Homo Erraticus

0 10

Autor: Peter Podbrežnik

Interpret: Anderson, Ian
Label: Kscope
Erschienen: 2014
Laufzeit: 51:57
Wertung: 4/5

Ian Anderson gehört zu jenen Absolutisten der Musikwelt, die beim Erschaffen neuer Musik mit einem Lächeln und verschmitztem Humor regieren, während sie ihre musikalischen Untertanen (sprich: die übrigen Bandmitglieder) mit der Politik von ‚Zuckerbrot und Peitsche‘ führen. Anders als etwa Robert Fripp (King Crimson), der – im Stil des verstorbenen kroatischen Machthabers – hinter seinen strengen Brillengläsern und heruntergezogenen Mundwinkeln keinerlei Gnade gegenüber seinen Vasallen kennt und seine Band unter dem Motto ‚Teile und herrsche‘ bereits seit der ersten Hälfte der Siebziger im Griff hat, führte Ian Jethro Tull seit Ende der Sechziger wie ein privates Lehen – jedoch mit wenigstens einem Hauch innerer Demokratie und gelegentlichen Belohnungen für langjährige Treue.

Das ging so lange, bis Ian sich vor einigen Jahren endgültig von seinem langjährigen Gitarristen Martin ‚Lancelot‘ Barre trennte und sich vollständig auf den Solopfad begab – was zahlreichen langjährigen Tull-Fans wie ein Spucken ins Gesicht für all ihre Geduld vorkam, während sie jahrelang auf das mehrfach angekündigte, aber nie erschienene neue Studioalbum dieser legendären Band gewartet hatten. Den eigentlichen Grund für ihre Trennung werden wir wohl nie erfahren, aber kein Geheimnis ist, dass die intensiven Konzerttourneen, bei denen er Nacht für Nacht Tull-Klassiker spielte, dem gealterten Flötenvirtuosen beträchtliche stimmliche Anstrengungen abverlangten – zumal es schon lange kein Geheimnis mehr war, dass seine Stimmbänder von Jahr zu Jahr immer mehr nachlassen. Des mühsamen Rhythmus müde, entschied er sich, die Dinge ‚in die eigene Hand zu nehmen‘ und nur noch jene Tull-Klassiker aufzuführen, die er noch singen kann oder die er irgendwie dem kläglichen Zustand seiner ramponierten Stimme anpassen kann. Für Barre war das wohl ein Kompromiss zu viel.

Ian hat den Namen ‚Jethro Tull‘ immer nur als notwendiges Übel betrachtet, das ihr damaliger Musikagent der Band aufgezwungen hatte, und er konnte es kaum erwarten, den Namen der legendären Gruppe (vorübergehend?) in Rente zu schicken – was natürlich eine Dummheit ist, wenn nicht gar Wahnsinn. Aber dem immer zynischer werdenden Flötenmeister ist es in seinen alten Jahren, um es direkt zu sagen, schlicht schnurz, was andere von seinen, gelinde gesagt, eigenartigen Schachzügen der letzten paar Jahre halten. Im kompromisslosen Stil schuf er 2012 das Soloalbum »Thick As a Brick 2 – Whatever Happened to Gerald Bostock?«, die Fortsetzung von Jethro Tulls Konzeptmeisterwerk aus dem Jahr 1972, das als Ganzes ein überraschend qualitätvoller Erfolg war, auch wenn es bei allen langjährigen Fans einen bitteren Nachgeschmack hinterließ. Stilistisch war das ein echtes Jethro Tull-Werk und eine würdige Fortsetzung des Konzeptmeisterwerks aus den Siebzigern – auch wenn weder Barre noch der langjährige Schlagzeuger Doane Perry dabei waren. Ian baute seine neue Band rund um den Keyboarder John O’Hara, den deutschen Gitarristen Florian Opahle, Bassist David Goodier, Schlagzeuger Scott Hammond und den Zusatzsänger Ryan O’Donnell auf. Letzterer übernimmt seitdem auf einzelnen Songs alle hohen Lagen, die Ian nicht mehr singen kann, was ihm auch dank seiner stimmlichen Ähnlichkeit mit Anderson gelingt.

Das neueste Studiowerk aus Ians Soloregie hört auf den Namen »Homo Erraticus« und ist, ähnlich wie sein Vorgänger, ein weiteres Konzeptwerk mit Gerald Bostock – dem Protagonisten beider »Thick As a Brick«-Alben – in der Hauptrolle eines Zeitreisenden. »Homo Erraticus« ist stilistisch (wieder einmal) das vollständige Jethro Tull-Album, eine herrlich unterhaltsame Mischung aus dem Klanggepräge des Albums »Roots To Branches« (1995) und den beliebten Folk-Rock-Klassikern aus der Ära der Alben »Songs From The Wood« (1977) und »Heavy Horses« (1978) – was bedeutet, dass es jede Menge unterschiedlicher Klangelemente enthält, die einige der besten alten Tull-Standards ausgezeichnet haben: geistreiche und rustikal gewürzte Folk-Arrangements, zahlreiche klassizistische Variationen und auch potente, hardrockertige Passagen, wo Opahle für die bestmögliche (manche würden sagen: schamlose) Imitation von Barres Gitarrentechnik sorgt. Langjährige Fans von Ians Karriere werden beim Hören von »Homo Erraticus« sofort die Verwandtschaft bestimmter Kompositionen mit einigen früheren Tull- und Solo-Standards erkennen – eine gute Nachricht für alle, die vielleicht befürchtet hatten, dem flötenspielenden Zappelphilipp, der bald die Siebzig auf dem Buckel hat, könnte der kompositorische und arrangementtechnische Elan ausgegangen sein. Gleichzeitig sind die einzelnen Arrangements reich und vielfältig genug, dass man bei jedem erneuten Hören des Albums etwas Neues entdecken kann.

