrundgesang

Produktion

Danilo Ženko, Klarisa Jovanovič & Luka Ropret

Trackliste

1. Zrasla mi ladonja (Kroatien)
2. La Rama de Muez (sephardisch)
3. Roža Katarina (Slowenien)
4. Marija Madalena (Frankreich – Provence)
5. Saranta Meres (Griechenland)
6. Cuando Te Vide (sephardisch)
7. Poljem se vija ( Montenegro / Herzegowina)
8. Ypne Pou Pairnes Te Mikra (Griechenland/Türkei
9. Le Povara Cecilia (Italien – Venetien)
10. Dos Amantes Tengo (sephardisch)
11. Kato Sto Yalo (Griechenland – Kleinasien)
12. Yo’MEnamori D’Un Aire (sephardisch)
13. La Carpinese (Italien – Aquileia)
14. Andolka / Üsküdara / Gideriken (Bosnien / Türkei)
15. Sejdefu Majka Budjaše (Bosnien / Montenegro)

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