Dar

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Autor: Aleš Podbrežnik

Interpret: Trobentar, Andrej
Label: Celinka
Erscheinungsjahr: 2014
Laufzeit: 45:28
Bewertung: 4.5/5

Andrej Trobentars künstlerischer Werdegang ist keine Kleinigkeit. Der Mann gilt als echte Legende. Wenngleich ausgebildeter Akademiemaler, hat er einen bedeutenden Teil der slowenischen Musikszene mitgeprägt, noch in Zeiten, als der avantgardistische Kern ihres pionierhaften Forschungsgeistes heiß begehrte Handelsware im Musikgeschäft war und Kreativität mit dem Stempel der Eigenständigkeit angemessen belohnt wurde. Die romantischen Zeiten sind längst vorbei. Andrej Trobentar ist ein Künstler, der für seinen Beitrag zur slowenischen Musikszene zweifellos aufrichtige Anerkennung verdient. Durch die bewiesene kreative Seltsamkeit der Gruppen Sedem svetlobnih let, Šest km na uro, in jener Zeit also, als Andrej sich evolutionär häutete und sich vor allem als Singer-Songwriter einen Namen machte, ganz besonders aber mit dem Entstehen der knackigen eklektischen Rockformation NLP (Na lepem prijazni), schuf Trobentar mit seinem einzigartigen Theater ungeahnter Vokalcharisma sowie dem außerordentlichen Ausdruckswert seines geschliffenen, in meisterhafte Metaphern gehüllten poetischen Predigertums eine besondere Geschichte in unserer slowenischen Musiklandschaft und belebte sie nachhaltig. Im Ausland hätte er mit solchen kreativen Voraussetzungen in den Siebzigern sein Brot bei Bands mit vollem Avantgarde-Anschlag verdienen können –  vom Typ der britischen Musikprovokateure Gong, Henry Cow, Soft Machine, Comus oder Maching Mole.

Interessant ist dabei, dass  sich NLP später gleich zweimal reaktiviert haben. Zunächst 2005, als die Band unter dem Namen Na lepem prijazni Mutant das Album »Potaplja se raj« herausbrachte, dann aber nochmals 2013, als die Besetzung erneut unter dem Namen Na lepem prijazni  das Album »Tudi če se vrnemo nazaj« veröffentlichte. Obwohl die aktuelle Aktivität der Besetzung Na lepem prijazni zumindest »auf dem Papier« fortbesteht, hat Trobentar offensichtlich wieder gespürt, dass ihn das Arbeiten im Bandformat künstlerisch einengt, weshalb er sich für neue Ideen ein kreatives Umfeld gesucht hat, das ihm völlige Freiheit bei der Umsetzung eben dieser Ideen lässt. So wurde das reine Singer-Songwriter-Album »Dar« geboren.

Das Album »Dar« ist Andrejs persönlich bekennende Geschichte, zugleich aber ein perfektes Dokument, das Trobentars musikalische Philosophie und seine kreative Tiefe kaum treffender verkörpern könnte. Die der Vergangenheit, der Gegenwart und nicht zuletzt der Zukunft. Es besitzt seine (traditionell) ungezügelte Vorliebe für den populären »musikalischen Exzess«, sagen wir lieber die Vorliebe für die Exzentrizität des musikalischen Experiments, was ihn in schöpferischer Hinsicht stets leicht von klaren Genreschubladen abrücken lässt.

Der fruchtbare Künstler hat auf dem Album »Dar« ganze 15 Musikstücke aufgereiht. In gerade einmal 45 Minuten Musik. Schon aus dieser »flüchtigen« faktografischen Beobachtung geht hervor, dass die Ausdruckskraft der Poesie auf diesem Werk die dominierende Rolle spielt. Dabei darf man keineswegs die Tatsache der erschöpfenden ideellen und arrangementtechnischen Lebendigkeit der einzelnen Stücke außer Acht lassen. Auch wenn arrangementtechnisch karg und organisch klingend, greifen einige Kompositionen sinnvoll auf Ausdrucksansätze zurück, die an das Wirken der Gruppe Na lepem prijazni erinnern, und ebenso offenbart sich durch sie die Verbindung von Trobentars elementarer musikalischer Wahrnehmung mit den Werken der Bands Begnagrad sowie Buldožer. Mit beiden Gruppen ist Trobentar im Laufe seiner Karriere freilich verbunden.  Solche Momente wirken auf dem Album zwar »aus dem Hintergrund«, kontrastieren und vergrößern dabei aber bedeutend den Inhalt der gegebenen Ausdruckskraft des mitreißend lebendigen Vokalchamäleonismus von Andrej Trobentar, der sich auf dem Album auch als sehr guter Gitarrist erweist. Solche Momente hat das Album einige zu bieten, und in ihnen ist in sanften Nuancen auch das Etikett der Psychedelik eingefangen. So ist es gegen Ende mit dem Stück Misel, aber auch mit einem der luzidesten Stücke des Albums, Lovec, oder weiter dem bluesigen Gosta je hosta, das als Gesellschaft für irgendeinen Jethro Tull-Song aus deren ersten drei Studioalben taugen würde – Mundharmonika gegen Flöte getauscht. In diese Kategorie gehört auch Soldat, wo neben dem bitter verurteilenden Gesang von Andrej Trobentar eine bewegte Basslinie eine wichtige Funktion übernimmt. In den instrumentalen Passagen entfaltet sich die Rhythmussektion, während dem Trobentarischen Gesang beim Vertiefen der Emotionen auch das Saxofon sehr kompatibel Gesellschaft leisten kann (Lovec, Soldat).