Mit dem neuen Konzept – einer beißenden Satire der britischen Geschichte vom fernen Jahr 7000 v. Chr. bis zum gar nicht so fernen Jahr 2044 – zwingt Ian den Hörer wieder einmal dazu, seine grauen Zellen voll zu aktivieren und zu versuchen, all seine sarkastischen Stichelein zu erfassen, die auf berühmte historische Persönlichkeiten und Ereignisse zielen, die bereits stattgefunden haben oder vielleicht noch stattfinden werden. Auch diesmal sparte er nicht mit schneidendem Humor auf Kosten einiger wenig schmeichelhafter Eigenschaften der meisten Bewohner der britischen Inseln – und streute den Patriotismus in genau dem richtigen Maß guten Geschmacks. Ian alias Gerald Bostock landet mit der Zeitmaschine im Eröffnungsstück »Doggerland« in der gleichnamigen Region, die einst – bis zur Überflutung um das Jahr 6500 v. Chr. – die britischen Inseln mit dem europäischen Festland verband. »Doggerland« ist ein mächtiger Opener in der besten Tradition früherer Eröffnungs-Klassiker, vollgepackt mit wilder Energie, die am stärksten aus Ians aufgeweckten Flötenpassagen strahlt, während Opahle mit geschärften Gitarrengriffen und O’Hara mit dem massiven Sound der Hammond-Orgel ordentlich Hardrockwucht beisteuern.

»Heavy Metals«, mit dem sich Geralds/Ians Zeitreise in die Eisenzeit vorwärts bewegt – als die Insel-‚Wilden‘ durch das Schmieden eiserner Gegenstände und Waffen langsam in ihre ‚barbarische‘ Epoche übergingen –, steckt voller verschmitzter rhythmischer Variationen und erinnert an ein Kinderwiegenlied, während die keltischen Schmiede zufrieden vor sich hin singen, während sie die Hämmer schwingen. Das von geheimnisvoller Atmosphäre umhüllte »Enter The Uninvited« stellt den historischen Moment dar, in dem die alten Römer auf britischem Boden landen und bei ihren Eroberungszügen Londinum gründen. Der sarkastische Songtext enthält trotzdem zahlreiche moderne Metaphern aus der Populärkultur, die die Hörer schnell wiedererkennen werden (Star Trek, Walking Dead, Sopranos, Madmen, usw.). »Puer Ferox Adventures«, mit sieben Minuten der längste Song auf dem Album, steckt voller geistreicher barocker Arrangements und zeigt Ian auf dem Gipfel seiner gesanglichen Spottlust, begleitet von dichten Lagen an Hammond-Orgel und aufbrausenden Gitarrenpassagen. Es herrscht fast eine sakrale Atmosphäre, denn nach dem Mailänder Edikt Kaiser Konstantins beginnt das Christentum, sich auch auf den britischen Inseln unaufhaltsam auszubreiten.

Auf dem melodramatischen »Meliora Seqamor«, wo Ryan O’Donnell Ian von Zeit zu Zeit die höheren Gesangslagen abnimmt, setzt sich die intensive Christianisierung der Inselbewohner und das aktive Wachstum der frühen mittelalterlichen Klöster fort. Bassist Goodier greift hier wieder zum Glockenspiel, was den sakralen Hauch noch verstärkt. »The Turnpike Inn« ist ein weiterer Moment auf dem Album, wo Ian und sein jüngerer Gesangskollege wieder effektiv abwechseln. Diesmal ist es ein temperamentvoller Prog-Folk-Rocker mit zahlreichen hardrocktypischen Gitarrenfiguren und teuflischen Flötenimprovisationen. Die feurigen Metaphern des Songtexts beziehen sich auf die lange Herrschaft des finsteren Mittelalters und all die Düsternis, die dazugehört.

»The Engineer« enthält hervorragende Flöten-Akkordeon-Arrangements, die eine mächtige Prise Altertümlichkeit einbringen. Ian überspringt hier gleich ein paar Jahrhunderte und versetzt Gerald in die Anfänge der industriellen Revolution, indem er im Songtext die großen Errungenschaften von Isambard Kingdom Brunel, dem britischen Ingenieur des 19. Jahrhunderts, und den Aufstieg der ersten Eisenbahnen erwähnt. An »The Pax Britanica« mangelt es nicht an sarkastischen Seitenhieben auf die Herrschaft des ‚Imperiums, in dem die Sonne nie untergeht‘ – hier findet sich Gerald am Hof von Königin Victoria und Prinz Albert wieder. Diesmal handelt es sich wieder um eine ausgelassene und durch und durch tullspezifische Schöpfung, die viele Fans an bestimmte Werke aus den ‚guten alten Zeiten‘ erinnern wird.

