Incremental IV
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Niva
Label: AOR Heaven Records
Erschienen: 2014
Laufzeit: 39:16
Wertung: 3.5/5
Nachdem die goldenen Jahre einfach nicht so verlaufen sind, wie sie hätten verlaufen sollen, haben sich die Zeiten für einen der talentiertesten und am meisten übersehenen Sänger des skandinavischen Ansatzes im melodischen Rock und AOR-Genre, Tony Niva, endlich aufgehellt. Die Band Niva, die ihre Karriere bereits Mitte der Achtziger aus der Asche der Besetzung Axia in der Stadt Skövde heraus gestartet hat, veröffentlichte ihr Debüt »No Capitulation« erst 1994, und zwar ausschließlich für den japanischen Markt, woraufhin sich die Gruppe im Jahr darauf auflöste. Bis 2011 passierte mit Niva nichts Besonderes, abgesehen davon, dass Tony 2001 die Vocals auf dem Album »Entrance« der Band Lion’s Share eingesungen hat. Der erstklassige Vokalist, der vor der Gründung von Niva für zahlreiche schwedische Melodic-Rock-Besetzungen der Achtziger gesungen hat – darunter Zanity, Vanessa, Swedish Erotica, Malibu Band und Tracy Goes Crazy –, hat erst 2011 gemeinsam mit zwei Kumpels, Gitarrist Roger Ljunggren und Keyboarder Marcus Persson, drei Demo-Aufnahmen bei Labels eingereicht, um herauszufinden, ob noch irgendwo Interesse an Musik im AOR-Genre besteht. Interesse zeigte wieder nur Japan, und Niva veröffentlichten ihr zweites Album »Gold From The Future« erneut ausschließlich für den japanischen Markt. Doch Tony hat nie den Glauben an das neue Material der Band verloren, was ihm beim Vorstellen des neuen Werks schließlich zugutekam. So erlebte das Album auch eine europäische und amerikanische Veröffentlichung, die besonders bei europäischen Melodic-Rock-Fans auf hervorragende Resonanz stieß.
Das öffnete dem Musiker die Türen weit beim deutschen Label AOR Heaven Records, wo im vergangenen Jahr das dritte Studioalbum der Band Niva mit dem Titel »Magnitude« erschien. Dieses bestätigte, dass Niva ein Begriff für Qualität bleiben, und Tony und seine Mitstreiter bekamen so Flügel und neuen kreativen Schwung – weshalb schon ein Jahr später das vierte Studiowerk »Incremental IV« entstand.
Das liefert eigentlich nicht viel Neues, wenn man es ausdrucksmäßig mit dem nur ein Jahr zuvor erschienenen Vorgänger vergleicht. Tony Niva als Hauptkomponist der Band durchzieht nach wie vor ein außergewöhnliches Gespür für den optimalen melodischen Ertrag in den Kompositionen, aber auch für die Schaffung einer außergewöhnlichen dynamischen Flüssigkeit zwischen Strophe und ultranachgängiger Refrainmelodie, die beim Hören sofort mitreißt. »Incremental IV« ist damit ein typischer Vertreter kompositorischer musikalischer Brillanz, wie sie der skandinavische Ansatz im melodischen Rock und AOR-Genre in seinem (schon fast sprichwörtlichen) Perfektionismus bieten kann. Ein optimistisch ausgerichtetes Album. Von der mitreißenden Eröffnung mit dem aufweckenden Don’t You Know über die großartigen, in der Albummitte platzierten Play the Game und das kurz danach folgende, kompositorisch verwandte Lost And Found bis hin zum abschließenden, dramatischen und von Riffs reichlich gestützten Coming Back to You. Die Konsistenz lässt auf dem Album nicht nach. Qualitative Schwankungen zwischen den Songs gibt es keine. Etwas naiver und vorhersehbarer wirkt allein die Ballade Travel Back In Time, ansonsten geht das Album wieder klug mit der Vorhersehbarkeit von AOR-Klischees um und liefert sie clever neu verpackt, einmal mehr höchst genussvoll an die Massen aus. Es gibt Momente, die deutlicher an die typische kompositorische Konfiguration von AOR-Songs der Achtziger erinnern. So zum Beispiel der Song Only You, wo die Riffs in der Produktion etwas zurücktreten und das Synthesizergewand typischer Achtziger-Klangästhetik in eine gleichwertige Position neben sie »drängt«. Die Band harmonisiert die Refrainmelodien erneut geschickt mit zusätzlicher Vokalbegleitung, was natürlich für einen beneidenswerten Pomp- und Bombasteffekt in den Songs sorgt, mit einem stimmungsvollen Crescendo in den Refrainmelodien.
Im Vergleich zum Vorgängeralbum bewegen sich Niva auch auf dem neuen in bewährten Gewässern, von denen sie wissen, dass sie bei Melodic-Rock-Fans auf positive Resonanz stoßen werden. Das ist sicher. »Incremental IV« bedeutet keine künstlerische Weiterentwicklung des Vorgängers, sondern festigt für Tony Niva den Status als einer der renommiertesten Songwriting-Meister in der modernen Welt des melodischen Rocks und AOR-Sounds skandinavischer Prägung. Die Jahre der Beharrlichkeit und des Trotzes haben sich für Tony und seine Mitstreiter letztendlich doch ausgezahlt. Angesichts des sehr kurzen zeitlichen Abstands zwischen den letzten beiden veröffentlichten Alben von Niva lässt sich fast mit Sicherheit erwarten, dass sich die Ideen auch für ein fünftes Album langsam ansammeln. Es gibt nämlich viele Ideen, die sich über die Jahre im Schrank angesammelt haben, von denen der Staub abgewischt und denen auf Alben Leben eingehaucht werden muss! Jetzt ist für die Band Niva die richtige Zeit angebrochen, weshalb sie das Eisen sicher eifrig schmieden wird, solange es glüht.
Besetzung
Tony Niva – Gesang
Roger Ljunggren – Gitarre
Marcus Persson – Keyboards
Jan Stal – Bass
Bengan Andersson – Schlagzeug
Produktion
Marcus Persson & Niva
Tracklist
1. Don’t You Know
2. Crush
3. Better Just Forgotten
4. Magnitude
5. The Reason Why
6. Travel Back In Time
7. Play The Game
8. Only You
9. Lost And Found
10. All By Myself
11. Coming Back To You