Das Album eröffnet prickelnd das gemächliche Stisnem te k sebi, das sofort Trobentars »Vokaltheater« in den Mittelpunkt stellt. Die gemächlich-verschmitzte Albumeröffnung mit einem Schuss Country-Folk und Blues-Würze im Melos – das zynische Val za valom dreht die Stimmung auf den Kopf, und die verschmitzte Note könnte den Piraten des Bleder Sees gewidmet sein, die mit Pech auf die Bleder Insel losstürmen.  Mit dem Stück Sava, das rockigen Biss mit zusätzlichen E-Gitarren-Ornamenten mitbringt, bekommt die Predigt des Werkes eine »grüne Zunge«. Einige weitere Stücke des Albums weisen auf das ausgeprägte Umweltbewusstsein von Andrej Trobentar hin, auf seine Verflechtung und Verbundenheit mit der Natur und dem Planeten Erde. Es geht um einen Kerl, der weiß, was Liebe ist. Trobentar rechnet gleich mehrfach unverhohlen mit den Verirrungen menschlicher Gier und Habgier ab, die das gesunde Funktionieren des (hoffen wir vorerst noch) blauen Planeten lähmen. Wie expressiv und kraftvoll der charismatische Trobentar-Gesang ist, unterstreichen vier »a capella«-Darbietungen, bei denen der Kerl geschickt sein Talent des großen Vokalchamäleonismus nutzt und damit die Ausdruckskraft der Poesie besonders dramatisch vermittelt! Das sind Breza, Lev, Košana (zu der sich mühelos ein Gospelchor schaukelnder dunkelhäutiger Babushkas gesellen könnte) und das abschließende Med nebom in zemljo.

Trobentar ist auf dem Album »Dar« ein griesgrämiger Zyniker, und in diesen Zynismus ist der Schmerz des Autors verpackt, den der poetische Kern meisterhaft gefügter Metaphern ausdrückt. Neben der »Maske« spöttischer Verschmitztheit trägt das Album aber auch Momente großer Feinfühligkeit, die sich kräftig im Stück Mravlja bemerkbar machen. In ihm ist die Poesie durch die Melodik eines slowenischen Volkssprichworts meisterhaft mit zusätzlichen Streicher-Arrangements veredelt, weshalb dieses Stück auch die Wirkung eines besonderen Friedens und einer besonderen Lieblichkeit erreicht. Die ausgefeilte Singer-Songwriter-Charisma, die mit ihrer erlebten Tiefe das eigentümliche bekennende Abenteuer des Albums »Dar« erschafft, verführt und bezaubert schlichtweg.

Ein Album, das Trobentar als Künstler brauchte, um den aktuellen Zustand seines Geistes und seiner Sinne zu bekennen. Unverhohlen, aufrichtig und herzlich. Inhaltlich reich und gefühlvoll tief bekennend – ein »Dar« der Kunst im wahrsten Sinne des Wortes, der die metaphorische Maske spöttischer Sticheleien trägt, darunter aber eine Ausdrucksstärke verbirgt, die euch mit ihrer Aufrichtigkeit erschüttern und den Boden unter den Füßen wegziehen wird!

Eine kleine Anmerkung, aber trotzdem. Das Innere des Booklets ist in der Mitte mit einem Foto üppiger Seeufervegetation ausgestattet. Überall Grün und die Unberührtheit der makellosen Seebläue. Von der linken Seite des Fotos stechen aber Stängel mit lanzettförmigen Blättern der gebietsfremden invasiven Pflanzenart Drüsiges Springkraut (Impatiens glandulifera) ins Auge, die in voller Blüte über zwei Meter hoch wächst. Habt ihr vielleicht irgendwo an einem Fluss oder Bach im Sommer undurchdringliche »Plantagen« hoher Stängel mit violetten Blütenständen entdeckt, die beim Berühren »explodieren«? Unverzollt eingeführt aus dem Himalaja.

Besetzung

Andrej Trobentar – Gesang, Akustikgitarre, Mundharmonika
Nino De Gleria – Bassgitarre, Kontrabass, „fretless“ Bassgitarre, Kalimba, E-Gitarre, Akustikgitarre
Jelena Ždrale – Violine, Viola
Vlado Špindler – Akkordeon
Bogo Šečnikar – Klarinette, Baritonsaxofon  
Boris Romih – Akustikgitarre, E-Gitarre, Percussion, Sampling
Jani Tutta – Schlagzeug
Aleš Rendla – Schlagzeug

Produktion

Boris Romih

Trackliste

1. Stisnem te k sebi
2. Val za valom
3. Sava
4. Pred tvojimi jasami
5. Breza
6. Prebujena
7. Lev
8. Zlati meč
9. Lovec
10. Gosta je hosta
11. Košana
12. Soldat
13. Misel
14. Mravlja
15. Med nebom in zemljo

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