Mitten im Instrumental »Tripudium And Bellum« entzündet sich Ian wieder einmal mit wilden Flötenimprovisationen, während Opahle mit nicht minder leidenschaftlichen Gitarrenpassagen aufwartet. Nach und nach übernehmen klassizistisch-pastorale Arrangements die Oberhand, die an zwei verschiedene Jethro Tull-Ären erinnern: das Ende der Siebziger und die Mitte der Neunziger. Auf »After These Wars« beschreibt Ian auf seine typisch sarkastische Art die Zeit des Kalten Krieges, in der die Macht des einstmals mächtigen britischen Imperiums zerbrach und die amerikanischen ‚Freunde‘ den Staffelstab der Weltpolizisten übernahmen. Entsprechend herrscht auf diesem Song eine ungewöhnliche Mischung aus Melancholie (eindringliche Arrangements) und Spott (Ians beißende Gesangsweise). Opahles Gitarrensolo erinnert diesmal fast schamlos an Barres Improvisationstricks. »New Blood, Old Veins« bezieht sich textlich auf den Zustrom ’neuen Blutes‘ in Gestalt zahlreicher Einwanderer aus den neuen Staaten des zerfallenden Imperiums – womit der Text bereits die Gegenwart berührt –, während »In For a Pound« eine kurze akustische Satire auf die aktuelle Wirtschaftskrise ist.

»The Browning of the Green«, wo Ian über das Verschwinden des traditionellen englischen Landlebens klagt und den immer stärkeren Zuzug ehemaliger ‚Stadtpflänzchen‘ beklagt, die keinen Sinn für Tradition haben, ist mit einem höhnischen Refrain und melodramatischen Passagen auf Flöte und Keyboards ausgestattet. Der flötenspielende Spaßvogel nimmt sich im Songtext auch selbst aufs Korn – was zweifellos eine lobenswerte Eigenschaft ist. »Per Errations Ad Astra«, das eigentlich kein Song im eigentlichen Sinne ist, sondern Ians schelmische Narration, bezieht sich auf die nahe Zukunft und Weltraumexpeditionen ins Unbekannte. Das Abschlussstück, »Cold Dead Reckoning«, ist eine Art Querschnitt oder Collage aller vorherigen Songs des Albums – sowohl was die einzelnen Klangelemente als auch die Texte betrifft –, wobei inmitten von Ians vehementem Zynismus-Schwall über die hoffnungslose Menschheit Vergangenheit und Zukunft zusammenfinden, womit das »Homo Erraticus«-Konzept erfolgreich abgerundet wird.

Auch all jene, die Ians zynische Haltung gegenüber dem Namen ‚Jethro Tull‘ schon bis oben hin satt haben, werden zugeben, dass man »Homo Erraticus« aus rein musikalischer Sicht kaum etwas vorwerfen kann – denn trotz des gelegentlichen Greifens nach der ‚zusätzlichen Gesangskrücke‘ ist es wieder ein sehr gutes und geistreiches Werk, das erneut in seinem unverkennbaren künstlerischen Stil gehalten ist. In der Vergangenheit hat Ian die Genre-Bezeichnung Progressive Rock mehrfach von sich gewiesen, mit dem Argument, Tull hätten nur für eine kurze Phase ihrer langen Karriere zu dieser Kategorie gehört – doch diesmal hat er damit keinerlei Vorbehalte mehr: Er hat ein klassisches Progrockkonzeptalbum geschaffen, das sich unter seine besten Solo-Werke einreiht.

Besetzung

Ian Anderson – Gesang, Flöte, Akustikgitarre
Florian Opahle – E-Gitarre
John O’Hara – Klavier, Orgel, Keyboards, Akkordeon
David Goodier – Bassgitarre
Scott Hammond – Schlagzeug, Perkussion
Ryan O’Donnell – Zusatzgesang

Produktion

Ian Anderson

Tracklist

Part 1: Chronicles
1. Doggerland (4:20)
2. Heavy Metals (1:29)
3. Enter The Uninvited (4:12)
4. Puer Ferox Adventus (7:11)
5. Meliora Sequamur (3:32)
6. The Turnpike Inn (3:08)
7. The Engineer (3:12)
8. The Pax Britannica (3:05)

Part 2: Prophecies
9. Tripudium Ad Bellum (2:48)
10. After These Wars (4:28)
11. New Blood, Old Veins (2:31)

Part 3: Revelations
12. In For A Pound (0:36)
13. The Browning Of The Green (4:05)
14. Per Errationes Ad Astra (1:33)
15. Cold Dead Reckoning (5:28)

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Cookies, um Online-Dienste, Werbesysteme und Funktionen bereitzustellen, die ohne Cookies nicht angeboten werden könnten. Mit dem Besuch und der Nutzung der Website stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Akzeptieren Mehr erfahren

Datenschutz & Cookies